Omar, der Zeltmacher

Die Schule ist vormittags gerade angenehm, mehr als nachmittags: Übungsaufsatz, Klausur, Schulaufgabe, Notenschluss. Brr. Nach angenehm ruhigen Weihnachtsferien komme ich jetzt nicht genug dazu, herumzusitzen und blöd zu schauen. (Fachausdruck.) Dabei brauche ich das.

Deshalb nur kurz, ohne konkreten Anlass, ein Hinweis auf Omar Chayyam. Omar war ein persischer Gelehrter des Mittelalters, ein Philosoph und Mathematiker. Laien wie ich kennen ihn aber vor allem über seine Rubaiyat, eine lose Sammlung vierzeiliger Verse. In England kennt man vor allem die Übersetzung durch Edward Fitzgerald, und das Pseudonym „Saki“ des Autors H. H. Munro stammt vom Namen einer Figur aus den Rubaiyat

Das Weltbild der Gedichte ist zutiefst diesseitig, unreligiös, naturwissenschaftlich, manchmal zynisch, fatalistisch, aber nicht unfröhlich. Wiederkehrende Motive: Der Lehm, aus dem der Mensch kommt und zu dem er wird; der Alkohol, in den man sich flüchtet, die Sinnlosigkeit der Existenz, an der man trotzdem nicht verzweifeln muss.

Der Töpfer in der Werkstatt stand
Und formte einen Krug gewandt,
Den Deckel aus eines Königs Kopf,
Den Henkel aus eines Bettlers Hand.

Nimm an, dein Leben sei ganz nach Wunsch gewesen – was dann?
Und wenn das Lebensbuch nun ausgelesen – was dann?
Nimm an, du lebtest in Freuden hundert Jahr –
Nimm meinthalb an, es seien zweihundert gewesen – was dann?

Ein Liederbuch, ein Brot, ein irdner Krug voll Wein,
Vom Lamm ein Schenkelstück – und dann so ganz allein
In weiter Flur mit dir, du tulpenwang’ge Maid,
Ein Sultan möchte wohl an meiner Stelle sein!

In einem Arm den Krug, im andern den Koran,
Bald auf dem graden Weg, bald auf verbotner Bahn,
So bin ich unter dem türkisgewölbten Dom
Kein ganzer Heide und kein rechter Muselman.

An sich lese ich die Rubaiyat lieber auf Englisch, so habe ich sie kennen gelernt. Mein liebstes Rubai ist aber diese geniale Übersetzung von Friedrich Rosen:

Der flüssige Rubin, der sich ergießt
Und lachend aus dem Hals der Flasche fließt,
Ist eines Herzens Blut – und der Kristall
Ist eine Träne, die ihn rings umschließt.

Daran muss ich jedesmal denken, wenn ich aus einer Flasche Rotwein einschenke und der Wein dieses glucksende Geräusch macht.

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