Theodor Herzl, Altneuland

Amerikanische Science Fiction des golden age und klassische Utopien oder Dystopien beschreiben beide neue Welten. Und in beiden Fällen ist es oft ein Außenseiter aus unserer eigenen Zeit oder Kultur, der in diese neue Welt kommt und sie für uns erklärt bekommt und für uns beschreibt. In Gullivers Reisen trifft der englische Reisende gleich auf mehrere solche Welten; in Schöne neue Welt ist es der der in einem Reservat aufgewachsene Wilde, dem die Welt gezeigt wird. In Ein Rückblick aus dem Jahre 2000 auf das Jahr 1887 von Edward Bellamy kriegt ein Amerikaner des Jahres 1887 die USA des Jahres 2000 gezeigt.
In diesen Fällen ist der Held eher passiv und spielt keine große Rolle in der neuen Welt, anders bei der Science Fiction in Pulp-Tradition: Den Amerikaner John Carter verschlägt es in Edgar Rice Burroughs‘ Geschichten auf den Mars, wo er eine Prinzessin heiratet und Politik macht und Schlachten gewinnt; in Die Sternenkönige von Edmond Hamilton landet der Held aus unserer Zeit 200.000 Jahre in der Zukunft und gewinnt futuristische Sternenschlachten (und eine Prinzessin, ja). Ein Unikum ist Mark Twains A Connecticut Yankee at King Arthur’s Court, wo ein Held aus unserer Zeit in eine fremde Zeit und Kultur gerät, dort alles aufmischt und aufpeppt, nur um am Ende doch zu scheitern.

Altneuland von Theodor Herzl gehört eindeutig in die erste Kategorie. Es gibt ähnlich wie in Bellamys Rückblick (das Herzl selber in seinem Buch nennt) wenig nennenswerte Handlung, stattdessen geht es darum, dass die schöne neue Welt einem Menschen unserer Welt vorgestellt wird. Und das kommt so:

Im Jahr 1902 – dem Erscheinungsjahr des Buches – hat der jüdische Wiener Intellektuelle Friedrich Löwenberg mehr oder weniger mit dem Leben abgeschlossen. Die angehimmelte Frau heiratet einen anderen, keine Aussicht auf Karriere, kein Fortkommen in der österreichischen jüdischen Gesellschaft, bei den Nichtjuden ohnehin nicht, ein Freund ist im Ausland gestorben, einer hat sich umgebracht – so dass Löwenberg auf die Zeitungsannonce des exzentrischen amerikanischen Millionärs Kingscourt antwortet. Stellt sich heraus, der Menschenfeind Kingscourt sucht einen „gebildeten und verzweifelten“ Reisebegleiter, der mit ihm ins selbstgewählte komfortable Südseeexil geht, um dort für die absehbare Zukunft fernab der Menschheit zu leben.

(Kingscourt, der ursprünglich Königshoff hieß – preußischer Adel, nach Amerika ausgewandert – berlinert immer noch konsequent. „Eine Aktiengesellschaft ist ’n Jefäß, da kann man Jutes und Schlechtes hineintun.“)

Vor Anbruch der Fahrt gibt Löwenberg das ganze Geld, das er von Kingscourt erhalten hat, einer in ärmlichsten Verhältnissen lebenden jüdischen Familie, die er kurz zuvor kennengelernt hat. Der Sohn, David Littwak, verspricht, diese Gabe nie zu vergessen.
Dann beginnen Löwenberg und Kingscourt ihre Reise. Auf dem Weg machen sie in Jaffa an der östlichen Mittelmeerküste Halt und schauen sich ein wenig in Palästina um – heruntergekommen, arm, dünn besiedelt, so gar nicht das gelobte Land seiner Väter, zu dem Löwenberg aber ohnehin keine Beziehung hat.
Ende des ersten Kapitels.

Beginn des zweiten Kapitels: Nach zwanzig Jahren – wir sind inzwischen im Jahr 1923 – haben Kingscourt und Löwenberg für eine Weile genug von der Südseeeinsamkeit und wollen sich wieder einmal die Welt anschauen, zumindest kurz. Sie nehmen die gleiche Strecke zurück, und an den Häfen und auf See fällt ihnen bereits auf, dass sich Handelsrouten und anderes geändert haben müssen, dass da ein neuer Spieler im Mittelmeerraum unterwegs ist. Wer das ist, dass stellt sich dann in der Hafenstadt Haifa heraus: aus dem Ort ist plötzlich eine moderne, prachtvolle Großstadt geworden. Gleich am Hafen laufen sie – was für ein Zufall – jenem David Littwak in die Arme, dessen Familie Löwenberg damals in Wien mit seinem Geld unterstützt hatte. Littwak ist ein erfolgreicher und prominenter Bürger in dem neuen Land, dass da in Palästina entstanden ist: Juden aus aller Welt sind hierher emigriert, um eine neue, internationale, sozialistische, erfolgreiche Gesellschaft zu gründen.
Littwaks Eltern und seine Schwester sind auch hier, und den Rest des Romans über führt David seine Gäste zuerst in diesem Land herum und zeigt dessen Aufbau und Funktionsweise und erklärt danach, wie es überhaupt dazu kam, dass sich in den vergangenen zwanzig Jahren diese Gesellschaft an diesem Ort etablieren konnte.
Viel Handlung gibt es darüber hinaus nicht: Es gibt einen Wahlkampf zweier Parteien und die Wahl eines Präsidenten; der als Menschenfeind ohnehin nicht sehr überzeugende Kingscourt wird von einem Baby becirct und beschließt zu bleiben; Löwenberg trifft auf unliebsame alte Bekannte aus Wien und heiratet zuletzt Mirjam, Davids Schwester (und bleibt natürlich auch).

Der Großteil des Romans besteht aus einer Führung durch die neue Gesellschaft, die auf dem Gebiet Palästinas entstanden ist, und detaillierten Ausführungen über deren Entstehen. Gedacht ist das natürlich für den Leser von 1902: Da strebte die politische Bewegung des Zionismus (Wikipedia) danach, die weltweit verstreuten Juden zusammenzuführen – vielleicht in Südamerika oder Ostafrika, und vor allem eben in Palästina. Dass es tatsächlich dazu kommen würde, war keineswegs selbstverständlich oder unumstritten. Herzls Roman mit dem vorangestellten Motto: „Wenn ihr wollt, ist es kein Traum“ ist eine Vision, wie dieser Judenstaat – so der Titel einer früheren Schrift Herzls – aussehen könnte, und eine teilweise sehr detaillierte Anleitung, wie man ihn entstehen lassen könnte. Es ist spannend, diese Vision mit der späteren Entwicklung zu vergleichen und spannend, das Buch als Zukunftsvision von 1902 zu lesen. (Allein als Roman betrachtet ist das Buch sehr langweilig.)

Bei der so genannten „Neuen Gesellschaft“ in Palästina handelt es sich nicht um einen eigenen Staat; das Gebiet gehört immer noch zum osmanischen Reich und ist von der Gesellschaft (zuerst eine Aktiengesellschaft, später eine Genossenschaft) nur gepachtet. Man spricht Deutsch und andere europäische Sprachen; Hebräisch als Verkehrssprache gibt es nicht. Die Klagemauer als letzter Rest des zerstörten zweiten Jerusalemer Tempels spielt keine Rolle; inzwischen ist ein dritter Tempel gebaut.
Zur Neuen Gesellschaft kann gehören, wer will, ohne Berücksichtigung von Religion oder Herkunft – Juden, Araber, Christen sind gleichermaßen willkommen. Es ist auch nicht so, dass alle Einwohner der Region zu dieser Gesellschaft gehören; der Beitritt ist freiwillig. Wer zu ihr gehört, muss dann aber letztlich Mitglied einer großen Genossenschaft werden; privaten Grundbesitz als solchen gibt es nicht, man least alles nur auf längere Zeit von der Gesellschaft.
Zeitungen sind zum Großteil genossenschaftlich organisiert, Fabriken und Landwirtschaft ebenso. Große Warenhäuser haben die meisten kleinen Läden abgelöst. Detailliert wird die Logistik beschrieben, sowohl des Aufbaus dieser Gesellschaft (wie viel Geld in welcher Art Aktiengesellschaft am Anfang zu Verfügung stehen, wann der Wandel zur Genossenschaft stattfindet, welche Art Waren in welcher Reihenfolge importiert beziehungsweise selbst produziert werden) als auch deren aktuelle Wirkungsweise. Das ging etwas über meinen Kopf hinweg, echte Wirtschafts-Science-Fiction.

Verkehrsmittel von 1923 sind zum Beispiel elektrische Schwebebahnen. (Oft – so auch hier – betont Herzl, dass diese Techniken grundsätzlich bereits Ende des 19. Jahrhunderts zur Verfügung standen. Beim Aufbau des Landes habe man halt gleich die fortschrittlichste vorhandene Technologie benutzt, statt veraltete Technik zu benutzen.) Der Straßenverkehr ist wesentlich ruhiger als noch 1902, eben weil es keine Kutschen mit Hufgetrappel und Peitschengeknalle mehr gibt, sondern nur noch sanft dahin rollende Automobile. Ein motorgetriebener Reisebus, in dem ein Dutzend Personen Platz haben, verblüfft die Neuankömmlinge besonders:

„Donnerwetter!“ schrie Kingscourt gutgelaunt. „Das ist ja die Arche Noah. Da hätte all sündhaft Vieh und Menschenkind Platz.“

Bei dem Gefährt steigt hinten übrigens noch ein Heizer auf – ist das am Ende dampfbetrieben, oder hat sich nur die Bezeichnung gehalten?
Männer und Frauen sind gleichberechtigt, haben beide das aktive wie passive Wahlrecht. Ausüben muss aber niemand seine Rechte, und so ist es unproblematisch und akzeptiert, dass etwa die Frau des Arabers Reschid Bey zu Hause im Serail bleibt und nicht am öffentlichen Leben teilnimmt. Auch die jüdischen Frauen halten sich bei der Politik zurück:

Ich muß Ihnen aber sagen, meine Herren, daß die Frauen bei uns vernünftig genug sind, sich nicht auf Kosten ihres Privatwohles mit den allgemeinen Angelegenheiten abzugeben.

Immerhin, etwas fortschrittlicher als andere Denker der Zeit ist Herzl bei den Frauen schon.
Der Besuch von Schule und Universität ist kostenlos. Für die männlichen Schüler – aber nur für die guten unter ihnen, die sich eine Belohnung verdient haben (anders als bei den Schulen, die ich so kenne) – gibt es organisierte mehrmonatige Auslands-Schulaufenthalte; Schülerinnen haben wieder Pech und bleiben zu Hause, weil sie bei ihrer Mutter mehr lernen können.
Kommuniziert wird per Telefon. Radio kannte Herzl noch nicht, aber man kann sich zum Beispiel öffentliche Konzerte auf sein Telefon leiten lassen und anhören. Auch eine „gesprochene Zeitung“ gibt es per Telefon; Herzl weist auch hier über Kingscourt darauf hin, dass es das schon gegen Ende des 19. Jahrhunderts in Budapest gegeben habe. Und ja, während man so am Telefon die Zeitung automatisch vorgelesen bekommt, wird der Vortrag natürlich durch Werbung unterbrochen.
Antisemitimus ist praktisch ausgestorben; nachdem es in Folge der Auswanderung nach Palästina etwa in Österreich weniger Juden gibt, treten die sich zum einen dort nicht mehr auf die Füße und werden zum anderen mehr wertgeschätzt vom Rest der Gesellschaft. (Ein Visionär innerhalb der Romanhandlung träumt davon, die damals wohl ebenfalls diskutierte Negerfrage ähnlich zu lösen – indem er an einem Mittel gegen Malaria arbeitet, um eine Rückkehr der durch die Sklaverei vertriebenen Schwarzen nach Afrika zu ermöglichen.)
Mit den Arabern gibt es keine Probleme, die haben von dem neu entstandenen Wohlstand nur profitiert.

— Im Rahmen meiner Beschäftigung mit deutscher Literatur bin ich diesem Buch nie begegnet. Theodor Herzl als Theoretiker des Zionismus kannte ich schon, und eventuell bin ich in der einen oder anderen Science-Fiction-Literaturgeschichte doch schon mal auf den Roman gestoßen, muss ich zu Hause mal nachschauen. Da gehört das Buch auf jeden Fall auch hin. Die Logistik zum Aufbau von modernen Städten in erst einmal wenig einladender Umgebung kenne ich von Geschichten über Expeditionen auf fremde Planeten. Exzentrische amerikanische Millionäre gibt es schon bei Jules Verne, vielleicht auch bei Karl May. Selbst im zweiten Heft von Sun Koh wird ein verzweifelter deutscher Ingenieur vor dem Selbstmord gerettet, um sich einer exzentrischen Sache anzuschließen. Und auch Hans Dominik plädiert in Die Spur des Dschingis-Khan für eine Rückführung schwarzer Amerikaner nach Afrika. An all diese Autoren und Werke wurde ich beim Lesen jedenfalls erinnert.

Bald nach Erscheinen wurde Herzls Buch ins Hebräische unter dem Namen Tel Aviv, „Frühlingshügel“, übersetzt, und die 1909 nördlich von Jaffa gegründete Stadt bekam diesen Namen. Und da bin ich gerade.

Eine deutsche Wikipediaseite zu Altneuland gibt es übrigens nicht; hier geht es zur englischen Seite.

3 Antworten auf „Theodor Herzl, Altneuland“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.