A Ticket to Tranai („Utopia mit kleinen Fehlern“)

Diese Science-Fiction-Kurzgeschichte von Robert Sheckley geht mir seit Wochen im Kopf herum; Grund sie wieder einmal zu lesen:

In einer Bar erzählt ein alter Raumfahrer Marvin Goodman vom utopischen Planeten Tranai. Goodman, unzufrieden mit dem Leben auf der Erde, der Korruption, seinem wenig erfolgreichen Engagement für alle möglichen sozialen Zwecke, beschließt, dorthin auszuwandern. Der Weg dorthin ist gar nicht leicht; das örtliche Reisebüro rät ihm ab und kann ihn auch nur die Hälfte der Strecke bringen. Aber nach langer Reise erreicht Goodman tatsächlich sein Ziel.

Tranai kennt tatsächlich weder Armut noch Verbrechen, keine Polizei, keine Kriege, hohe Zufriedenheit aller Bürger, und das alles ohne Kommunismus oder Faschismus. Goodman lässt sich nieder, findet eine Arbeitsstelle und heiratet. Ganz zufrieden ist er aber nicht; seine Arbeit als Roboteringenieur besteht vor allem darin, immer mehr Fehler in die Roboter seiner Firma einzubauen – perfekte Technik frustriert den Menschen, der seine Frustration dann an anderen auslässt. Deshalb haben die Maschinen des Planeten oberflächliche Macken (auch wenn sie sonst einwandfrei funktionieren) und fallen bei den erhofften Fußtritten ihrer Besitzer passgenau auseinander – die so ihre Frustration abreagieren können.

Auch sonst stellt sich Tranai nach und nach als weniger paradiesisch aus als erhofft, und als erheblich bizarrer. Goodman ist knapp davor, das – keinesfalls besonders beliebte – Amt des obersten Präsidenten zu übernehmen, als er dann doch lieber und überstürzt zur Erde zurückkehrt. Das mit der Regierung läuft nämlich so: Man verzichtet auf Tranai zwar auf Polizei, Richter, Justizverfahren, aber dafür darf jedes Regierungsmitglied Verbrecher erschießen, wenn sie welche sehen. Fehler kann es keine geben dabei, denn per Definition ist jeder so Erschossene automatisch ein Verbrecher. Das sorgt insgesamt für mehr Sicherheit und weniger Stress als das Verfahren auf der Erde.
Auf der anderen Seite gibt es Kabinen, in denen jeder Bürger per Knopfdruck seine Unzufriedenheit mit bestimmten Regierungsvertretern kundtun kann. Was Goodman erst zum Schluss erfährt: Überschreitet die Anzahl dieser Unzufriedenheitsmeldungen innerhalb der Amtszeit eines Regierungsmitglieds eine bestimmte Grenze, dann explodiert die Amtskette, die jedes Refierungsmitglied ständig um den Hals trägt, und tötet es. „Checks and balances. Just as the people are in our hands, so we are in the people’s hands.“ Das funktioniere unerwartet gut.

— Aus solchen Geschichten bestand meine Jugend als Science-Fiction-Leser. Viele davon waren eher in der Tradition von Gullivers Reisen, manchen ging es um natruwissenschaftliche Phänomene, und andere waren tatsächlich nur exotische Abenteuer.
Das mit den Abstimmkabinen und Explosionen könnte man heute bequem über Handys lösen. Auch im Unterricht, oder bei Musikhörern in der Straßenbahn: Drücken genug Leute in der Umgebung auf „Explodieren“, dann wird explodiert.

The Golden Age 2: Perry Rhodan

In den letzten Wochen habe ich viele Hörbücher von meiner Festplatte angehört, die endlich mal wegmussten. Hauptsächlich Fontane und solche Sachen, aber auch Perry Rhodan Band 2300 aus dem Jahr 2005, den ich mir damals aus dem Web geladen habe. (Download inzwischen hier.)

Und grad schön war’s. Ich meine, ich kann das keinem meiner Leser einfach so empfehlen, aber wer’s mag, fur den ist es das Höchste, wie man so sagt. Und für jemanden wie mich auch, der eine Perry-Rhodan-Vergangenheit hat, und es gibt schlimmere Leichen, die man im Keller haben kann. Ich habe nur ein paar Jahre lang Perry gelesen, vielleicht zwei oder drei, aber von den ersten 1000 Heften habe ich vermutlich fünfhundert gelesen – die ersten dreihundert, und dann zwischendrin noch viele andere, dazu einige Dutzend PR-Taschenbücher.

Beim Anhören von Heft 2300 kamen viele Erinnerungen auf, Figuren, an die ich Jahrzehnte nicht mehr gedacht habe, die ich aber mit dem wunderbarsten Erinnerungen verknüpfte. Siganesen, Roi Danton, die USO, Alaska Saedelare, Schreckwürmer, Molkex, die Blues, Meister der Insel, ES, Crest, Arkoniden, Haluther, Unither. Das war so ähnlich wie beim Anhören von Wilhem Hauffs „Geschichte von dem Gespensterschiff“, das ich als Kind als Hörspiel hatte, und dessen exotisch-magische Namen ich auch schon wieder vergessen hatte. („Mein Vater hatte einen kleinen Laden in Balsora.“)

Ich habe dann in der Perrypedia geblättert, könnte allein schon vom Ausgangspunkt „Kurioses in Romantiteln“ stundenlang herumlesen. Na, und erst die wunderbaren Titelbilder von Johnny Bruck!

Ähnlich wie Leute mit Griechisch-Leistungskurs erkennen sich auch ernsthafte Perry-Rhodan-Leser auch noch Jahrzehnte danach; in meinen Kreisen gibt es leider kaum welche davon. Wie gerne würde ich mal wieder fachsimpeln und mich über die neuesten Entwicklungen informieren lassen. Viele gibt es davon ja nicht, das liegt im Wesen solcher Serien. Trotzdem sammeln sich in zweieinhalbtausend Heften, weiteren Taschenbüchern und begleitenden Serien schon sehr viel Geschichten an – immerhin durchgehend seit 1961. Der Serienkosmos wächst von Heft zu Heft, so dass es früher oder später zu jedem beliebigen Thema und zu jeder Figur in der Serie sehr viel in einem Lexikoneintrag zu schreiben gibt. Das macht die Lexikoneinträge für Außenstehende dann etwas kryptisch:

Anmerkung: Im Kommentar zu PR 2039 wird die Parabegabung der Antis ebenso wie die der Vincraner auf das Abjin der Lemurer zurückgeführt. Diese nicht besonders stark ausgeprägten paranormalen Kräfte wurden durch den Kontakt mit der Megaintelligenz ZEUT besonders gefördert. Die Abjin-Kräfte traten daher bei den auf Zeut angesiedelten Lemurern und ihren Nachkommen besonders gehäuft und ausgeprägt auf. Interessant ist, dass schon die Zeut-Ellwen die für Akonen und Arkoniden und die von ihnen abstammenden Völker charakteristische knöcherne Brustplatte anstelle von Rippen besaßen. (Perrypedia)

Wenn man das verstehen will, muss man sich schon einlesen in das Perry-Universum. Anders als bei den ähnlich gewachsenen Universen von DC beziehungsweise Marvel Comics hat es allerdings und glücklicherweise nie eine kosmische Notbremse gegeben. Das waren bei DC Crisis on Infinite Earths (und Zero Hour), bei Marvel mindestens One More Day (und jede Menge X-Kram, den ich nicht mitkriege). Diese kosmischen Notbremsen dienen dazu, einem dem Verlag unliebsam gewordenen Zustand des jeweiligen Kosmos gewaltsam und gegen alle internen Naturgesetze zurechtzurücken – so wird man zu viele Helden oder zu viel Hintergrundgeschichte los. Perry Rhodan hat den Vorteil, dass es sich in die Zukunft fortbewegt und deshalb mehr Raum für Veränderungen hat als Marvel und DC.

Könnte man auch mal eine Arbeit schreiben, die das Universum von DC, Marvel, Star Trek, Star Wars und Perry Rhodan hinsichtlich solcher Sachen vergleicht.

Vorerst und zum Schluss aber etwas Leichteres:

Warum, schreibt Dieter K. aus Brüssel,
hat Perry Rhodan keinen Rüssel?
Dr. Ara klärt: Das geht nicht, Dieter,
er ist Terraner, kein Unither.

Diese Vierzeiler waren eine kleine Mode, damals, mit fünfzehn Jahren oder so, vielleicht auch nur in meinen Kreisen Das ist der einzige, an den ich mich noch erinnere. For what it’s worth.

Inception

Im Kino gewesen, Inception gesehen. Eine halbe Stunde zu lang, mindestens. Die Geschichte: Spezialisten können Traumwelten konstruieren und sich und andere im Schlaf in diese versetzen. Das Opfer dieser Aktionen weiß nicht, dass es sich in einer Traumwelt befindet; es bevölkert die Welt mit Personen aus dem Unterbewusstsein, die allerdings um so aggressiver reagieren, je länger sich das Spezialistenteam in dieser Traumwelt befindet. Genutzt wird diese Technik für Industriespionage: Man entreißt den so Träumenden ihre Geheimnisse.

(Spoiler folgen.)

So weit, so gut. Formelhaft ist das Zusammentrommeln des Spezialistenteams, wie in jedem Einbruchsfilm seit Rififi oder Topkapi. Mäßig spannend, aber trotzdem waren alle Nebenfiguren interessanter als die Hauptfigur, unser Held. Die dunkle Heldenvergangenheit, überflüssig wie ein Kropf: unschuldig vom Gesetz verfolgt, wenn auch moralisch schuldig, will er nur wieder nach Amerika zurück, um bei seinen Kindern zu sein. Meh. Matrix hat auf dieses Klischee verzichtet und das war eine gute Idee. (TV Tropes: Dark and Troubled Past.)

Sehr schön war aber die Science-Fiction-Grundidee. (Man hätte mehr herausholen können. Die Traum-Architektin demonstriert vorbildlich in der Trainingssequenz, dass sie ein Traum-Paris zusammenfalten kann. Solche Techniken werden im Einsatz aber nie angewendet.)
Der Knackpunkt: Fünf Minuten Schlaf- und Traumzeit in der Realität geben einem, sagen wir, zwei Stunden Einsatzzeit in der Traumwelt. Man kann aber auch in dieser Traumwelt wieder schlafen, und wieder in einen manipulierten Traum einsteigen. Fünf Minuten Schlafzeit in der Realität geben einem zwei Stunden in der ersten Traumebene, und fünf Minuten dort geben einem wieder zwei Stunden in der nächsten Ebene. Das Einsatzteam ist auf mehrere Ebenen verteilt, hat auf der einen noch zehn Sekunden Zeit, auf der anderen noch fünf Minuten, auf einer weiteren einige Stunden. Das ist nachvollziehbar und spannend geschnitten. Schade nur, dass auf allen Ebenen immer nur geprügelt und geschossen wird, dass die Synchronisation von Ereignissen und das kaskadierende Wiederaufsteigen aus den Traumebenen recht blauäugig gehandhabt werden, wie auch sonst die Regeln dieses Systems nicht völlig durchdacht sind.

Dieser laxe Umgang mit den Regeln führt allerdings zu zwei ausgezeichneten, aufeinander folgenden Szenen: eine Prügelei in einem Hotelgang bei ständig wechselnder Schwerkraft, also mal oben, mal unten, mal an der Seite. Schon sehr gut, wenn auch immer noch nicht so beeindruckend wie Fred Astaire, der an der Decke tanzt:

Der Inhalt ist nicht verfügbar.
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Danach der gleiche Kampf im gleichen Hotelgang bei völliger Schwerelosigkeit. Ebenfalls exzellent gemacht.

Gelangweilt habe ich mich trotzdem zwischendurch, einfach weil mich die Personen – allen voran der Held – nicht interessiert haben.

Dann lieber gleich:

  • „Das geheime Wunder“ von Jorge Luis Borges, in der ein Autor vor einem Erschießungskommando noch ein (subjektives) Jahr erhält, um sein dramatisches Lebenswerk zu vollenden, während objektiv die Kugeln schon auf ihn zufliegen.
  • Der Traum ein Leben von Franz Grillparzer, nach Calderón-Vorlage.
  • Totel Recall oder Geschichten von Philip K. Dick

Heftromane: Von deren Aufbewahrung

Osterferien.

Vor einiger Zeit gebraucht erstanden: Eine Wandleiter zur Präsentation von Heftromanen aus dem Pabel-Verlag.

Meine paar Dutzend alter Heftromane sind so schön standesgemäß aufbewahrt und präsentiert. Einen endgültigen Platz habe ich allerdings noch nicht gefunden. Und vor allem hätte ich noch liebend gerne so ein drehbares Teil für meine Taschenbuchreihen, wie man es aus dem Bahnhofsbuchhandel kennt.

Es hilft beim Googeln danach, wenn man die Fachbegriffe kennt: Die Heftromane oben werden in einer Wandleiter aufbewahrt. Und die Taschenbuchständer heißen genau so, notfalls auch: Bodenverkaufsständer. Links: 230 Euro, 320 Euro, Katalog 1, Katalog 2.
Am liebsten wäre mir allerdings eine gebrauchte Drehsäule aus dem Bahnhofsbuchhandel. Falls jemand mal auf eine aussortierte stößt…

Und wozu bräuchte ich so etwas überhaupt? Ah. Ein klitzekleiner Überblick über die wichtigsten deutschen Science-Fiction-Heftroman- und Taschenbuchserien:

  • Utopia Zukunftsroman (1953-1968), parallel dazu: Utopia Großband (1953-1963)
  • Aus letzterem entwickelte sich als Sonderform Utopia Krimi/Utopia Kriminal (1956-1958)
  • Daneben gab es Utopia Magazin/Utopia Sonderband (1955-1959)
  • Vor allem gab es die Serie Terra (1957-1968, 555 Hefte), Nachdrucke davon als Terra Extra (1962-1968, 182 Hefte). Beide Serien wurden kombiniert und neu gestartet als Terra Nova (1968-1971, 190), danach wurde diese Serie noch einmal neu gestartet als Terra Astra (1971-1986, 643 Hefte).
  • Parallel dazu gab es Terra Sonderband (1958-1965), und diese Serie erschien – mit fortgesetzter Nummerierung – ab der Nummer 100 in Taschenbuchform unter dem Titel Terra Taschenbuch (1965-1986, 371 Taschenbücher).

Gleichzeitig gab es noch viele weitere Serien, nicht zuletzt Terra Fantasy, wo ich Borges und Dunsany und viele andere entdeckt habe. Komplett zu verstauen hätte ich auch noch Doc Savage, Sun Koh und Utopia Classics.

In diesem privaten Wiki kann man ein bisschen in den jüngeren Serien herumstöbern. Meine eigene Quelle ist vor allem der exzellente 2. Band des Lexikon der Science Fiction Literatur von Alpers/Fuchs/Hahn/Jeschke (Heyne 1980). Da steht jedes bis 1979 in Deutschland erschienene Science-Fiction-Werk drin, ob Heftroman, Taschenbuch, Leihbuch, mit bibliographischen Angaben. Eine Schatzkiste. Inzwischen gibt’s viele der Informationen sicher auch im Web, Wiki macht’s möglich. Weitere Informationen auch in Volksbücher und Heftromane. Band 1: Der Boom nach 1945 von Heinz J. Galle.

Utopia erschien bei Pabel, Terra bei Moewig. 1970 wurden Moewig und Pabel und andere Verlage von einem dritten gekauft und liefen danach unter einem gemeinsamen Namen.
Die Heftromanzeit habe ich nicht mehr wirklich mitgekriegt, Terra Astra hat mich nicht interessiert, Perry Rhodan nur in jungen Jahren, aber die Taschenbuchphase war meine Jugendzeit.

Freunde der klingonischen Oper

Heute nacht um 0:05 Uhr auf Deutschlandradio Kultur: juHrop („tschuh-rop“, dt. Heimweg), eine Klingonische Oper von Frieder Butzmann. Via netzpolitik.org, zu Details siehe dort. Ja, es ist genau das, an das man denkt.

(Außerdem wird auf Bayern 2 um 21.30 Uhr die erste Folge von Jonas, der letzte Detektiv wiederholt. Die ersten 6 Folgen werden immer am ersten Mittwoch des Monats ausgestrahlt. Hat mir ein Schüler heute zugesteckt.)

Secret Government Warehouses

(Aus der Reihe: Alles muss raus. Angefangene Blogbeiträge des Jahres 2008 aufräumen.)

Die bekannteste Lagerhalle meiner Jugend ist die aus dem Ende von Raiders of the Lost Arc. Die Kamera fährt – das Ende von Citizen Kane zitierend – langsam über fast endlose Stapel von Kisten, großen und kleinen, alle behördlich bestempelt und eingestaubt. Auch die Bundeslade, das magische Artefakt, das Indiana Jones und seine Freunde den ganzen Film über viel Mühe und fast das Leben gekostet hat, findet dort anscheinend einen anscheinend endgültigen Ruheplatz. All die Arbeit, nur damit das Objekt dort unter Verschluss gehalten werden kann?

Angedeutet wird damit, dass all die anderen Kisten eben auch ähnliche Objekte enthalten. Und schon bald wurde das geheime government warehouse zum Topos bei Verschwörungstheoretikern und vor allem bei den kreativen Fans. (Wikipedia zu Secret Government Warehouse in Fiction.) Vor vielen Jahren ist mir im Usenet diese ASCII-Grafik begegnet:

+-----------------------------------------------------+----------------------+
|                                                     #                      |
| Area 'A' - Main Storage                             ! Area 'B'             |
|                                                     ! Refrigerated Storage |
|                                                     !                      |
| Assume a uniform ceiling height of 20m (60 ft)      !                      |
|                                                     !                      |
| Scale: 1 square = ~3m (10 ft)                       !                      |
|                                                     !                      |
| Legend:                                             !                      |
|   + Wall Intersection                               #                      |
|   - Horizontal, solid wall (armored)                +----------------------+
|   | Vertical, solid wall (armored)                  | Power Generators     |
|   O External security door (armored)                | and Refrigerators    |
|   = Huge external cargo door (armored)              +----------------------+
|   ! Mobile internal wall panel                      #                      |
|   # Human-sized door in a mobile wall panel         ! Area 'C'             |
|                                                     ! Powered Storage      |
|                                                     !                      |
|                                                     !                      |
|                                                     !                      |
|                                                     #                      |
+--============-----------------------============O---+----------------------+

Zu der Grafik gehört eine erklärende Datei, die beschreibt, welche Normkistengrößen es gibt, wie die Kisten aussehen, und vor allem: Eine lange, lange Liste davon, was in diesen Kisten drin ist. Hier ein Ausschnitt:

  • Ark of the Covenant
  • Engine that runs on tap water
  • Hundred of huge crates marked with the name Craig Shergold (containing Business cards and getwell cards by the million)
  • The UFO that purportedly crashed in the early ’50s in New Mexico
  • Amelia Earhart’s flight jacket
  • Big black slab collected by the Leakeys in Olduvai Gorge (and a femur found in orbit)
  • Jimmy Hoffa
  • A Cloudbuster (a rainmaking machine built by Wilhelm Reich – see the Kate Bush video „Cloudbusting“)
  • A box full of scrolls – written in Aramaic. Box says „Gnostic II.“
  • Ronald Reagan Mark I and the animatronics to make him work
  • A phone booth with an odd antenna on top, and a San Dimas, CA number
  • A blue British police call box
  • HAL 9000’s Failed Turing Test (He got a 57%!)
  • A book entitled „To Serve Man“
  • The gold from the lost Dutchman mine
  • The „sets and costumes“ that were used to film the Apollo Moon Landing
  • An illuminated manuscript much like a Bible, along with a rabbit’s corpse and many pieces of shrapnel
  • A large emerald in the shape of a heart, confiscated from a fence in New York City
  • A listing of pi which gets to a long stretch of ones and then ends

Die Liste ist sehr lang, und von einem guten Teil der Dinge habe ich keine Ahnung, welche Geschichte eigentlich dahinter steckt. Aber so soll es auch sein. Angefangen hat diese Liste, so heißt es, auf einem Science-Fiction-Con im Jahr 1990. Im Web gibt es verschiedene Version davon, etwa Version 0.1 (von der ich auch die Grafik übernommen habe) und Version 1.2.1.


Exkurs: Ich habe nicht überprüft, ob die Versionsnummern tatsächlich korrekt sind, also aufeinander aufbauen. Allerdings wollte ich so etwas schon immer machen. Noch aus der Vor-WWW-Zeit habe ich einige Kopien, zum Teil nur in Fragmenten erhalten, von „30 Gründe, warum Bier besser ist als Frauen“. Für den Inhalt als solchen entschuldige ich mich. Interessant ist aber, die verschiedenen Versionen zu vergleichen. Ich habe zum Beispiel eine 100-Gründe-Fassung, die klar mit den 30-Gründe-Fassungen in meinem Besitz verwandt ist, aber nicht nur auf dieser aufbaut. Es muss noch mindestens eine zweite Quelle geben, die ebenfalls dafür verwendet wurde. Wenn ich jetzt eine größere Sammlung hätte, könnte ich versuchen, die Verwandschaftsverhältnisse zu rekonstruieren, so wie bei der Einordnung etwa der verschiedenen Handschriften des Nibelungenlieds. Der Fachausdruck dafür heißt übrigens Xeroxlore oder Faxlore:

Faxlore is a sort of folklore: humorous texts, folk poetry, folk art, and urban legends that are circulated, not by word of mouth, but by fax machine. Xeroxlore or photocopylore is similar material circulated by photocopying.


Steve Jackson Games ist die Firma, die uns Spiele wie Munchkin, Car Wars oder den Klassiker Illuminati! gebracht hat. Bei letzterem geht es um Verschwörungen, und SJG waren so nett, ein eigenes Warehouse 23 im Web einzurichten. Dort gibt es in mehreren Stockwerken viele hundert Kisten, die man aufmachen kann, um zu schauen, was darin verborgen gehalten wird. Gefüllt wird die Lagerhalle durch ein Redaktionsteam und E-Mail-Einsendungen.

Mit einer Klasse könnte man mal eine solche Lagerhalle mit Objekten aus der deutschen Literatur füllen. Effi Briests Schaukel. Eine zerbrochene mechanische Figur eines weiblichen Automaten, zum Aufziehen. (Daneben eine Brille.) Ein teurer Mantel, professionell gearbeitet. En Serviertablett mit Deckel, darin ein paar Knochen wie von einem gebratenen Huhn, nur dass es wohl doch ein kleiner Greifvogel war.


— Keine Lagerhalle, sondern ein Museum kenne ich aus dem Englischstudium. Eine Ringvorlesung zu England, diesmal ging es um englische Kunst. Rudolf Beck war das damals, 1989 oder so. Den Kontakt zu ihm habe ich nicht aufrecht erhalten, daher ohne ihn gefragt zu haben, hier das Papier zum Vortrag. Den Blogeintrag habe ich zum Anlass genommen, mich bei ihm zu melden, und ich habe brav um die Erlaubnis zum Veröffentlichen gefragt. Statt einer Stichpunktliste gab es eine Führung im Imaginary Museum of English Art. Gefällt mir immer noch.

the_imaginary_museum_of_english_art

So sollte ein Blatt zum Referat aussehen.

Der freie Wille (und Zeitreisen)

Man liest gerade wieder da und dort vom freien Willen und ob es ihn denn gibt oder nicht. Im Prinzip geht es dabei darum, dass das Gehirn anscheinend Entscheidungen trifft zu einem Zeitpunkt, der deutlich vor dem Zeitpunkt liegt, zu dem man glaubt, die Entscheidung getroffen zu haben. Ein Ausgangspunkt dafür ist das Libet-Expriment, von dem ich zum ersten Mal im sehr lesenswerten Buch Spüre die Welt. Die Wissenschaft des Bewußtseins von Tor Nørretranders gehört habe.

Tatsächlich interessiert mich die Frage nach dem freien Willen gar nicht so sehr. An ein kleines Mini-Ich in meinem Kopf, das Entscheidungen trifft, konnte ich noch nie glauben; andererseits war mir immer klar, dass Ausgangspunkt für alles physiologische Vorgänge sind. In welcher zeitlichen Relation die zur wahrgenommenen Entscheidung stehen, ist interessant, macht aber für mich keinen großen Unterschied. Tatsächlich sehe ich keine Alternative zum freien Willen, aber auch keinen Widerspruch zu einem Determinismus.

Was heißt denn freier Wille überhaupt? Nehmen wir vereinfachend an, dass ich in einer gegebenen Situation zwischen den Alternativen A und B wählen soll und mich für A entscheide. Gedankenexperiment: Ich befinde mich ein zweites Mal in derselben Situation. (Es gibt dieselbe Situation natürlich nicht. Außer in einem Science-Fiction-Kontext, den ich sicher konstruieren könnte. Zeitreise, Paralleluniversum, was es da so alles gibt. Ist aber auch egal.)
Wenn ich mich in derselben Situation wieder für A entscheide, dann ist diese Entscheidung doch determiniert. Im besten Fall bin ich dann Sklave meines freien Willens – schließlich kann mich nicht gegen meine Entscheidung entscheiden, kann mich nicht gegen das entscheiden, wofür ich mich entscheide/entschieden habe.
Wenn ich mich in derselben Situation für B entscheide, dann haben wir ein anderes Problem. Dann kann meine Entscheidung eigentlich nur vom Zufall abhängen, etwa einem Quantenereignis. So stelle ich mir freien Willen auch nicht vor. Das ist Beliebigkeit.

Zeitreise-Geschichten haben gerne mal mit dem freie Willen zu kämpfen. Die klassische Frage ist die, was passiert, wenn man in der Zeit zurück reist und seinen eigenen Großvater tötet. Die eine Möglichkeit ist die, dass man dadurch die Zukunft verändert („A Sound of Thunder„), quasi mit Paralleluniversum. Ästhetisch unbefriedigend.
Die andere ist die, dass man das eben nicht kann, weil es keine Paralleluniversen gibt, sondern nur eines, und es geschieht, was geschieht oder geschehen ist. Dann gibt es auch nur den freien Willen, das zu tun, was man getan hat. Wenn man seinen Großvater getötet hätte, dann hätte man nicht die Gelegenheit, ihn zu töten, also hat man ihn eben nicht getötet.

(Weniger verbreitet ist die Variante von der Selbstzeugung. In „Time Rider„, einem ansonsten nicht bemerkenswerten Film aus den frühen 1980er Jahren, verschlägt es einen Motorradchampion in den Wilden Westen, er verliebt sich dort natürlich und lässt seiner Liebe ein Schmuckstück zurück, das er von seiner unbekannten Großmutter oder so geerbt hatte. Diese Ahnin ist natürlich die Frau selber, und man fragt sich, wo das Schmuckstück denn eigentlich herkommt – er hat es von seiner Großmutter, sie von ihm, welcher Goldschmied soll es denn gefertigt, welche Nova die Atome erzeugt haben? Das gleiche gilt für das Genmaterial, das der Held dem Genpool zugefügt hat – wo soll das eigentlich herkommen?)

Aber zurück zum freien Willen. Viel interessanter ist doch die Frage nach dem Bewusstsein. Wieso gibt es das eigentlich? Warum kriegt man mit, dass da etwas denkt und vor sich geht? Wieso läuft das nicht ohne Zuschauer ab?
Vor dieser grundlegenderen Frage ist das mit dem freien Willen sekundär.

NESFA Press: Science Fiction von früher

Drei Bücher, die einzeln nicht für einen Blogbeitrag reichen, jeweils erschienen bei NESFA (The North England Science Fiction Association) Press, alles dicke, gebundene Wälzer mit Geschichten, die ich vor zwanzig bis fünfundzwanzig Jahren auf Deutsch gelesen habe.

1. Cordwainer Smith, The Rediscovery of Man.

Sämtliche phantastische Kurzprosa von Cordwainer Smith, also eigentlich alles außer dem Roman Norstrilia.

„The golden age of science fiction“, ich hab’s irgendwann schon mal zitiert, „is twelve.“
Tatsächlich war ich älter, als ich Cordwainer Smith gelesen habe. Vielleicht sogar zwanzig. Ein Blogeintrag vor ein oder zwei Jahren hatte mich an ihn erinnert, und danach las ich mich durch seine sämtlichen Geschichten.

Er hat sich ordentlich gehalten. Die Geschichten sind noch lesenswert, aber vielleicht sollte man bei der Erstlektüre tatsächlich zwanzig sein und nicht vierzig. Vielleicht war der Zauber auch nur deshalb nicht mehr ganz so groß, weil ich mich gut an die meisten Geschichten erinnern konnte. An die wirklich wunderbaren Titel sowieso: The Lady Who Sailed The Soul; Think Blue, Count Two; The Colonel Came Back from the Nothing-at-All; The Game of Rat and Dragon; The Crime and the Glory of Commander Suzdal; Golden the Ship Was-Oh! Oh! Oh!; The Dead Lady of Clown Town; Drunkboat; Mother Hitton’s Littul Kittons; Alpha Ralpha Boulevard; The Ballad of Lost C’mell.

Hängen geblieben sind mir die vielen schrägen Ideen am Rande:

  • „The Game of Rat and Dragon“: Menschen arbeiten zusammen mit Katzen gegen die Drachen des Hyperraums.
  • „Scanners Live in Vain“: Der Sprung durch den Hyperraum macht lebende Passagiere wahnsinnig; gelöst wird das schließlich – wie gesagt, ganz am Rande – durch eine isolierende Schicht von Austernbänken in der Wandung des Raumschiffs: die äußersten Schichten sterben ab, die Passagiere bleiben geschützt.
  • In „Dreamboat“ nur ein einzelnes Wort: Dort wird von Christopher Columbus erzählt, der in einem „water boat“ zu einem neuen Kontinent fuhr.
  • Verben und Substantive der telepathischen Kommunikation: to hier, to spiek; spiech.

2. William Tenn, Immodest Proposals. The Complete Science Fiction of William Tenn. Volume I.

Schon vor einiger Zeit gelesen, keine Notizen gemacht, aber vorne angekreuzt, welche Geschichten sich zum Wiederlesen eignen. Und da sind exzellente dabei:

„The Liberation of Earth“: Die Erde wird von zwei konkurrierenden außerirdischen Reichen so lang hin und her befreit, bis nicht mehr viel von ihr übrig ist. Das ist dann aber so was von befreit. Erzählperspektive: Am Lagerfeuer im radioaktiven wasteland erzählt ein altes Stammesmitglied den Jungen, wie sie in diesen befreiten Zustand versetzt wurden.

„Eastward Ho!“ Nach dem Zusammenbruch ihrer Zivilisation ziehen die Bürger Amerikas immer weiter gen Osten, in der Hoffnung auf Arbeit, Freiheit, Lebensmittel; werden dabei von den wieder erstarkten Indianer gepiesackt, betrogen, bestenfalls mitleidsvoll von oben herab behandelt, bis sie am Schluss wieder in ihre Schiffe steigen und auf ein besseres Leben in Europa hoffen.

„Time in Advance“: Wer ein Verbrechen begehen möchte, darf sich die dafür vorgesehene Anzahl von Jahren auf dem Strafplaneten vorab nehmen; es gibt, glaube ich, auch eine Art Frühbucherrabatt. Das ganze soll zur Abschreckung dienen: Die Strafe kann man jederzeit abbrechen und zur Erde zurückkehren, kriegt aber nichts erstattet.
Der Held ist der erste, der seine Strafe (zwanzig Jahre für Mord oder so) tatsächlich abgesessen hat und auf die Erde zurückkommt, um sich zu rächen. Dort findet er heraus, dass nicht nur sein Partner ihn betrogen hat (wegen dem er das ganze unternommen hat), sondern auch seine Frau, seine Familie, seine Freunde, die jetzt natürlich alle mächtig Angst vor ihm haben. Resigniert gibt er seine abgesessene Zeit nach und nach für Strafzettel aus.

Und noch viele mehr. Nicht so gut gehalten hat sich “Der zitronengrüne, spaghettilaute Tag” über ein Portion LSD im Trinkwasser von New York, über das ich in der 7. Klasse ein Referat gehalten habe.

3. L. Sprague de Camp & Fletcher Pratt, The Enchanter Stories

Die Prämisse: Harold Shea, abenteuerlustiger Psychologe, entdeckt eine Methode, sich und diverse Gefährten in Sagenwelten zu versetzen, und verbringt einen Großteil seiner Zeit damit, alle wieder sicher nach Hause zu bringen.
Diese Geschichten haben sich nur mäßig gehalten. Die Heldenfiguren sind zu typenhaft. Es sind zwar keine Schwertschwingerhelden, aber allen Genrelesern zu bekannt ist der Schelm, den es in die Fantasywelt verschlägt, und der sich mit seinem Wissensvorsprung und gutem Aussehen die Herzen der Einwohnerinnen erobert.

Aber die Idee ist schön, die Helden in verschiedene Epen und Mythologien und zu versetzen. Sie landen in der Edda, in Coleridges „Xanadu“, in Spensers Faerie Queene, in Orlando Furioso und im finnischen Sagenzyklus Kalevala. Es war schön, beim Wiederlesen zu erkennen, was ich damals mit vierzehn oder fünfzehn aus diesen Geschichten gelernt habe: Spenser bin ich dort begegnet, so dass ich schon im ersten Semester wusste, wie man ihn schreibt. Ebenso dem irischen Helden Cuchulain, auch wenn das mit der richtigen Aussprache noch länger gedauert hat. Das gleiche filt für das Wort „geas“ und dessen Aussprache. Mit meinem bruckstückhaften Wissen um das Kalevala konnte ich im ersten Semester an der Uni Smalltalk mit einer finnischen Studentin machen. Aus den Geschichten weiß ich auch, dass Polizisten in New York dem Klischee nach Iren waren (nutzbar beim LK Thema Immigration => Tammany Hall).

Man kann wirklich aus fast allem etwas lernen.

Erwähnenswert ist noch die Idee, dass Magie in diesen Geschichten nur funktioniert, wenn sie von Gedichten begleitet ist. Stabreim-Kurzzeilen im Edda-Abenteuer, trochäische Vierheber im Kalevala (im finnischen Original noch interessantere Strophenform). Zur Not improvisiert der Held gerne mal mit ein paar abgewandelten Zeilen Kipling oder Shelley.

Einmal kommt der Held nur davon, indem er The Ballad of Eskimo Nell aufsagt. In der Geschichte werden nur ein paar Zeilen dieses Gedichts genannt. Ich verlinke das hier nur mal in ganz kleiner Schrift als, hm, Erfahrungsgewinn für die Leser, die bisher durchgehalten haben.

Das definitive Buch zum Helden, den es in eine Welt der Literatur verschlägt, ist übrigens Silverlock von John Myers Myers. Vor ein paar Jahren habe ich es wieder gelesen, immer noch toll. Keine Genreliteratur. Mehr muss bis zu einem eigenen Blogeintrag warten, hier nur ein Ausschnitt aus „The Ballad of Bowie Gizzardsbane“ – eine Nacherzählung der Belagerung der Alamo in germanischer Stabreimdichtung:

Fame has its fosterlings, free of the limits
Boxing all others, and Bowie was one of them.
Who has not heard of the holmgang at Natchez?
Fifty were warriors, but he fought the best,
Wielding a long knife, a nonesuch of daggers
Worthy of Wayland. That weapon had chewed
The entrails of dozens. In diverse pitched battles
That thane had been leader; by land and by sea
Winning such treasure that trolls, it is said,
Closed hills out of fear he’d frisk them of silver.
Racing now westward, he rode into Bexar,
Gathered the garrison, gave them his orders:
„Houston the Raven is raising a host;
Time’s what he asks while he tempers an army.
Never give up this gate to our land.
Hold this door fast, though death comes against us.“

(Literarisch befinden wir uns da gerade in Beowulf-Nähe. Am besten laut lesen.)

Clarke’s Three Laws

Über den Tod von Arthur C. Clarke steht sicher anderswo viel. Mein Favorit, mit dreizehn gelesen, Jahre später wiederentdeckt, ist „Die neun Milliarden Namen Gottes“. (Daneben noch Astounding Days. A Science Fictional Autobiograpy über die Jahre mit Astounding Stories unter verschiedenen Herausgebern.)

Statt vieler Worte eine Auffrischung von Clarkes drei Gesetzen:

1. When a distinguished but elderly scientist states that something is possible, he is almost certainly right. When he states that something is impossible, he is very probably wrong.

2. The only way of discovering the limits of the possible is to venture a little way past them into the impossible.

3. Any sufficiently advanced technology is indistinguishable from magic.

Das dritte Gesetz ist das bekannteste.

Nachtrag: Auch noch zu empfehlen sind seine Tales from the White Hart (dt. Geschichten aus dem Weißen Hirschen). In diesem Pub in der Nähe der Fleet Street, so die Fiktion, treffen sich Journalisten, Schriftsteller, Wissenschaftler und Herausgeber, trinken ein paar Pints, und irgendwer erzählt immer eine Geschichte – über das Abrichten fleischfressender Pflanzen, einen Riesenoktopus, das Ausschalten von Schallwellen und anderes Kurioses. Ich mag ja solche Geschichten, ob von Lord Dunsany, Spider Robinson, Arthur C. Clarke oder L. Sprague de Camp und Fletcher Pratt.

The Night the Martians Came

Mein LK liest gerade The Martian Chronicles von Ray Bradbury, bei Gelegenheit erzähle ich davon. Ich mag das Buch sehr und ich glaube, man auch sehr viel damit im Unterrricht machen. Im Moment läuft fast alles über Referate; ich habe dreißig Themen ausgegeben, jeder der 20 Schüler suchte sich eines aus. Mit den Referaten bin ich zufrieden (muss ich den Schülern aber auch mal sagen); es ist schön, Referate zu hören, bei denen die Referenten Kenntnis des Texts voraussetzen können, und bei denen die Zuhörer auch wirklich etwas Neues gesagt bekommen. Die Themen bauen auf einander auf.

Aber zwanzig Referate zu einem Buch sind zu viel, auch wenn sich der Kurs gut hält und die Themen abwechslungsreich sind. Trotzdem möchte ich nächstes Mal lieber ein zusätzliches Buch lesen und für jedes der Bücher zehn solcher Referate einplanen. Wenn man die Schüler fragt, liest ein Teil gerne, ein anderer nur ungern ein weiteres Buch im Kurs. Keine große Überraschung. (Shakespeare lesen wir ja auch noch, aber da kann ich keine vergleichbaren Referate aufgeben.)

Gestern habe ich eine Stunde zu War of the Worlds gemacht. Kurz den Hintergrund erklärt, H.G. Wells als Autor des Buch, die Filmversionen angesprochen und schließlich den Hintergrund zur berühmten Radiofassung gegeben. Ganz kurz: Wunderkind Orson Welles führte Regie bei der wöchentlichen Radioserie The Mercury Radio Theatre. In jeder Episode wurde ein Roman als Hörspiel dramatisiert. Halloween 1938 war es H.G. Wells‘ Krieg der Welten.

Die Show beginnt mit einem Wetterbericht, dann einer – damals üblichen – Übertragung von Tanzmusik aus dem Ballsaal eines Hotels. Eingeschoben ein kurzer Newsflash über merkwürdige Explosionen an der Marsoberfläche. Mehr Tanzmusik. Mehr Nachrichten. Interviews mit einem Astronom. Und schließlich die Nachricht, dass wohl ein Meteorit in New Jersey eingeschlagen sei. Das Radioteam fährt raus und interviewt die umstehenden. Da öffnet sich der vermeintliche Meteorit, irgendetwas mit Tentakeln kommt heraus, hysterisches Durcheinander und dann mittten im Satz Stille. Ein paar Sekunden lang. Ein Sprecher aus dem Studio entschuldigt sich für technische Probleme bei der Übertragung.

Soviel haben wir dann auch etwa angehört vom Stück, die ersten zwanzig Minuten. Ich hatte vorher die Handlung erklärt, weil Radioaufnahmen nicht leicht zu verstehen sind. Zur weiteren Erleichterung habe ich dann an der Tafel gleich mitgezeichnet: Den Mars (rote Kreide war zufällig da), die Erde, Explosionen an der Marsoberfläche, ein Observatorium mit Teleskop. Zettelchen mit Städtenamen dran. Vieleviele Strichmännchen. Einschlagkrater, eine Farm, Autos. Ein Foto gibt’s leider nicht davon, ich musste ja auch immer wieder wegwischen, wenn die Handlung weiterging.

Eigentlich war das nicht nur zu Erleichterung für die Schüler, sondern damit ich etwas zu tun hatte und mich ablenken konnte.

Was diese Radiosendung so berühmt gemacht hat, war die Massenpanik, zu der sie führte. Leute flohen aus New York, liefen aus ihren Häusern, suchten bei Kirchen, Politikern und Polizei um Hilfe. Wer nicht genau hingehört und schwache Nerven hatte, glaubte wirklich an eine Invasion. Grund für schwache Nerven gab es: Einen Monat zuvor war im Münchner Abkommen zwischen Hitler, Mussolini, Dadalier und Chamberlain auf Kosten der Tschechoslowakei ein Krieg abgewendet worden. Aber der Friede war unsicher.

Über die Gründe der Panik ist viel geforscht worden, ein paar Hinweise und Links gibt es in diesem Aufsatz von William Tenn. Den habe ich als Jugendlicher viel gelesen; in der 7. Klasse hielt ich ein Referat über seine Kurzgeschichte „Der zitronengrüne, spaghettilaute Tag“ aus einem alten Heyne-SF-Band. Vor ein paar Tagen habe ich ein Werkausgabe zu lesen begonnen. Die Geschichten haben sich sehr gut gehalten.
Im Tenn-Aufsatz habe ich auch erfahren, dass 1947 die Sendung in Ecuador wiederholt wurde – mit Schauplatz Ecuador statt USA. Die Panik soll noch ärger ausgefallen sein.

Einem Schüler war übrigens als Unstimmigkeit aufgefallen, dass alles so schnell geht: Interview im Observatorium, ein bisschen Musikübertragung, dann ist der interviewte Astronom schon draußen auf einer Farm und spricht dort ins Mikrophon. Das geht natürlich nicht anders, wenn man eine größere Handlung in 60 Minuten packen muss. Aber vielleicht fällt einem das beim Hören nicht auf, da man diese Art des Erzählflusses von der Fiktion ja gewohnt ist.