Grammatik 1

Ich mag Grammatik. Für mich gehört sie außerdem aus mindestens drei Gründen ins Gymnasium:

  1. Als Dienstleistung für die Fremdsprachen. Der Englischlehrer tut sich viel leichter, wenn die Schüler bereits wissen, was ein Subjekt oder was ein finites Verb ist. (Ersteres wissen sie. Letzteres nicht.)
  2. Als Mittel, um bessere Texte erstellen zu können beziehungsweise als Analyseinstrument, um die Wirkung von Texten beschreiben und begründen zu können. Die Wirkung des Anfangs der folgenden Geschichte beruht – neben einem anderen offensichtlichen Merkmal – auch auf dem Satzbau:

    Wild zuckt der Blitz. In fahlem Lichte steht ein Turm. Der Donner rollt. Ein Reiter kämpft mit seinem Ross, springt ab und pocht ans Tor und lärmt. Sein Mantel saust im Wind. Er hält den scheuen Fuchs am Zügel fest. Ein schmales Git­terfenster schimmert goldenhell und knarrend öff­net jetzt das Tor ein Edelmann.

    Die Sätze sind nicht nur kurz, sondern vor allem nur Hauptsätze.
    Folgender Satz (den ich schon mal zitiert habe) stammt aus einem Aufsatz der 11. Klasse, Erörterung:

    Gerade in der heutigen Zeit in der westlichen Welt, wo viele Leute nahe beieinander leben, die einerseits an einen hohen Lebensstandard gewohnt sind, sich andererseits an eine Methode, diesen zu erreichen, nämlich immer an den größtmöglichen eigenen Profit zu denken, gewöhnt haben, was wiederum der Gesellschaft schadet, sind die so genannten Tugenden, wie zum Beispiel Bescheidenheit, Rücksicht und Verantwortungsbewusstsein, allen voran jedoch Mitgefühl, um so wichtiger.

    Der Satz ist völlig korrekt. Aber wer ein Gespür für Satzglieder hat, kann den Satz umstellen, so dass er weitaus lesbarer wird. Dieses Gespür kriegt man durch viel Lesen, aber ich glaube, dass auch formale Grammatikkenntnisse dabei helfen.
    Fragen muss ich mich allerdings, ob die Schule dieses Ziel tatsächlich erreicht.

  3. Wissen um Sprache ist ein Kulturgut. Gibt es in jeder Sprache ein Tempus? Gibt es in jeder Sprache Subjekte, Objekte und Prädikate? Sagt das etwas über das Gehirn des Menschen aus? Englisch hat meist die Wortstellung SPO, Französisch auch. Gibt es Sprachen, in denen die Wortstellung PSO lautet, oder gar OSP? (Ja, 4 Stück auf der Welt. Noch.) Sagt das etwas über das Gehirn des Menschen aus? Wie wichtig ist es, ob in 100 Jahren die Hälfte der aktuell sechs- bis siebentausend Sprachen ausgestorben sein wird? Ist das gut oder schlecht? – Grammatikkenntnisse reichen nicht aus, um sich darüber eine fundierte Meinung zu bilden, aber eine Ahnung davon, wie Sprache aufgebaut ist, braucht man.

Schließlich gehört dazu auch, dass ja irgendwer in der Duden-Redaktion sitzen und Entscheidungen fällen muss und dass irgendwer die Word-Grammatikprüfung und die Google-Übersetzung entwickeln muss.

Es ist nicht so, dass eine Sprache eine Grammatik einfach hat. Dass es im Deutschen nun mal Adverbien und Subjekte einfach gibt. Natürliche Sprachen sind komplizierte Gebilde, und Grammatiken sind Modelle, mit denen man versucht, ihrer Herr zu werden. Dazu benutzt man solche Kategorien wie “Adverb” oder “Subjekt”. Man vereinfacht, fasst zusammen, erkennt Regeln, ignoriert Ausnahmen. Die deutsche Schulgrammatik orientiert sich dazu aus historischen Gründen an dem Modell, das für das klassische Latein aufgestellt wurde,

Es ist also – aus sprachwissenschaftlicher Sicht, nicht in der Schule – nicht richtig, zu fragen, ob etwas ein Präpositionalobjekt ist, sondern, ob es im gerade benutzten Modell als Präpositionalobjekt bezeichnet werden sollte. Dass es verschiedene Grammatikmodelle geben muss, leuchtet ein, wenn man sich überlegt, dass man in der Schule mit einem für Anfänger geeigneten Grammatikmodell beginnen muss. (Zu einem differenzierteren, dass die tatsächliche Sprache noch besser beschreibt, kommt man dann leider nicht mehr.)

Mit Hilfe einer idealen Grammatik und dem entsprechenden Wörterbuch dazu kann man in einer Sprache alle richtigen Sätze erzeugen und keinen falschen. Das geht leider aus vielen Gründen nicht so einfach. Einmal deswegen, weil jeder Sprecher eine andere Meinung zu richtig und falsch hat. Zum zweiten deswegen, weil die Grenzen zwischen grammatisch falsch und lediglich stilistisch unzumutbar fließend sind. Und drittens, weil natürliche Sprachen zu verwurschtelt (=wissenschaftlicher Fachausdruck) sind, als dass sie sich mit einer überschaubaren Grammatik gut beschreiben ließen.

(Kleinere Beispiele in einem alten Blogeintrag, bei dem sich die Diskussion dann allerdings in andere Ecken verrannte, allerdings nicht bevor sie mich zu einer Erkenntnis führte, die wiederzuentdecken ich gerade große Freude hatte.)

Morgen geht’s weiter.

12 Antworten auf „Grammatik 1“

  1. Woah, darüber muss die Biologin erstmal genauer nachdenken … Finde Sprache super spannend, aber gerade in der Grammatik kenn ich mich überhaupt nicht aus, ich spreche doch nur ;-)

  2. Grundsätzlich: Wissen schadet nie, auch wissen über Grammatik nicht.
    Ich finde aber persönlich, das man Grammatik viel besser anhand einer Fremdsprache unterrichtet werden kann, weil man da eben kein Gefühl hat, analysieren also viel sinnvoller ist, auch Querverbindungen mit Mathematik oder Informatik sind spannend. Ich persönlich habe die Grammatikspielereien immer gemocht (die gab es bei mir schon in der Grundschule), aber so wirklich nützlich waren sie erst als ich versucht habe nicht deutschen Muttersprachlern meine Sprache näher zu bringen um im Gegenzug was über ihre Sprache zu lernen.

    S

  3. Ich hab dieses Semester ein Seminar, in dem wir gerade das alles hinterfragen (sollen). Also wie viel Syntax/Grammatik der _Muttersprachler_ überhaupt braucht und in wie weit Regelkenntnisse einem überhaupt helfen. Ich werd mir mal ein paar Denkanstöße mitnehmen.

  4. Mhm. Ich sehe den Wissensnutzen darüber, was finite Verben sind, als Englischlehrer nicht so ganz. Ich bin auch insgesamt eher skeptisch, die Grammatik des Deutschen als Folie für die doch sehr andere Grammatik des Englischen zu verwenden. Vielleicht liegt das aber auch daran, dass ich Lerngruppen unterrichte, bei denen eine analytisch-abstrakte Herangehensweise an Sprachstrukturen wenig sinnvoll ist.

    Allerdings bin ich voll und ganz deiner Meinung, dass Grammatik unbedingt ein Schulthema sein sollte – ebenfalls nicht so sehr, weil es um “richtig” und “falsch” ginge, sondern weil das Reden über Sprache immer auch Nachdenken über Sprache ist und das brauchen unsere Schüler ganz gewiss. Ich habe in meinen Kursen, in Englisch und in Geschichte, immer kleine semantische Exkurse; Etymologie, Wortparallelen zwischen Latein, Französisch, Englisch und Deutsch, altgriechische Wortwurzeln, kulturhistorische Implikationen von Begriffen. Kommt gut an und bildet hoffentlich. :)

    Nele

  5. Der verschachtelte Satz mag grammatikalisch korrekt sein, inhaltlich ist er mehr als fragwürdig. Woher nimmt ein Schüler der 11. Klasse die Sicherheit, die Profitmaximierung des Einzelnen als zwangsläufig und ausnahmslos gesellschaftsschädlich anzunehmen? Mir scheint, dass im Unterricht nicht nur Grammatik, sondern auch mehr politische Philosophie und vor allem Wirtschaft gelehrt werden müsste.

  6. Grammatik an der Schule zu unterrichten hat nach meiner Erfahrung eine weitere nützliche Seite, wenn auch nur für eine Minderheit. Es würde verhindern, dass die Hälfte aller Studenten der Linguistik ihr Studium nach einem Jahr frustriert abbricht, weil sie sich unter dem Fach ja ganz etwas anderes vorgestellt hatten. Allein die Vorstellung eines syntaktischen Baumes ist dem gemeinen Studenten widernatürlicher als jede Quantenmechanik.

    Umgekehrt brächte dieser Unterricht die Interessierten zur Sprachwissenschaft. In meinem Fall war es der Griechischunterricht. Entweder man lernt klassisches Griechisch (Athen, um das 4. Jhdt. v. Chr.) und akzeptiert Homer (400 Jahre früher) als “irgendwie komisch”, oder man bemüht sich um den Zusammenhang, den Sprachwandel.

    Daneben habe ich auch Silbenmodelle für die Grundschule gesehen, in denen Begriffe wie Onset, Nucleus und Coda (jeweils auch komplex), Ambisyllabizität und Geminaten graphisch dargestellt sind, nach aktuellem Stand der Linguistik des Deutschen (nicht: der Germanistik). Natürlich werden diese Begriffe nicht so benannt. Die Frage bleibt, ob das nicht ein Übermaß an Theorie ist.

    Zur weiterführenden Schule: Besonders gerne sähe ich linguistische Erklärungen beim englischen Tempussystem. Dem Schüler ein Graus, soviele Wahlmöglichkeiten, aber nur wenige richtig. Man muss konsistent bleiben, und dann noch backshift statt Konjunktiv! Für letzteres kenne ich auch keine Erklärung, aber Verlaufsformen und Perfekt lassen sich mit dem Begriff des Aspektes (zusätzlich zum Tempus) sehr gut und leicht verständlich in den Griff kriegen.

    Und an der Universität: Studienkollegen von mir, die fließend Deutsch und Englisch sprachen und in beiden Sprachen auch linguistisch kompetent waren, vermochten nicht auf Anhieb zu sagen, ob ihre Muttersprache Fälle unterscheidet, oder wieviele Tempora sie hat. Soweit sie auch mal ihre Muttersprache unterrichteten, zitierten sie: Dieser sage jenes, jener dieses. Eine eigene Meinung? Fehlanzeige. Daraus folgt für mich, dass jede Sprache Linguistik braucht, sonst gerät sie gegenüber den “besser verstandenen” Sprachen ins Hintertreffen.

  7. @Liberal: Womit du ja noch nicht gesagt hast, dass der Elftklässler unrecht hat. Mir stößt allerdings auch mitunter die Sicherheit auf, mit der Schüler Dinge behaupten (gerne auch zur Geschichte und Literaturgeschichte), die sie eigentlich gar nicht wissen können sollten. Natürlich hat jeder das Recht auf eine eigene Meinung, aber eine zu respektierende eigene Meinung erwirbt man sich erst, wenn diese fundiert ist.

    So undifferenziert ist der Satz allerdings gar nicht. Der bemängelte kritisierende Nebensatz, 5 Wörter, bezieht sich wohl nicht auf Profitmaximierung an sich, sondern auf die Tatsache, dass sich viele Leute “an eine Methode, diesen [Lebensstandard] zu erreichen, nämlich immer an den größtmöglichen eigenen Profit zu denken, gewöhnt haben”.

    @Arnymenos: Syntaxbäume zeige ich meinen Schülern in der 10. in Informatik – nur kurz, zugegeben. Und ja, das englische Tempussystem. Ich unterscheide auch (und zwar gerade in der 5. und 6. Klasse) zwischen Tempus und Aspekt. Das macht es eben wirklich einfacher. Muss man sich viel weniger merken als Schüler. Aber die Schulbücher und Lehrer zeigen kein großes Interesse daran, diese Kategorien auseinander zu halten.

  8. Bzgl. Tempus und Aspekt:

    Genau, ich finde es ganz fürchterlich, wenn in Schulgrammatiken immer noch die ‑ing-Formen als “tense” verkauft werden, der sie definitiv nicht sind! Das stiftet wirklich nur Verwirrung.

    Nele

  9. @liberal,herr rau:

    Ja, auch meiner Meinung nach muessten Philosophie und Wirtschaft mehr gelehrt werden…Und man muesste sich mal entscheiden wie. Denn, wie herr rau richtig sagt: jeder hat das Recht auf seine Meuinung und natuerlich kann man behaupten, dass profitmaximierung immer schaedlich fuer die gesellschaft ist, allerdings sollte man wissen, das oekonomen, philosophen und politologen seit 3 Jahrhunderten versuchen ein Spiel(oder System) zu entwickeln, bei dem genau das nicht der Fall ist, sondern die eigene Profitmaximierung das gemeinwohl foerdert…das lernt man in der Schule leider nicht…und marx wird seltsamerweise (im gegensatz zu bspw. den creationisten in den naturwissenschaften) nicht als eine theorie gelesen, die auch als konstrukt nur unter sehr regiden annahmen funktioniert und deswegen (nach popper) wissenschaftlich als weitesgehend falsifiziert gilt (ob ich mit diesem Satz faellig fuer herrn raus grammtaik unterricht bin). Nein, nein…das ist eine Theorie, die von anderen oekonomen eine andere. welche man gut findet ist eine rein subjektive entscheidung…naja…aber das ist off topic, deswegen: was ih eigentlich sagen wollte:

    @Sprache:

    “Gibt es Sprachen,[.…]? Sagt das etwas über das Gehirn des Menschen aus?”

    Meine Theorie (und soweit ich das als nicht-linguist weiss gibt es ein paar die so denken) bleibt ja, dass die Sprache immer was ueber die Denkweise aussagt und daher beides (Sprache und Denkweise) sich zumindest indirekt proportional entwickeln/veranedern. Aus diesem Grund halt ich auch die Besterbungen Sprache moeglichst im status quo zu erhalten fuer absoluten Schwachsinn, da dies die Entwicklung der Gedanken schaedigt.…Dennoch ist Linguistisches Grundwissen fuer jeden von Noeten, sowie es das wissen um die Gedanken alter Philosophen ist…

    und zu guter letzt: Notiz an mich: endlich mal lernen sich im Internet entweder fuer jandlsche kleinschreibung oder korrektes Gross und klein entscheiden…sorry, fuer dieses Chaos.…

  10. “Meine Theorie (und soweit ich das als nicht-linguist weiss gibt es ein paar die so denken) bleibt ja, dass die Sprache immer was ueber die Denkweise aussagt und daher beides (Sprache und Denkweise) sich zumindest indirekt proportional entwickeln/veraendern”

    Jein. Beim Verhältnis Sprache-Denken denkt man erst mal an die Sapir-Whorf-Hypothese, die in ihrer strengen Form als widerlegt gilt, aber immer noch interessant ist.

    Mich interessierten eher die Konstanten: Worin unterscheiden sich die Sprachen der Welt nicht? Was sagt das über die Verdrahtung unseres Hirns aus?

  11. …wieder was gelernt…danke…Warum ist Wissen nur so unerschoepflich? Man will soviel lernen und hat doch so wenig Zeit (banal, ich weiss, aergert mich trotzdem immer wieder)…

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