Sprachliche Bilder 1: Metaphern und Vergleiche

(Nach einer Diskussion auf der Mailingliste und einem Beitrag bei JochenEnglish jetzt auch hier etwas dazu.)

Bei einem poetischen, literarischen Vergleich werden zwei Dinge miteinander verglichen, die etwas gemeinsam haben. Das heißt: so gut wie alles kann verglichen werden – das menschliche Gehirn ist gut darin, herauszufinden oder auch zu erfinden, was die Sachen gemeinsam haben könnten.

Bei der Untersuchung eines Vergleichs sollen sich die Schüler jeweils fragen: 1) welche zwei Dinge werden verglichen, und 2) vor allem, welche Gemeinsamkeit wird dadurch nahegelegt?

In der Schule nehme ich als Beispiel gerne die Gedichtzeile: „My love is like a red, red rose.“ Hier wird die Angebetete des Sprechers mit einer Rose verglichen. Was haben sie gemeinsam? Beide sind schön, kostbar, exquisit. Beide riechen gut, fühlen sich gut an. Beide können stechen, sagen die Schüler dann, und ich bitte darum, das Bild nicht mit einem anderen Bild zu erklären. (Die angebetete Frau sticht sicher nicht im wörtlichen Sinn.) Also gut, ändern wir das in: beide können verletzen. Beide können welken sind vergänglich in ihrer Schönheit.

Dass dieses Gemeinsame beim Vergleich nicht ganz einfach zu benennen ist, unscharf und Gefühlssache bleibt, macht den Reiz literarischer Vergleiche und Metaphern aus. Bei Allerweltsmetaphern fällt einem da weniger ein: „Glühbirne“ – so ein Leuchtedings wird mit einer Birne verglichen, weil, weil, weil die so eine ähnliche Form haben. Und von oben herabhängen, das war’s dann schon. Andererseits kann auch manche tote Metapher noch Überraschendes zeigen, wenn man mal genau hinschaut. „Wellenreiten“ etwa – die Bewegung auf einem Pferd wird verglichen mit der Bewegung auf einem Surfbrett. Die Körperhaltung ist sich ein wenig ähnlich, die geöffneten Beine. Das Unsichere, Schwankende der Bewegung. Die Gefahr des Absturzes, die fehlende völlige eigene Kontrolle, die leichte Auf- und Abbewegung.

Solche Bilder gibt es auch in der Werbung. In der hier werden ein Pferd und Kaffee miteinander verglichen. Weit hergeholt? Man kann nun mal alles vergleichen, auch Pferde und Kaffee, wenn man will. Freundlicherweise erklärt uns die Werbung den Vergleich explizit, sonst würde man nicht so schnell darauf kommen:

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„Temperament, Eleganz, Klasse“ – das hat das Pferd mit diesem Kaffee gemeinsam. Und natürlich die Farbe, auch wenn die nicht als Teil des tertium comparationis genannt wird. Werbung ist voller derartiger Bilder, auch wenn die meisten Metaphern keinesfalls erklärt werden, sondern ihre Wirkung auch so erfüllen sollen. Autowerbung dürfte da ganz typisch sein, auch wenn mir im Moment keine weiteren Metaphern einfallen.

Scherze kann man auch treiben mit Vergleichen, wenn auch nur mäßig witzige. Man lässt den Hörer erst die eine Basis des Vergleichs erwarten und präsentiert dann eine andere: „Du hast Beine wie ein Reh. (Pause.) Nicht so schlank, aber genauso haarig.“ „Du bist wie ein Fuchs. (Pause.) Ned so schlau, aber so gstinkert.“
Da ist Voltaire schon lustiger:

Bei einer Beerdigung fragte man Voltaire, wie er die Grabrede fände. „Wie das Schwert Karls des Großen“, erwiderte er. Und als niemand diese Anspielung verstand, fügte er hinzu: „Lang und flach.“

(Aus einer Anekdotensammlung im Bücherschrank meiner Eltern.)

In eine ähnliche Ecke gehört auch die Klappentextmetapher. Auf den Diogenes-Bänden von Ray Bradbury stand zumindest früher das Zitat: „Ray Bradbruy ist der Louis Armstrong der Science Fiction“ (Kingsley Amis). Man denkt: weil der so virtuos, so elegant, so munter, fröhlich, gut ist. Tatsächlich meint Amis in der Quelle den Vergleich explizit so: selbst Leute, die von diesem Spezialgebiet (der Science Fiction, des Jazz) keine Ahnung haben, haben den Namen schon einmal gehört.

Manchmal wird so ein Vergleich gleich über mehrere Zeilen ausgebreitet, das heißt dann extended metaphor/simile oder sogar conceit und war besonders bei den metaphysical poets des 17. Jahrhunderts beliebt. Hier wird der Vergleich gleich im Gedicht analysiert:

Go, lovely Rose –
Tell her that wastes her time and me,
That now she knows,
When I resemble her to thee,
How sweet and fair she seems to be.

Tell her that ’s young,
And shuns to have her graces spied,
That hadst thou sprung
In deserts where no men abide,
Thou must have uncommended died.

Small is the worth
Of beauty from the light retired:
Bid her come forth,
Suffer herself to be desired,
And not blush so to be admired.

Then die – that she
The common fate of all things rare
May read in thee;
How small a part of time they share
That are so wondrous sweet and fair!

Edmund Waller 1606–1687

Fast schon ein conceit ist auch diese Metapher von Wolfram von Eschenbach (etwa 1170-1220) in einem tageliet. In dieser Gattung geht es stets darum, dass der Morgen anbricht und das Paar von heimlich minnendem Ritter und Minnedame trennt:

Sîne klâwen
durch die wolken sint geslagen,
er stîget ûf mit grôzer kraft,
ich sich in grâwen
tegelîch, als er will tagen,
den tac

Hier wird das Hereinbrechen des Morgens, die Streifen von Sonnenlicht durch die Wolken, verglichen mit den Klauen eines Raubtiers, das irgendeinen undurchsichtigen Vorhang zerreißt. Die Basis des Vergleichs: die Risse in der undurchsichtigen Hülle, durch die Spuren des Verursachers brechen, die drohende Gefahr, die Aussichtslosigkeit, sich ihr zu widersetzen. Im tageliet bedeutet der Morgen ja die Gefahr, erwischt zu werden.

Das war dann auch eine Personifikation, eine Sonderform von Vergleich und Metapher. Metaphern sehe ich übrigens mehr oder weniger nur als Kurzform des Vergleichs. Natürlich gibt es auf der einen Ebene einen Riesenunterschied: wenn man einen Vergleich aufstellt, lädt man ein, dem Gedankengang zu folgen (my love is like a red, red rose – kann man auch so sehen oder nicht); bei einer Metapher stellt man eine Behauptung auf, die sachlich unwahr ist (my love is a red rose). Bei einem Vergleich wird häufig die Basis des Vergleichs – das tertium comparationis – genannt, bei einer Metapher nur selten. Trotzdem ist der Unterschied für mich nicht sehr wichtig.

Vergleiche und Metaphern zum Üben:

  • Sie roch so, wie das Taj Mahal bei Mondschein aussieht. (Raymond Chandler) – schön, exotisch, überwältigend, nicht sehr subtil, fast ein bisschen kitschig?
  • Es war, als hätt der Himmel / Die Erde still geküsst (Eichendorff)
  • „Daten sind das Müllproblem der Informationsgesellschaft“ (Bruce Schneier)
  • Und frische Nahrung, neues Blut / Saug ich aus freier Welt / Wie ist Natur so hold und gut, / Die mich am Busen hält! (Goethe)
  • Das Land der Griechen mit der Seele suchen. (Goethe)
  • „Das jüngste Konjunkturpaket ist für den Bildungsbereich nur eine Dopingspritze, um Fassaden zu verschönen“, warnt Ludwig Eckinger, Bundesvorsitzender des Verbands Bildung und Erziehung (VBE). „Wenn erst richtig realisiert wird, welcher enorme Schuldenberg aufgeschüttet wird, droht dem Bildungsbereich eine Hungerkur ohnegleichen.“

    – puh, ich zähle mindestens fünf Metaphern in diesem Zitat, auch ohne die toten Bilder, die in unserer Sprache historisch ohnehin in jedem zweiten Wort sein dürften. Erziehung, Verband, Vorsitzender, Bildung, alles mal Bilder gewesen.

Warum muss man Bilder überhaupt analysieren? Muss man gar nicht. Aber Analyse ist ein Weg, um ein Gespür für Bilder zu kriegen, und dieses Gespür muss man erst erwerben. Dann können Bilder erst ihre Wirkung entfalten. Diese Wirkung besteht selten darin, „dass man sich die Sache besser vorstellen kann“. Sondern darin, einen bestimmten Aspekt der Sache zu betonen, eine Sichtweise zu ermöglichen, auf die man sonst nicht gekommen wäre.

(Zweiter Teil: Metonymie und Symbol.)

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2 Thoughts to “Sprachliche Bilder 1: Metaphern und Vergleiche

  1. „Diese Wirkung besteht selten darin, “dass man sich die Sache besser vorstellen kann”“ – Haha! Das kennt wirklich jeder Deutschlehrer!

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