Male and Female Vocabulary

Bei Slate wird von einer Studie berichtet, bei der untersucht wurde, welche Vokabeln es gibt, die eher von Männer gekannt werden oder eher von Frauen. Bei den Top Ten der Wörter, die Männer deutlich wahrscheinlicher kennen als Frauen, kenne ich alle. Pfft, was ein Claymore ist, weiß ich seit frühen Rollenspieltagen, Kevlar kennt jeder Computerspieler, den Rest auch. Bei den zehn Wörtern, die deutlich mehr Frauen kennen als Männer, kannte ich tatsächlich nur sieben. (Nicht gekannt: ein Hormon, eine Pflanze, eine Basteltechnik. „Taupe“ kannte ich allerdings.)

Mit großem P, verdammt noch mal

Die Geschichte ist jetzt über ein Jahr alt, aber ich habe sie erst gestern mitgekriegt. Also: breaking news aus dem Lehrerzimmer.

Ich schrieb gestern an einem Blogeintrag, in dem das Wort „WordPress“ einige Male auftauchte. So schrieb ich das Wort, so wurde es gespeichert. Auf der Vorderseite des Blogs wurde es aber so dargestellt: „WordPress“. Hm. Also recherchiert.

Stellt sich heraus, dass das schon seit WordPress 3.0 so geht. Der Anlass: WordPress (immerhin eine registrierte Marke) schreibt man mit großem P. Camel case heißt das allgemein, weil das Wort einen Buckel in der Mitte hat.
Und Matt Mullenweg, der führende Kopf hinter WordPress, hat mit der Version 3.0 eine Methode in den Code eingebaut, die automatisch jedes „WordPress“ als „WordPress“ darstellt. Die php-Funktion heißt capital_P_dangit(), auf Deutsch etwa „Großes P, zefix!“

Guter Name, weniger gute Idee. Es hagelte Kritik, unter anderem, weil a) diese Funktion nicht über den üblichen Weg der offenen Diskussion eingebaut wurde, sondern an der Community vorbei, b) weil die Programmierung schlampig war und bei Blogs, die etwa in einem Verzeichnis „WordPress“ lagen, zu Chaos führte (das kleine „wordpress“ wie bei mir blieb verschont) und c) weil Mullenweg wenig diplomatisch und eher pampig auf die Kritik reagiert hat.

  • In diesem Blogeintrag (englisch) ist die Geschichte schön dargestellt.
  • Hier ein deutschsprachiger Blogeintrag.
  • Die Domain http://capitalp.org/ ist nur zur Verspottung dieser Aktion da.
  • Und wenn man das Verhalten nicht mehr haben möchte: Hier ist ein Plugin dazu, oder man fügt einfach ein paar Zeilen Code in sein Template ein, wie hier beschrieben und wie ich es gemacht habe.
    Sonst könnte ich ja nur über Umwege überhaupt darüber schreiben.
  • Eine schöne, nicht ganz ernst gemeinte Idee hier: Das Plugin No Comic Sans, Dangit! verhindert, dass jemand diese Schrift benutzt. Für die Zukunft geplant: eine Funktion, mit der man missliebige Kommentare automatisch in dieser Schriftart anzeigen lassen und deren Schreiber so als Idioten darstellen kann. Now that’s an idea.

Die Kritiker rufen „Zensur“ und wollen sich nicht ihren Inhalt von einem Programm vorschreiben lassen. Außerdem müsse es plug-in heißen und nicht plugin, und sowieso WordPress®. Was wäre, wenn Microsoft in Word die beliebte Schreibweise Micro$oft unterbinden würde?

Die Verteidiger sagen: das ist auch nichts anderes als die automatische Veränderung von einfachen Anführungszeichen in typographische, oder die Veränderung von Emoticons zu grafischen Smileys, und dagegen habe auch niemand etwas. Außerdem müsse WordPress seine Marke schützen.

Darf der Mullenweg das überhapt? Aber klar. WordPress ist zwar Open Source. Das heißt nicht nur, dass der Quelltext offen gelegt ist, sondern auch, dass sie beliebig kopiert und verändert werden darf. Der Name „WordPress“ ist aber geschützt, so dass nur der Inhaber der Rechte an dieser Marke Material unter diesem Namen veröffentlichen darf. Wem dessen Version nicht passt, der darf gerne auf Basis der bestehenden Software seine eigene Version verbreiten – aber nicht „WordPress“ nennen.

— Ich weiß nicht, ob sich inzwischen noch jemand darüber aufregt. Vermutlich haben die meisten Blogs wissentlich oder eher unwissentlich diese Zwangsschreibung akzeptiert.

Ich habe die Funktion jedenfalls deaktiviert. Wenn die Leute aufhören, „Spiderman“ zu schreiben (6.480.000 Treffer) und stattdessen das korrekte „Spider-Man“ verwenden (5.850.000 Treffer), dann reden wir weiter. Die Zusammenschreibung (ohne Camel Case, ohne Bindestrich, ohne Leerzeichen) ist ein Zeichen, dass das Wort in die Sprache übernommen wurde. So wurde auch aus space ship das spaceship und aus screen play das screenplay.

Nebenbei: der Föhn ist ein trockener Fallwind, wie es so schön heißt. Die Haartrockner-Marke Fön schreibt man ohne h, auch wenn sie ihren Namen vom Wind abgeleitet hat. (Strenggenommen sogar: FOEN.) Das generische Wort für Haartrockner schreibt man heute Föhn (wie den Wind), vor der Rechtschreibreform aber Fön (wie die Marke).
Auch hier hat die Sprache sich nicht an die – vom Standard abweichende – Schreibung der Marke gehalten, und dabei die Markenbezeichung auf vergleichbare Produkte erweitert. Ich nehme mal an, dass man das als Marke verhindern will.

Das Blog ist tot

Heiko hält ein Plädoyer für das Blog (als Reaktion auf Herrn Larbig). Meine Meinung: private Blogs sind ein Nischenprodukt und bleiben das.

Den Tod des Blogs aus einer anderen Sicht verkündet das Sprachlog: Duden, Facebook-Umfrage, Korpusanalyse belegen, dass das Neutrum das Blog weiterhin auf dem Rückzug ist und das Maskulinum der Blog dominiert. Das gelte tendenziell auch für Fachkreise, so dass das Maskulinum seufzend und klagend auch vom Sprachlog als die zukünftig geltende Form akzeptiert wird.

Der Kampf ist vorbei. […] Sprachgefühl hin oder her, man muss wissen, wann es Zeit ist, aufzugeben.

Nö, muss man nicht. Zugegeben, kämpfen um Wörter muss man ohnehin selten. Kann mich noch an Wolf Schneider erinnern, wie er seinen Widerstand gegen rasant aufgab, das eigentlich ursprünglich „knapp, streifend“ hieß und vom Rasieren kam, und von der rasant genommenen Kurve kam dann die Geschwindigkeit (mit etwas Interferenz vom Rasen). Widerstand ist zwecklos, aber natürlich darf man trotzdem sprechen, wie man will, und die Sprachmitverwender sind kein Grund, auf gesuchte Konjunktive oder idosynkratische Genera zu verzichten. In der Sprache muss es auch konservative Kräfte geben, und ich bin gerne eine davon.

Also sage ich weiter das Blog. Ich sage der Radio und der Pub und nicht das, der Con und nicht die.

Woher kommt eigentlich das Genus bei einer Entlehnung aus einer Fremdsprache? (Siehe dazu auch das Sprachlog oben.) Man nimmt entweder das Genus der deutschen Entsprechung dazu. Aus dem Maskulinum le bar/el bar wird das Femininum die Bar, weil, weil… die Kneipe, die Gaststätte, die Wirtschaft? (Siehe eventuell auch unten wegen die Barriere.)
Dass counter auf deutsch der Counter heißt, liegt am Suffix -er, der beiden Sprachen gemein ist. Kommt vom lateinischen -arius und ist Maskulinum.
Oder man nimmt das Genus eines deutschen Wortes, das so ähnlich klingt. So wird der Blog von „der Block“ beeinflusst.
Viele der Wörter sind außerdem Clippings oder andere Kurzformen, und da wird das Genus von dem verloren gegangenen Teil bestimmt: der Radio kommt von der Radioapparat/-empfänger und das Radio von das Radiogerät. Manche Leute wissen vielleicht, dass pub von public house kommt, und da muss es natürlich das pub heißen. Warum sage ich dann der pub? Sicher ist, dass ich die Kurzform vor der Langform kennengelernt habe und deswegen nicht mit Haus in Verbindung gebracht habe. Wieso aber Maskulinum? Mir fallen weder ein ähnliches noch ein entsprechendes deutsches Maskulinum ein. Ist das Maskulinum einfach mein/der deutschen Sprecher Standardgenus für Entlehnungen? (Ich habe aus Unizeiten im Kopf, dass das eher das Neutrum ist, aber alle meine Beispiele sprechen dagegen. Also doch Maskulinum?)
Zu den Kurzformen gehört auch der Con. Was das ist, muss ich mal in einem Beitrag beschreiben, wenn mein Fotoalbum wieder hier ist. Die Kurzfassung: mehrtägiges Treffen einer nicht zu kleinen Zahl von Scence-Ficon-, Film-, Comic- und anderen Fans. Und das englische „con“ ist natürlich die Kurzform von „convention“. Und doch: in meinen Jugendjahren war es der Con. Erst nach und nach wurde die Con daraus, und wenn das in meinen Augen auch richtiger erscheint, so klingt das in Ohr und Herz falsch.
Hier übrigens mein Bericht über meinen ersten Con 1982, da war ich gerade 15 geworden. Dort steht allerdings das Femininum für Con, obwohl ich das so kaum geschrieben habe. Müsste mal mein Original herausziehen, ob das schon damals der Redakteur war oder erst beim Web-Abdruck geändert wurde.

Fazit: bei Pub und Con war ich zu spät dran mit dem Einsteigen und habe das Standardmaskulinum, bei Blog war ich früh genug dabei, das Logbuch zu erkennen, und bleibe beim Neutrum.

(Das ist alles noch nichts im Vergleich zu der, die oder das Dschungel.)

Thesaurus

David Crystal stellt in seinem Blog den Historical Thesaurus of the Oxford English Dictionary vor. Die Datenbasis dafür ist der Oxford English Dictionary, aber die Information ist gänzlich anders angeordnet, nämlich eben als Thesaurus.

In einem Thesaurus kann man nach Synonymen suchen. So eine Funktion ist zum Beispiel in meinem LibreOffice intergriert (und auch in Open Office und Microsoft Word). Ich habe da mal das Wort „Haus“ geschrieben und markiert und dann den Thesaurus um Synonyme dazu gebeten. Der hat etwa zwanzig davon gefunden, und bietet sie mir zur Auswahl an, und zwar nach Aspekten sortiert. Meinte ich Haus unter dem Aspekt „Bau“? Dann schlägt er vor: Behausung, Bude, Eigenheim, Heim, Hütte, Bauwerk, Gebäude. Oder meinte ich Haus unter dem Aspekt „Blutsbande“, etwa wie in „Haus Habsburg“? Vorschläge: Familie, Familienbande, Geblüt, Geschlecht, Mischpoke, Sippe, Stamm.

Ein Thesaurus enthält als zentrale Begriffe also solche Apekte wie „Bau“ und „Blutsbande“. Der Historical Thesaurus kennt mehr als 236.000 solcher Kategorien, die sich in Hierarchien befinden. Allein diese Einteilung der (sprachlichen – aber welche gäbe es außer ihr?) Welt in Kategorien ist schon eine spannende Sache. Das macht das Dewey Decimal System für Bibliotheken, das machte 1668 John Wilkins in seinem Essay towards a Real Character and a Philosophical Language, in dem er die Grundlagen einer philosophischen Sprache zu legen versucht, indem er das Wissen um seine Welt klassifiziert, und das macht das moderne Semantische Web.

Den Historical Thesaurus kann man zumindest zur Zeit und zumindest teilweise online befragen. Am einfachsten geht das über „Synonym Search“. Man sucht nach einem Wort, etwa „rosebud“, und kriegt als Ergebnis drei Großkategorien: Animal Kingdom, Society und Plants. Um welches „rosebud“ soll es gehen? Um, probieren wir mal Society aus. Dort werden mir wieder drei Bereiche angeboten, ich wähle mal den Bereich, der technisch so heißt: „03.01.04.04.02. ./ 06.06. . .“ mit der Bedeutung „members of scouts/guides“. das ist die endgültige Unterkategorie mit eben dem Inhalt: „Bezeichnungen für Mitglieder der Pfadfinder.“ Und da finde ich dann, chronologisch geordnet mit dem Jahr des OED-Erstbelegs:

Boy Scout, patrol leader, scoutmaster/scout-master, tenderfoot, captain, (Girl) Guide, lieutenant, sea-scout, Rosebud (1914), Brownie, Sixer, tenderpad, Wolf Cub… na ja, und noch viele Synonyme mehr.

Mäßig spannend, das Ergebnis. David Crystal beschreibt in seinem Blogeintrag, wie er den Thesaurus dazu nutzt, herauszufinden, ob „bottom“ schon zu Shakespeare-Zeit die Bedeutung von „Hintern“ hatte. Also nach „bottom“ suchen, Überkategorie „The Body“ wählen, Unterkategorie „buttocks“, und man sieht alle Synonyme von Alteneglisch bis 1968. (Ergebnis: nein, bei Shakespeare gibt es diese Bedeutung noch nicht.) Jedenfalls alle, die das OED kennt. Ich habe nach Pulp-Fiction-Vokabular gesucht, da war nicht alles drin. Und unter „sexual intercourse“ ist der Erstbeleg für „(to) shtup“ erst 1969? Wird schon stimmen, ich hätte auf älter geschätzt.

Conan, Thor und Google Ngrams

Conan, das Musical:

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Neuverfilmung kommt dieses Jahr.

Thor:

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Sieht schlimm aus. Die Superhelden-Comic-Serie Thor halte ich selbst unter den besten Bedingungen für schwer verfilmbar: ein germanischer Gott mit langen blonden Haaren, buntem Cape und fliegendem Hammer kommt auf die Erde. Nicht leicht. Aber mutig: nach den Verfilmungen von Hulk, Iron Man und Captain America (Mitte 2011) werden diese einzelnen Helden nämlich zu einem gemeinsamen Film The Avengers zusammentreten, ganz nach Vorbild der Hefte aus den frühen 1960ern.
Aber eine funktionierende Thor-Verfilmung sieht anders aus. Die germanische Götterwelt darf nicht futuristisch und schon gar nicht klinisch-kalt wirken. Und beides tut sie im Trailer. Wo ist der gebratene Keiler mit dem Messer im Rücken, aus denen man sich ein Stück herausschneiden kann? (Gut, das ist Walhalla, nicht Asgard.) Wo sind die Bierkrüge, die zotigen Lieder? Rauch und offenes Feuer, prächtige Gelage? Stattdessen herrscht auf Asgard eine Stimmung wie auf dem Todesstern. Nenene, als Fantasy-Film wäre das machbar gewesen, aber als Superhelden-Science-Fiction nicht.

— In meiner 9. Klasse mussten die Schüler in der Schulbibliothek Bilder suchen, also Metaphern und dergleichen, und bibliographische Angaben sowie die Signatur des Buches herausschreiben und das Bild dann in der Klasse vorstellen und analysieren. Unter anderem tauchte dort der Backfisch auf, den einige Schüler gar nicht kannten und die anderen nur als gebackenen Fisch. Die Vorstufe „Backfisch“ zur späteren „jungen Dame“ kannte gar keiner mehr. Und ich war mir auch nicht so sicher, ob sie mir das glaubten. Aber wenn die Schüler schon kein Vertrauen in mich haben, dem Internet glauben sie ja alles. Also zeigte ich ihnen den Google Ngram Viewer, ein tolles neues Spielzeug von Google.

Google hat ja viele Bücher eingescannt, die sie zum Teil auch noch lange nicht veröffentlichen dürfen. Aber Tante Google hat daraus schon mal einen Korpus zusammengestellt, eine Datenbank, in der steht, welches Wort in welchem Jahr in einem dieser Bücher veröffentlicht wurde. Und damit kann man zum Beispiel das Suchwort „Backfisch“ eingeben und als Sprache Deutsch auswählen:

Man sieht, der Backfisch hatte seinen großen Aufstieg von 1900-1920, erholte sich kurz in der unmittelbaren Nachkriegszeit, und ist heute weniger populär.

Daraufhin wollte ein Schüler „knorke“ analysiert haben. Ich glaube, das hatte ich mal als Beispiel für vergangene Jugendsprache gebracht. Also gut:

Man sieht deutlich, dass das Wort erst 1920 auftaucht.

Dann sollte ich „Nerd“ eingeben, immer noch im Korpus deutscher Veröffentlichungen:

Soweit nichts Überraschendes. Das Wort dümpelt vor sich hin und wird ab Ende der 1980er Jahre kontinuierlich immer häufiger. Yay! Allerdings habe ich mir dann auch mal die Häufigkeit des Wortes von 1800-2000 angeschaut, und siehe da: im 19. Jahrhundert hatte das Wort eine Blütezeit!

Wo kommt das denn her? Das Grimmsche Wörterbüch enthält den Begriff gar nicht (Onlinefassung). Auch für englische und amerikanische Bücher gibt es viele Belege für das 19. Jahrhundert; das (Shorter) Oxford English Dictionary im Regal kennt allerdings keine Nerds. Wikipedia nennt als Erstbeleg ein Buch von Dr. Seuss – bekannt für seine Wortschöpfungen – von 1950. Ziemlich sicher sind die Belege aus dem 19. Jahrhundert also etwas anderes. Ein häufiger Scanfehler? Eine heute unbekannte Abkürzung?

Sprachliche Bilder 1: Metaphern und Vergleiche

(Nach einer Diskussion auf der Mailingliste und einem Beitrag bei JochenEnglish jetzt auch hier etwas dazu.)

Bei einem poetischen, literarischen Vergleich werden zwei Dinge miteinander verglichen, die etwas gemeinsam haben. Das heißt: so gut wie alles kann verglichen werden – das menschliche Gehirn ist gut darin, herauszufinden oder auch zu erfinden, was die Sachen gemeinsam haben könnten.

Bei der Untersuchung eines Vergleichs sollen sich die Schüler jeweils fragen: 1) welche zwei Dinge werden verglichen, und 2) vor allem, welche Gemeinsamkeit wird dadurch nahegelegt?

In der Schule nehme ich als Beispiel gerne die Gedichtzeile: „My love is like a red, red rose.“ Hier wird die Angebetete des Sprechers mit einer Rose verglichen. Was haben sie gemeinsam? Beide sind schön, kostbar, exquisit. Beide riechen gut, fühlen sich gut an. Beide können stechen, sagen die Schüler dann, und ich bitte darum, das Bild nicht mit einem anderen Bild zu erklären. (Die angebetete Frau sticht sicher nicht im wörtlichen Sinn.) Also gut, ändern wir das in: beide können verletzen. Beide können welken sind vergänglich in ihrer Schönheit.

Dass dieses Gemeinsame beim Vergleich nicht ganz einfach zu benennen ist, unscharf und Gefühlssache bleibt, macht den Reiz literarischer Vergleiche und Metaphern aus. Bei Allerweltsmetaphern fällt einem da weniger ein: „Glühbirne“ – so ein Leuchtedings wird mit einer Birne verglichen, weil, weil, weil die so eine ähnliche Form haben. Und von oben herabhängen, das war’s dann schon. Andererseits kann auch manche tote Metapher noch Überraschendes zeigen, wenn man mal genau hinschaut. „Wellenreiten“ etwa – die Bewegung auf einem Pferd wird verglichen mit der Bewegung auf einem Surfbrett. Die Körperhaltung ist sich ein wenig ähnlich, die geöffneten Beine. Das Unsichere, Schwankende der Bewegung. Die Gefahr des Absturzes, die fehlende völlige eigene Kontrolle, die leichte Auf- und Abbewegung.

Solche Bilder gibt es auch in der Werbung. In der hier werden ein Pferd und Kaffee miteinander verglichen. Weit hergeholt? Man kann nun mal alles vergleichen, auch Pferde und Kaffee, wenn man will. Freundlicherweise erklärt uns die Werbung den Vergleich explizit, sonst würde man nicht so schnell darauf kommen:

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„Temperament, Eleganz, Klasse“ – das hat das Pferd mit diesem Kaffee gemeinsam. Und natürlich die Farbe, auch wenn die nicht als Teil des tertium comparationis genannt wird. Werbung ist voller derartiger Bilder, auch wenn die meisten Metaphern keinesfalls erklärt werden, sondern ihre Wirkung auch so erfüllen sollen. Autowerbung dürfte da ganz typisch sein, auch wenn mir im Moment keine weiteren Metaphern einfallen.

Scherze kann man auch treiben mit Vergleichen, wenn auch nur mäßig witzige. Man lässt den Hörer erst die eine Basis des Vergleichs erwarten und präsentiert dann eine andere: „Du hast Beine wie ein Reh. (Pause.) Nicht so schlank, aber genauso haarig.“ „Du bist wie ein Fuchs. (Pause.) Ned so schlau, aber so gstinkert.“
Da ist Voltaire schon lustiger:

Bei einer Beerdigung fragte man Voltaire, wie er die Grabrede fände. „Wie das Schwert Karls des Großen“, erwiderte er. Und als niemand diese Anspielung verstand, fügte er hinzu: „Lang und flach.“

(Aus einer Anekdotensammlung im Bücherschrank meiner Eltern.)

In eine ähnliche Ecke gehört auch die Klappentextmetapher. Auf den Diogenes-Bänden von Ray Bradbury stand zumindest früher das Zitat: „Ray Bradbruy ist der Louis Armstrong der Science Fiction“ (Kingsley Amis). Man denkt: weil der so virtuos, so elegant, so munter, fröhlich, gut ist. Tatsächlich meint Amis in der Quelle den Vergleich explizit so: selbst Leute, die von diesem Spezialgebiet (der Science Fiction, des Jazz) keine Ahnung haben, haben den Namen schon einmal gehört.

Manchmal wird so ein Vergleich gleich über mehrere Zeilen ausgebreitet, das heißt dann extended metaphor/simile oder sogar conceit und war besonders bei den metaphysical poets des 17. Jahrhunderts beliebt. Hier wird der Vergleich gleich im Gedicht analysiert:

Go, lovely Rose –
Tell her that wastes her time and me,
That now she knows,
When I resemble her to thee,
How sweet and fair she seems to be.

Tell her that ’s young,
And shuns to have her graces spied,
That hadst thou sprung
In deserts where no men abide,
Thou must have uncommended died.

Small is the worth
Of beauty from the light retired:
Bid her come forth,
Suffer herself to be desired,
And not blush so to be admired.

Then die – that she
The common fate of all things rare
May read in thee;
How small a part of time they share
That are so wondrous sweet and fair!

Edmund Waller 1606–1687

Fast schon ein conceit ist auch diese Metapher von Wolfram von Eschenbach (etwa 1170-1220) in einem tageliet. In dieser Gattung geht es stets darum, dass der Morgen anbricht und das Paar von heimlich minnendem Ritter und Minnedame trennt:

Sîne klâwen
durch die wolken sint geslagen,
er stîget ûf mit grôzer kraft,
ich sich in grâwen
tegelîch, als er will tagen,
den tac

Hier wird das Hereinbrechen des Morgens, die Streifen von Sonnenlicht durch die Wolken, verglichen mit den Klauen eines Raubtiers, das irgendeinen undurchsichtigen Vorhang zerreißt. Die Basis des Vergleichs: die Risse in der undurchsichtigen Hülle, durch die Spuren des Verursachers brechen, die drohende Gefahr, die Aussichtslosigkeit, sich ihr zu widersetzen. Im tageliet bedeutet der Morgen ja die Gefahr, erwischt zu werden.

Das war dann auch eine Personifikation, eine Sonderform von Vergleich und Metapher. Metaphern sehe ich übrigens mehr oder weniger nur als Kurzform des Vergleichs. Natürlich gibt es auf der einen Ebene einen Riesenunterschied: wenn man einen Vergleich aufstellt, lädt man ein, dem Gedankengang zu folgen (my love is like a red, red rose – kann man auch so sehen oder nicht); bei einer Metapher stellt man eine Behauptung auf, die sachlich unwahr ist (my love is a red rose). Bei einem Vergleich wird häufig die Basis des Vergleichs – das tertium comparationis – genannt, bei einer Metapher nur selten. Trotzdem ist der Unterschied für mich nicht sehr wichtig.

Vergleiche und Metaphern zum Üben:

  • Sie roch so, wie das Taj Mahal bei Mondschein aussieht. (Raymond Chandler) – schön, exotisch, überwältigend, nicht sehr subtil, fast ein bisschen kitschig?
  • Es war, als hätt der Himmel / Die Erde still geküsst (Eichendorff)
  • „Daten sind das Müllproblem der Informationsgesellschaft“ (Bruce Schneier)
  • Und frische Nahrung, neues Blut / Saug ich aus freier Welt / Wie ist Natur so hold und gut, / Die mich am Busen hält! (Goethe)
  • Das Land der Griechen mit der Seele suchen. (Goethe)
  • „Das jüngste Konjunkturpaket ist für den Bildungsbereich nur eine Dopingspritze, um Fassaden zu verschönen“, warnt Ludwig Eckinger, Bundesvorsitzender des Verbands Bildung und Erziehung (VBE). „Wenn erst richtig realisiert wird, welcher enorme Schuldenberg aufgeschüttet wird, droht dem Bildungsbereich eine Hungerkur ohnegleichen.“

    – puh, ich zähle mindestens fünf Metaphern in diesem Zitat, auch ohne die toten Bilder, die in unserer Sprache historisch ohnehin in jedem zweiten Wort sein dürften. Erziehung, Verband, Vorsitzender, Bildung, alles mal Bilder gewesen.

Warum muss man Bilder überhaupt analysieren? Muss man gar nicht. Aber Analyse ist ein Weg, um ein Gespür für Bilder zu kriegen, und dieses Gespür muss man erst erwerben. Dann können Bilder erst ihre Wirkung entfalten. Diese Wirkung besteht selten darin, „dass man sich die Sache besser vorstellen kann“. Sondern darin, einen bestimmten Aspekt der Sache zu betonen, eine Sichtweise zu ermöglichen, auf die man sonst nicht gekommen wäre.

(Zweiter Teil: Metonymie und Symbol.)

Who writes like who? Verzeihung, whom. Oder doch who?

Nettes Spielchen: I Write Like, eine Seite, bei der man einen zusammenhängenden englischen Text eingibt, theoretisch selbst verfasst, und die Maschine sagt einem dann, welchem – Englisch schreibenden – Autor man ähnelt. (via Anke Groener)

Ich habe natürlich ausprobiert, was geschieht, wenn man gleich Texte englischer Autoren eingibt. Heraus kam:

  • Ray Bradbury schreibt wie Stephen King.
  • Rudyard Kipling schreibt wie Vladimir Nabokov.
  • Robert Leslie Bellem schreibt wie Nabokov.
    Oder wie H.G. Wells, wenn man den Textausschnitt erweitert.*
  • William Faulkner schreibt wie Margaret Mitchell.
  • Ernest Hemingway schreibt wie Raymond Chandler.
  • Henry James schreibt wie H.P. Lovecraft.
  • H.P. Lovecraft schreibt wie H.P. Lovecraft.

* Bellem muss man nicht kennen. Ein Spitzname für ihn ist Shakespeare of the Spicies. Pulpautor vom Feinsten.

Dass Hemingway und Chandler sich ähnlich sind, da ist etwas dran. Henry James und Lovecraft dagegen… das müsste man untersuchen.
Mögliches Spiel, auch für die Schule: man gibt einen Text eines selbst gewählten Autors ein und schaut, wem dieser Autor ähnelt. Dann muss man ein Textstück des neuen Autors suchen und eingeben und wiederum schauen, wem dieser ähnelt. Und so weiter, bis man irgendwann zu einem Autor kommt, der sich selber ähnelt, wie Lovecraft in meinem Versuch oben.

Dr Johnson’s Dictionary

Gerade habe ich ein bisschen in Dr Johnson’s Dictionary. A Singularly Energetick Potpourri of Some 4,000 of the Most Entertaining and Historically Stimulating English Words and Definitions from Abactor to Zootomy Extracted from the World’s Foremost Feat of Lexikography Selected by the Superexcellent Linguist and Verbally Gymnastick David Crystal geblättert – eine gekürzte Ausgabe von Samuel Johnsons berühmten Wörterbuch von 1744. Hier ein paar Fundstücke daraus, bekannte und weniger bekannte:

JOB. n.s. [A low word now much in use, of which I cannot tell the etymology.]
1. Petty, piddling work; a piece of chance work.
2. A low mean lucrative busy affair.

KI’SSINGCRUST. n.s. [kissing and crust.] Crust formed where one loaf of bread in the oven touches another.

LA. interject. [corrupted by an effeminate pronunciation from lo.] See; look; behold.

LEXICO’GRAPHER. n.s. A writer of dictionaries; a harmless drudge, that busies himself in tracing the original, and detailing the significaion of words.

OATS. n.s. [aten, Saxon.] A grain, which in England is generally given to horses, but in Scotland supports the people.

PENGUIN. n.s.
1. A bird. This bird was found with this name, as is supposed, by the first discoverers of America; and penguin signifying in Welsh a white head, and the head of this fowl being white, it has been imagined, that America was peopled from Wales.

Und wenn man ein bisschen in etymologischen Wörterbüchern nachschaut: die Herkunft von penguin ist tatsächlich unklar, die einzige Theorie, die ich gefunden habe, nennt ebenfalls das walisische „weißer Kopf“.

— Ansonsten genieße ich jetzt erst mal die Ferien. Ein paar schöne Bloginträge habe ich noch im Kopf, aber zum Aufschreiben fehlt mir die Zeit. Abiturkorrektur, Urlaub, andere Schulvorbereitungen.

Was ist eigentlich mit der Feder meiner Tante los?

Gerade höre ich „Je t’aime“ in der Version des Ukulele Orchestra of Great Britain, voller Klamauk und frrrrranzösischen Wörtern, die nicht unbedingt alle immer zum Lied passen. Zwischendurch kommt auch ein gemurmeltes „la plume de ma tante“.

Diese Wörter verfolgen mich mein ganzes Leben begegnen mir immer wieder. Das erste Mal war in Badende Venus (Bathing Beauty, 1944, Esther Williams, Red Skelton). Dort lernt Red Skelton Französisch, oder tut zumindest so, um Esther Williams nahe sein zu können. Und so wiederholt er brav die Sätze aus seinem Schulbuch: „J’ai perdu ma plume dans le jardin de ma tante“, „Ich verlor meine Feder im Garten meiner Tante.“

Oookay. Endlich habe ich einen Hinweis darauf, was es wohl damit auf sich hat. Im Englischen – und wohl auch Amerikanischen, zumindest früher mal – ist das ein Satz, den man von sich gibt, wenn man scherzhaft demonstrieren will, dass man Französisch kann, aber ohne dass man etwas zu sagen hat. Im Französischen lautet das Äquivalent wohl: „My tailor is rich.“ (Und das kenne ich auch irgendwoher. Ist das geheime Erkennungszeichen fürs Ungarische wohl: „Mein Luftkissenboot ist voller Aale?“)

(Siehe auch: It want the vehicle!)

Einmal Sprachgeschichte bitte

Osterferien.

Das war eine Sequenz zur Sprachgeschichte im Leistungskurs Deutsch, Ende Januar/Anfang Februar. Der Blog-Eintrag ist wieder recht lang, er wäre vielleicht weniger erschreckend, wenn ich eine Serie daraus machte, aber ich fasse lieber alles auf einer Seite zusammen, falls ich das mal wiederholen will.

Kapitel 1: Das Rätsel

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(Quelle: Bernard Victorri, „Die Debatte um die Ursprache“, in: Spektrum der Wissenschaft. Dossier: Die Evolution der Sprache. Nachdruck 4/2001, p. 17)

Teilen Sie die angegebenen neun Sprachen A-I in Familien und Unterfamilien ein, indem Sie die Form der 13 in phonetischer Umschrift gegebenen Wörter vergleichen und nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden suchen.

Immerhin, die Schüler machten das ganz gut. Einige hatten zu Hause und mit Hilfe des Web herausgefunden, dass die eine Sprache Altgriechisch ist, die andere Latein, eine dritte Awestisch. („Herr Rau, was ist denn Awestisch?“) Auch die Einteilung, welche Sprachen zusammengehören und welche nicht, fällt auf der obersten Ebene leicht: Eine Sprache von A bis I steht isoliert, zwei sind nur miteinander verwandt, und die restlichen sechs sind mehr oder weniger eng miteinander verwandt. Da kann man auch Unterfamilien bilden, aber das ist schwerer.

Und damit die Schüler nicht jede mehr oder wenige große Ähnlichkeit als Beweis für Verwandtschaft nehmen:

Es gibt mehrere mögliche Erklärungen, warum sich Wörter verschiedener Sprachen ähneln:

1. Zufall
2. Onomatopoesie (also Imitation eines natürlichen Geräusches)
3. Entlehnung
4. Verwandtschaft

Kapitel 2: Der Stammbaum

Manche Sprachen sind also irgendwie miteinander verwandt. Das ist sehr bunt illustriert in diesem (nicht ganz vollständigen) Stammbaum der indoeuropäischen Sprachen. Wenn man den Schülern im LK zeigt, haben die von selbst genug Fragen dazu, die sie gerne beantwortet hätten:

(Quelle: Wikipedia, multiple authors, CC-BY-SA)

(Ursprünglich gab es hier ein anderes Bild, das ich aus urheberrechtlichen Gründen dann doch entfernt habe.)

Der Stammbaum ist insofern irreführend, als Sprachen sich nicht wie Tierarten verändern: Völlig unverwandte Sprachen können sich gegenseitig beeinflussen, überhaupt gibt es ständig gegenseitige Beeinflussung, und Wortschatz, Grammatik und Lautung können sich unabhängig voneinander entwickeln.

— Wenn Zeit bleibt, kriegen die Schüler noch zwei Lieder zu hören. Zum Eingewöhnen „Nunc hic aut numquam“ von Doctor Ammondt, eine lateinische Version von „It’s now or never“. Den Text parallel dazu Latein/Englisch mit Folie oder Beamer an die Wand.
Aber vor allem kommt es mir auf das zweite Lied an: Zuerst hören die Schüler zumindest den Anfang von „Blue Suede Shoes“: „Well, its one for the money / Two for the show / Three to get ready / Now go, cat, go.“ Danach die Version von Doctor Ammondt in rekonstruiertem Sumerisch, anders und mit anderem Rhythmus arrangiert.
Rückübersetzt aus dem im Booklet abgedruckten sumerischen Original lauten die ersten Zeilen „Well, silver is one thing / show is another / to get ready is three / now, cat, go!“ Eines der wenigen Lieder, das in meiner mp3-Sammlung das Genre „Unclassifiable“ gekriegt hat.

Kapitel 3: Sprache im Wandel

Der Stammbaum enthält viele Sprachen und viele Verzweigungen. Deshalb haben wir uns als Nächstes angeschaut, was denn eine Sprache von einer anderen unterscheidet, was denn an diesen Verzweigungen passiert ist. Dazu war es sinnvoll, erst einmal zu sehen, dass die Abgrenzung zwischen Dialekt und Sprache fließend ist:

sprachgeschichte3

Wie entwickeln sich Sprachen aus anderen Sprachen? Über (regionale, auch soziale) Varianten, die sich immer weiter voneinander entfernen, bis es irgendwann sinnvoll ist, sie als eigene Sprachen zu bezeichnen. Oft ist es eine politische Entscheidung, was als Dialekt und was als eigene Sprache gesehen wird, siehe etwa die Unterscheidung zwischen Urdu und Hindi.

Ein Blick aufs Detail: In welcher Weise können sich Wörter verändern? Auf verschiedene, und natürlich verändert sich auf Flexion und Syntax, aber für den Anfang reicht die Unterscheidung in lautliche Form und Bedeutung:

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Die Bedeutungsänderung könnte man noch aufteilen in Bedeutungsverengung und -erweiterung, -verbesserung und verschlechterung. Mir reichen die ersten beiden Begriffe.

Wenn sich ein Wort sowohl inhaltlich und lautlich sehr weit vom einem früheren Stadium entfernt hat, ist die Verwandtschaft fast nur zu erkennen, wenn man die Zwischenstufen kennt.

Die lautliche Veränderung schauten wir uns dann noch einmal im Detail an:

Kapitel 4: Systematischer Sprachwandel

Da als nächste Unterrichtssequenz die Romantik anstand, wolle ich gleich mal die Brüder Grimm und deren deutsches Wörterbuch vorstellen. Mit der Romantik beginnt das Interesse an der Literatur des deutschen Mittelalters und damit auch die Untersuchung der Sprache des Mittelalters: Die Wissenschaft der Germanistik entsteht. Das kann man sich so vorstellen, dass Wilhelm und Jacob Grimm (und andere natürlich auch) jede Menge alter Handschriften lesen und sich auf Notizzettelchen jeweils herausschreiben, was welches Wort bedeutet. Die sehen dann etwa so aus:

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(„Ooo, schöne Schrift, Herr Rau.“)

Und dann haben Jacob und Wilhelm Grimm die Zettelchen miteinander verglichen und dabei gewisse mehr oder wenige systematische Unterschiede gefunden. Das sollten die Schüler anhand von Arbeitsblättern ein wenig nachvollziehen. Noch schöner wäre es gewesen, wenn ich tatsächlich viele Karteikärtchen mit verwandten Wörtern verschiedener Sprachen verteilt hätte. Aber erstens war mir das zu viel Schnipselarbeit, zweitens hätten die Schüler dann deutlich länger gebraucht. Vielleicht mache ich das noch mal, möglicherweise in Abwandlung der Mystery-Methode.

Die 2. Lautverschiebung

Versetzen Sie sich in die Lage eines Sprachhistorikers zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Sie arbeiten mit alten Manuskripten in verschiedenen Sprachen. Es fallen Ihnen Ähnlichkeiten zwischen der Lautform von vielen Wörtern dieser Sprachen auf.
Dabei stellen Sie fest, dass sich die niederdeutschen und (alt)englischen Wörter noch mehr als die (alt)hochdeutschen Entsprechungen ähneln. Sie wollen herausfinden, woran das liegt.
Sie beschließen, aus den vielen Einzelfällen allgemeine Regeln abzuleiten. Benutzen Sie das dazu vorbereitete Wortmaterial. Denken Sie beim Regelbilden stets daran, dass eine erste Hypothese nicht alle Fälle abdecken muss; scheinbare Ausnahmen kann man bei der Verfeinerung der Regeln mit einbeziehen.
Wenn Sie die Regeln gefunden haben, dann haben Sie die Regeln der 2. oder hochdeutschen Lautverschiebung entdeckt – eine systematische Veränderung bestimmter Laute, die um 500-800 n. Chr.. das Althochdeutsche von anderen westgermanischen Dialekten (wie Altenglisch, Niederdeutsch) getrennt hat.

Die Kurzfassung:

  • 2. Lautverschiebung/althochdeutsche Lautverschiebung
  • 500-800 n. Chr.
  • systematischer Lautwandel, den nur das Althochdeutsche mitgemacht hat, aber nicht die verwandten westgermanischen Sprachen (Altenglisch, Niederdeutsch)
  • bei der 2. LV werden u.a. folgende Konsonanten verschoben, vollständig nur in Südwestdeutschland, je weiter man nach Norden kommt, desto weniger:
    p > pf/f (je nach Position)
    t > ts/s (je nach Position)
    k > kch/ch (je nach Position)
  • als Beispiele jeweils der Vergleich des entsprechenden Worts in einer nah verwandten Sprache, die diese Lautverschiebung nicht mitgemacht hat, zum Beispiel Englisch: Zeit/tide, Wasser/water, machen/make
  • Arbeitsblatt dazu mit Wörterliste, anhand derer die Schüler das herausfinden sollen (odt/pdf)

Denkfrage, an der die meisten erst einmal scheitern: Wann wurde das Wort „Pein“ aus dem Lateinischen poena in die deutsche Sprache entlehnt: Vor oder nach der 2. Lautverschiebung?

Die 1. Lautverschiebung

Versetzen Sie sich in die Lage von Jacob Grimm, einem Sprachforscher zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Sie arbeiten mit alten Manuskripten in verschiedenen Sprachen, etwa Latein und Deutsch oder Englisch. Es fallen Ihnen Ähnlichkeiten zwischen der Lautform von vielen Wörtern dieser Sprachen auf.
Dabei stellen Sie fest, dass sich viele Wörter aller germanischen Sprachen untereinander mehr ähneln als dem Lateinischen oder Griechischen.
Sie beschließen, aus den Einzelfällen allgemeine Regeln abzuleiten. Benutzen Sie das dazu vorbereitete Wortmaterial. Wenn Sie die Regeln gefunden haben, dann haben Sie die Regeln der 1. oder germanischen Lautverschiebung entdeckt – eine systematische Veränderung bestimmter Laute, die um 1000-500 v. Chr. nur das Germanische mitgemacht hat, nicht aber das Lateinische oder Griechische. Zu Ihren Ehren wird man diese Regeln auch Grimm’s law nennen.
Der Einfachheit halber vergleichen wir hier Latein und Englisch – denn das Deutsche hat sich durch die später erfolgte 2. Lautverschiebung ja noch weiter verändert, und das würde Ihnen die Untersuchung zusätzlich erschweren.Wundern Sie sich nicht, wenn die Wörter sich weniger ähneln, die Trennung zwischen germanischen und lateinischen Dialekten erfolgte schon vor langer Zeit, und beide Sprachen haben sich danach weiter verändert.

Die Kurzfassung:

  • 1. Lautverschiebung/germanische Lautverschiebung
  • 1000-500 v. Chr.
  • systematischer Lautwandel, den nur das Germanische mitgemacht hat, aber nicht die verwandten indoeuropäischen Sprachen (Lateinisch, Griechisch)
  • bei der 1. LV werden u.a. folgende Konsonanten verschoben, und zwar zuerst:
    p > f
    t > th
    k > h
  • Danach (warum erst danach?):
    b > p
    d > t
    g > k
  • Arbeitsblatt dazu mit Wörterliste, anhand derer die Schüler diese Regeln herausfinden sollen (odt/pdf) – leider noch ziemlich kurz, sollte mal ergänzt werden

Kapitel 5: Exkurs Dialektologie

Hier bietet sich eine gute Gelegenheit, die heutigen deutschen Dialekte anzuschauen, die in mancher Hinsicht einen älteren Sprachstand darstellen: Während vom Mittelhochdeutschen zum Neuhochdeutschen die Laute /ei/ und /î/ zum nhd. /aı/ zusammengefallen sind, unterscheiden das Bairische und das Schwäbische diese Laute noch: Hochdeutsch heißt es eins, zwei, drei (von mhd. ein(e)z, zwei, drî), schwäbisch heißt es oins, zwoi, drei und bairisch oans, zwoa, drei.

Es gibt grob drei deutsche Dialektgebiete: das Niederdeutsche im Norden, das Mitteldeutsche darunter, das Oberdeutsche im Süden. Ober- und Mitteldeutsch heißen zusammen auch Hochdeutsch. Das Niederdeutsche hat die zweite Lautverschiebung gar nicht, das Mitteldeutsche zum Teil, das Oberdeutsche zum Großteil mitgemacht. Vollständig nur das Alemannische im Südwesten. (Schlussfolgerung: Entwicklung von Süden nach Norden.)

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Die gelben Flächen sind Niederdeutsch, die türkisfarbenen Mitteldeutsch. Und die schwarze Linie, die sie trennt, heißt auch Benrather Linie. (Benannt nach Benrath, inzwischen ein Stadtteil Düsseldorfs.) Nördlich davon: maken (ndd.), südlich davon: machen (hd.). Die blaue Linie ist die Appel-Apfel-Grenze, sie trenn die mittel- von den oberdeutschen Dialekten. Heißt auch: Speyerer Linie. Die gelbe Linie trennt das Fränkische, das Bairische und das Schwäbische. Alle Dialektgebiete kann man anhand weiterer Isoglossen noch weiter unterteilen, das Schwäbische vor allem in das Alemannische, das Hoch- und das Höchstalemannische im Berner Oberland.

Auch dazu gab’s ein Arbeitsblatt mit einer besseren und detaillierteren Karte, das ich eben deshalb nicht veröffentlichen darf.

Kapitel 6: Exkurs Phonetik

Wenn man schon mal bei der Lautverschiebung war, kann man sich gleich die Konsonanten im Deutschen mal anschauen. Und den Unterschied zwischen Laut und Buchstabe wiederholen, damit niemand mehr sagt, bei einer Alliteration fingen Wörter mit dem gleichen Buchstaben an.

Laute kann man einteilen unter anderem (1) nach stimmhaft oder stimmlos (zum Testen einen Finger an den Kehlkopf legen und schauen, ob der vibriert oder nicht), (2) nach Artikulationsart (das heißt, auf welche Weise der Luftstrom modifiziert wird – bei Konsonanten etwa plosiv, frikativ, nasal) und (3) nach dem Artikulationsort (also an welchem Ort der Luftstrom modifiziert wird).

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(Quelle Wikipedia. Weitere Bilder für Arbeitsblätter bei Google.)

Artikulationsorte:
2. labial 3. dental 4. alveolar 5. postalveolar 7. palatal 8. velar 9. uvular 11. glottal

Zumindest die wichtigsten und einfachsten Artikulationsarten und -orte mussten die Schüler mit einem Arbeitsblatt (odt/pdf) lernen.

Das deutsche „b“ ist demnach also ein stimmhafter, bilabialer Plosiv. Das „v“ ein stimmhafter, labio-dentaler Frikativ. Und der spanische Buchstabe b bezeichnet eben so wie das v meist einen stimmhaften, bilabialen Frikativ – einen Laut, den es im Deutschen nicht gibt, der die Artikulationsart vom „v“ hat und den Ort vom „b“. Darum kann Gottfried Benn auch „Habana“ statt „Havanna“ schreiben. – Den Laut kann man lustig sprechen üben, George Carlin hat einen Teil einer Nummer dazu gemacht.

Bei „uvular“ muss man übrigens mit dem wackelnden Zeigefinger das Zäpfchen simulieren und auf Simpsons-Episoden verweisen. Daher kennen die Schüler das Zäpfchen alle.

Wenn man Artikulationsarten und -orte kennt, lässt sich auch besser nachvollziehen, warum in der Lautverschiebung ausgerechnet die jeweiligen Laute verschoben wurden – in der 2. LV zum Beispiel die Plosive jeweils zu den Frikativen oder Affrikaten am verwandtem Artikulationsort.

Kapitel 7: Das Lachsargument

Zum Selbermachen und damit die Schüler mal einen populärwissenschaftlichen Aufsatz zur Sprache gelesen haben, kriegten die Schüler den Anfang des Artikels „Wörter aus der Steinzeit – Völker aus dem Nichts“ von Vera E. Binder, ebenfalls aus dem oben schon erwähnten Spektrum-Dossier.
Was die Schüler herausholen sollen: Man hat festgestellt, dass es in den meisten indoeuropäischen Sprachen das Wort „Buche“ in der einen oder anderen Form gibt. Nun ist man vielleicht versucht daraus zu schließen, dass die Ur-Indoeuropäer eben dieses Wort kannten und deshalb aus einer Gegend stammen müssen, in der Buchen wachsen. Das ist aber ein Trugschluss, denn wer weiß, ob bei allem dem Bedeutungswandel das Wort „Buche“ auch tatsächlicher immer genau diesen Baum bezeichnet hat, und nicht einen anderen Laubbaum, oder Bäume insgesamt. (Siehe dazu auch das Lachsargument bei Wikipedia.)
Noch schlimmer ist es, wenn man aus dem Fehlen eines gemeinsamen indoeuropäischen Worts für eine Sache schließen möchte, dass den Ur-Indoeuropäern diese Sache unbekannt war.

Kapitel 8: Testfragen

  • Welche zwei systematischen Fälle von Lautwandel kennen Sie; wann fanden sie ungefähr statt; welche zwei Sprachfamilien werden durch sie jeweils von einander getrennt?
  • Welche Erklärungen sind dafür denkbar, dass sich Wörter zweier Sprachen ähneln? (Am besten mit Beispielen.)
  • Nennen Sie drei sprachliche Bereiche, bei denen sich Dialekte voneinander unterscheiden können.
  • Wie heißen die drei großen Sprachgebiete, in die man die deutschen Dialekte einteilen kann?
  • Erklären Sie kurz das Verhälntis von Sprache und Dialekt zu einander.
  • Von welcher Himmelsrichtung in welche andere Himmelsrichtung breitete sich die zweite Lautverschiebung aus?
  • Es gibt in (fast) allen indoeuropäischen Sprachen ein gemeinsames Wort für „Lachs“. Zu welcher Vermutung hat das Anlass gegeben, und warum muss diese Vermutung nicht stimmen?
  • Welche drei Kriterien kennen Sie, nach denen man Laute – im Unterricht waren es nur Konsonanten – unterscheiden kann?
  • Bestimmen Sie die folgenden Laute nach diesen drei Kriterien: /d/, /m/, /z/

Kapitel 9: Wozu das ganze?

Damit kann man schon mal zwei Wochen im Leistungskurs verbringen. Ob in der neuen Oberstufe Spielraum dafür sein wird, weiß ich nicht. Auf jeden Fall stehen Reflexion über Sprache, Sprachwissenschaft, Sprachbeschreibung auch weiter auf dem Lehrplan.

Warum also? Damit man weiß, warum sich der Deutsche Bundestag bei seinen Analysen für Bedrohte Sprachen – Zur Situation der Regional- und Minderheitensprachen interessiert. Und weil in einen Leistungskurs Deutsch ein bisschen Grundwissen über Sprache gehört und nicht nur abiturvorbereitendes Erörtern und Interpretieren.

Außerdem brauche ich das ab und zu, um mir meine Arbeitskraft und meine gute Laune zu erhalten. Richtig tief ist das alles nicht, das ist erstes, spätestens zweites Semester im Studium. Wobei ich Phonetik fast ausschließlich in Englisch gelernt habe, wenn ich mich richtig erinnere.

Nachtrag: Wenn ich Zeit habe, baue ich das ganze mal zu einem Moodle-Kurs zusammen. Da kann ich dann auch mehr Rechercheaufträge verteilen.