Grammatik 2

Interessante Grammatik-Arten sind die generative (Transformations-)Grammatik (vor allem für Informatiker interessant) und die Valenzgrammatik. Mit letzterer habe ich Anfang des Schuljahres in der 9. Klasse Grammatik wiederholt. Das ist inzwischen zusätzlich interessant, da die Schüler dann den Begriff der Valenz schon aus der Chemie kennen.

Alle meine Ausführungen dazu sind übrigens laienhaft. Ich bin auch schon mehr als ein dutzend Jahre aus der Uni raus.

Zentral für den Satz ist das Prädikat. Das darin benutzte Verb hat eine bestimmte Valenz – streckt quasi eine bestimmte Anzahl von Händchen nach bestimmten anderen Satzgliedern aus, die es gerne hätte.

Für die Schule hatte ich einen Haufen vorbereite Blätter mitgebracht, die ich mit Magneten an die Tafel klebte:

Im Zentrum das dreiwertige Prädikat geben. Die drei fehlenden Satzglieder sind farbig markiert: rot für ein Subjekt), blau für ein Objekt im Akkusativ, bleistiftgrau für ein Objekt im Dativ. Die Farben erkennt man hier leider nicht sehr gut.
Die Reihenfolge der Satzglieder ist dabei variabel, es muss keinesfalls das Subjekt als erstes Satzglied kommen. Nur das Prädikat hat eine feste Position im Deutschen: im Aussagesatz (als Hauptsatz) und bei Ergänzungsfragen steht es an zweiter Stelle.

Beispiele, die zu den Blättern passen:

1. Ich gebe dir ein Buch.
2. Die Frau mit den violetten Augen gibt dem Mann, den sie im Abteil getroffen hat, einen Kuss.
3. Das Buch hat mir meine Schwester gegeben.
4. Meine Schwester gibt mit eine Kopfnuss.
5. ?Dieses Problem gibt mir zu denken.

Einen einfachen Fall zeigt 1; bei 2 sind die Satzglieder durch verschiedene Attribute länger geworden, was an der Struktur des Satzes aber nichts ändert. Bei 3 ist das Akkusativ-Objekt an erster Stelle, das Subjekt folgt an vierter und letzter Stelle. Außerdem besteht das Prädikat aus einem finiten (flektierten) Teil an zweiter Stelle, wie es sich gehört, und einem infiniten (unflektierten) Anhängsel weiter hinten. So ist das nun mal im Deutschen.
Gehört 5 hierher? Das hängt wohl davon ab, wie man seine Grammatik schreibt. Eher nicht.

So viele Satzglieder gibt es in der Schulgrammatik gar nicht: Prädikat, Subjekt, Objekt (Akkusativ‑, Dativ‑, Präpositional‑, selten Genitiv-Objekt), Prädikativ und Adverbiale. Fünf Stück.

Adverbiale, so die Schulgrammatik, sind Satzglieder, die nicht zwingend vorgeschrieben sind, die man weglassen kann. Sie sind in der Valenz des Verbs nicht berücksichtigt. Inhaltlich geht es in ihnen um die näheren Umstände: wo, warum, wie, wann.

1. Meine Schwester gibt mir in der Schule immer eine Kopfnuss.
2. In der Schule gibt mir meine Schwester immer eine Kopfnuss.
3. Immer gibt mir meine Schwester eine Kopfnuss in der Schule.
4. ?Mir gibt eine Kopfnuss immer meine Schwester in der Schule.
5. Meine Schwester gibt mir immer eine Kopfnuss, wenn sie mich sieht.

In 1–4 sind die zwei Adverbialien “immer” und “in der Schule” dazugekommen. Die Stellung der Satzglieder variiert jeweils, nur das Prädikat bleibt immer an zweiter Stelle. Ist 4 korrekt? Man wird wohl sagen müssen: ja. Aber nicht alles, was syntaktisch möglich ist, ist sprachlich üblich oder elegant. Je nach Zusammenhang markiere ich das als stilistischen Fehler.
In 5 steht ein Nebensatz als Adverbiale.

Das Prädikativ, das vergessene Satzglied. In den G8-Deutschbüchern steht es teilweise gar nicht mehr drin, dabei taucht es sehr häufig auf, auch wenn es auf eine kleine Zahl von Verben beschränkt ist.

1. Ich bin glücklich.
2. Ich werde Lokomotivführer.

Eigentlich sollte man Nominativobjekt dazu sagen, finde ich.

(Mehr morgen.)

5 Antworten auf „Grammatik 2“

  1. Grammatik war für mich in der Schule immer nur präskriptiv und damit aus pubertärer Konsequenz abzulehnen. Einige Zeit später in diversen Einführungen zu diversen Sprachwissenschaftlichen Themen kamen dann die Erkenntnisse nachgeliefert, die ich gerne gehabt hätte. Zum Beispiel die an sich einfache Erkenntnis, dass die Übereinstimmung von Eigenschaften wie Kasus und Numerus von Verb und Subjekt bzw. den Objekten ein generelles System ist, das nur in verschiedenen Sprachen jeweils spezifisch angewandt wird. Die Notwendigkeit für diese Übereinstimmung ist natürlich in der relativ freien Reihenfolge der Wörter im Satz bestimmt. Nennt man das Verb “Funktion” und Subjekt und Objekte einfach nur “Argumente”, dann kommt man ganz schnell darauf, dass man ja noch irgendwie klarstellen muss, wer hier welchen Job im Satz macht und woran man das sieht.
    Zu Schulzeiten waren für mich Französisch und Englisch ganz andere Baustellen, das unbewusst ja schon lange erlernte Wissen über meine Muttersprache Deutsch als System konnte ich nicht übertragen, da ich Deutsch nie in der Art betrachtet hatte.

  2. Verschiedene Grammatiken als ein Zugang unter anderen finde ich gut. Als ich das Funkkolleg Linguistik machte, dachte ich noch, man müsste sich auf eine Grammatik festlegen und bin deshalb bei der Schulgrammatik geblieben.
    Auch bei der Verwendung von Grammatik sollte man mehr Flexibilität beweisen.

  3. Sehr anschaulich erklärt, zumal wir so eine Wiederholung nicht gemacht haben: Danke!

    Übrigens: Ich hab den Begriff Valenz noch nie im Zusammenhang mit Chemie gehört. (Und vorher auch nur hier einmal als Valenzgrammatik gesehen) Wenn ich das aus Wikipedia richtig interpretiere, sind Valenzelektronen die Elektronen in der äußersten Schale eines Atoms?

  4. So ungefähr. Meistens (und zwar bei den Hauptgruppen-Elementen) sind es die Elektronen der äußersten Schale, es können auch andere sein. Vor allem sind es diejenigen Elektronen, die für Bindungen an andere Atome zur Verfügung stehen.
    Die Edelgase haben ihre äußerste Schale ganz voll, so dass sie für Bindungen gar nicht zur Verfügung stehen. Bei Wasserstoff sucht ein Elektron nach dauerhafter Bindung, und wenn sich zwei solcher Wasserstoffatome finden, dann reichen sie sich das jeweilige Händchen und leben munter als Wasserstoffmolekül zusammen.

    (Oft ist die Wertigkeit/Valenz eine andere, nämlich VIII minus Valenzelektronenzahl. Arg vereinfacht. Aus didaktischen Gründen. Und weil ich Angst habe, etwas zu Falsches zu schreiben.)

  5. Irgendwie hab ich so das Gefühl, dass unser Lehrer Wissen vorausgesetzt hat… “reichen sich das Händchen” – Elektronenpaarbindung. Das Schalen-Modell hatten wir auch schon, inzwischen sind wir bei Protolyse etc., Säuren, Basen, alkalischen Lösungen, sauren Lösungen. Valenz haben wir deshalb trotzdem noch nie gehört oder gelesen.

    Hab ich sogar schonmal drüber geschrieben. Siehe hier

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