Ernest Cline, Ready Player One

Von Gary Larson gibt es einen Cartoon. „Hopeful Parents“ steht darunter, und man sieht ein eher dümmlich aussehendes Kind mit einer Spielekonsole gebannt vor dem Bildschirm sitzen, während die dahinter stehenden, stolz zusehenden Eltern eine Vision von zukünftigen Stellenanzeigen haben: „Nintendo Expert Needed. $50,000 salary + bonus“ und „Looking for good Mario Brothers Player $100,000 plus your own car.“

Dieser Cartoon könnte der Ausgangspunkt von Ready Player One von Ernest Cline gewesen sein. Wie müsste eine Welt beschaffen sein, in der es wirklich etwas bringt, Computerspiele spielen zu können? Und noch einen Schritt weiter: Wie müsste eine Welt beschaffen sein, in der es einen zum Helden macht, sich in japanischen und amerikanischen Fernsehserien der 1980er Jahre auszukennen, und in den Büchern, Filmen, Musikgruppen und Spielen dieser Zeit? Die Antwort gibt der Plot dieses Buches.

(Das ist übrigens durchaus meine Zeit. Gut, mit Japan habe ich nicht viel zu tun gehabt. Aber viele der zitierten Fernsehserien, Computer und Spiele – etwa: Joust, Centipede, Family Ties, Pacman, D&D, TRS-80, K.I.T.T., Wargames – kenne ich. Mir war lang vor den Spielfiguren klar, worauf sich der geheimnisvolle Hinweise auf eine „trophy case“ beziehen muss. Mich wundert aber, dass sich das alles in einem 2011 erschienenen Jugend-Science-Fiction-Roman findet. Dass meine Generation das kennt und gerne daran erinnert wird, klar, aber dass auch junge Leute da durch wollen?)

Ready Player One spielt in den 2040er Jahren, in einer mäßig dystopischen Zukunft. Böse Konzerne kontrollieren nicht alles, aber doch eine Menge. Viele Menschen halten sich einen großen Teil ihrer Zeit in der OASIS auf – eine Art Kreuzung aus World of Warcraft und Second Life kombiniert mit der Allgegenwart von Facebook; ein Spiel und eine Simulation zugleich. Auch Schulunterricht kann gleich ganz dort stattfinden – auf einem Schulplaneten ohne Magie und Kampfmöglichkeit, versteht sich.
Der Erfinder und Programmierer dieser Spiel-Simulation, eine verschrobene Kreuzung aus Steve Jobs und Bill Gates, steinreich, Fan der 1980er Jahre, stirbt einige Jahre vor Beginn der Handlung. Er hinterlässt ein Testament: In der OASIS hat er ein Easter Egg versteckt, eine Überraschung; wer es findet, erbt sein gesamtes Vermögen und die Kontrolle über die OASIS. Es gibt eine erste verrätselte Spur, der Rest liegt in der Hand der Spieler.
Aber das Rätsel ist schwer, erst mal kommt niemand voran. Nach anfänglichem weltweiten und allgemeinen Enthusiasmus ist es nur noch die Subkuktur der easter egg hunters oder gunters, die die Suche noch nicht aufgegeben hat.
Einer von ihnen – Wade, alias Parzival, jugendliche Hauptperson des Romans – löst das erste Rätsel und damit eine weltweite Sensation aus. Ein böser Konzern setzt eine Armee von tausenden von bezahlten Spielern ein, um ihm und seinen Mitstreitern – oder Konkurrenten – zuvorzukommen und schreckt auch vor Verbrechen bis hin zum Mord in der realen Welt nicht zurück, um dieses Ziel zu erreichen.
Die Schnitzeljagd, die letztlich zum versteckten Easter Egg führt, erfordert alles Wissen, das die Spieler um die Populärkultur der 1980er Jahre angesammelt haben, und all ihre Fähigkeiten im Spielen von Computerspielen dieser Zeit.

— Ich habe das Buch als ungekürztes englischen Hörbuch gehört. Das hat sich so ergeben; an sich bin ich mit Hörbüchern nie sehr warm geworden, und ich höre sicher weniger konzentriert zu und verpasse mehr, als wenn ich das Buch direkt lesen würde. Deshalb mache ich das auch nur bei Büchern, die mich nicht so brennend interessieren. Aber vielleicht tue ich dem Buch einach unrecht, weil es es als Hörbuch einfach schwer hatte.

Ready Player One kam mir ziemlich lang vor. Auf viele Details hätte ich gerne verzichtet. Gleichzeitig lässt das Buch auch viel aus. Typisch sind Sätze wie: „I performed a few final tasks related to my escape plan, then logged out of the IOI intranet for the last time.“ Was waren das für „final tasks“? Spielt keine Rolle. Dann bitte gleich weglassen.
Die jugendlichen Helden sind ziemlich klischeehaft. Der erste Kuss, zu dem es ganz am Schluss kommt, ist genau so, wie man ihn sich immer vorgestellt hat:

It felt just like all those songs and poems had promised it would. It
felt wonderful. Like being struck by lightning.

Auch sonst ist das Geheimnis jedes Hackers: wahre Liebe. Wenig überraschend, aber keinesfalls genügend vorbereitet, kommt auch am Schluss die Erkenntnis, dass die reale Welt vielleicht doch besser ist als die virtuelle.

Und doch, ich habe das Buch bis zum Ende angehört, und das nicht ungern. Ich höre einfach gerne Geschichten um Computerspiele und die 1980er. Der Roman ist voller bekannter Topoi. Wie bei Frau Holle geht der Held in eine Höhle („cave“), steckt ein ausgestecktes Pacman-Spiel ein („spiel mich, spiel mich“) und wird daraufhinreicht belohnt, während seine bösen Parallelfiguren leer ausgehen.

Aufgefallen ist mir eine Paralle zum Film Matrix. Und das geht ganz ohne Aliens oder Maschinen, die die Menschen gegen ihren Willen und ohne dass sie es wissen dazu zwingen, in einer computergenerierten virtuellen Welt zu leben. Das machen die freiwillig. Einen Retter gibt es da wie dort, und Superfähigkeiten, die man sich einfach hinzuladen kann. Zugegeben, in der OASIS sind es eher magische Artefakte, aber das läuft auf das gleiche hinaus.

Interessant war das Finale: Eine große Schlacht, mit den gesammelten gunters, einem Großteil der aktiven Spieler also, gegen die gesammelten Spielfiguren des Bösen, alle auf einen Planeten, alle aufeinander drauf. So ähnlich wie die Schlacht um Helms Klamm im Herrn der Ringe. Aber die Schlacht ist um eine weitere Ebene vom Leser entfernt, und ihm deshalb viel näher. Beim Herrn der Ringe muss man sich in die Elben und Zwerge und Orks hineinversetzen, um in der Schlacht mitzufiebern; in Ready Player One muss man sich gar nicht groß in die tausenden teilnehmende Spieler versetzen, man erlebt ja ohnehin nur ihre Spielfiguren. Die namenlosen Spieler machen stellvertretend für uns bei der Schlacht mit, und sich mit einem solchen Computerspieler zu identifizieren, das fällt leicht. Ganz früher spielten Abenteuer in fernen Ländern; als die rar wurden, spielten sie im Weltraum; wenn der immer bekannter wird, muss man sie in virtuellen Welten spielen lassen. Dort kann man wieder problemlos Schwert und Laser schwingen, und ohne echte Tote. Und Geschichten geschehen ja auch tatsächlich dort, siehe diese Aufstellung der 7 Biggest Dick Moves in the History of Online Gaming. (Weitere Geschichten hier, hier, hier.)

(Eine andere Art der Virtualisierung wird auf der Büchereite der FAZ beschrieben: Traumüberwachung im Jugendbuch. Anscheinend gibt es gerade einen Schwung Jugendbücher, in denen Träume eine wichtige Rolle spielen, in denen man die Träume anderer auslesen oder manipulieren oder gemeinsam träumen kann. Die Analogie zur virtuellen Computerwelt fällt der FAZ auf; in ein paar Jahren brauchen wir vielleicht den Umweg über Träume nicht mehr, sondern können gleich über Technik schreiben.)

— Übrigens hat der Autor mit dem Erscheinen der Taschenbuchausgabe offenbart, dass es auch im Roman selber ein Easter Egg gibt. Wie im Buch gab es eine Webseite dazu, eine Bestenliste, und am Schluss einen DeLorean zu gewinnen. Die Rätsel wurden inzwischen gelöst, der Preis vergeben; ich war nur nicht interessiert genug, mich über die Details des Easter Eggs zu informieren.

8 Antworten auf „Ernest Cline, Ready Player One“

  1. Mist, das mit dem DeLorean hätte ich wirklich früher mitkriegen müssen. Aber das Hörbuch kommt trotzdem auf meine Wunschliste fürs Zur-und-von-der-Arbeit-Pendeln :)

  2. Halb Off Topic:
    Die Eltern hatten begründete Hoffnung. Die Gehälter erfolgreicher E-Sportler sind mittlerweile sehr, sehr hoch.

  3. Richtig gut ist das Buch nicht, Jörg, aber für Kinder der Achtziger interessant – und nachdem das ein preisgekrönter Bestseller ist, ist es vielleicht besser, als ich glaube.

    E-Sportler… ich hätte nicht gedacht, dass es das immer noch gibt, aber kurze Recherche: tatsächlich, ganz groß sogar.

  4. Englische Fassung gelesen von Wil Wheaton. Wil Wheaton!!!111einself! Hast du seine Hörbuch-Fassung von „Homeland“? Total bizarr – der Protagonist und Erzähler, gelesen von Will Wheaton, trifft auf dem Burning Man Festival Wil Wheaton, gelesen von Wil Wheaton.

  5. „Homeland“ habe ich in keiner Form. Wil Wheaton taucht in „Ready Player One“ auch auch, zusammen mit Cory Doctorow, aber nur in einem gemeinsamen Nebensatz.

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