Zeugniskram

Es ist Zeugniszeit. Ich laufe gerade den Noten fürs Wahlpflichtfach im Versuchszweig Europäisches Gymnasium III nach: Da haben die Schüler ein Wahlpflichtfach. Sie wählen also nicht nur zwischen Latein und Französisch, sondern müssen jedes Jahr auch noch ein weiteres, von der Schule angebotenes Fach wählen.

Das kann Aquarellmalen sein oder Informatik oder Hauswirtschaft.

Oder privater Musikunterricht.

Oder privater Sport, die Mitgliedschaft im Verein zählt auch. Der Trainer (nehme ich an) unterschreibt einen Zettel mit einer Note, und die übertrage ich dann ins Zeugnis.

Das alles natürlich auch deshalb, weil die Schulen nicht genug sinnvollen Wahlpflichtunterricht anbieten können. Trotzdem wäre es sinnvoller, denke ich, ganz auf dieses doch etwas farcenhafte Wahlpflichtfach zu verzichten.

Ansonsten: Kaum herumgesprochen hat sich die vorgezogene GSO-Änderung, die auch auf die aktuelle 9. Klasse angewendet wird. (Wir berichteten, schon im März.) Die Kurzfassung: In den Jahrgangsstufen 5-9 darf die Lehrerkonferenz jeden Schüler auf Probe vorrücken lassen, wenn die Eltern zustimmen, egal wieviele 5er oder 6er in welchen Fächern auch immer der Schüler hat. Kriegt das irgend jemand da draußen mit?

An sich ist es eine gute Idee, die Entscheidung über das Vorrücken nicht mehr an Noten zu binden sondern ins Ermessen der Lehrer. Mir fällt es leichter, eine ehrliche 5 statt einer geschönten 4 zu zu geben, wenn das noch nicht automatisch das Sitzenbleiben nach sich zieht.

Lange wird das nicht gutgehen: Man muss natürlich begründen, warum man den einen Schüler auf Probe vorrücken lässt und den anderen nicht. Das wird jedes Jahr eine Seite mehr Papierkram werden, bis die Regelung aufgeweicht oder abgeschafft sein wird.

5 Thoughts to “Zeugniskram

  1. Es ist wohl der Anfang dessen, dass das ehemalige Sitzenbleiben man nur noch aus Erzählungen der älteren Generationen kennt. Dies sieht zu sehr nach „Übergangsregelung“ aus.
    Eine Jahrgangsstufe zu wiederholen dient ja wohl dazu, Lücken zu schließen. Da lächeln viele Kollegen – passieren tut nicht viel in dem Jahr, außer dass bei manchen Schülern die Rechnerei losgeht von wegen Höchstausbildungsdauer etc…
    Konsequent also darauf zu verzichten ja (mal ganz abgesehen von den Kosten, die das Jahr mit sich bringt) – aber passiert dann trotz Aufrücken eine Differenzierung oder Förderung des Schülers in seinen kritischen Fächern. Von der bezahlten Nachhilfe der Eltern mal abgesehen?

    Übrigens, in der Realschule kann der Schüler auf Antrag der Eltern ja auch vorrücken, wenn die Lehrer zustimmen. Überraschend: Viele Eltern verzichten auf die Antragstellung!

  2. Wiederholen der Jahrgangsstufe, vulgo Sitzenbleiben – es ist wie bei der ca. zwanzig Jahre alten Beton-Werbung: „Kommt drauf an, was man draus macht.“
    Ich kenne aus Erfahrung mit ehemaligen Schülern durchaus gegensätzliche Beispiele. Manche sind sich im Klaren darüber, dass sie ein Schuljahr verpennt und verbummelt haben, starten im Schuljahr drauf in der zu wiederholenden Klasse gut durch – und schreiben ein paar Jahre drauf ein Abitur im oberen Mittelfeld.
    Andere merken, dass sie ein Schuljahr (wie so manche davor, in denen es haarscharf noch zum Vorrücken gereicht hat) verbummelt haben, ziehen daraus aber keinerlei Konsequenzen und sind im wiederholten Jahr mindestens genauso leistungsschwach wie vorher. Bei denen muss man (meist Mittelstufe) zusehen, dass sie sich rechtzeitig zur Quali-Prüfung anmelden, damit sie überhaupt einen Schulabschluss haben. Und bei einigen muss man sich auch noch darum sorgen, dass sie zur Vorbereitung auf die Quali-Prüfung endlich mal was lernen, sonst fallen sie auch da noch durch.
    Was lehrt uns das? Es gibt keine Patentrezepte. Es gibt zu wenig Beratung an unseren Schulen – Schüler, die eine Klasse wiederholen, und auch solche, die auf Probe vorrücken, bräuchten eine Art Coach, eine Art Bewährungshelfer, der ihren Werdegang unterstützend begleitet. Als Klassenlehrer oder Fachlehrer hat man dazu nicht genug Zeit. Es ist zwar schön, dass es immerhin einige Schulpsychologen gibt. Aber die sind erstens sowieso überlastet, und zweitens brauchen leistungsschwache Schüler eigentlich keinen Psychologen – jedenfalls nicht mit diesem Titel.

  3. Ganz persönlich gesehen, für mich war mein Durchfalljahr wirklich gut. Ich habe es aus Pubertät gemacht, mit Pauken und Trompeten und einem 6er und 4 5ern in den Hauptfächern. Natürlich haben mich die Eltern aus Schock erstmal mit Nachhilfe zugepflastert, aber wenigstens war ich den Lehrer los der für mich die Wurzel allen Übels darstellte (hab ihn später im Praktikum getroffen, richtig netter Mann für Kollegstufenschüler oder Studenten). Ich hab ihm meine 1 im Zwischenzeugnis Latein unter die Nase gerieben, aber das hat ihn damals nicht wirklich berührt ^^.

    Warum sich die Sache gelohnt hat: die neue Klasse. Endlich Fahrschüler aus meiner Richtung und ich war mit meinem Gemüt viel mehr auf deren Wellenlänge als bei der vorherigen Klasse.

  4. @rip Zu überlegen wäre, ob Lehrer, die die jeweiligen Schüler (Schülerinnen scheinen wirklich weniger bedürftig zu sein) nicht unterrichten, für je einen Schüler den Bewährungshelfer machen könnten. Für je einen, damit es ihnen möglich ist, ihn im Auge zu behalten.

  5. @Markus: „[A]ber passiert dann trotz Aufrücken eine Differenzierung oder Förderung des Schülers in seinen kritischen Fächern[?]“ Nein, und das sehe ich auch als Problem. Bei manchen Schülern hat man den Eindruck, sie könnten mit etwas Hilfe gut ihre Lücken schließen (aber nicht ohne Hilfe), bei anderen glaubt man, dass sie nur jemanden bräuchten, der darauf aufpasst, dass die Hausaufgaben gemacht werden und dass gelernt wird. Dann müssten sie nicht wiederholen.

    Leider kann die Schule diese Betreuung nicht leisten. (Weil kein Geld da ist.) Der Coach, den rip vorschlägt, wäre das sinnvollste. Schulpsychologen haben wir nicht genug; ein Lehrer aus der Klasse hätte den Vorteil, dass er über die Leistungen des Schülers orientiert ist – aber vielleicht hätte jemand, der nicht in der Klasse ist, sogar einen besseren Zugang.

    So oder so wird es wohl auf den Vorschlag von Fontanefan herauslaufen. Das ist wieder zusätzliche Arbeit, für die es kompetentere Leute gibt. Ich reiße mich also nicht darum. Aber irgendwer sollte schon auf die Schüler achten.

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