Arthur Conan Doyle, Der Hund der Baskervilles


Schullektüre in der 7. Klasse, Abstimmung nach einigen Vorschlägen; dieser Vorschlag kam von der ansonsten wenig ergiebigen Liste an Lektürevorschlägen des Kultusministeriums für diese Jahrgangsstufe.

Die Schüler und Schülerinnen lasen das Buch erst einmal zu Hause und sollten dabei für jedes Kapitel eine kurze Inhaltsangabe schreiben – in Stichpunkten oder als Fließtext, was die meisten wählten – und was ihnen dabei aufgefallen ist; außerdem eine Liste der Schauplätze anlegen. Ich möchte das nicht Lesetagebuch nennen; etwas Ähnliches kennt die Klasse vom Vorjahr bei einem anderen Buch.

Kurzes Inhaltsverzeichnis dieses Blogeintrags:

1. Fragen und Anmerkungen der Klasse 7a zu Der Hund der Baskervilles
2. Vorläufig unerklärte Vorfälle und andere Merkwürdigkeiten
3. The Game
4. Weitere Sachen, die man machen kann

1. Fragen und Anmerkungen der Klasse 7a zu Der Hund der Baskervilles

Nach der Lektüre haben die SuS in Gruppenarbeit ihre Unterlagen verglichen und ergänzt. (Das Vergleichen klappt gut, das Ergänzen weniger.) Außerdem sollten sie Fragen an das Buch stellen, die wir dann nach und nach beantworten würden. Ich tippte die Fragen dann im Klassenzimmer in den Rechner, sortierte sie ein wenig um und gab den SuS einen Ausdruck, um ihn ihrem Geheft beizulegen.

  1. Was wäre, wenn Selden Holmes getötet hätte?
  2. Was wäre, wenn der Hund überlebt hätte?
  3. Wie ist Selden ausgebrochen?
  4. Was wäre, wenn Stapleton überlebt hätte?
  5. Was wäre, wenn Sir Charles überlebt hätte?
  6. Was wäre, wenn Beryl Stapleton Mittäterin wäre?

Das sind die Fragen, zum Großteil kontrafaktische, die ich selber nicht sehr interessant finde. Aber klar, muss man dann auch drüber reden. Nur Frage 6, ide interessiert mich sehr – auf die möchte ich nachher noch einmal zu sprechen kommen.

  1. Das Klauen des Schuhs macht keinen Sinn, da der Geruch des Besitzers schnell verschwindet?
  2. Wieso nimmt Stapleton den Schuh mit, als er ins Moor flüchtet?
  3. Wieso geht der Hund nicht näher an Charles Baskerville heran, als der tot ist?

Fragen 7-9 habe ich gruppiert, weil die Antwort auf alle nämlich lautet: Weil der Autor schlampig gearbeitet hat bzw. es gibt keinen guten Grund innerhalb der Handlung dafür. Das haben die Schüler und Schülerinnen klug erkannt. Außer es gibt etwas, das allen entgangen ist, einschließlich Sherlock Holmes – dazu später mehr.

  1. Was stellt das Titelbild der Ausgabe dar?

Wir recherchierten und fanden den Namen des Fotografen heraus, der wiederum für eine Agentur arbeitet, die Bilder für Buchcover anbietet. Wir blickten ein bisschen ins Sortiment. Fazit: Das Titelbild stellt eine generisch spannend Szene dar, die aber mit der konkreten Handlung nichts zu tun hat. (Hier alle Bilder des Fotografen bei dieser Agentur.)

  1. Wer ist eigentlich die Hauptperson, Watson oder Sherlock Holmes?

Das ließ sich durch einen Lehrervortrag klären: Doyle hatte Sherlock Holmes satt, ließ ihn mit dem dafür erfundenen Moriarty die Reichenbach-Fälle hinunterstürzen und sterben – vermeintlich, wie sich ein paar Jahre später herausstellte, als Holmes zurückkehrte. Der Hund der Baskervilles war der erste Roman nach dieser Pause, und auch der spielte in der Frühzeit der Partnerschaft, also vor dem scheinbaren Tod. Dennoch hatte Doyle wohl keine rechte Lust auf Holmes, und so lässt der Watson den Großteil der Handlung über allein.

  1. War das SH Büro oder seine Wohnung am Anfang?
  2. Wurde SH eigentlich bezahlt?
  3. Lebt Watson bei SH oder was?
  4. Wo haben Holmes und Watson ihre Waffen her?

Schöne Fragen, die den Alltag betreffen. Beim Guardian gibt es einen Grundriss der Wohnung. Es gibt keine Grenze zwischen Wohnung und Büro, und Watson und Holmes leben berühmtermaßen zusammen. Und ja, das Geschäftsmodell von Sherlock Holmes ist nicht sehr überzeugend. Im Hund wird tatsächlich nie über Geld geredet, alles reine Gentleman-Sache. Klar wird sich Henry Baskerville am Ende nicht lumpen lassen, aber so richtig der Klient ist er eigentlich auch nicht. – Es war für Holmes und Watson zwar schon etwas Besonderes, eine Waffe mitzunehmen, aber an Waffen zu kommen war damals wohl nicht sehr reglementiert.

  1. Kein spannendes Kapitel
  2. Warum haben die am Anfang so viel gesprochen und am Ende nicht? Warum so viel Dialog am Anfang und dann nicht mehr?
  3. Manche Kapitel spannend, bei anderen passiert gar nichts
  4. Spannend erst ab dem 6. Kapitel

Dazu habe ich den Begriff Exposition eingeführt. Am Anfang wird Holmes recht klassisch vorgestellt, und dannt gerät er in den Hintergrund und die Atmosphäre von Dartmoor übernimmt. Was man spannender findet, da unterschieden sich die Meinungen.

  1. Welche Farbe hat Phosphor/wieso leuchtete der Hund?

Ließ sich klären. Reiner Phosphor wird es ja wohl eh nicht gewesen sein.

  1. Warum wird so oft erwähnt, dass Dr Mortimer gerne Schädel untersucht? Das hat doch gar keinen Einfluss auf die Geschichte?

Die einfachste Antwort: Um ihn als Mann der Wissenschaft auszuweisen, was Holmes mehrfach lobend erwähnt. Damit hätten wir auch ein Motiv des Romans, den Gegensatz zwischen Wissenschaft und Aberglauben. (Wobei das Schädelvermessen ja schon arg an der Grenze zur seriösen Wissenschaft schwimmt.)

  1. S. 47 „bedeuten“ ausgeschnitten → taucht S. 44 gar nicht auf!

Eine sehr kluge Leserin, der das aufgefallen ist: Im Buch gibt es einen anonymen Brief, aus Zeitungszeilen ausgeschnitten, dessen Text lautet: „Halten Sie sich vom Moor fern, wenn Ihnen Leben und Verstand lieb sind.“ Zwei Seiten später konstatiert Holmes, dass der Text mit einer Nagelschere ausgeschnitten worden ist, weil zweimal angesetzt werden musste, „um das Wort ‚bedeuten‘ auszuschneiden.“ Aber das Wort taucht im Brief gar nicht auf!

Tatsächlich ist das schlicht ein Fehler des Übersetzers. Überhaupt, der übersetzt auch „Murphy, a gipsy horse-dealer“ mit „ein als Pferdehändler tätiger Roma namens Murphy“. Aber erstens hätte in der Zeitung damals Zigeuner gestanden und nicht Roma, aber darüber kann man streiten; allerdings war der Murphy sicher kein Roma, sondern ein Irish Traveller oder Tinker – in England bezeichnete „gypsy“ oder „gipsy“ beides.

2. Vorläufig unerklärte Vorfälle und andere Merkwürdigkeiten

So begann ein Tafelbild von mir, und weder die Schüler und Schülerinnen noch die Kollegin, die im Rahmen gegenseitiger Besuche hinten drin saß, erkannten die Zeichnung:

Wie kann man das nur für eine Bratpfanne halten! Das ist eindeutig eine Lupe! Unter der Lupe waren dann VUV, RH, C und F:

  • VUV: Vorläufig unerklärter Vorfall. Dient zur Spannungssteigerung, und Krimis sind voll davon. (Verfolgung in London, geklauter Schuh, Hundespuren bei Leiche, Gerüchte um Hund im Moor.)
  • C: Clue, Hinweis, der später bei der Lösung des Falles einbezogen wird. (Die gestohlenen Schuhe, der Aschehaufen, der Brief von LL.)
  • RH: Red Herring, ein Hinweis oder VUV, der den Leser und/oder Detektiv auf eine falsche Fährte lockt, weil er dann doch nichts mit der Lösung des Falls zu tun hat. (Das Schluchzen der Frau in der Nacht, der kerzenwandelnde Butler nachts.)
  • F: Fehler des Autors (oder Übersetzers?), offene Fragen, für die es keine Antworten gibt.

Diese VUV wurden dann in Gruppenarbeit gesammelt und als Stichpuntke oder Randbemerkungen im erstellten Exzerpt notiert.

3. The Game

Im klassischen Krimi und auch in den meisten Tatort-Folgen gibt es Fakten (als VUV oder Clue oder Red Herring), die den Leser zu einer Interpretation in einer Richtung lenken: Ein gespenstischer Hund wars, oder Person X. Das nenne ich die exoterische Deutung (aber nicht, wenn ich mit Schülerinnen spreche). Am Ende stellt sich aber üblicherweise heraus, dass der Hudn nur ein Trick war oder Person Y die Täterin. Das nenne ich die esoterische Deutung der Fakten.

Aber warum da aufhören? Die Fakten des Krimis lassen sich sicher auch anders deuten. In Ein Fall für drei Detektive (1936) werden die Fakten eines Falles von drei Detektiven und einem Poliziste gleich auf vier verschiedene Arten gedeutet. (Siehe alten Blogeintrag dazu und zu ähnlichen Fällen.) Und gerade bei Sherlock Holmes gibt es seit Ronald Knox‘ Aufsatz „Studies in the Literature of Sherlock Holmes“ (1911) – wohl entstanden als Parodie auf Bibeldeutungen und -umdeutungen – die Tradition, die Werke des Meisters umzudeuten, die Geschichten hinter den Geschichten aufzudecken, zusätzliche Informationen zu entdecken und dabei, ahem, den einen oder anderen Fehler des Meisters auszubügeln. Man nennt das auch The Game.

Seit 1946 erscheint das Baker Street Journal der Baker Street Irregulars mit Aufsätzen zu Holmes, oft auch genau zu diesem Thema. Ahem, und ich habe zufällig nicht nur den ersten Band davon, sondern zwei dicke Sammelbände mit den besten Aufsätzen daraus, und sämtliche Hefte von 1946-2011 als Facsimile-PDF-Dateien. Man ist dann ja doch interessierter Holmes-Freund.

Und natürlich hat man sich auch dort schon der Fragen angenommen, denen ich oben in der Liste die Nummern 6-9 gegeben habe: Das Schuhklauen macht doch keinen Sinn? Wieso verfolgt die Kutsche in London Henry Baskerville zum Hotel, wo Stapleton doch schon weiß, in welchem Hotel Baskverille absteigt? Wieso nimmt Stapleton den Schuh mit, als er ins Moor flüchtet? Wieso geht der Hund nicht näher an Charles Baskerville heran, als der tot ist? Was ist, wenn Beryl Stapleton Komplizin ist? Wieso ist Dr. Mortimer, der doch ständig Schädel vermisst und sogar einen Aufsatz zu Atavismen verfasst hat, die Ähnlichkeit zwischen Stapleton und dem Baskerville-Vorfahr nicht aufgefallen?

Den gleichen Fragen geht auch Pierre Bayard in seinem eher schlechten Buch Freispruch für den Hund der Baskervilles: Hier irrte Sherlock Holmes (2008) nach. Tatsächlich ist seine Interpretation der Fakten originell und lesenswert, aber die ersten drei Viertel des Bandes sind selbstverliebte Überflüssigkeit. Der Mann tut außerdem ständig, als sei er der Erfinder des Prinzips, Krimis gegen den Strich zu lesen.

Jedenfalls erklärte ich meinen Schülern und Schülerinnen, die schon brav Fakten (als VUV, Clue, Red Herring oder Flüchtigkeitsfehler) gesammelt hatten, das Prinzip, und bot Ihnen drei Alternativen zu Stapleton als Alleintäter an: (1) Beryl war es, oder (2) Mortimer war Komplize, oder (3) ganz etwas anderes. In Gruppenarbeit – sie mögen Gruppenarbeit – mussten sie dann ihre Deutung der Fakten unterstützen.

Eigentlich ist das ein bisschen früh in der 7. Klasse, aber die Schüler und Schülerinnen schlugen sich recht gut. Ich hoffe nur, ich animiere sie dadurch nicht zu Verschwörungstheorien, sondern sie verstehen, dass das nur ein Spiel ist. Hier ihre Lösungen, von mir in Stichpunkten mitnotiert:

Team 1:

  • Beryl und Mortimer sind Komplizen
  • haben Affäre, wollen deshalb Stapleton ermorden
  • Stapleton flüchtet vor Mortimer ins Moor
  • Beryl spielt Laura Lyons; weil sie maskiert war, nicht erkannt
  • Beryl war die mit dem Bart in der Droschke
  • Beryl war nur zum Schein gefangen
  • Der Hund gehörte in Wirklichkeit Mortimer
  • Beryl hat Stapleton zu Seldens Leiche geschickt, damit Verdacht auf ihn fällt
  • Sie haben den Schuh ins Moor gelegt, um Verdacht auf Stapelton zu lenken

Team 2:

  • Mortimer spielt doppeltes Spiel: arbeitet mit Stapleton zusammen, danach mit Beryl gegen ihn verschworen
  • sie wollen an das Erbe, Mortimer hat Stapleton nämlich als Erbe erkannt
  • Mortimer will Hälfte des Erbes, damit er Stapleton nicht verrät; später will er dann aber doch das ganze Erbe, hätte es über Beryl gekriegt, die von Stapleton geerbt hätte
  • Mortimer zu Holmes, um Verdacht auf Stapleton zu lenken
  • Mortimer stiehlt den Schuh, hat auch eher Zugriff auf Schuh als Stapleton
  • hat Erfahrung mit seinem eigenen Hund
  • sie haben den Hund ohne Essen eingesperrt, damit der blutrünstig wird, als er rausgelassen wird, tötet der den Cockerspaniel
  • Beryl soll sich bei Henry einschleimen
  • Mortimer schubst Stapleton während Flucht ins Moor – Stapleton würde selbst nicht sterben, kennt ja den Weg
  • Mortimer legt Schuh ins Moor, um zu bestätigen, dass Stapleton der Böse ist

Team 3:

  • Theorie 1
    • Mortimer ist Komplize von Stapleton, hat diesem von Sir Charles‘ Herzschwäche erzählt
    • Stapleton hilft Mortimer dafür, den begehrten Schädel von Charles Baskerville zu bekommen
  • Theorie 2
    • Laura Lyons will Stapleton heiraten
    • Larua Lyons erkennt Lücken in dessen Plan, erzählt deshalb Holmes und Watson von den Heiratsplänen
  • Theorie 3
    • Der Hund ist ein echter Nachfahre des Legendenhunds
    • Die Hundenachkommen haben sich von den im Moor verendeten Pferden ernährt
    • Hundm ist zufällig auf Charles gestoßen; hat Baskerville in der Nähe gerochen, als Henry eingeladen war

Team 4:

  • Beryl ist Komplizin von Stapleton; sie nutzt ihn aber nur aus, um an das Erbe zu kommen
  • Der anonyme Brief ist von Stapleton
  • Stapleton ist weggelaufen, weil er denkt, Beryl wird ihn verraten
  • Stapleton wollte Laura Lyons um Hilfe bitten, aber die hat sich mit Beryl zusammengetan (die beiden hatten vielleicht sogar Affäre)
  • Beryl Stapleton hatte 2 Hunde, hat beide befreit, der eine hat Henry verfolgt, der andere Stapleton
  • Mortimer ist weiterer Komplize von Beryl, hat sich in sie verliebt, will sich von seiner Frau trennen – deshalb hat er Holmes die Schädelverwandtheit Hugo/Stapleton verschwiegen
  • Mortimer versucht hinter Beryls Rücken Stapleton mit Sherlock Holmes‘ Hilfe loszuwerden
  • beim Tod von Sir Charles hat Hund Selden gesehen, und den dann verfolgt, deshalb hat er Sir Charles nicht weiter verfolgt

Alle noch nicht ganz ausgereift, aber die Erkenntnisse decken sich durchaus mit dem, was andere Forscher vermutet haben. Vor allem die ersten beiden sind überzeugend, beim dritten gefällt mir die Theorie, dass doch echte (Geister-)Hunde dahinterstecken und die vierte Theorie ist so schön kompliziert und hat ein gleichgeschlechtliches Liebespaar.

4. Weitere Sachen, die man machen kann

  • Es gibt eine deutsche Hörspielfassung und bei Amazon das Skript dazu, wenn auch nur für den Kindle. Könnte man vielleicht mal nachspielen. Audiobookfassungen gibt es etliche, ganz oder teilweise bei Youtube.
  • Die entsprechene Sherlock-Episode anschauen (das ist die Serie mit Benedict Cumberbatch und Martin Freeman) und vergleichen.
  • Bilder und Karten von Dartmoor, klar.
  • Kapitel 4 im Buch und laut Lehrplan: Schilderungen. In Doyle selber gibt es zwei Passagen, in denen das Moor ausführlich anschaulich geschidlert wird, dazu mindestens eine Schilderung von Baskerville Hall und zwei des unheimlichen Huneheulens über dem Moor. Den Schülern und Schülerinnen habe ich ein noch mehr zum Buch passendes Stimmungsbild von Dartmoor gezeigt als das folgende, aber nur das folgende ist für die CC-Veröffentlichung hier lizenziert:

Ray Bradbury, Fahrenheit 451 (2018)

Vieles an dem Buch hat sich sehr gut gehalten, manches ist erstaunlich gut extrapoliert. Zugegeben: Die Männer gehen arbeiten und die Frauen bleiben zu Hause, und als der emotional mitgenommene Guy Montag sich im Wohnzimmer erbricht, ist es seine Frau Mildred, die sofort den Wischmopp zum Saubermachen holt.

Aber das betrifft kein zentrales Thema des Buchs. Anders ist es bei Folgendem: In der Welt von Fahrenheit 451 sind Bücher verboten. Das Medium Buch wird dabei keineswegs anderen Medien gegenüber als etwas prinzipiell Besseres dargestellt; Faber erklärt, dass die wichtigen Dinge, wegen derer Bücher nach und nach verboten wurden, sich genau so gut in Hörspielen oder Fernsehsendungen mitteilen lassen. Um die Inhalte geht es, nicht um die Form. Weiterhin sind zwar Bücher verboten, und es gibt einen autoritären, vielleicht totalitäten Staat, der über Medien die Gesellschaft belügt und ruhig hält – aber es war nicht der Staat, der die Bücher abgeschafft hat, sondern die Gesaellschaft selber. Die Gesellschaft hat beschlossen, nicht mehr Originale zu lesen, sondern nur Wikipedia-Fassungen davon; die Gesellschaft hat beschlossen, dass Gedanken, die Unwohlsein auslösen können, nicht mehr veröffentlicht werden. Bücher enthalten kritische und unliebsame Inhalte, das führt zu Unfrieden, deshalb verzichtet man auf sie.

So weit, so gut. Das sehen meine Schüler und Schülerinnen sofort ein. Zensur nicht gut – aber um Zensur, das habe ich betont, geht es ja gar nicht, allenfalls um Selbstzensur. Es ist ja eben nicht der Staat, der das eingreift. Sondern: Die Minderheiten. Je größer die Gesellschaft, desto mehr Minderheiten, so erklärt es im Buch der Feuerwehrmann Beatty, der allerdings zu den Bösen gehört. Niemandem darf man in solch einer großen Gesellschaft auf den Schlips treten – zu empfindlich sind „the dog-lovers, the cat-lovers, doctors, lawyers, merchants, chiefs, Mormons, Baptists, Unitarians, second-generation Chinese, Swedes, Italians, Germans, Texans, Brooklynites, Irishmen, people from Oregon or Mexico.“ Der Markt sorgt dafür, dass man niemanden verschreckt (diesen Effekte halte ich für realistisch). „Colored people don’t like Little Black Sambo. Burn it. White people don’t feel good about Uncle Tom’s Cabin. Burn it. Someone’s written a book on tobacco and cancer of the lungs? The cigarette people are weeping? Burn the book.“ Alles um des lieben Friedens willen.

Vor dem Hintergrund der Kommunistenhatz der frühen 1950er Jahre in den USA ist das verständlich. Und doch: Liest sich das nicht wie eine Verteidigung gegen die damals noch gar nicht so existierende political correctness? Können die Minderheiten nicht einfach zufrieden sein mit dem, was für die Mehrheit gut genug ist? Der Negerkönig von Takatukaland soll nicht mehr so heißen, ist das schon der erste Weg Richtung Fahrenheit 451? Mir fehlt ein wenig das Verständnis dafür, dass die Minderheiten vielleicht mit manchen Vorwürfen Recht haben könnten. Wie man dann mit diesen Problemen umgeht, ist eine andere Frage, aber man sollte die Vorwürfe als legitim anerkennen. Da macht es sich Bradbury zu leicht, finde ich.

Die Schüler und Schülerinnen konnte ich nicht überzeugen. Hier geht es um Verbrennung von alten Pipi-Langstrumpf-Ausgaben, da um eine Petition, ein Bild eines jungen Mädchens aus dem Museum zu nehmen – ein Bild, das übrigens für das Titelbild der Ausgabe von Nabokovs Lolita gewählt wurde, das sich im Hause Rau befindet. Würde man heute auch nicht mehr machen, und ist das auch schon ein Schritt Richtung Fahrenheit 451?

Vom Gendern halten die beiden Klassen, die ich heute dazu gefragt habe, übrigens auch nichts. Als Anrede für eine einzelne Frau ist die weibliche Form schon begrüßenswert (Bundeskanzlerin, Studiendirektorin, Schülerin), aber das generische Maskulinum ist voll akzeptiert.

Schullektüre 2017 (2) Whisper

Titebild Abedi, Whisper

Wenn man als Lehrer die Schullektüre auswählt und sie den Schülern und Schülerinnen nicht gefällt, ist das kein Problem. Das halten Lehrer aus, und außerdem kommt es ja auch nicht darauf an, dass die Lektüre unmittelbar gefällt. Dass es der Deutschunterricht mit den Lektüren ist, die Schülern das Lesen vergällt, halte ich ohnehin für ein Gerücht. Wenn man die Schülerinnen auswählen lässt, und ein Vorschlag wird dann genommen, und dann gefällt es der Klasse nicht – das stelle ich mir schon schwieriger vor. Aber vermutlich reicht es da, wenn der Lehrer sagt, dass ihm das Buch nicht gefallen hat, um alle Schüler das Buch plötzlich viel positiver zu sehen.

Normalerweise lasse ich über Lektüren abstimmen, je nach Alter und Thema, mache aber von vornherein klar, dass ich ein Vetorecht behalte beziehungsweise nicht alle Bücher zur Abstimmung zulasse. Wenn es um andere Epochen als um die letzten fünfzig Jahre geht, haben die Schülerinnen und Schüler meist ohnehin keine besondere Meinung. Aber in meiner anderen aktuellen 9. Klasse haben wir schon die zwei Pflichtlektüren gelesen, und eine dritte Lektüre wollte sich die Schüler und Schülerinnen selber aussuchen, also stellten Freiwillige ihre Kandidaten vor, und die Klasse stimmte ab, und mehrheitlich entschied man sich für Isabel Abedi, Whisper. Nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2006.

Titebild Abedi, Whisper

Whisper ist ein modernes Jugendbuch mit Mädchen als Zielgruppe; nicht mein liebstes Genre. Aber okay, nachdem weder die Schachnovelle noch Der Richter und sein Henker irgendwelche nennenswerten Frauenrollen hatten, ist es nur fair, etwas mit Frauen zu lesen. Ich fand das Buch uninteressant, aber es war ergiebig, mal ein schlechtes Mädchenbuch zu lesen und nicht nur die vielen, vielen schlechten Jungenbücher meiner eigenen Jugend. Ich sah die nie als Jungengeschichten, das war einfach ganz normale Science Fiction und Fantasy – aber es ergab sich halt doch immer, dass der Erdenmann auf einem fremden Planeten die Prinzessin aus ihren Schwierigkeiten rettet und am Schluss innig küsst und widergeküsst wird. Whisper enthält andere Klischees, aber es bleiben Klischees.

Was tun mit einer Lektüre? Vom Arena-Verlag gibt es eine Pdf-Datei mit Vorschlägen für die Klassen 7 bis 9, Arbeitsblätter mit Lösungen oder Lösungsvorschlägen. Es gibt einen kurzen didaktischen Kommentar zu den Arbeitsblättern, aber die Aufgaben überzeugen mich nicht – Fotolovestory, Wörtersuchquiz; bei vielem erkenne ich nicht genug Lernziel. Eine Aufgabe heißt „Recherche“:

Die Frage, ob es Geister gibt oder nicht, kann nur schwer beantwortet werden. Die Menschen, die sich mit dieser Frage beschäftigen, sind sich uneinig über dieses Thema. Recherchiere im Internet und in Büchern und bilde dir selbst eine Meinung. Du sollst das, was du sagst, begründen können und auch angeben, wo du dich informiert hast. Informiere dich auch über das Geisterspiel, das Noa und David durch Gilbert kennen gelernt
haben. Es nennt sich Gläserrücken. Was denkst du darüber?

Oh my. Ja, mit der Geisterfrage werden wir uns beschäftigen, aber doch nicht so, als könnte man das demokratisch und durch Diskussion lösen, und als stünden im Internet nicht lauter Sachen, die nicht stimmen. Also gute: Fake news; Leonhard Euler und die Frage, woher wir wissen, was wahr ist; allgemeine Wahrheiten; Experiment und Hypothesenüberprüfung; Ockhams Rasiermesser; Liste kognitiver Täuschungen – Stoff für die nächste Stunde.

Ansonsten habe ich meine eigenen Arbeitsaufträge erstellt und den Schülerinnen und Schülern ausgeteilt:

  1. Personen
    Erstelle eine Liste oder ein Diagramm aller wichtigen Personen, aus denen die Verhältnisse zueinander hervorgehen.
  2. Parallelen
    Die Geschehnisse von 2005 und von 1975 haben mehrere Parallelen. Finde zwei oder drei davon.
  3. Rätselfragen
    Um Spannung zu erzeugen, werden den Lesern (und den Hauptpersonen) immer wieder kleinere Rätsel oder offene Fragen präsentiert. Mache eine Liste von fünf solchen Rätseln, notiere dabei jeweils die Seite, wo sich die aufmerksame Leserin zum ersten Mal die Frage stellt, und die Seite, auf der es eine Antwort gibt.
  4. Intertextualität
    Texte beziehen sich immer auf andere Texte, bewusst oder unbewusst. Finde vier Beispiele, jeweils mit Seitenangabe, von anderen Texten (Filme, Bücher, Lieder usw.), die in Whisper bewusst referenziert werden.
  5. Klischees
    Es gibt nicht nur die bewusste Referenz, sondern auch das mehr oder weniger unbewusste Übernehmen von Elementen, die man aus anderen Geschichten kennt. Das kann im besten Fall eine originelle Variation eines solchen Bausteins sein, oft ist es aber auch ein Klischee. Finde acht solcher Klischees – Standardsituationen, die man aus anderen Geschichten kennt.
  6. Sprache
    Finde drei Stellen, die sprachlich besonders interessant sind – entweder, weil sie besonders gut oder besonders schlecht sind. (Mir selber sind zum Beispiel viele Hyperbeln aufgefallen.) Denk and die Seitenzahlen!
  7. Bonusaufgabe: Überflüssiges
    Gibt es Elemente, die man hätte weglassen können aus dem Buch, um es vielleicht etwas zu kürzen oder zu vereinfachen? Wenn ja, erkläre und begründe deine Entscheidung.
  8. Bonusaufgabe: Eigener Schwerpunkt
    Hast du eine eigene Frage an das Buch, etwas, das du untersuchen möchtest? Dann mache das.
  9. Noch ein Buch
    Folgende Situation sei gegeben: Das Buch ist ein Erfolg, der Verlag bestellt bei einem Autor oder einer Autorin ein ähnliches, das an die gleiche Zielgruppe verkauft werden soll.
    a) Schreibe eine kurze Inhaltsangabe dieses anderen Buches, sozusagen als Verkaufsvorschlag der Autorin, damit sich der Verlag dafür entscheidet. Schau dir als Beispiel für eine solche Verlags-Inhaltsangabe den inneren Klappentext von Whisper an.
    b) Ergänze eine Art Checkliste von inhaltlichen Punkten, die laut Verlag vorhanden sein müssen, um ein ähnliches Buch erzeugen zu können.
    (Die Reihenfolge der beiden Teilaufgaben ist beliebig.)
  10. Erzählperspektive
    Hierzu gibt es viel zu untersuchen, aber dafür braucht es ein eigenes Arbeitsblatt und eine Präsentation, später einmal.

Über die Intertextualität – darunter Die Brüder Löwenherz, Eichendorffs Mondnacht (mit Fehler im ersten Vers, der das Metrum stört; kann man zum Wiederholen nutzen) – kommt man zu den Klischees. Stille im Saloon, Das Missverständnis (Es war doch nur seine Schwester), Schatten am Fenster, Finstere Mühle, Unverständliche Weissagung der Alten, Blitz und Donner beim Geisterspiel. Dann die Sprache – ein Schüler hatte das Buch als Ebook dabei, da fällt es besonders leicht, den Text nach „unendlich“ zu durchsuchen – Hyperbeln gehören sehr zum Genre. „Unendlich viel Zärtlichkeit, unendlich viel Schmerz, unendlich Trauriges.“ Thomas Mann schreibt in „Tonio Kröger“ auch einmal von einem „unendlich sympathische[m] Gesicht“, aber ansonsten ist die Liebe Krögers „gut und fruchtbar. Sehnsucht ist darin und schwermütiger Neid und ein klein wenig Verachtung und eine ganze keusche Seligkeit.“ Schon etwas differenzierter.

Das mit der Erzählperspektive ist mir wichtig, erfordert aber noch Vorarbeit. Fast alles ist personal aus der Perspektive der Heldin verfasst, aber dreimal gibt es Varianten von „little did she know“, und einige Male wird die Natur mit Fachausdrücken geschildert („Mädesüß, Hornklee, Wiesenschaumkraut“), die ich mir bei der Heldin nicht vorstellen kann, die also von einer anderen Instanz kommen müssen.

Schullektüre 2017 (1) Die Brautprinzessin

Titelbild Brautprinzessin

In der einen neunten Klasse lesen wir als Lektüre William Goldman, Die Brautprinzessin — ein Schülervorschlag, und Sieger bei der Abstimmung. Selber habe ich das Buch seit sicher mehr als zwanzig Jahren nicht mehr gelesen, damals war es toll; beim Wiederlesen jetzt war ich etwas enttäuscht – aber das lag vielleicht an der Übersetzung, die mir an etlichen Stellen unangenehm auffiel. Aber vielleicht bin ich zu empfindlich, bei Filmen allerdings stören mich Synchronfassungen kaum.

Bei Schullektüren geht es nicht hauptsächlich darum, ob einem das Buch gefällt, sondern was man damit anfangen kann im Unterricht. Erzählperspektive anschauen, Figurenkonstellation, sprachliche Bilder, Symbolik? Oder, notfalls, so etwas Vages wie: Aufbau. Noch ist mir zur Brautprinzessin nicht gar so viel eingefallen, aber das kommt vielleicht noch.

Titelbild Brautprinzessin

Wer es nicht weiß: Zum Buch gehört ein langes Vorwort, in dem der Autor und Drehbuchautor William Goldman etwas zur Entstehungsgeschichte des vorliegenden Buchs erzählt, einer bearbeiteten Fassung des Originals von S. Morgenstern. Goldmans Vater, ein Immigrant, hatte es ihm in seiner Kindheit vorgelesen, dabei aber – ohne Wissen Goldmans – die langweiligen Passagen übersprungen. Als Erwachsener bearbeitet Goldman nun das Original und legt eine Fassung vor, die nur die spannenden Teile enthält: Fecht- und Faustkampf, Rache, wahre Liebe, Verrat, Piraten, Prinzen, Prinzessinnen, Flucht und Triumph. – Das alles ist natürlich erfunden, ebenso wie die Hälfte der biographischen Details. Aber das gibt Goldman eine schöne Gelegenheit, immer wieder als vorgeblicher Bearbeiter teils umfangreiche Kommentare einzustreuen – farblich abgesetzt. Sehr auktorial!

(Genau diese Kommentare sind für mich ein besonderer Genuss am Buch, während meine Schülerinnen und Schüler sie ganz im Gegensatz als irritierend und störend empfanden. Mal sehen, ob ich ihnen meinen Genuss daran noch vermitteln kann.)

Ich nehme den Anfang der Haupterzählung auch gerne als Beispiel für auktoriales Erzählen:

In dem Jahr, als Butterblume geboren wurde, war die schönste Frau der Welt ein französisches Küchenmädchen namens Annette. Annette arbeitete in Paris für den Herzog und die Herzogin von Guiche, und es entging der Aufmerksamkeit des Herzogs nicht, dass jemand Außergewöhnliches ihnen die Zinnteller putzte. Die Aufmerksamkeit des Herzogs wiederum entging nicht der Aufmerksamkeit der Herzogin, die weder sehr schön noch sehr reich, aber enorm gescheit war. Die Herzogin machte sich daran, Annette zu studieren, und schnell fand sie die tragische Schwäche ihrer Gegnerin heraus.

Auktorial ist, wenn man das schlecht verfilmen kann, und wenn die Stimme des Erzählers mehr oder weniger deutlich kommentierend und Stellung beziehend erkennbar ist. Ohne Erzählerstimme aus dem Off lässt sich der Anfang der Brautprinzessin kaum verfilmen.

Als Gegenbeispiel präsentiere ich den Klassen gerne diese Stelle aus der Odyssee, nicht auktorial und fast nicht allwissend, und leicht zu verfilmen:

Jetzo entblößte sich von den Lumpen der weise Odysseus,
Sprang auf die hohe Schwell‘, und hielt in den Händen den Bogen
Samt dem gefüllten Köcher; er goss die gefiederten Pfeile
Hin vor sich auf die Erd‘, und sprach zu der Freier Versammlung:
Diesen furchtbaren Kampf, ihr Freier, hab‘ ich vollendet!
Jetzo wähl‘ ich ein Ziel, das noch kein Schütze getroffen,
Ob ich’s treffen kann, und Apollon mir Ehre verleihet.
Sprach’s, und Antinoos traf er mit bitterm Todesgeschosse.
Dieser wollte vom Tisch das zweigehenkelte schöne
Goldne Geschirr aufheben, und fasst‘ es schon mit den Händen,
Dass er tränke des Weins; allein von seiner Ermordung
Ahnet‘ ihm nichts: und wer in der schmausenden Männer Gesellschaft
Hätte geglaubt, dass einer, und wenn er der Tapferste wäre,
Unter so vielen es wagte, ihm Mord und Tod zu bereiten!
Aber Odysseus traf mit dem Pfeil ihn grad‘ in die Gurgel,
Dass im zarten Genick die Spitze wieder hervordrang.
Und er sank zur Seite hinab; der Becher voll Weines
Stürzte dahin aus der Hand des Erschossenen; und aus der Nase
Sprang ihm ein Strahl dickströmendes Bluts. Er wälzte sich zuckend,
Stieß mit dem Fuß an den Tisch, und die Speisen fielen zur Erde;
Brot und gebratenes Fleisch ward blutig.

Ich finde ja, dass Romane auktorial beginnen sollten: „It was the best of times, it was the worst of times, it was the age of wisdom, it was the age of foolishness, it was the epoch of belief, it was the epoch of incredulity, it was the season of Light, it was the season of Darkness, it was the spring of hope, it was the winter of despair […].“ Oder von mir aus auch nur: „It is a truth universally acknowledged, that a single man in possession of a good fortune must be in want of a wife.“ Alles andere ist Kurzgeschichtenanfang. Aber die meisten Romane der letzten hundert Jahre sehen leider anders aus.

— Im Mediävistik habe ich Tropen und Topoi kennengelernt. Ein Topos ist ein Erzählbaustein, der in verschiedenen Formen immer wieder auftaucht, seit der Antike etwa der locus amoenus – ein idyllischer, friedlicher, schöner Ort, oft einer, an dem sich das Liebespaar der Geschichte trifft. Auf Englisch heißt so ein Topos populärsprachlich inzwischen oft „trope“, das ist vielleicht ein wenig verwirrend.

Gerade Genre- und Unterhaltungsliteratur, aber nicht nur die die, ist voll solcher Figuren. Ich habe davon einige – seriöse und weniger seriöse – bei tvtropes.org geklaut und für die Schülerinnen und Schüler übersetzt; sie sollten dann Beispiele aus der Brautprinzessin (1 Punkt) und aus anderen Werken – Film, Fernsehserie, Comic, Buch – dafür finden (2 Punkte). Das Team, das als erstes 50 Punkte zusammen hat, meldet sich. Technisch würde man nicht alles als Topos bezeichnen, aber sei’s drum.


Rahmenhandlung
Die Hauptgeschichte ist eingebettet in eine andere Geschichte. Der Rahmen kann nur am Ende oder nur am Schluss oder an beiden Enden auftauchen, oder auch zwischendurch; er kann mehr oder weniger mit der Binnenerzählung zu tun haben.

Höfliche Bösheit
Der Schurke ist ein besonders höflicher und scheinbar freundlicher Mensch. (Allein schon das Konzept „Schurke“ ist ein Topos.)

Der trinksüchtige Held
Ein Held hat ein Laster, häufig Alkohol, gegen das er ankämpft. Gibt es häufig auch im Western.

Anachronismus-Eintopf
Ein Anachronismus liegt dann vor, wenn in einem Werk, das zu einer bestimmten Zeit spielt, etwas erscheint, das erst in einer späteren Zeit erfunden oder bekannt wird. Kann Absicht oder Zufall sein.

Böser Aristokrat
Aristokraten sind böse, einfaches Volk ist gut.

Kampf der Gewitztheit
Held und Schurke messen ihren Verstand.

Der große Kuss
Ein Kuss, auf den der Leser oder die Leserin lange gewarttet haben.

Groß, dünn und klein: Das Trio
Ein Held ist besonders groß, einer besonders dünn, einer klein.

Held mit Schlagwort
Ein Held oder eine Heldin hat einen Ausdruck, den er oder sie immer wieder verwendet.

Prinzessin in Gefahr
Eine Heldin (weiblich), nicht unbedingt eine Prinzessin, ist in Gefahr und muss von einem Helden (männlich) gerettet werden.

Der Drache
Der Oberschurke hat oft einen besonders starken oder mächtigen Gehilfen oder Mitschurken, der erst überwunden werden muss, bevor man zum Oberschurken vordringt.

Albinos sind böse
Selbsterklärend.

Der sanfte Riese
Eine besondes starke, aber auch besonders sanftmütige Figur.

Die Eiskönigin
Eine abweisende Frau, die dann doch auftaut (und sich etwa in den Helden verliebt).

Der Literaturagent
Der echte Autor eines Werks tut so, als wäre er nur der Herausgeber, Bearbeitet, oder literarischer Agent eines erfundenen Autors.

Harmlose Piraten
Piraten, tatsächlich sehr blutrünstige Gestalten, werden als recht harmlos dargestellt.

Attribute sind cool
Eigennamen von Personen, Orten oder Gegenschaften mit einem Attribut (meist: Adjektiv oder Genitiv-Attribut) im Namen.

Der unzuverlässige Erzähler
Ein Erzähler, bei dem man nicht sicher sein kann, dass er stets die wahrheit sagt. Immer ein Ich-Erzähler.


Bestimmt muss man einige dieser tropes problematisieren, etwa die Eiskönigin und die Prinzessin in Gefahr. Und auch Albinos sind nicht böser als andere.
Nach ein wenig Zögern am Anfang fanden die Schülerinnen und Schüler dann doch reichlich Beispiele und hatten Lust am Suchen. Ein Team heimste besonders viele Punkte bei den großen Küssen ein (Vampirgeschichten und so). Viele Beispiele stammten aus Barbie-Filmen, die ich alle nicht kenne. Am schwierigsten war der unzuverlässige Erzähler, da kam nur ein Ergebnis bisher.

Kickstarter: Englisch-Lektüren

Charlotte Dincher, eine bloggende Englischlehrerin, ist unzufrieden mit den vorhanden Lektüren zumindest für den Anfangsunterricht und will selber welche schreiben. Dazu hat sie ein Kickstarter-Projekt „LehrerLieblingsLektüre“ ins Leben gerufen.

Kickstarter: Da kann man Projekte vor oder am Anfang der Entwicklung unterstützen, indem man sich finanziell beteiligt. Scheitert das Projekt, krieg man sein Geld zurück, gelingt es, kriegt man die zuvor versprochenen Goodies – meist um so mehr, je mehr man mitfinanziert hat.
Auf der Kickstarter-Seite kann man sich von einer von Charlottes zwei Lektüren das erste Kapitel herunterladen: Text, Vokabelfußnoten, Fragen zum Text, Lehrermaterial (einschließlich Lückentest).

Anders als Charlotte habe ich keine Probleme mit den vorhandenen Lektüren. Ich habe schon länger kein Englisch mehr unterrichtet, aber damals auch schon ab dem ersten Lernjahr Lektüren gelesen, auch im G8, und mit Vergnügen.
Allerdings wünsche ich mir tatsächlich schon lange eine Englisch-Lektüre, mit der ich mehr machen kann: einen Robin-Hood-Dramentext etwa, den man als Hörspiel aufnehmen oder als Schauspiel aufführen kann, das Ergebnis dann auch vielleicht auf die Homepage. Als Audiodatei das ganze von Muttersprachlern gelesen. Am liebsten wäre mir das als Open Educational Resource (OER) unter einer sehr freien Lizenz, aber ich zahle auch Geld dafür, sofern das Material digital und bearbeitbar ist und die Ergebnisse veröffentlicht werden dürfen. Weil ich solche Vorhaben also prinzipiell gut finde, werde ich das Kickstarterprojekt unterstützen – auch wenn ich am Gymnasium in Bayern in der 6. Jahrgangsstufe dann doch lieber mit gemischten Lektüren arbeiten oder Roddy Doyle lesen werde. Charlotte bietet zwar auch an, eine Lektüre nach Wunsch zu schreiben (für 240€), aber so weit geht der Wunsch bei mir noch nicht. Aber interessante Idee.

Fontane, Irrungen, Wirrungen (annotiert)

Neulich war der Computerraum einmal während meiner Deutschstunde frei. Zuvor hatte ich an epischen Texten gezeigt, auf was man alles achten kann, jetzt sollten die Schülerinnen und Schüler zwei vorbereitete Kapitel aus Fontanes Irrungen, Wirrungen annotieren, jeweils eine Hälfte des Kurses ein Kapitel. Technisch war das dann doch nicht so einfach, aber darüber habe ich anderswo schon geschrieben, so dass eigentlich gar nicht so viel Zeit zum Arbeiten war.

Insgesamt geht das aber sehr schön mit Google Docs: Da gibt man ein Dokument zur Kommentierung frei, und jeder, der den Link dazu erhält, kann Kommentare einfügen – aber sonst nichts am Text ändern. Ganz ohne Anmeldung. Und den Text kann man mitsamt Kommentaren als Textdatei exportieren und weiterbearbeiten, wenn man möchte. So sieht ein Ausschnitt aus dem Ergebnis aus:

fontane_irrrungen_wirrungen_kommentiert

Die gelben Kommentare sind von mir und teilweise auch Reaktionen auf vorherige Kommentare. Ich war überraschend beeindruckt davon, was die Schülerinnen da alles fanden und kommentierten. Zugegeben, es war die Leistung eines ganzen Kurses, und einzeln sieht man in einer Prüfung meist nur einen Bruchteil davon. Ein wichtiger Punkt ist wohl auch, dass man während der Beabreitung schon sieht, was die Mitschüler an anderen Ecken und Enden des gemeinsamen Dokuments gerade treiben. Da wird man erstens inspiriert und glaubt zweitens auch eher daran, dass wirklich viel zu dem Text gesagt werden kann.

Fußnote 1: Fast alle Mädchen fanden Fontane die beste Schullektüre dieses Jahres. Fast alle Jungs fanden eine Novelle der Romantik die beste Schullektüre dieses Jahres.

Fußnote 2: Weil einige Schüler eine vergleichbare Hausaufgabe dazu nicht gemacht hatten, mussten sie ein neues Kapitel aus dem Roman aus dem Web in ihr Textverabreitungsprogramm kopieren und dort mindestens zehn solcher Kommentare einfügen. Hat mir als Ersatzaufgabe gefallen. (Eine Konsequenz muss ein. Kuchenmitbringen mache ich nicht, und über Hausaufgaben werde ich noch einmal schreiben müssen.)

Fußnote 3: Google Docs/Drive ist das beste Werkzeug dazu, das ich kenne. Ein Wiki geht nicht, weil damit kein gleichzeitiges Bearbeiten möglich ist. (Oder gibt’s da inzwischen was, am besten mit Echtzeitansicht? Dass unterschiedliche Abschnitte gleichzeitig bearbeitet werden können, weiß ich.) Ein Etherpad geht zur Not, auch wenn die Benutzer da nicht nur kommentieren können, sondern volle Kontrolle über den Text haben. Es gibt tolle Dienste zum Kommentieren von pdf-Dateien, aber ich kann dann den Text dann nicht mehr zurück nach Office bringen – und vor allem erfordern diese Dienste Teilnehmeraccounts. Und das ist mit Schülerinnen kaum möglich.

Bram Stoker, Dracula

Once again we went through that ghastly operation. I have not the heart to go through with the details.

Ehrlich gesagt, das ging mir als Leser auch so.

Lucy Westenra leidet an einer mysteriösen Blutarmut. Der hinzugezogene Professor van Helsing erkennt: da lässt sich allenfalls noch mit einer Bluttransfusion etwas machen, gefolgt von Knoblauch, Kruzifixen und ständiger Beaufsichtigung im Krankenzimmer. Aber irgendetwas geht immer schief mit diesen Vorsichtsmaßnahmen, so dass sich einige Zeit nach Lucys Verlobtem, Arthur Holmwood, auch noch Dr. Seward für eine Bluttransfusion zur Verfügung stellt, und einige Zeit danach van Helsing selber, und einige Zeit danach Quincey Morris. Vier Transfusionen ziemlich rasch hintereinander, das ermüdet auch den Leser. Klar, jetzt sind die vier quasi Blutsbrüder, aber trotzdem.

Teil 1: Harker in Transsilvanien

Dracula1st

Als Leser wissen wir natürlich, wo die Blutarmut herkommt. Im ersten Viertel von Dracula reist der Anwaltsgehilfe Jonathan Harker nach Transsilvanien, um einem Klienten seiner Kanzlei beim Umzug nach England und dem Erwerb einiger Liegenschaften dort behilflich zu sein. Er findet sich bald als einen Gefangenen im Schloss seines Klienten, Graf Dracula, wieder. Am Ende gelingt ihm doch die Flucht. Erzählt wird das in Form der Tagebucheinträge Harkers (allerdings, wie wir später erfahren werden, in Typoskriptform gebracht durch Mina Harker, Jonathans Ehefrau).

Teil 2: Ein unerkanntes Monster neben uns

Das zweite Viertel des Buches spielt hauptsächlich in Whitby, im Nordosten Englands. Lucy Westenra hat gleich drei Verehrer, Arthur Holmwood, John Seward, Quincey Morris. Sie hat eine beste Freundin, Mina Murray, die vergeblich auf Lebenszeichen ihres Verlobten Jonathan Harker wartet, der sich im Auftrag seiner Kanzlei in Osteuropa befindet.
Lucy nimmt den Heiratsantrag Holmwoods an, bleibt den anderen beiden aber freundschaftlich verbunden. Im Laufe der nächsten Wochen geschehen mehrere Dinge gleichzeitig und scheinbar unabhängig voneinander: Ein Geisterschiff strandet in einer dramatischen und ausgezeichnet geschilderten Szene in Whitby; ein Patient in Dr. Sewards Irrenanstalt, Renfield, verhält sich immer merkwürdiger; Lucy schlafwandelt, hat merkwürdige Träume, und leidet an der erwähnten Blutarmut. Vermittelt werden diese Informationen allein in Form von Tagebüchern, Briefen und Zeitungsartikeln, chronologisch geordnet.
Dass es einen Zusammenhang zwischen den Ereignissen gibt, ist dem Leser klar, weil er a) in unserem Kulturkreis die Geschichte natürlich eh schon kennt und vor allem b) den ersten Teil, Jonathan Harkers Tagebuch, gelesen hat. Spannender wäre es für den Leser vielleicht, hätte er dieses Vorwissen nicht. Allerdings erfahren wir später im Buch, dass all diese Dokumente – Harkers in Kurzschrift verfasstes Tagebuch, die Zeitungsausschnitte und und Briefe, Dr. Sewards Audiotagebuch (auf Wachszylinder gesprochen) – von Mina Harker abgeschrieben und als Dokumentation der Ereignisse chronologisch zusammengestellt worden sind.

Mina holt währenddessen Jonathan aus Budapest ab, der die Ereignisse um Dracula verdrängt hat, und heiratet ihn. Sehr viktorianisch: eine Reihe alter Leute sterben und hinterlassen Erbschaft: Mrs. Westenra (Vermögen geht an Arthur), Arthurs Vater (ab da wird Arthur Holmwood zu Arthur, Lord Godalming), Harkers Arbeitgeber Mr. Hawkins (der ihm Geld und Kanzlei hinterlässt). Nichts davon ist für die Handlung nötig.

Teil 3: Die Natur des Monsters und Aufnahme des Kampfes

Der dritte Teil beginnt damit, dass die Helden erfahren, dass Lucy zum Vampir geworden ist, dass sie den Lucy-Vampir töten, dass sie die eine böse Macht hinter all dem erkennen. Van Helsing und die anderen erfahren von Jonathans Tagebuch und lesen es, in der von Mina abgetippten Fassung; Mina tippt Dr. Sewards Audioaufzeichnungen ab und erfährt, was mit Lucy geschehen ist. Schön: eine ausführliche Beschreibung von van Helsing (Haarfarbe, Vorname), jenseits seiner beeindruckenden Augenbrauen, erhalten wir erst jetzt, als Mina ihn trifft und in ihrem Tagebuch beschreibt. Erwähnenswert: Das Konzept der Untoten oder Vampire wird erst spät – durch den Alleswisser van Helsing – dem Leser und den Charakteren groß erklärt, es darf wohl als einigermaßen bekannt vorausgesetzt werden.

Mina wird für ihre gute Arbeit und ihre männlichen und weiblichen Qualitäten gelobt, und unmittelbar danach wird sie aus der Runde ausgeschlossen. In den Worten ihres Mannes:

I am so glad that she consented to hold back and let us men do the work. Somehow, it was a dread to me that she was in this fearful business at all; but now that her work is done, and that it is due to her energy and brains and foresight that the whole story is put together in such a way that every point tells, she may well feel that her part is finished, and that she can henceforth leave the rest to us.

Teil 4: Nach Mina und Vertreibung Draculas

Die anderen verfolgen die Spuren von Dracula, insbesondere den Aufenthaltsort seiner vielen Reservesärge, die Dracula unbedingt braucht – um zwischendurch zu ruhen? Das wird erklärt, bleibt mir aber unklar. An sich kann er sich auch bei Tageslicht bewegen, ist dann aber weniger mächtig. Jedenfalls machen sie die meisten Särge für Dracula nur unbrauchbar, nur einer entgeht ihnen, und in diesem lässt sich Dracula zurück nach Transilvanien schiffen. Dort wird er, so fürchten die Helden, sich erholen und den nächsten Angriff auf England vorbereiten.
Diese längere Phase ist die uninteressanteste im Buch. Eigentlich verwendet Stoker sie ja auch nur, um die männlichen Helden aus dem Haus zu kriegen. Denn es rächt sich natürlich, dass Mina außen vor bleibt. Während der Suche nach Dracula hat dieser Eintritt in das Haus der Harkers erhalten und ist dabei, Mina zum Vampir zu machen. Nur dem Leser ist vorher aufgefallen, dass Mina als bleich und müde geschildert wird und über unregelmäßigen Schlaf klagt. Als die Helden endlich – mit Renfields Hilfe – kapieren, wo sich Dracula aufhält, und in Minas Schlafzimmer stürzen, sehen sie ein Bild des Grauens. Neben der Ankunft Draculas in Whitby, auf dem Geisterschiff, ist das die zweite äußerst eindrucksvolle Szene des Romans. Dracula hat die letzten Nächte über Minas Blut gesaugt und zwingt sie jetzt, von seinem Blut zu trinken. Dadurch erst wird sie zum Vampir werden, so wie Dracula, sobald sie stirbt.

Teil 5: In Transsilvanien

Auf nach Transsilvanien, dem Sarg mit Dracula hinterher. Auch hier wird wieder in Form von Tagebucheinträgen erzählt, aber spätestens jetzt, und vielleicht schon ab dem zweiten Drittel, ist das nicht mehr produktiv. In der ersten Hälfte des Buchs geht es dem Leser wie mit Hitchocks Bombe: die Helden haben verschiedene Teilinformationen und Sichtweisen auf das Geschehen, aber nur der Leser weiß, dass währenddessen die Bombe unter dem Tisch tickt beziehungsweise Dracula sein Unwesen treibt. Danach sind a) die Fakten allen bekannt und b) die Helden weitgehend ohnehin zusammen. Da wechselt zwar mal die Erzähler-Figur im Tagebuch, aber die Geschichte ist trotzdem linear und kontinuierlich.

Stoker versucht das im letzten Viertel wieder zu ändern, indem er die Helden in Transsilvanien aus eher fadenscheinigen Gründen auf drei verschiedenen Routen zu Draculas Schloss beziehungsweise Draculas Sarg hinterherreisen lässt – Mina mit van Helsing, Jonathan Harker mit Quincey Morris, Dr. Seward mit Lord Goldalming. Richtig Interessantes passiert auf dem Weg zu Draculas Schloss nicht. Mina nimmt, und das ist schon gut gemacht, zugegeben, immer vampirhaftere Züge an und steht kurz vor ihrem Tod als Mensch beziehungsweise ihrer – gefürchteten, verabscheuten – Wiedergeburt als Vampir. Van Helsing tötet die drei weiblichen Vampire in Draculas Schlosss, recht unkompliziert, bei Tageslicht in ihren Särgen.
Währenddessen ist Draculas Sarg, transportiert von einer Gruppe Zigeuner, fast am Ziel angelangt. Aber da warten schon van Helsing und Mina, und minutengenau zeitgleich – eher unglaubwürdig – treffen die beiden anderen Teams ein, so dass zum Finale doch wieder alle vereint um den Wagen mit dem Sarg stehen. In wenigen Sätzen geschildert, haarscharf vor Sonnenuntergang, tötet Harker Dracula im Sarg, gerade im Moment dessen Erwachens. Quincey Morris wird, eher nebenbei, von den Zigeunern erstochen, bevor diese fliehen.

Also das hätte Stoker besser machen können. Die Reise zu Draculas Schloss ist, von Mina abgesehen, uninteressant und das Finale antiklimaktisch. In einem Nachwort, sieben Jahre nach der Handlung, erfahren wir, dass Mina und Jonathan stolze Eltern geworden udn sowohl Dr. Seward als auch Lord Godalming verheiratet sind. Für die Nachwelt haben die Harkers alle Dokumente in einem Konvolut zusammengestellt, und das ist es, das wir als Leser vor uns hatten.

Restliche Gedanken

Gotisch-viktorianische Versatzstücke gibt es zuhauf: Erbschaften, Irrenhaus, Gruft, Friedhof, nächtliche Einbrüche, knarzende Türen, Draculas Schloss. Männlich entschlossene Helden. Und, nur an einer einzigen Stelle einmal erwähnt, eine wahnsinnig gewordene Ehefrau, nämlich von van Helsing:

Then this so sweet maid [Lucy] is a polyandrist, and me, with my poor wife dead to me, but alive by Church’s law, though no wits, all gone – even I, who am faithful husband to this now-no-wife, am bigamist.

Ganz leicht zu verstehen ist die Stelle nicht, weil van Helsing ein recht verqueres Englisch spricht. So sieht eine typische Äußerung aus:

„Friend Quincey is right!“ said the Professor. „His head is what you call in plane with the horizon.“

Van Helsings sprachliche Eigentümlichkeiten haben einen interessanten Aspekt. Normalerweise unterscheiden wir zwischen Erzählerbericht (wenn der Erzähler das Geschehen wiedergibt) und Figurenrede (wenn eine der Figuren aus der Erzählung spricht, nicht der Erzähler). Am deutlichsten ist die Figurenrede bei der wörtlichen Rede, zu der der Erzähler eigentlich nichts beiträgt, daneben gibt es viele Zwischentöne etwa als indirekte Rede oder als erlebte Rede, bei denen der Erzähler mehr oder weniger durchscheint. Wenn jetzt van Helsing angeblich die Rede von Mina wörtlich wiedergibt, geschieht das trotzdem mit seinen sprachlichen Fehlern – es ist halt doch nicht wirklich wörtliche Figurenrede, sondern durch einen – stets mehr oder weniger zuverlässigen – Erzähler gefiltert:

„Of course I know it,“ she answer, and with a pause, add: „Have not my Jonathan travelled it and wrote of his travel?“

(Eigentlich müsste es „Has not my Jonathan“ heißen und „written“ und natürlich, aber das ist van Helsing, „answers“ und „adds“. Abgetippt wurde das ganze wohl wieder von Mina selber, die van Helsings falsche Wiedergabe ihrer Rede aber nicht korrigiert.)

Eignung als Schullektüre: Kommt auf die Klasse an, in der Mittelstufe vielleicht, aber dann mit Konzentration auf bestimmte Ausschnitte. Einmal stand das bei mir in einer achten Klasse als Schülervorschlag zur Auswahl, aber in einer Abstimmung hat dann doch knapp das andere Buch gewonnen. Man kann damit machen: Briefroman, Orte analysieren, Landkarten zeichnen, Versatzstücke heraussuchen, Dracula als Invasionsroman lesen, Rolle der Frau thematisieren. Den Nobelpreis für Literatur hat Stoker nie bekommen, ebensowenig wie Arthur Conan Doyle, und doch sind mir ihre Werke näher als viele andere.

The Fury of Dracula

Das ist ein Brettspiel aus dem Jahr 1987, in einer modernisierten Version ohne „The“ im Titel von 2006, das einige Elemente des Romans auf schöne Weise aufgreift. Das Spielprinzip ist ähnlich wie bei „Scotland Yard“ (1983): Es gibt eine Karte mit Orten, jede Spielfigur hält sich zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem Ort auf und zieht in jedem Zug in einen benachbarten Ort – mit der Eisenbahn, auf der Straße, per Schiff, was jeweils zur Verfügung steht. Drei Spieler (van Helsing, Godalming, Seward) bewegen sich offen und versuchen den vierten Spieler (Dracula) zu fangen, der seine Figur verdeckt bewegt. Trifft einer oder mehrere der Helden auf Dracula, kommt es zum Kampf (Karten ziehen, Tag oder Nacht, Würfel). Währenddessen hinterlässt Dracula Spuren und vor allem Vampire an den Orten, an denen er war; sein Ziel ist es, eine bestimmte Anzahl von Vampiren zu erzeugen.

The_Fury_of_Dracula

(Die Version von 2006 unterscheidet sich in etlichen Punkten von der abgebildeten alten Fassung; mit im Bild der Esstisch von Herrn und Frau Rau.)

Salman Rushdie, Haroun and the Sea of Stories

rushdie_haroun„Wo kommen eigentlich die Geschichten her?“, will Haroun von seinem Vater wissen, dem gefeierten Geschichtenerzähler Rashid. Das interessiert ihn auch deshalb, weil Rashid plötzlich verstummt ist und nichts mehr erzählen kann. (Gleichzeitig hat seine Frau, Harouns Mutter, die Familie verlassen.) Selbst sein Abonnement aus der Sea of Stories will Rashid kündigen, der Quelle aller Geschichten.

Denn da kommen alle Geschichten der Welt her; sie vermischen sich, verändern sich. Allerdings ist dieser Ozean in Gefahr: Der finstere Khattam-Shud hat das Schweigen zu einem Kult erhoben und bedroht die anderen Bewohner von Kahani mit seiner Armee des fanatischen Schweigens. Kahani: Das ist das Traumreich, oder der zweite Mond der Erde, auf den es Haroun verschlägt, als er versucht, seinen Vater wieder zum Erzählen zu bringen.

Die Gestalten aus Kahani erinnern ein bisschen an ein modernisiertes Wunderland: das Walross, ein sprechender Wiedehopf (eine Maschine), ein Wasser-Dschinni, und während die Königin bei Alice eine Spielkartenarmee hat, sind die Soldaten dort als pages gekleidet, angeführt von einem General Kitab.

Kennengelernt habe ich das Buch in einer Audioaufnahme von Rushdie selbst gesprochen, und obwohl ich mit den wenigstens Hörbüchern warm werde, ist diese Fassung ein echter Gewinn. Die verschiedenen Akzente, die Rushdie verwendet, sind im Buch gar nicht angegeben, und die vielen Wortspiele im Buch fallen besonders auf, wenn sie geschickt vorgetragen werde. Außerdem weiß ich so wenigstens, wie man die vielen fremden Wörter in der Geschichte ausspricht.

In den Online-Rezensionen, die ich gelesen habe, wird dem Buch gelegentlich vorgeworfen, es sei zu offensichtlich didaktisch. Möcht schon sein. Ich habe es mal in der Schule gelesen, Oberstufe Englisch (und vielleicht auch mal Mittelstufe Deutsch? ist schon lange her), und von selber kam nie ein Schüler auf die Idee, dass die offensichtliche Märchengeschichte eine verborgene Ebene hat. Rushdie hat das Buch gleich nach den Satanischen Versen geschrieben. Als Englischlektüre ist Haroun immer noch zu empfehlen.

U. Poznanski, Erebos

poznanski_erebosNachdem mir im Lauf des letzten Jahres mein Neffe aus der 6. Klasse das Buch empfohlen hat, dann ein Schüler aus der 8. Klasse, und eine wenig lesende Elftklässlerin ebenso, musste ich es nun doch lesen. Es hat also etwas gedauert; ich bin bei deutscher Jugendbuchliteratur generell skeptisch, bei dicken Büchern auch, und wenn es dann auch noch um Computer geht, ist mir das auch eher ein Warnsignal. 486 Seiten.

(Weitgehend spoilerfrei, nachdem alle Prämissen geklärt sind.)

Ausgangspunkt der Geschichte: An einer Schule in London benehmen sich einige Schüler ungewöhnlich. Fehlen in der Schule, sind übermüdet, vernachlässigen ihre bisherigen Freizeitaktivitäten und Freunde. Die Ursache, das kriegt die junge Hauptperson Nick bald heraus, ist ein Computerspiel, das heimlich von Hand zu Hand herumgereicht wird. Auch Nick kommt bald an das Spiel und ist genauso davon fasziniert wie die anderen.

Es handelt sich um ein Fantasy-Online-Spiel, vergleichbar mit World of Warcraft, vielleicht eine Nummer kleiner als das. Man erschafft sich eine Spielfigur, läuft mit dieser in der Fantasywelt herum, trifft Nichtspielercharaktere und andere Spieler, erschlägt verschiedene Monster und verbessert die Punktewerte der Figur und deren Ausrüstung.

Das Spiel ist so gut, so spannend, dass die Spieler stunden- und nächtelang spielen, und dann eben auch mal nicht in die Schule gehen. Außerdem hat das Spiel einige weitere ungewöhnliche, geradezu geheimnisvolle Aspekte, was seine Verbreitung und die Geheimhaltung darum betrifft. Und es weiß zumindest scheinbar mehr über den Spieler, als eigentlich möglich ist.

Wenn ein Spieler schneller aufsteigen möchte, oder die Spielfigur kurz vor dem Tod im Spiel steht, macht das Spiel in Form eines wichtigen Nichtspielercharakters ein Angebot. (Nichtspielercharaktere: Figuren in diesen Spielen, die vom Computer gesteuert werden, also Monster, Stadtbevölkerung, Händler, diverse Auftraggeber; können mehr oder weniger individuell gestaltet sein.) Man kriegt Extrapunkte, wird geheilt, steigt schneller auf, wenn man kleine Aufträge erledigt – Aufträge in der wirklichen Welt, in London. So muss Nick etwa ein Päckchen an einer genau bezeichneten Stelle abholen und anderswo deponieren. Nach und nach werden die Aufträge immer ominöser, und natürlich erhalten auch andere Spieler solche Aufträge.

— Als Buch selber war Erebos für mich wenig ergiebig. Es ist völlig humorlos; keine der Person macht eine irgendwie nennenswerte Entwicklung durch. Dabei geschehen durchaus dramatische Sachen, und doch ist am Schluss eigentlich alles wieder wie vorher. Das kann durchaus eine starke Wirkung haben, etwa in Goldings Herr der Fliegen, wenn die Erwachsenen die Kinder von der Insel abholen und gar nicht mitkriegen, was dort alles geschehen ist: Das bedeutet, dass all das, was auf der Insel zum Vorschein gekommen ist, bei passender Gelegenheit jederzeit wieder da sein kann. Bei Erebos wird dadurch aber nichts über das Wesen des Menschen ausgesagt. Da kommt der Leser heraus mit einem: „Oh, cool, wenn es so ein Spiel wirklich gäbe!“ Aber gut, nicht jedes Jugendbuch muss auch für mich als Erwachsenen gewinnbringend sein.

Das Buch hatte aber auch interessante Aspekte für mich. Gut getroffen: Als Leser kommt mir das Streben der jugendlichen Spieler, den Punkten in diesem Spiel hinterherzurennen und Level aufzurüsten, so überhaupt nicht nachvollziehbar und ziemlich sinnlos und oberflächlich vor. Andererseits: So sinnlos und oberflächlich ist es ja auch. Ist also nur konsequent.
Die beschriebene Fantasy-Welt ist entsetzlich öde und flach, zweidimensional, klischeehaft. Wie soll die Spieler in ihren Bann ziehen? Das ist nichts von dem Detailreichtum, den es etwa bei Tolkien gibt. Man hat den Fantasy-Mischwald geradezu vor Augen, bestehend aus maximal drei verschiedenen Baumtypen, fein säuberlich immer einer nach dem anderen aufgestellt. Das liest sich fade, und das soll so überwältigend faszinieren?

Andererseits: Damit ein echtes Spiel Leben gewinnt und eine Geschichte entwickelt, dazu braucht es gar nicht viel. Selbst bei so einema bstrakten Spiel wie Schach kann in einer Partie viel Drama stecken, da gibt es Angriffe und Hinterhalte und Finten und verloren geglaubte Schlachten – genug für eine Geschichte. Und echte Online-Rollenspiele bieten auch genügend Gelegenheit dazu, in einem Blogeintrag habe ich mal auf zwei Seiten bei Cracked.com verlinkt, mit Geschichten aus der MMORPG-Welt. Da gibt es schon tolle Sachen – weit faszinierendere als bei dem Erebos-Spiel. Dessen Faszination bleibt für mich nicht nachvollziehbar, die muss ich als gesetzt hinnehmen.

Was mir als Spielerfreund fehlt: „Gaming the system“, das Spiel als solches erkennen und dessen Lücken ausnutzen. Gibt es in Wirklichkeit viel, im Buch nicht, da spielen die Figuren so, wie sie sollen. In Wirklichkeit sind Spieler kreativer – gut, vielleicht nur die Spieler, die ich verstehe.

Gefallen hat mir wiederum der Gedanke, durch Botendienste außerhalb des Spiels schneller Punkte zu kriegen. Denn das erinnert mich sehr an das Konzept in-game purchase, das es bei vielen kostenlosen Spielen kriegt. Da kann man sich auch mühsam Punkte erarbeiten, oder nach Verletzung zwölf Stunden Pause machen, um zu heilen – aber wenn man keine zwölf Stunden (Echtzeit!) warten oder doch halt gleich sofort bitte das mächtige Schwert haben möchte, dann muss man mit echtem Geld bezahlen.

Nicht gefallen hat mir die Willkür des Spiels beziehungsweise der Nichtspielfigur, die die Verhandlungen mit der Spielfigur führt. Der wirkte eher unberechenbar und großzügig-gönnerhaft wie ein Sektenführer oder Drogendealer aus dem Kino. Als echter Spieler hätte mich das abgeschreckt, da möchte ich mehr Berechenbarkeit.

Gut gefallen: Die heldenhafte Musik, die man hört, wenn man als Spieler auf dem richtigen Weg ist. Wie einfach man als Spieler doch zu manipulieren ist.

Nicht gut gefallen: Erwachsene spielen keine Rolle, kommen nur zum Aufräumen vorbei. Selbst nach dem eigentlichen Höhepunkt kümmern sich die jugendlichen Helden selber noch um viele Sachen. („Adults are useless.“)

Technisch begeht das Buch keine größeren Fehler, lässt sich aber auch wenig zu konkreten Aussagen hinreißen. Computer funktionieren halt irgendwie semi-magisch, vermutlich mit einem dieser Algorithmen, von denen man so viel hört. (Einmal steht IP-Adresse, wo es MAC-Adresse heißen müsste bei der Identifizierung eines Rechners.)

Bei Erebos wird am Schluss nichts offen gelassen. Bei einem großen Treffen gestehen sich die Jugendlichen, welche Spielfigur sie in der Fantasy-Welt waren. Da hätte man mehr daraus machen können; bei den meisten war es unmöglich und auch nicht beabsichtigt, irgendwie darauf zu kommen, wer wer war. Schöner wäre es, mehr Hinweise zu geben, aber dazu hätten die Charaktere vielleicht mehr Eigenleben entwickeln müssen – so waren fast alle nur Namen, vielleicht noch mit einem Label „die Schüchterne“ versehen.
Vor ein paar Jahren hat der Fotograf Robbie Cooper eine Ausstellung gemacht, „Alter Ego“ (Buch dazu kriegt man im Online-Buchhandel), in der es Fotos von Computer-Rollenspielern und ihren Avataren gegenüberstellte. Online unter http://www.robbiecooper.org/small.html, und dann im Menü „simulations / alter ego / photos ->“ auswählen.

Als Schullektüre: Vielleicht in der 6. Klasse? Gefällt dann auch den Jungs, die sonst wenig lesen. Komisch, aber wenn die Wenigleser mal was lesen, dann immer diese dicken Schinken. Tatsache ist jedenfalls, dass das Buch bei Schülern wohl sehr gut ankommt, und bei einigen Erwachsenen, die ich kenne, auch.

Wer ansonsten mal sehen will, wie reich so eine Welt sein kann, schaut sich mal Dwarf Fortress an.

(Mitten im Buch hatte ich kurz die Idee: Der oberböse Gegenspieler des Spiels, von dem gelegentlich die Rede ist, stellt sich als – sagen wir – „der Büchermeister“ heraus. Das Spiel versucht Leute für sich zu rekrutieren, mit dem Spiel, und der Büchermeister auch, mit einem Buch, und zwar mit eben dem, das man gerade liest. Schade nur, dass dank des Buchs dann trotzdem alle Leser das beschriebene Spiel toller finden werden als das Buch – das gedruckte Wort als Eigentor. Und überhaupt ist das dann doch eine eher wirre Idee, gerne wieder vergessen.)

Stand by Me, Jahrzehnte danach

Different Seasons ist eine 1982 erschienene Sammlung von vier langen Kurzgeschichten – oder Kurzromanen? – von Stephen King. „Novella“ heißt diese Länge auf Englisch, und das Terminologieproblem ist noch das geringste bei Texten dieser Länge: Sie lassen sich einzeln auch schlecht verkaufen. King gelang das nur, indem er vier davon zusammenpackte. Die erste wurde als Shawshank Redemption verfilmt, die zweite als Apt Pupil, für die vierte ist ein Film in Produktion. (Eine Geschichte um einen geheimnisvollen Club und eine geheimnisvolle Bibliothek, ganz klassisch und weniger ernst gemeint als die anderen Geschichten. Kann ich mir als Film schwer vorstellen.) Und die dritte, die Herbstgeschichte, heißt als Film Stand by Me.

„The Body“, die ursprüngliche King-Geschichte, ist schon mal sehr gut. Sie spielt in der tiefen Vergangenheit der späten 1950er Jahren, wird aus dem Rückblick erzählt. „Möchtet ihr mal eine echte Leiche sehen?“, fragt einer von vier Freunden, der weiß, wo die Leiche des bei einem Unfall ums Leben gekommenen Jungen aus der Nachbarschaft liegt. Die vier machen sich auf dorthin, eigentlich nur eine Wanderung von ein, zwei Tagen, aber für die Jungen wird es eine Reise. Keine Monster, kein übernatürlicher Horror, nichts Phantastisches.
Der Film fügt dem einen passenden Soundtrack hinzu, einen tollen Regissseur (Rob Reiner), und tolle Schauspieler. Wil Wheaton, einer davon, und in Fankreisen wohlbekannt, hat neulich auf seinem Blog einen kurzen Film von Herve Attia vorgestellt. Attia schneidet Aufnahmen aus Filmklassikern mit neuen Aufnahmen der Originaldrehorte zusammen, Jahrzehnte danach. So auch bei Stand by Me:

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Stand by Me 1986 ( FILMING LOCATION ) from Herve Attia on Vimeo.

Schnüff.

Im Schülerbuch Green Line New 4 ist ein Auszug aus der King-Geschichte; ich habe damit aber noch nie gearbeitet. Es gibt eine Penguin-Schülerausgabe von „The Body“, mit vereinfachtem Wortschatz und britischer Rechtschreibung. Den habe ich im letzten Jahrtausend mal mit einer 9. Klasse angefangen – aber dann musste ich plötzlich als Vertretung mit zum Englandaustausch, und dann kam das Schuljahresende, so dass ich nicht wirklich zum Arbeiten mit dem Text kam.

Die aktuelle Ausgabe ist eine „2nd Revised edition“ und laut Amazon einige Seiten dicker als meine alte Ausgabe. Das heißt vermutlich nicht viel, aber zumindest in der alten Ausgabe fehlt ein essentieller Teil, und es wäre schön, wenn auch unwahrscheinlich, wenn sie doch noch aufgenommen worden wäre: Die Geschichte, die der junge Gordie (und spätere Erzähler des Buchs) am Lagerfeuer erzählt. Wie sich der gehänselte Dicke bei seiner Umwelt anlässlich des örtlichen Blaubeerkuchen-Wettessens rächt, indem er a) vor dem Wettbewerb eine große Portion Rizinusöl trink und b) ein Tempo beim Blaubeerkuchenessen anschlägt, das er unmöglich durchhalten kann.

Den Ausschnitt kann man auch bei empfindlichem Magen ansehen, er ist in seiner Übertriebenheit verhältnismäßig behutsam umgesetzt:

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Juvenil, kindisch! Also das muss doch in eine Schülerausgabe! Liest sich auch in der Geschichte gut.

— Attia hat das auch mit anderen Filmen gemacht. Ich habe mir das bei American Graffiti angesehen, auch ein schöner Film; spielt ebenfalls in der Vergangenheit. So gut wie Stand by Me funktioniert das nicht, da hilft das häufige Voice-over sehr.