U. Poznanski, Erebos

poznanski_erebosNachdem mir im Lauf des letzten Jahres mein Neffe aus der 6. Klasse das Buch empfohlen hat, dann ein Schüler aus der 8. Klasse, und eine wenig lesende Elftklässlerin ebenso, musste ich es nun doch lesen. Es hat also etwas gedauert; ich bin bei deutscher Jugendbuchliteratur generell skeptisch, bei dicken Büchern auch, und wenn es dann auch noch um Computer geht, ist mir das auch eher ein Warnsignal. 486 Seiten.

(Weitgehend spoilerfrei, nachdem alle Prämissen geklärt sind.)

Ausgangspunkt der Geschichte: An einer Schule in London benehmen sich einige Schüler ungewöhnlich. Fehlen in der Schule, sind übermüdet, vernachlässigen ihre bisherigen Freizeitaktivitäten und Freunde. Die Ursache, das kriegt die junge Hauptperson Nick bald heraus, ist ein Computerspiel, das heimlich von Hand zu Hand herumgereicht wird. Auch Nick kommt bald an das Spiel und ist genauso davon fasziniert wie die anderen.

Es handelt sich um ein Fantasy-Online-Spiel, vergleichbar mit World of Warcraft, vielleicht eine Nummer kleiner als das. Man erschafft sich eine Spielfigur, läuft mit dieser in der Fantasywelt herum, trifft Nichtspielercharaktere und andere Spieler, erschlägt verschiedene Monster und verbessert die Punktewerte der Figur und deren Ausrüstung.

Das Spiel ist so gut, so spannend, dass die Spieler stunden- und nächtelang spielen, und dann eben auch mal nicht in die Schule gehen. Außerdem hat das Spiel einige weitere ungewöhnliche, geradezu geheimnisvolle Aspekte, was seine Verbreitung und die Geheimhaltung darum betrifft. Und es weiß zumindest scheinbar mehr über den Spieler, als eigentlich möglich ist.

Wenn ein Spieler schneller aufsteigen möchte, oder die Spielfigur kurz vor dem Tod im Spiel steht, macht das Spiel in Form eines wichtigen Nichtspielercharakters ein Angebot. (Nichtspielercharaktere: Figuren in diesen Spielen, die vom Computer gesteuert werden, also Monster, Stadtbevölkerung, Händler, diverse Auftraggeber; können mehr oder weniger individuell gestaltet sein.) Man kriegt Extrapunkte, wird geheilt, steigt schneller auf, wenn man kleine Aufträge erledigt – Aufträge in der wirklichen Welt, in London. So muss Nick etwa ein Päckchen an einer genau bezeichneten Stelle abholen und anderswo deponieren. Nach und nach werden die Aufträge immer ominöser, und natürlich erhalten auch andere Spieler solche Aufträge.

— Als Buch selber war Erebos für mich wenig ergiebig. Es ist völlig humorlos; keine der Person macht eine irgendwie nennenswerte Entwicklung durch. Dabei geschehen durchaus dramatische Sachen, und doch ist am Schluss eigentlich alles wieder wie vorher. Das kann durchaus eine starke Wirkung haben, etwa in Goldings Herr der Fliegen, wenn die Erwachsenen die Kinder von der Insel abholen und gar nicht mitkriegen, was dort alles geschehen ist: Das bedeutet, dass all das, was auf der Insel zum Vorschein gekommen ist, bei passender Gelegenheit jederzeit wieder da sein kann. Bei Erebos wird dadurch aber nichts über das Wesen des Menschen ausgesagt. Da kommt der Leser heraus mit einem: „Oh, cool, wenn es so ein Spiel wirklich gäbe!“ Aber gut, nicht jedes Jugendbuch muss auch für mich als Erwachsenen gewinnbringend sein.

Das Buch hatte aber auch interessante Aspekte für mich. Gut getroffen: Als Leser kommt mir das Streben der jugendlichen Spieler, den Punkten in diesem Spiel hinterherzurennen und Level aufzurüsten, so überhaupt nicht nachvollziehbar und ziemlich sinnlos und oberflächlich vor. Andererseits: So sinnlos und oberflächlich ist es ja auch. Ist also nur konsequent.
Die beschriebene Fantasy-Welt ist entsetzlich öde und flach, zweidimensional, klischeehaft. Wie soll die Spieler in ihren Bann ziehen? Das ist nichts von dem Detailreichtum, den es etwa bei Tolkien gibt. Man hat den Fantasy-Mischwald geradezu vor Augen, bestehend aus maximal drei verschiedenen Baumtypen, fein säuberlich immer einer nach dem anderen aufgestellt. Das liest sich fade, und das soll so überwältigend faszinieren?

Andererseits: Damit ein echtes Spiel Leben gewinnt und eine Geschichte entwickelt, dazu braucht es gar nicht viel. Selbst bei so einema bstrakten Spiel wie Schach kann in einer Partie viel Drama stecken, da gibt es Angriffe und Hinterhalte und Finten und verloren geglaubte Schlachten – genug für eine Geschichte. Und echte Online-Rollenspiele bieten auch genügend Gelegenheit dazu, in einem Blogeintrag habe ich mal auf zwei Seiten bei Cracked.com verlinkt, mit Geschichten aus der MMORPG-Welt. Da gibt es schon tolle Sachen – weit faszinierendere als bei dem Erebos-Spiel. Dessen Faszination bleibt für mich nicht nachvollziehbar, die muss ich als gesetzt hinnehmen.

Was mir als Spielerfreund fehlt: „Gaming the system“, das Spiel als solches erkennen und dessen Lücken ausnutzen. Gibt es in Wirklichkeit viel, im Buch nicht, da spielen die Figuren so, wie sie sollen. In Wirklichkeit sind Spieler kreativer – gut, vielleicht nur die Spieler, die ich verstehe.

Gefallen hat mir wiederum der Gedanke, durch Botendienste außerhalb des Spiels schneller Punkte zu kriegen. Denn das erinnert mich sehr an das Konzept in-game purchase, das es bei vielen kostenlosen Spielen kriegt. Da kann man sich auch mühsam Punkte erarbeiten, oder nach Verletzung zwölf Stunden Pause machen, um zu heilen – aber wenn man keine zwölf Stunden (Echtzeit!) warten oder doch halt gleich sofort bitte das mächtige Schwert haben möchte, dann muss man mit echtem Geld bezahlen.

Nicht gefallen hat mir die Willkür des Spiels beziehungsweise der Nichtspielfigur, die die Verhandlungen mit der Spielfigur führt. Der wirkte eher unberechenbar und großzügig-gönnerhaft wie ein Sektenführer oder Drogendealer aus dem Kino. Als echter Spieler hätte mich das abgeschreckt, da möchte ich mehr Berechenbarkeit.

Gut gefallen: Die heldenhafte Musik, die man hört, wenn man als Spieler auf dem richtigen Weg ist. Wie einfach man als Spieler doch zu manipulieren ist.

Nicht gut gefallen: Erwachsene spielen keine Rolle, kommen nur zum Aufräumen vorbei. Selbst nach dem eigentlichen Höhepunkt kümmern sich die jugendlichen Helden selber noch um viele Sachen. („Adults are useless.“)

Technisch begeht das Buch keine größeren Fehler, lässt sich aber auch wenig zu konkreten Aussagen hinreißen. Computer funktionieren halt irgendwie semi-magisch, vermutlich mit einem dieser Algorithmen, von denen man so viel hört. (Einmal steht IP-Adresse, wo es MAC-Adresse heißen müsste bei der Identifizierung eines Rechners.)

Bei Erebos wird am Schluss nichts offen gelassen. Bei einem großen Treffen gestehen sich die Jugendlichen, welche Spielfigur sie in der Fantasy-Welt waren. Da hätte man mehr daraus machen können; bei den meisten war es unmöglich und auch nicht beabsichtigt, irgendwie darauf zu kommen, wer wer war. Schöner wäre es, mehr Hinweise zu geben, aber dazu hätten die Charaktere vielleicht mehr Eigenleben entwickeln müssen – so waren fast alle nur Namen, vielleicht noch mit einem Label „die Schüchterne“ versehen.
Vor ein paar Jahren hat der Fotograf Robbie Cooper eine Ausstellung gemacht, „Alter Ego“ (Buch dazu kriegt man im Online-Buchhandel), in der es Fotos von Computer-Rollenspielern und ihren Avataren gegenüberstellte. Online unter http://www.robbiecooper.org/small.html, und dann im Menü „simulations / alter ego / photos ->“ auswählen.

Als Schullektüre: Vielleicht in der 6. Klasse? Gefällt dann auch den Jungs, die sonst wenig lesen. Komisch, aber wenn die Wenigleser mal was lesen, dann immer diese dicken Schinken. Tatsache ist jedenfalls, dass das Buch bei Schülern wohl sehr gut ankommt, und bei einigen Erwachsenen, die ich kenne, auch.

Wer ansonsten mal sehen will, wie reich so eine Welt sein kann, schaut sich mal Dwarf Fortress an.

(Mitten im Buch hatte ich kurz die Idee: Der oberböse Gegenspieler des Spiels, von dem gelegentlich die Rede ist, stellt sich als – sagen wir – „der Büchermeister“ heraus. Das Spiel versucht Leute für sich zu rekrutieren, mit dem Spiel, und der Büchermeister auch, mit einem Buch, und zwar mit eben dem, das man gerade liest. Schade nur, dass dank des Buchs dann trotzdem alle Leser das beschriebene Spiel toller finden werden als das Buch – das gedruckte Wort als Eigentor. Und überhaupt ist das dann doch eine eher wirre Idee, gerne wieder vergessen.)

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6 Thoughts to “U. Poznanski, Erebos

  1. Habe das Buch letztes Halbjahr mit einer 7. gelesen, die Schüler waren durchwegs begeistert, ich fand das wahnsinnig langweilig, aber gut. Der Köder und Fisch und so… Die üblichen methodischen Geschichten (Charakterisierung, Erzählperspektive usw) kann man ja trotzdem einüben.
    Es gibt dazu übrigens auch eine PDF Datei mit Handreichungen für den Unterricht vom Löwe Verlag, diese taugen aber maximal als Impulsgeber und nicht, um ganze Stunden daraus zu übernehmen.
    Wesentlich besser und ergiebiger fand ich (allerdings erst in einer 8.) Die Tribute von Panem.
    Gruß,
    Martin

  2. Ist zwar nichts für den Unterricht, aber ein SEHR guter Computerspielthriller: Neal Stephenson: „Reamde“ (Auf deutsch: Error) Da hat die ganze Welt auch eine Bedeutung, aber wie immer machts Stephenson nicht unter 1000 Seiten. Lohnt sich aber.
    Gruß, Stefan

  3. >Als Leser kommt mir das Streben der jugendlichen Spieler, den Punkten in diesem Spiel hinterherzurennen und Level aufzurüsten, so überhaupt nicht nachvollziehbar und ziemlich sinnlos und oberflächlich vor. Andererseits: So sinnlos und oberflächlich ist es ja auch. Ist also nur konsequent.
    Die beschriebene Fantasy-Welt ist entsetzlich öde und flach, zweidimensional, klischeehaft. Wie soll die Spieler in ihren Bann ziehen?

    Das könnte auch die Beschreibung eines komplett Fussballdesinteressierten sein. Obwohl absolut sinnlos, sind Hunderte von Millionen davon begeistert.
    Oder die Aussage einer Frau, die der seltsamen, für sie nicht nachvollziehbaren Faszination von Doom, absolut fassungslos gegenüber steht. (Das letzte Spiel, das ich bei Lan-Parties zuletzt, selten zwar, aber immerhin, nächtlang gespielt haben.)

  4. Ein Kollege hat das Buch auch mal in der Schule gelesen, Unterstufe, kam sehr gut an. Wie Martin schreibt, den Schülern muss es gefallen, und dem Lehrer muss etwas einfallen, das man mit dem Buch machen kann. Ich hatte selber schon schlimmere Lektüren, und aus denen etwas gemacht.

    „Reamde“ klingt gut, merke ich mir. Aber vor tausend Seiten überlege ich inzwischen reiflich…

    Mein Gedankengang, Kei, ist eher der: eine detailarme, oberflächliche Fantasywelt kann im Spiel faszinieren (wobei die guten Spiele besser sind als das im Buch), aber im Buch sieht man dann erst, wie flach sie wirklich ist, wenn man sie mit detailreichen Fantasywelten in anderen Büchern vergleicht.

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