Douglas R. Hofstadter, Gödel, Escher, Bach

goedel_escher_bach Das erste Mal gelesen habe ich das Buch vermutlich zu meiner Militärzeit, sicher jedenfalls in der Zeit nach dem Abitur und vor dem Studium. (Das war damals die ganz reguläre Wehrpflicht, Ältere erinnern sich.) Da hatte ich viel Zeit, und auch jemand getroffen, mit dem ich über Hoftstadter, Lord Dunsany, Rollenspiele und die Illuminatus!-Trilogie diskutieren konnte. Wenn man sucht, findet man Leute wie uns überall.

Das erste Mal gehört hatte ich von diesem Buch im Englisch-Leistungskurs; Herr Gratzke benutzte es als Beispiel, um das Wort „pretentious“ zu erklären. Da hörte ich natürlich besonders interessiert zu. Das Buch, 1979 erschienen, war ein Bestseller, die „Bibel des Computerzeitalters“, wie es in einer Rezension von Thomas von Randow hieß, Pulitzer-Preis-Gewinner. Ich hatte schon wieder vergessen, was „pretentious“ war, und es hätte mich auch nicht weiter gekümmert; ich wusste auch nicht, dass das Buch als schwer zu lesen und zu verstehen galt, und so fand ich es auch überhaupt nicht schwer. Ich habe es einmal ganz und manche Kapitel immer und immer wieder gelesen.

Allerdings war ich auch in der glücklichen Lage, gut darauf vorbereitet worden zu sein. Da waren zum einen die mathematische Rätselbücher von Martin Gardner und vor allem Raymond Smullyan („Dame oder Tiger“ von 1982, ganz hervorragend), in denen ich bereits auf formale Systeme und Gödel und Quinierung stieß. Und vor allem war da das Spiel WFF’N’PROOF (Blogeintrag dazu), mit dem ich mich im Jahr zuvor viel beschäftigt hatte. In diesem Spiel ging es um formale Logik, um Axiome und Ableitungsregeln, um well-formed formulae, um Rekursion – und mit diesem Hintergrundwissen war die erste Hälfte von Gödel, Escher, Bach quasi ein Heimspiel.

Aber natürlich hielt das Buch viel Neues für mich bereit. Ein bisschen was habe ich über Bach und Fugen gelernt, etwas mehr über M. C. Escher (zu dem ich dann mehrere Bücher las); vor allem war das Buch der Anstoß, mich mit Zen-Buddhismus zu beschäftigen – sicher auf oberflächliche Weise, aber für mich sehr gewinnbringend, und das heute noch. Auch bei Smullyan traf ich dann wieder auf Zen-Buddhismus, aber das ist schon wieder eine andere Geschichte. Neu war für mich auch Alan Turing, rekursive Aufzählbarkeit, der Turing-Test, Gödelisierung. Neu, aber ohne Folgen, war der Ausflug in die Biochemie, in DNA und RNA und Enzyme und Tertiärstruktur.

Und vor ein paar Wochen habe ich das Buch wieder gelesen, nach gut fünfundzwanzig Jahren Pause. Ein paar Dinge haben mich dabei überrascht. Erst mal, wie leicht mir die Lektüre der ersten Hälfte fiel. Das kannte ich zum einen noch von damals; und nebenbei: ich gewann einen gewissen Respekt vor meinem zwanzigjährigen Ich, so im Nachhinein. Aber das mit BlooP und FlooP hatte ich damals nicht verstanden, mit dem Unterschied zwischen primitiv-rekursiven und μ-rekursiven Funktionen, überhaupt die rekursive Aufzählbarkeit – aber mit den Informatik-Kenntnissen, die bei mir inzwischen dazu gekommen sind, war das auch eher Grundwissen.
Überrascht hat mich, wie wenig letztlich zum Zen-Buddhismus im Buch steckt; wo mir das doch mit am besten im Gedächtnis geblieben ist.
Die erste Hälfte des Buches fand ich am besten. Darin geht es um formale Systeme, um Ableitungen, um Beweisbarkeit. Letztlich das, was mir an theoretischer Informatik so gefallen hat. Kapiert habe ich das meiste, wenn auch zum Schluss hin nicht mehr alles. Die Mitte des Buches ist recht schwer. Danach kam viel Biochemie (noch ohne explizite Verbindung zur Bioinformatik, die damals wohl noch nicht so etabliert war wie heute), das hat mich wenig interessiert, und war wird auch nicht viel hängen bleiben. Die eher philosophischen Auslassungen zur künstlichen Intelligenz in der zweiten Hälfte waren dann auch weniger mein Fall.

Insgesamt: 4,5 von 5 Sternen. Und gelernt: Der unselige „Paradigmenwechsel“ war damals noch nicht so als Allerweltswort (s. Kompetenzorientierung) verbreitet, dass „paradigm shift“ noch als „Paradigma-Verschiebung“ übersetzt wurde.

4 Antworten auf „Douglas R. Hofstadter, Gödel, Escher, Bach“

  1. Oh ja, ich erinnere mich (und habe von verschiedenen Lektürevorgängen nach wie vor einige Merk- und Lesezeichen in meinem Exemplar) sowohl an begeistertes Entdecken mir bislang fremder Denkgebiete als auch fast ebenso begeistertes Nochnichtverstehen (und einige von der gemeinsamen Lektüre angestoßene Gespräche). Der Schutzumschlag allerdings kommt mir unbekannt vor – kann es ein, dass Deine Ausgabe nicht die Verlagsausgabe bei Klett-Cotta, sondern eine Buchclubausgabe ist?

  2. Structure and Interpretation of Computer Programs sagte mir gar nichts, Marco, aber ich habe es mir gleich zum Lesen notiert, wenn ich wieder zu Hause bin. Und den Morgenstern nehme ich heute noch als Satzbaubeispiel im Deutschunterricht her.

    Richtig, Hanjo, das ist eine Buchclubausgabe, selbst gekauft oder auf die Karte meiner Eltern, das weiß ich nicht mehr. Das waren die 1980er, Erörterung im Deutschunterricht, ob diese Buchclubs Fluch oder Segen sind… heute auch eher akademisch, die Frage.

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