Cory Doctorow, Little Brother (incl. epub)

Ich bin ein Schüler an der Cesar Chavez High in San Franciscos sonnigem Mission-Viertel, und damit bin ich einer der meistüberwachten Menschen der Welt.

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Little Brother ist ein Roman für Jugendliche, 2008 erschienen. Der Autor Cory Doctorow (Wikipedia) ist in Internetkreisen bekannt als Aktivist, Autor, Blogger und Journalist und für ein rotes Cape.

Das Buch spielt in einer so nahen Zukunft, dass sie fast schon Gegenwart ist. Schüler in San Francisco haben Laptops statt Schulbüchern, mit einem Betriebssystem, das auf den Schulgebrauch ausgerichtet ist und den Benutzern wenig Kontrolle über den Rechner gibt und gleichzeitig ihre Benutzung kontrolliert. Videokameras mit Gesichtserkennung auf den Schulfluren sind kürzlich verboten worden, als Ersatz experimentiert die Schule mit Schritterkennungs-Software, um den Aufenthalt der Schüler zu überwachen. Computerversierte Schüler wissen allerdings, wie man diese Systeme austrickst.
Dann verüben Terroristen einen Angriff auf San Francisco, in der Größenordnung vergleichbar dem Angriff auf New York 2001. Die staatliche Heimatschutzbehörde ergreift Maßnahmen, die nach und nach zu einem immer größeren Überwachungsstaat in Kalifornien führen, bis hin zu Guantanamo-artigen Geheimgefängnissen. Eine Reihe von Jugendlichen, allen voran der 17-jährige Marcus, wehren sich gegen die Beschneidung ihrer Bürgerrechte – sie wehren sich vor allem mit kleinen digitalen Sabotagemaßnahmen und Happenings.

Der Titel des Buches – eine Anspielung auf George Orwells 1984, in der der Große Bruder die personifizierte Überwachung darstellt – bezieht sich auf eine Stelle, an der nach Namen für die lose Verbindung aufmüpfiger Jugendlicher gesucht wird. Dabei fällt auch „Little Brothers“, sozusagen als die kleinen Brüder des großen Überwachers, die sich gegen dessen Methoden wehren.

Ich halte das Buch für Science Fiction im besten Sinn, nämlich mit der Betonung auf dem ersten Wort. Denn die Geschichte selber ist eher dünn. Der Überwachungsstaat entsteht eben nicht nach und nach, auch wenn ich das oben geschrieben habe – sondern er ist sofort da. Gleich am Anfang werden Marcus und seine Freunde von der Heimatschutzbehörde festgehalten und misshandelt, einfach weil sie zufällig zu einer ungünstigen Zeit an einem ungünstigen Ort waren. Das ging ein bisschen arg schnell. Und die Charaktere sind schon sehr zweidimensional. Von Erwachsenen ist man das in Jugendbüchern gewöhnt, aber auch die Jugendlichen sind holzschnittartig. Viel telling, wenig showing.

Dafür werden Konzepte und Erkenntnisse vorgestellt, wenn auch nicht immer besonders elegant. „Erlaubt mir an dieser Stelle eine kleine Abschweifung, um das zu erklären“ schreibt der Ich-Erzähler, und das macht der dann auch. Alan Turing wird vorgestellt, die Entschlüsselung des Enigma-Codes, RFID-Chips und wie man sie unbrauchbar macht, Bayessche Filter und Histogramme, das Falsche-Positivergebnisse-Paradoxon, Internet-Protokolle und asymmetrische Verschlüsselung nach öffentlichen Algorithmen. Außerdem schadet es gar nicht, dass Schüler mal von Linux hören, von LARP (einschließlich Vampirrollenspiel im Hotel, wie ich es aus Erzählungen kenne), von Alternate Reality Games.

Hier werden Technik und Populärkultur ernst genommen; übliche Lektüre im Deutschunterricht ist dagegen Level 4 – Die Stadt der Kinder von Andreas Schlüter für die zugegeben etwas jüngeren Schüler: Dort werden die Kinder auf magische Weise in die Welt des Computerspiels befördert und müssen sich dort ohne Erwachsene zurechtfinden.

Ist Little Brother als Schullektüre geeignet oder nicht? Man kann auf jeden Fall tolle Sachen damit machen:

  • Das englische Original hat Doctorow unter der Creative-Commons-Lizenz BY-NC-SA freigegeben. Das heißt, solange man den a) Autor nennt und b) das ganze nicht kommerziell ist, darf man mit dem Buch machen, was man will (eine Verfilmung, ein Comic, eine gekürzte oder erweiterte Ausgabe), solange man c) das entstandene Produkt unter den gleichen Bedingungen auch anderen zur Verfügung stellt. Man braucht weder die Erlaubnis des Autors noch eines Verlages dazu. Über CC-Lizenzen sollten Schüler Bescheid wissen.
  • Das Buch gibt es als rororo-Taschenbuch in einer Übersetzung von Uwe-Michael Gutzschhahn. Rowohlt hat für die Rechte am Buch sicher bezahlt, es handelt sich ja um eine kommerzielle Verwendung. Ich habe das Buch allerdings in der Übersetzung von Christian Wöhrl gelesen. Der hat das Buch auch übersetzt und stellt seine Version als pdf öffentlich zur Verfügung, natürlich ebenfalls unter der CC-BY-NC-SA, wie es die Lizenz ja vorsieht. Man kann Schüler die Übersetzungen vergleichen lassen; mir selber gefallen an der Wöhrl-Übersetzung etliche Sachen nicht. Deshalb habe ich mir an über hundert Stellen kurze Notizen in mein pdf-Dokument gemacht (am Tablet gelesen, dort geht das mit einfachem Daumendruck). Nur zwei davon betreffen Schreibfehler, der Rest sind Stellen, die ich erst mit dem Original vergleichen möchte, bevor ich sie beurteile. Wenn ich das Buch mit Schüler lese, würde ich auf jeden Fall eventuell vorher und sicher nachher eine verbesserte Übersetzung davon erstellen, die ich dann der nächsten Klasse zur Lektüre anbieten könnte.
  • Weil man das ja darf, hat jemand die Wöhrl-Übersetzung auch in das eBuch-Format .epub umgewandelt, aber wohl automatisiert aus der pdf-Datei, jedenfalls sind die Dateien, die ich gefunden habe, unbrauchbar. Deshalb habe ich die pdf-Datei überarbeitet und mache das Buch hiermit als sauber formatierte .epub-Datei zugänglich.
    Ich würde natürlich die Schüler überreden, ihr Tablet oder Smartphone mal als Lesegerät auszuprobieren. Von selber kommt sicher kaum einer auf die Idee, Romane dort zu lesen, da ist die Schullektüre doch ein guter Anlass.
  • Mit der Übersetzung von Wöhrl darf man ja alles machen, was man mit dem Original auch darf, also hat Fabian Neidhardt das Buch als Hörbuch aufgenommen und stellt es zum öffentlichen Gebrauch zu Verfügung.
  • Tvtropes.org ist ein riesiges Wiki, auf dem man Stunden verbringen kann. Dort wird etwas gesammelt, das eigentlich nicht Trope, sondern Topos heißt. Topoi sind feste – vielleicht sogar vorformulierte – Bilder und Motive der Literatur (später auch: in Film, Fernsehen, Comics, Computerspielen und anderen Medien). Die gibt es schon sehr lange. Tvtropes kennt die Kategorien „Older Than Dirt“ (vor dem griechischen Alphabet), „Older Than Feudalism“ (von dort bis zum Fall Roms), „Older Than Print“ (von dort bis zum Buchdruck) und so weiter. Die Bezeichner der Topoi sind meist etwas alberner als „locus amoenus“ oder andere traditionelle Toposnamen.
    Auf der Tvtropes-Seite von Little Brother sind über 50 Topoi aufgezählt, die sich im Buch finden lassen: Von „Adults Are Useless“ und „Anti-Hero“ und „Blonde Republican Sex Kitten“ bis „Would Hurt a Child“, „Your Terrorists Are Our Freedom Fighters“ und „Your Radio Hates You“. Die kann man Schüler suchen lassen, oder man kann sie diskutieren, anzweifeln, erklären, Beispiele aus anderen Büchern finden. Eine deutschsprachige Sammlung von Schullektüren-Topoi ist übrigens auch ein Projekt, das ich im Hinterkopf habe.
  • Referat oder Diskussionsrunde zu der Fortsetzung des Buchs, Homeland.
  • Vergleich mit anderen Dystopien.
  • Als Basis für Diskussion und – je nach Altersstufe – Erörterungen. In einer Unterrichtsstunde im Buch wird selbst diskutiert:

    „Unter welchen Umständen sollte die Regierung bereit sein, die Bill of Rights außer Kraft zu setzen?“, fragte sie und drehte sich dabei an die Tafel, um die Zahlen von eins bis zehn untereinanderzuschreiben.

Und dann ist natürlich die Aktualität des Romans. 2010 gab es einen Skandal um eine Schule in Philadelphia (Zeitungsartikel): die Schule spionierte die Schüler mit den in die Schülerlaptops eingebauten Kameras zu Hause aus, ohne deren Wissen natürlich. Und gestern lese ich, dass eine Schülerin aus Texas vom Unterricht suspendiert wurde, weil sie sich weigerte, den Schülerausweis mit eingebautem RFID-Chip zu tragen. (Tatsächlich war das schon im Januar, aber sie kehrt dieser Tage zur Schule zurück; das Gericht gab der Schule Recht, trotzdem benutzt die Schule das Überwachungsprogramm inzwischen nicht mehr.) Dazu noch die aktuellen gesellschaftlichen Themen Vorratsdatenspeicherung, NSA-Bespitzelung, Handy-Rasterfahndung. Lesenswert auch das Interview zu Trusted Computing: Windows 8 macht sich auf den Weg, Hardware zu propagieren, die das Installieren von Linux erschwert macht und die Kontrolle der installierten Programme ermöglicht.

Was gegen das Buch als Schullektüre spricht:

  • Es ist nicht wirklich gut geschrieben. Vielleicht lag’s an der Übersetzung, vermutlich eher an den zweidimensionalen Figuren. Andererseits weiß ich nicht, ob das Schüler stören würde. In dem Alter habe ich auch recht platte Sachen gelesen und genossen.
    Was mir übrigens fehlt: eine Demonstration echter Zusammenarbeit. Schön wäre eine Erzählung vom Wachsen eines Wikis oder anderer Zusammenarbeit; hier wird das nur behauptet und nicht gezeigt. Und ich hätte gerne einen glaubwürdigen Vertreter des Themas Sicherheit und Überwachung, als ernst zu nehmenden Gegenspieler der Jugendlichen.
  • In welcher Jahrgangsstufe soll man das lesen? Auf Englisch frühestens in der 10. Klasse, denke ich, vorher ist nicht genug Sprache da. Oder doch schon in 9? Besteht dann die Gefahr, dass die ganze Technik überlesen wird? Im Deutschunterricht… am liebsten in der 8., so was das Niveau des Buchs betrifft. In dem Alter muss man sie auch das Interesse an Technik und Informatik etwas fördern, und der Inhalt dürfte die Schüler in diesem Alter sehr interessieren. Andererseits ist ein bisschen Sex drin, einmal Geschlechtsverkehr offstage, einmal heftiges Fummeln. (Ist das Rummachen unmittelbar vor der Pressekonferenz, die sie dadurch fast verpassen, unrealistisch oder sind rebellische Teenager wirklich so planlos? Die Frauenfiguren sind in Ordnung, aber jede einzelne der Jüngeren steht auf den Helden. Na ja.)
  • Einige Male wird positiv die Piratenpartei genannt – in Schweden. Dass die deutsche Piratenpartei damit nicht gemeint ist, muss man den Schülern sagen, trotzdem ist das manchen Eltern vielleicht schon zu politisch. Wir erinnern uns: wenn man irgendwas mit Hexen und Zauberern liest, gibt es häufiger aus religiösen Gründen Protest, als man denkt.
  • Irgendein Elternteil arbeitet immer bei Microsoft. Wenn der Internet Explorer als „Microsofts Crashware-Dreck, den kein Mensch unter 40 freiwillig benutzte“ bezeichnet wird, und wenn Firmen, die die Lizenz erworben haben, für Microsoft-Spielekonsolen zu schreiben, „Blutgeld an Microsoft gezahlt“ haben, dann muss man sich auf etwas Ärger vorbereiten.
  • Jugendsprache zu lesen ist meistens etwas peinlich; bei der Beschreibung von Stadtvierteln in San Francisco ist von „Nutten“ und „Transen“ und „pissen“ die Rede, aber das dürfte kein Problem sein.
  • Das Buch zitiert mehrfach die amerikanische Unabhängigkeitserklärung: wenn ein Volk nicht mehr will, was die Regierung tut, darf das Volk sich wehren. Hm.
    Erstmal ist die Bevölkerung von San Francisco mit dem Vorgehen der Heimatschutzbehörde ja voll einverstanden. (Die Presse erfüllt ihre Rolle der Aufklärung aber auch nicht.) Trotzdem reklamiert Marcus das Recht für sich, aktiven Widerstand zu leisten. Das hätte ich gerne etwas differenzierter. Andererseits, vielleicht ist das ein guter Anlass zur Diskussion.

Das Buch ist aber so schön aktuell und würde den Schülern gut gefallen. Nächstes Jahr habe ich wohl eine 8. und eine 10. Klasse in Deutsch. In 10 ist keine Zeit dafür, da muss man sich mit dem 18. Jahrhundert beschäftigen. Ist 8 zu früh? Ein Referat ist natürlich immer drin. (Rowohlt empfiehlt ab 14 Jahren – im Lauf der 8. werden die meisten Schüler 14, einige sind es schon vorher, sehr selten erst später.)

Links:

Fußnote:

Von Wired gibt es die 12-teilige Videoserie Codefellas (Youtube). Darin spionieren Special Agent Henry Topple, der noch sehr an den Verkleidungen und Geheimoperationen des kalten Kriegs hängt, und die junge Hackerin – bald seine Vorgesetzte – Nicole Winters im Auftrag der Regierung den Menschen hinterher.

Der Inhalt ist nicht verfügbar.
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Scott Westerfeld, Uglies

Vorgemerkt als Schullektüre, auf Deutsch, 6. oder 7. Jahrgangsstufe.

Uglies spielt in einer Zukunft, wenige hundert Jahre von hier entfernt. Uns kennt man nur noch als die „Rusties“, eine frühere Kultur mangelhafter Nachhaltigkeit, die viel Schrott hinterlassen hat. In der schönen neuen Welt wächst man auf bei seinen Eltern, bis man dann zum „Ugly“ wird und in einer Art fröhlicher Internatsstadt mit anderen Uglies lebt, dort in die Schule geht, Streiche spielt, Sport treibt. Mit 16 tritt man über in die nächste Phase und wird zum „Pretty“. Pretties, das sind quasi die Erwachsenen, die vor allem über ihr Aussehen und die damit verbundene Autorität definiert werden, nicht unbedingt über verantwortungsvolles Handeln oder einen Beruf oder was man sonst mit Erwachsenen verbindet. Vielleicht liegt das daran, dass im Buch eher die New Pretties im Vordergrund stehen, weniger die Middle Pretties, die tatsächlich Berufe haben, oder Late Pretties („Crumblies“).

Pretty wird man nicht von selber, sondern in einer Schönheitsoperation zum 16. Geburtstag. Makellose Haut, gerade Nasen, angemessen hohe Wangenknochen, Immunität gegen Krankheiten, gute Haltung, ein bisschen mehr Körperfett oder weniger, bis das aktuelle Ideal erreicht ist. Und dann lebt man als zufriedener Pretty und hat mit den jungen, etwas übermütigen Uglies wenig zu tun. Uglies fiebern dieser Operation entgegen, die ist so etwas wie der fest zugesagte und verbindliche Porsche zum Schulabschluss.

Meinem Neffen, Ende 6. Klasse, hat das Buch sehr gut gefallen. Ein dickes Plus sind sicher die Hoverboards, Sportgeräte, wie meine Generation sie aus Zurück in die Zukunft II kennt. Erlaubte und unerlaubte Ausflüge damit spielen für Uglies und auch für die Handlung eine große Rolle – und faszinieren sicher viele jugendliche Leser. Mein Neffe hat jedenfalls gleich technische Zeichnungen dazu angefertigt. Die Hauptpersonen sind fast alle weiblich, trotzdem wird das Buch auf Jungs gefallen: es gibt reichlich Action und Verfolgungsjagden und Technik.

Kleiner Spoiler, der wohl gar nicht so überraschend kommen dürfte: Nicht alle Uglies sehen die Schönheitsoperation unkritisch.

[New Pretty:] „Crazy love and jealousy and needing to rebel against the city. Every kid’s like that. But you grow up, you know?“
[Ugly:] „You grew up because of an operation? Doesn’t that strike you as weird?“

Das hat mich an eine Bradbury-Geschichte erinnert, auch wenn die nur am Rand etwas damit zu tun hat. Ich musste etliche Bücher durchwühlen, bis ich den Titel wieder wusste: „One Timeless Spring“ beginnt mit dem Satz „That week, so many years ago, I thought my mother and father were poisoning me.“ Der zwölfjährige Erzähler führt die subtilen Veränderungen, die er seit einiger Zeit an sich wahrnimmt, darauf zurück, dass er einer Krankheit oder Vergiftung leidet. Gefördert wird diese durch seine Eltern, seine Schule, was er dort lernt, was er zu Hause isst. Mit jedem Frühstück, jedem Mittagessen, jeder Schulstunde verändert sich sein Körper, wird erwachsener, sieht er die Zeit der unbeschwerten Kinderspiele davongehen. Er versucht zu hungern, um den Vorgang aufzuhalten. Am Schluss knickt er doch ein.

Und beim Durchblättern dann gleich noch eine, „Fever Dream“: Ein Junge, ähnliches Alter, liegt mit Scharlach im Bett, so sagen es ihm Arzt und Eltern. Er bildet sich aber ein, dass sein Körper nach und nach von Mikroben übernommen wird – erst die Hand, dann den Arm, und so weiter. Am Schluss, nach einer überraschend plötzlichen Heilung, verhält er sich plötzlich gruslig anders. Horrorgeschichte? Pubertätsparabel?

Uglies sehe ich vor allem als Schullektüre, als Erwachsener habe ich das nicht mit der gleichen Spannung gelesen wie Tschick oder Harriet the Spy oder Curious Incident. Aber die Folgebände (Pretties, Specials, und Extras) werde ich vermutlich auch noch lesen.

Resolute Schüler und Schullektüren

Ein Fundstück aus meinem Referendariat, vom Seminarlehrer für Deutsch ausgeteilt, dem Herrn Bittig*:


(Die 12. Jahrgangsstufe hieß damals 8. Klasse. Und das ist eine Abschrift des Originals, das es hoffentlich gegeben hat. Bei Dokumenten aus Deutschlehrerhand weiß man ja nie, wer sie wirklich verfasst hat.)

Wilde Zeit, das. Da lagen Resolutionen in der Luft; heute hat man die gar nicht mehr. Ich fürchte, das liegt auch daran, dass wir Lehrer so aalglatt geworden sind, oder von mir aus: verständnisvoll, umsichtig, vertrauensfördernd, dass Resolutionen an uns abperlen würden. Oder sie sind nicht mehr nötig, weil sie entweder eh nichts bringen oder das gleiche Problem durch ein einfaches Gespräch auch geklärt werden kann.

Irgendwann traue ich mich noch, den „Bericht zum Streikaufruf an die Schüler des Gymnasiums Fürstenfeldbruck am 28.5.1968“ zu veröffentlichen, vom damaligen stellvertretenden Schulleiter an die Landpolizei Fürstenfeldbruck geschickt, und in dem die Eriegnisse geschildert werden, „die zur Inanspruchnahme der Polizei führten.“ Der letzte Absatz lautet: „Einige Schüler der oberen Klassen (diese hatten gerade eine Freistunde) diskutierten noch kurze Zeit mit den Aufwieglern, gingen aber bald zum Unterricht.“ – Oder wir packen das auf die Schulhomepage, so als Fundstück aus der wilden Vergangenheit der Schule, die man ihr heute nicht mehr so ansieht.

*Laut Schulwebseite 2012 in die Freistellungsphase eingetreten, also die Vorpensionierung. War ganz okay, das Referendariat; jedenfalls habe ich mich gut verstanden mit dem Herrn Bittig, und auch manches gelernt. Ich habe noch die Protokolle von damals auf Festplatte, muss ich mir mal wieder anschauen.

Ray Bradbury

Letzte Woche starb, 91-jährig und von meinem Teil des Web wenig beachtet, Ray Bradbury. Ich lernte ihn kennen als Science-Fiction-Schriftsteller, und zwar einen der ganz großen – neben Asimov, Heinlein und vielleicht noch Arthur C. Clarke.

Ich kannte Bradbury schon während meiner Schulzeit. In meinem Leistungskurs-Macbeth ist neben den Zeilen „By the pricking of my thumbs/Something wicked this way comes“ der Name Bradburys gekritzelt; einer seiner Romane heißt so. Gelesen hatte ich damals aber nur wenig von ihm. Ich kannte ihn aus der einen oder anderen Anthologie und vor allem aus der SF-Sekundärliteratur.

(Es ist ganz erstaunlich, wieviel man als Sechzehnjähriger erfährt, wenn man eine Essay-Sammlung von Asimov oder Der Millionen-Jahre-Traum liest, eine Literaturgeschichte der Science Fiction von Brian W. Aldiss. Meine erste Begegnung mit Aristophanes, Cyrano, Horace Walpole, Mary Shelley, Wells, Bradbury und vielen anderen.)

Aber richtig lieben gelernt habe ich Bradbury in den zwei Jahren nach der Schule. Ich bin so etwas wie ein Bradbury-Fan. Einen knappen Meter zu ihm habe ich im Regal – ein bisschen Biographie, ein wenig Sekundärliteratur, ein paar Theaterstücke, Gedichte und Essays, und vor allem die Kurzgeschichtensammlungen und Romane. Bradbury war vor allem ein Autor von Kurzgeschichten; die meisten seiner Romane entstanden daraus, eben Fahrenheit 451 und Something Wicked This Way Comes, daneben die Mischformen aus Roman und Kurzgeschichtensammlung The Martian Chronicles und Dandelion Wine. In den letzten Jahrzehnten fassten Bradbury oder sein Verleger viele seiner alten Geschichten mit einer Romanhandlung zusammen; selten war das eine Verbesserung gegenüber den einzelnen Geschichten. Ein waschechter und sehr gelungener später Roman ist der Krimi Death Is A Lonely Business von 1985.

Kaum eine Geschichte von Bradbury ist klassische Science Fiction. Aber es geht fast immer um Träume, Wünsche, Magie, die Zukunft, Erfundenes. In der dunklen Variante sind das seine Halloween-Geschichten, sommerlicher die vielen Coming-of-Age-Geschichten, allen voran Dandelion Wine. (Die muss man sich zeitlich so wie bei den frühen Waltons vorstellen, Anfang der 1930er Jahre.) Es ist vor allem Bradburys blumige, metaphernreiche Sprache, die es mir angetan hat. Hier die Anfänge seiner besten Romane:

Dandelion Wine:

It was a quiet morning, the town covered over with darkness and at ease in bed. Summer gathered in the weather, the wind had the proper touch, the breathing of the world was long and warm and slow.

Fahrenheit 451:

It was a pleasure to burn. It was a special pleasure to see things eaten, to see things blackened and changed. With the brass nozzle in his fists, with this great python spitting its venomous kerosene upon the world, the blood pounded in his head, and his hands were the hands of some amazing conductor playing all the symphonies of blazing and burning to bring down the tatters and charcoal ruins of history.

The Martian Chronicles:

One minute it was Ohio winter, with doors closed, windows locked, the panes blind with frost, icicles fringing every roof, children skiing on slopes, housewives lumbering like great black bears in their furs along icy street. And then a long wave of warmth crossed the small town.

Death Is A Lonely Business:

Venice, California, in the old days had much to recommend it to people who liked to be sad. It had fog almost every night and along the shores the moaning of the oil well machinery and the slap of dark water in the canals and the hiss of sand against the windows of your house when the wind came up and sang among the open places and along the empty walks.

Und natürlich Something Wicked This Way Comes:

The seller of lightning-rods appeared just ahead of the storm.

Muss man mögen. Ich habe es geliebt. Bradbury schrieb lyrisch, sentimental, witzig, voller Energie, immer bereit, das Gruselige im Normalen zu sehen („The Small Assassin“) oder das Schöne im Grusligen („The April Witch“, „Uncle Einar“). Auch wenn seine späteren Romane und Zusammenstellungen von Kurzgeschichten nicht an die ersten vierzig Jahre seines Schaffens heranreichen: toller Autor.


The Martian Chronicles

Kann ich als Schullektüre nur empfehlen. Es geht ein bisschen um Raumschiffe, das spricht die technikbegeisterten Gemüter an. Es ist auch ein bisschen traurig, das ist dann etwas für die anderen. Es ist ein Gebilde aus thematisch und zeitlich verbundenen Kurzgeschichten, mit kleinen lyrischen Kapitelchen dazwischen, das man als Roman betrachten kann, aber nicht muss – zu Not kann man einzelne Geschichten heraussuchen und bearbeiten lassen, ganz binnendifferenzierend. Themen bietet sich sehr viele an; Material gibt es viel dazu – Kunststück, das Buch ist seit Jahrzehnten eine beliebte Schullektüre (hier, da, dort), wenn auch wohl eher in den USA als bei uns. Gesichtspunkte sind etwa:

  • Finden Sie Ungereimtheiten innerhalb und zwischen den Geschichten.
  • In welchen Geschichten tauchen Marsianer auf, und welche Rolle spielen sie jeweils?
  • Teilen Sie das Buch in drei oder vier große Teile. Begründen Sie Ihre Unterteilung.
  • Welche Elemente verbinden die einzelnen Geschichten miteinander?
  • Welche Elemente weisen auf spätere Geschichten hinaus, oder zurück zu früheren?
  • Beschreiben Sie marsianische Technologie und vergleichen Sie sie mit irdischer.
  • Welche Elemente des Frontier Myth finden Sie im Buch? Wer war Johnny Appleseed?
  • Martian Chronicles und Manifest Destiny.
  • Welche Geschichte ist für Sie die zentrale der Sammlung? Warum?
  • Vergleichen Sie (eine Auswahl aus jeweils zwei geeignenten Geschichten)?
  • Welches Bild der Marsianer haben die Menschen zu welchem Zeitpunkt?
  • Metamorphosen als zentrales Motiv.
  • Eine Geschichte des Mars in der Science Fiction.
  • Die Geschichte „Usher II“ und Edgar Allan Poe.
  • Die Geschichte „Usher II“ und Zensur in den USA der 1950er Jahre.

Zum letzten Punkt: „Usher II“ kann man als Vorläufer des späteren Fahrenheit 451 sehen. Es geht darin um das Verbieten von Literatur, erst weil bestimmte Aspekte diesen nicht gefallen, dann weil andere etwas gegen andere Punkte haben… es fängt an mit phantastischer Literatur und Filmen, mit Poe und Märchen, und nach und nach müssen alle Geschichten daran glauben. Die Martian Chronicles erschienen 1950, nehmen aber schon die Kommunistenjagd und Zensur während der McCarthy-Zeit der kommenden Jahre voraus. Zu McCarthy siehe meinen Blogeintrag zum Film Good Night, and Good Luck; dort ist auch eine Seite aus dem EC-Comics The Haunt of Fear (1954) abgedruckt. EC, das hieß ursprünglich Educational Comics, seit 1950 spezialisierte sich dieser Verlag aber auf inzwischen berühmt gewordenen Science-Fiction- und Horrorcomics, teilweise mit recht grauslichem Humor. Bald gerieten die Hefte unter politischen Beschuss, das Phänomen der Jugendkriminalität der 1950er Jahre wurde ihnen angelastet. Sie versuchten sich zu wehren („Nur Kommunisten wollen Comics verbieten!“), half aber nichts:

— Digital habe ich viele Hörspiele nach Bradburys Werken, ältere und jüngere. Online gibt es einige Martian-Chronicles-Episoden in den Serien Dimension X und X Minus One aus den 1950er Jahren:

Dimension X (1950-1951)
Episode 11: There Will Come Soft Rains & Zero Hour
Episode 14: Mars Is Heaven
Episode 20: The Martian Chronicles
Episode 26: And the Moon Be Still As Bright

Episode 14 versucht, die ganze Kurzgeschichtensammlung in eine halbe Stunde zu packen; die anderen Episoden nehmen sich jeweils einzelne Geschichten vor. Weitere Bradbury-Episoden, die nichts mit den Chronicles zu tun haben, sind 8, 40, 43, 46, 48.

X Minus 1 (1955-1958)
Episode 03: Mars Is Heaven
Episode 19: And the Moon Be Still As Bright

Die Tonqualität ist bei dieser etwas jüngeren Serie meist besser. Weitere Bradbury-Episoden sind 12 („The Veldt“, sehr zu empfehlen), 24, 26, 29, 30.


Überhaupt, der Mars

Der bietet sich für ein W-Seminar an, auf Basis von Das Jahrhundert der Marsianer von Helga Abret und Lucian Boia, eine Art Rezeptionsgeschichte des Mars. Das Jahrhundert der Marsianer dauerte von 1877 bis 1977. Den Anfang machte die Entdeckung der Marskanäle – auch wenn sie keine waren – durch Giovanni Schiaparelli, die Folge waren Spekulationen über eine alte Zivilisation dort – der Mars als Projektionsfläche – bis zu Wells‘ Invasion und später der von Welles‘ (Blogeintrag dazu), mit Edgar Rice Burroughs als fantastischem Zwischenspiel. Dann verlor der Mars nach und nach seine Glaubwürdigkeit als bewohnter oder ehemals bewohnter Planet und wurde, wie bei Bradbury, ganz zur Metapher. 1977 landeten die Viking-Sonden und meldeten endgültig: kein Leben. „Blues für einen roten Planeten“ heißt dann auch passend dieUnser-Kosmos-Folge von Carl Sagan dazu.

(Vor ein paar Jahren wurde dann doch gefrorenes Wasser gefunden wurde. Vielleicht sogar fließendes. Der Mars ist wieder da.)

Krimis schreiben, Fabel und Diskurs

Und noch ein Rest von der Fortbildung in der letzten Woche: Für ein Projekt musste schnell eine einfache Krimi-Handlung her. Der Ausgangspunkt: Jemand wacht im Hotel neben einer Leiche auf, blutige Hände und so weiter, ein Messer neben sich – wie geht es weiter? Was ist passiert?

Da hätte ich mir meine Schüler aus der 7. Klasse gewünscht. Mit denen habe ich ja Krimis gelesen. Zum Abschluss und nach dem Erarbeiten eines Kriterienkatalogs stellten die Schüler einen Edgar-Wallace-Thriller beziehungsweise einen Jugendkrimi vor, der gut in die Reihe Arena Thriller gepasst hätte. Zu den Kriterien gehört bei letzten zum Beispiel das Personal (Heldin weiblich, 15-17 Jahr) oder der Titel (zusammengesetztes Substantiv mit jeweils einem positiven und einem negativen Bestandteil). Das haben die Schüler sehr gut gemacht. Hier eine leider nur stichpunktartige Zusammenfassung, die ich mir nach der Präsentation schicken ließ.

Titel: Veilchenblut

Vorgeschichte:

  • 17-jähriges Mädchen namens Monica
  • als 4-jährige entführt
  • konnte im Gegensatz zu anderen, umgebrachten Kindern entfliehen
  • jedem Kind wurde vor dem Mord ein Veilchen auf das Handgelenk tätowiert
  • die Mörderin wurde beinahe gefasst, doch als sie davon erfuhr, brachte sie sich um

Grund wieso [die verrückte Entführerin] jedem Kind ein Veilchen auf die Hand tätowiert hat:

  • ihre damals 4-jährige Tochter an Krebs gestorben
  • sie fand es ungerecht, wieso „alle“ Kinder leben dürfen außer ihres
  • [das] hat sie verrückt gemacht

Inhalt:

  • Freund von Monica fehlt in der Schule
  • wird tot am Ufer eines Flusses aufgefunden
  • mit einer Tätowierung, die neu ist, am Handgelenk: ein Veilchen
  • das gleiche hat Monica auch
  • Schwester wird entführt, nicht gefunden
  • Zusammenhang, aber die Mörderin ist tot – Mittäter?
  • Monica ermittelt

Auflösung:

  • Monica findet Fotos von ihrem Vater und Mörderin – küssend!
  • Vater ist Liebhaber von Mörderin + Vater von an Krebs gestorbenen 4-jährigen Kind
  • er hat nie Mutter von Monica geliebt
  • Mutter hat Vater nicht gehen lassen
  • sie hat gedroht alles zu sagen
  • sie weiß, dass er der Mittäter ist
  • die Wut auf die Mutter hat er an den Kindern ausgelassen
  • er rächt sich für die Mörderin
  • deshalb Freund und eine Tochter entführt
  • Monica ist als Kind nicht entkommen, Vater konnte damals sein Kind nicht umbringen

Hm, ausformuliert wäre dem vielleicht noch leichter zu folgen. Beim nächsten Mal. Wenn ich noch weitere Plots zur Veröffentlichung kriege, hänge ich die unten an.

— Jedenfalls konnte ich mich bei der Fortbildung plötzlich in die Situation eines Film- oder eher Fernsehproduzenten versetzen, der mal eben rasch einen groben Plot braucht und bereit ist, für diese Leistung zu zahlen. Ohne Schülerhilfe musste ich mich selber daran machen, eine Geschichte zu entwerfen.

Der Krimi und die Inhaltsangabe

Angefangen habe ich so:

  • Held wacht neben Leiche auf
  • durchsucht Leiche
  • findet Zimmerschlüssel und einen Schließfachschlüssel
  • geht in das Zimmer des Toten
  • findet dort…

Schon bald war ich aber verwirrt und musste in meiner Skizze Sachen ergänzen, durchstreichen, umschreiben. Es wurde unübersichtlich. Deshalb entschied ich mich für eine zweite Fassung, die nicht mit dem Beginn des Krimis ansetzt, sondern eher sogar damit aufhört:

Der Schlagerstar B. ist heimlich verheiratet und hat drei Kinder, will aber nicht, dass das öffentlich wird. Der Gangster M. lässt sich vom Gangster W. eine Kopie der Heiratsurkunde schicken, um B. zu erpressen. M. verspricht W. dafür einen Teil des Geldes. M. versteckt die Urkunde in einer mit einem Geheimcode gesicherten Kassette in einem Schließfach im Hotel. Den Code hat er auf einen Zettel notiert. Dann geht M. zu B…

Die erste Fassung gibt die Reihenfolge wieder, in der der Leser oder Spieler das Geschehen erfährt. Die zweite Fassung gibt die chronologische Reihenfolge des Geschehens wieder (und stellt auch kausale Zusammenhänge her). Leider ist die Termionologie für diesen sehr wichtigen Unterschied nicht einheitlich, die frühe Unterscheidung in story und plot (durch E.M. Forster) reicht da nicht. Die Strukturalisten unterscheiden story und discourse, dabei ist story die chronologische Zusammenfassung und discourse bezieht sich auf die Art und Weise, wie die Geschichte präsentiert wird – also in welcher zeitlichen Folge, aber auch in welcher Erzählweise und mit welchen weiteren Formen der Leserlenkung.

Auf Deutsch heißt das „Handlung“ oder „Fabel“, aber die Trennung zwischen diesen und einem Diskurs ist mir in meinem lange zurückliegenden Germanistikstudium nicht begegnet. Jedenfalls vermisse ich einen geeigneten Ausdruck, der für die Textsorte Inhaltsangabe am Gymnasium hilfreich wäre. Ich will bei der Inhaltsangabe definitiv nicht, dass diese sich an der Erzählreihenfolge orientiert. Aber immer wieder zu sagen: „Fasse chronologisch zusammen statt in der Erzählreihenfolge“ ist umständlich, hier hätte ich gerne einen Fachausdruck.

Warum möchte ich keine Zusammenfassung in Erzählreihenfolge? Erstens, weil dadurch Nacherzählungen herauskommen. Zweitens, weil das zu leicht ist und keine Reorganisation des Textes erfordert. Drittens, weil das eine nützliche Fähigkeit ist, etwa wenn man einen Krimi erklären will. Wenn man da die Handlung in der Erzählreihenfolge wiedergeben will, verheddert man sich in „stellt sich heraus, dass das doch gar nicht so“ und „hat zuvor heimlich“ und „Moment, ich habe vergessen, er hat dabei auch noch vorher“.

Deswegen sollte man ab der 8. Klasse den Schülern Texte vorlegen, in denen eben nicht chronologisch eine Handlung wiedergegeben wird. Bei pointierten Geschichten stellt sich oft am Schluss etwas heraus, dass chronologisch an den Anfang gehört; bei Krimis ist dieser analytische Aufbau sogar ganz typisch fürs Genre.

(Natürlich braucht man auch andere Arten der Inhaltszusammenfassung, für Buchvorstellungen und Rezensionen und Klappentexte und so weiter. Da soll man den Schluss ruhig weglassen.)

Heute Fortbildung, und Krimi-Lektüre, und Schullektüre, und überhaupt kam dann noch alles mögliche dazu

Erstens.

Heute in der 7. Klasse, Deutsch, weiter die Lektüre besprochen. Die Klasse hat schon ein Buch gelesen, wollte aber ein weiteres gemeinsam lesen. Also entschieden wir uns für… ich weiß auch nicht, wie das genau geschah, es war mitten im Doppelabitur, ich war sehr im Stress… für ein Buch, das mir dann nicht so gut gefallen hat. Mehr ein Jugendbuch, das tatsächlich nur für die Jugend ist. Es gibt ja genug Jugendbücher, die auch Erwachsene noch lesen können. Und das Buch war vielleicht mehr für die ohnehin dominanten Mädchen als für die Jungs. Also gut: die Schüler wollten einen Arena Thriller lesen, Sommernachtsschrei von Manuela Martini.
Dann wollte ich aber doch, dass die Jungs die Wahl haben sollten, etwas anderes zu lesen. Und sie wollten Edgar Wallace. Der Hexer. Okay. Kein Jugendbuch, sondern für Erwachsene geschrieben. Vor 85 Jahren. Hat sich nicht so gut gehalten.

Dann habe ich mich aber doch mit den Büchern versöhnen können, weil die Schüler etwas damit anfangen konnten. (Es war auch keiner überfordert von der Lektüre.) Zum einen: Figurenkonstellation und Inhaltsangabe, und zwar so, dass die andere Hälfte der Klasse bei dem Buch mitreden kann, das sie nicht gelesen hat. Und die Inhaltsangabe eben nicht chronologisch und unter sofortigem Verraten aller Geheimnisse – die ja bei Krimis, und beides sind tatsächlich weitgehend Krimis, ja besonders wichtig sind. Außerdem gab es schon vor dem Austeilen der Lektüre einen Arbeitsauftrag, nämlich die nur leicht veralteten „Twenty Rules for writing detective stories“ von S. S. van Dine (1928), auf Deutsch natürlich. Regel 1 etwa:

The reader must have equal opportunity with the detective for solving the mystery. All clues must be plainly stated and described.

Und Regel 16 beginnt:

A detective novel should contain no long descriptive passages, no literary dallying with side-issues, no subtly worked-out character analyses, no „atmospheric“ preoccupations.

Nach der Lektüre wurde dann diskutiert, welches Buch sich an welche Regeln hält und damit Kriminalroman oder Detektivgeschichte genannt werden kann. Beide eher ja, der Sommernachtsschrei sogar noch eher. Aber diese Regeln bieten auf jeden Fall eine schöne Möglichkeit, Bücher zu analysieren, statt eben nur den Inhalt wiederzugeben.
Beim Vergleich der Bücher stellte sich auch heraus, dass der Hexer eher nach wie ein Thriller nach vorwärts gewandt erzählt wird, während der Sommernachtsschrei analytisch aufgebaut ist: da geht es darum, typisch für den Detektivroman, herauszufinden, was eigentlich alles vor dem eigentlichen Einsetzen der Handlung geschehen ist. Das ist ein Muster, das die Schüler später vielleicht bei König Ödipus und Nathan wiederfinden. Und ja, Wörter wie „analytisch“ nimmt eine 7. Klasse gerne bereits an.

Überhaupt, an Krimis könnte man sehr viel Erzähltheorie üben. Siehe auch den Vortrag/Essay „Aristotle on Detective Fiction“ von Dorothy L. Sayers, ich finde leider keine Quelle im Web, lesenswert, oder W.H. Auden, „The Guilty Vicarage“.


Zweitens.

Dann mit der 7. Klasse in den Computerraum, zum Schluss des Schuljahres ein bisschen spielen – nach strukturiertem Vorgehen mit Kontrollstrukturen und Algorithmik bei Robot Karol sollen sie jetzt einfach mit Scratch herumspielen. Scratch ist eine objektorientierte grafische Programmierumgebung, die man schon in der Grundschule einsetzen könnte. Grafisch heißt: man schreibt keinen Programmcode, sondern schubst mit der Maus grafische Elemente herum. Tippfehler gibt es also keine. (Klassen kennt das Programm allerdings nicht, soweit ich weiß.) Durch das Herumspielen mit demn Programm lernt man viel, wenn man will.
Überhaupt frage ich mich nach geeigneten Zugängen zur Informatik. Informatik ist viel mehr als Programmieren, und man könnte das Fach wohl auch ohne dieses unterrichten. Aber irgendwie ist das in der Praxis halt doch die Grundlage, ohne die es nicht geht. Ich habe nie viel programmiert, und hole das gerade nach. (Ich laufe gerade mit einer MVC-Brille durch die Welt und teile alles, was ich sehe, in Model, View oder Controller ein. Irgendwann wird ein Blogeintrag daraus.)
In der 10. Klasse sollen die Schüler Programmieren lernen und Informatik lernen, parallel. Ja, ich versteh schon, ist schon sinnvoll. Aber ich frage mich, ob die Schüler nicht zuerst programmieren lernen sollten und danach Informatik. Obwohl… streicht das. Das hatten wir doch schon. Ein halbes Jahr Pascal im Matheunterricht


Drittens.

Apropos herumspielen: Google+ gefällt mir sehr gut, sollte Ende des Monats für alle starten. Wenn die Erwachsenen dann bitte alle von Facebook dorthin umziehen würden?


Viertens.

Mit der 9. Klasse lese ich gerade Shakespeare, Romeo und Julia, auf Deutsch. Und nicht Andorra. Weil wir da die Baz-Luhrmann-Verfilmung anschauen können, weil die Schüler davor noch nicht mal wussten, was Akte sind, und vor allem: weil sie sich schon mal auf harmlose Weise an die Sprache des späteren 18. und frühren 19. Jahrhunderts gewöhnen sollen. Damit der Nathan in der 10. und der Faust in der 11. dann nicht so schwer fallen, denn das tun sie. Grob klappt das mit dem Verstehen auch, aber wenn man nachhakt, wie viele der Informationen, die tatsächlich in zwei, drei, vier Versen gepackt sein können, tatsächlich ankommen – dann muss ich morgen wirklich mal eine Seite ganz gründlich gemeinsam Vers für Verse auseinandernehmen.


Fünftens.

Heute wieder Moodle-Fortbildung, schulintern. Lief gut. Zum Einstieg kam wieder meine Folie mit dem Hype-Zyklus, inzwischen auch unter CC-BY-SA-Lizenz zum Herunterladen. Außerdem ein Papier mit den wichtigsten Tipps und Informationen (Download.)

Und natürlich hat jeder Anwesende – darunter einige Referendare – eine Teilnahmebestätigung gekriegt, liebevoll selbst gestaltet mit Schullogo und „2. Ausfertigung für die Lehrkraft“ und allem. So wie Philip Marlowe zwei Arten von Visitenkarten hat, die mit der Pistole mit Eck und die ohne – je nach Art des zu beeindruckenden Klienten -, habe ich zwei Versionen gemacht: eine mit Kinder-Foto von mir in der Ecke und eines ohne. Ich habe dann doch nur die ohne Foto herausgerückt, weil ich das ja auch tatsächlich eine ernsthafte und sinvolle Fortbildung war. Aber ein kleines „etc.“ habe ich mir bei der Unterschrift gegönnt:

Max Frisch, Homo faber: Referate – und die Links dazu

Im letzten Semester der Q12 lasen alle Deutschkurse an meiner Schule Homo faber von Max Frisch. Die Lehrer aller Oberstufen-Deutschkurse haben auch sonst viel zusammengearbeitet, aber das ist eine Geschichte für ein anderes Mal.

1. Die Referate

Homo faber ist keines meiner Lieblingsbücher, aber die Schüler mochten es immer einigermaßen. Und selbst ich freundete mich wieder damit an. Diesmal gingen wir so vor, dass wir – eine Anregung des Kollegen Z. – uns darauf beschränkten, die Beziehungen zur griechischen Mythologie in dem Roman herausarbeiten zu lassen. Davon gibt es nämlich überraschend viele, und da wir auch viele mündliche Noten brauchten, hielt jeder Schüler ein Referat. Die Themen waren unter anderem folgende:

  • Daidalos
  • Prometheus
  • Hermes
  • Ikaros
  • Moiren
  • (Geburt der) Venus
  • Erinnyen
  • Orpheus
  • Hades, Charon und Styx
  • Agammemnon, Klytämnestra und Aigisthos
  • Sirenen/Kirke
  • Nekyia (Fahrt in die Unterwelt)
  • Ödipus

Dabei sollten die Referate alle so aufgebaut sein:

  1. Beschreibung des antiken Mythos. (Dazu: Deutung des Mythos.)
  2. Elemente des Mythos in Homo faber.
  3. Andere Ausformungen des Mythos in der bildenden Kunst, Literatur oder Musik.

Je nach Thema variiert dabei das Gewicht, das man auf die einzelne Punkten legen kann, aber Stoff gibt es bei allen reichlich. Es ist erstaunlich, wie viel in Homo faber steckt, wie viel man über Mythen sagen kann. Das bringt auch den Schülern etwas.

Im Prinzip liefen die Referate gut. Die meisten Schüler haben sich Mühe gegeben, einige sogar viel – kein Wunder, viel Zeit für mündliche Noten ist im letzten Semester nicht, und bei einer 1:1-Gewichtung spielt sie auch eine große Rolle. Nur bei zweien von meinen zwanzig Schülern hatte ich den Eindruck, dass sie weniger Energie darauf verwendet hatten, als ihnen eigentlich möglich war. Nur einmal wurde erkennbar die Stark-Sekundärliteratur zu Homo faber plagiiert – also kommentarlos in etlichen Formulierungen übernommen.

2. Die Links unter den Referaten

Auf einen Punkt muss ich aber beim nächsten Mal noch mehr achten: die verwendeten Quellen. Ja, ich habe den Schülern in der Bibliothek zwei Standardwerke zur griechischen Mythologie gezeigt. Verwendet wurden sie kaum. Stattdessen standen unter den meisten Referaten als Bibliographie drei, vier Weblinks. Eine kleine Auswahl:

3. Schlussfolgerungen

Meine Interpretation dieser Quellen: die Schüler arbeiten zu Hause und nicht in der Bibliothek, sie leihen sich keine Bücher aus und kopieren sich keine Aufsätze. Das verstehe ich erst mal. Gute Aufsätze sind rar, vor allem in unserer spärlichen Bibliothek. Also bleibt das Web als Quelle. Aber bei der Bewertung dieser Quellen unterlaufen noch Fehler.
Erstens enthalten viele Quellen nur den den Wikipedia-Text, manchmal ohne dass das dort steht, manchmal mit korrekter Angabe. Dann soll man gefälligst Wikipedia selbst als Quelle nennen – entweder die Schüler erkennen den Originalort nicht, oder sie haben verinnerlicht, dass Deutschlehrer keine Wikipedia-Links mögen. Zweitens: manche Links sind gar nicht nötig, etwa ein Link zu einem x-beliebigen Fundort von Heines „Loreley“. Ich nehme an, das liegt daran, dass die Schüler wissen, dass irgendwelche Links von ihnen erwartet werden, dass diese aber eine bestimmte Qualität haben sollen, ist nicht klar. Soviel zum W-Seminar. Drittens fehlt die kritische Würdigung der Seiten: manche sind einfach zu trivial. Das gilt auch für Bücher. Tessloffs Enzyklopädie Mythologie? Vom Hersteller empfohlenes Alter: 10-12 Jahre.

Was für Konsequenzen soll ich aus diesen Links ziehen? Zum einen vielleicht gar keine. Meine eigenen Referatsquellen waren im Gymnasium nicht besser. Und ein gelegentlich eingeschmuggelter alberner Eintrag in der Bibliographie ist Tradition. Aber wann lernen die Schüler einen anderen Umgang mit Quellen – doch erst an der Uni? Ich hatte nicht mal Zeit, das mit den Links groß zu thematisieren.

  • In Zukunft bei jedem Link den Namen eines Autors verlangen. Kein Name, keine Verlinkung. Vielleicht achten die Schüler dann mehr darauf, von wem der Text stammt.
  • Recherchieren üben. Aber das kostet Zeit.
  • Hat das W-Seminar versagt, in dem die Schüler doch wissenschaftspropädeutisch betreut werden sollten? Nicht direkt: W-Seminar ist W-Seminar und Deutschreferat ist Deutschreferat, und die beiden haben nichts miteinander zu tun. Ob das jetzt Wissen oder Kompetenz ist, das im Seminar erworben wurde: es bleibt fürs Seminar reserviert und wird nicht auf andere Fächer übertragen.
  • Ein Versuch fürs nächste Jahr, etwa in der 10. Klasse: ein Referat zu Nathan vergeben, etwa „Nathan als Kaufmann/Geld in Nathan„, und zwar an zwei Schüler. Der eine darf als Material nur einen Aufsatz zum Thema nehmen, den ich dem Schüler gebe. Der andere darf das gesamte Internet als Materialquelle verwenden. Wo kommt das interessantere Referat heraus?

Literarisches Quartett in der Schule

Heute gab es eine etwas durcheinandere Stunde wegen Doppelbuchung des Computerraums. Wir haben zwar eine Liste, in die man sich eintragen kann, aber manchmal werden kurzfristig Stunden getauscht, ohne auf diese Liste Rücksicht zu nehmen – was technisch auch schwierig wäre; ich habe selber noch keine Lösung für dieses Problem. Da wir in dieser Klasse bald so eine Art literarisches Quartett machen, in ganz kleinem Rahmen allerdings, schlug ein Schüler vor, doch mal ein paar Szenen daraus anzuschauen. Klar. Beamer ging zwar nicht, aber der Monitor war groß genug und schließlich kommt es vor allem auf den Ton an.

Also habe ich erst kurz etwas über das Format der Fernsehsendung erzählt und an das Büchernörgele in Michael Endes Wunschpunsch erinnert und dann relativ willkürlich ein bisschen Diskussionskultur à la Literarisches Quartett gezeigt. Sollte man vorsichtig sein, es ging natürlich gleich um Erotik im Roman. War aber noch zu vertreten. Schnell stießen wir auf Schülervideos im Quartettformat
(hier, hier und hier zum Beispiel, Bild- und Ton meist sehr schwach) und vor allem auf dieses Schmuckstück:

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Den Schülern hat das gut gefallen.

Wolfgang Herrndorf, Tschick

herrndorf

Nachdem ich das Buch im Dezember kurz erwähnt hatte, habe ich inzwischen mit meiner 9. Klasse verhandelt, so dass es jetzt unsere Klassenlektüre ist. Dagegen spricht der Preis, das Buch gibt es bisher nur gebunden. Aber ich halte es für eine sehr geeignete Lektüre. Zuerst einmal deshalb, weil das Lesen Spaß macht. In der 8. Klasse lesen Schüler häufig das „Fräulein von Scuderi“, das ich selber sehr mäßig interessant finde. In der 9. Klasse liest man einen dünnen Dürrenmatt-Roman oder eine Novelle von Gottfried Keller, „Kleider machen Leute“ etwa. Keller finde ich heute sehr lustig, als Schüler hat er mich gelangweilt, und wenn ich auch glaube, dass eine Keller-Lektüre sinnvoll sein kann – ein richtiges Lesevergnügen bietet sie kaum einem Schüler.

Anders Tschick, der macht wenigstens manchen Spaß. Aber Spaß reicht ja nicht, das Buch soll auch noch gut sein. „Geschmacksbildung“ gehört zu unserem Bildungsauftrag. Und drittens muss man Etwas Machen mit der Schullektüre. Das muss nicht das gefürchtete Zu-Tode-Analysieren sein, aber irgendetwas schon. Und damit habe ich häufig Probleme, weil mir zu wenig einfällt. Aufbau einer Novelle, tektonisches Drama, das geht noch. Am leichtesten fallen mir Vergleiche mit anderen Werken, aber genau das geht in der Schule nicht ohne Weiteres, da die Schüler keine solchen anderen Werke kennen.

Bei Tschick hatte ich das Glück, das Anfang dieser Woche ein Interview von Kathrin Passig mit Wolfgang Herrndorf bei FAZ Online erschienen ist, das mir viel Arbeit abgenommen hat.

Erst mal habe ich etwas zu Kathrin Passig erzählt und dabei gleich das Lexikon des Unwissens an einen Schüler ausgeliehen. Dann ging es um die Wörter im Interview, die die Schüler nicht oder nicht alle kennen: Rezensent, Rezension, Päderast (komplett mit Exkurs in die griechische Antike), Protagonist, Genre.

Herrndorf/Passig erwähnen Motive aus Huckleberry Finn, Der Fänger im Roggen und Herr der Fliegen – was Neuntklässlern noch wenig sagt. Also spricht man auch kurz darüber, und – Unterrichtsidee 1 – erfreulicherweise haben sich für die ersten drei Romane Freiwillige gefunden, die sie lesen werden und in einer Art literarischem Quartett vorstellen werden. (Jeweils vier Leute und ein Buch, Gesprächsrunde vor der Klasse.)

Was ist noch alles drin im Interview? Die Beobachtung, dass die Jugendsprache im Roman kaum durch Vokabular, sondern durch Satzbau dargestellt wird. Meine Schüler meldeten gleich Zweifel an dieser Aussage an. Es stimmt jedenfalls, dass sich Tschick bei hipper Jugendsprache zurückhält – schon mal, weil die so schnell veraltet. Jedenfalls wunderbar, Jugendsprache macht man eh in der 9. Klasse, haben wir gleich etwas, das wir uns anschauen können. Unterrichtsidee 2. Und sei es nur, folgende alphabetische Liste von Wörtern in die chronologisch richtige Reihenfolge zu bringen:

abgefahren, dufte, irre, klasse, prima, Spitze, toll, Wahnsinn

Die Wörter stammen aus den Präambeln zu den Kapiteln in Thommie Bayer, Das Herz ist eine miese Gegend. Zu ergänzen noch: super, knorke und geil.

Sehr nett ist auch die folgende Interviewfrage: „Versetzen wir uns ins Jahr 2030. Ihr Buch ist seit zehn Jahren Schullektüre. Neuntklässler stöhnen, wenn sie den Namen Wolfgang Herrndorf hören. Welche Fragen zum Buch müssen in Aufsätzen beantwortet werden?“ (Sehr nett deshalb, weil Passig uns natürlich mit der 9. Klasse genau trifft. Aber den Schülern fiel gleich auf, dass da doch eigentlich 2020 stehen müsste. Ich habe ihnen erklärt, dass es wohl noch zehn Jahre dauert, bis sich das Buch als Lektüre durchsetzt, schon mal, weil man noch auf die Taschenbuchausgabe wartet.) Die Antwort übrigens: „Ich fürchte, man wird sich im Deutschunterricht am Symbolträchtigen aufhängen, an der Schlussszene…“ Da hat man gleich Unterrichtsidee 3.

Was ist noch alles drin? Kommentare zum Literaturbetrieb, dazu, wie Erfolgsromane entstehen. Interessiert die Schüler auch. Aber als Unterrichtsidee 4 macht man natürlich die Heldenreise. Und das kommt so:

Herrndorf beantwortet eine Frage Passigs nach einem Element des Romans damit, dass das so schön zum Konzept der Heldenreise passte. Das Konzept hat der Mythenforscher Joseph Campbell (The Hero with a Thousand Faces) erfunden oder popularisiert, weiß nicht genau was. Strukturalismus, für Mythen und Sagenkreise ein bisschen das, was Vladimir Propp für die Morphologie des Märchens gemacht hat. Tut mir leid, das name-dropping muss sein, weil der Kollege S. meinen Campbell heute mit binären Oppositionen bei Lévi-Strauss übertrumpft hat. Solche Kollegen haben wir. Habe ihn gleich zu einem W-Seminar aufgefordert.
Ähem. Zurück zur Heldenreise.

Nach Campbell und Wikipedia laufen Geschichten um mythische (Kultur-)Helden nach folgendem Muster ab:

  1. Ruf: Erfahrung eines Mangels oder plötzliches Erscheinen einer Aufgabe.
  2. Weigerung: Der Held zögert, dem Ruf zu folgen, beispielsweise, weil es gilt, Sicherheiten aufzugeben.
  3. Aufbruch: Er überwindet sein Zögern und macht sich auf die Reise.
  4. Auftreten von Problemen, die als Prüfungen interpretiert werden können.
  5. Übernatürliche Hilfe: Der Held trifft unerwartet auf einen oder mehrere Mentoren.
  6. Die erste Schwelle: Schwere Prüfungen, Kampf mit dem Drachen etc., der sich als Kampf gegen die eigenen inneren Widerstände und Illusionen erweisen kann.
  7. Fortschreitende Probleme und Prüfungen, übernatürliche Hilfe.
  8. Initiation und Transformation des Helden: Empfang oder Raub eines Elixiers oder Schatzes, der die Welt des Alltags, aus der der Held aufgebrochen ist, retten könnte. Dieser Schatz kann in einer inneren Erfahrung bestehen, die durch einen äußerlichen Gegenstand symbolisiert wird.
  9. Verweigerung der Rückkehr: Der Held zögert in die Welt des Alltags zurückzukehren.
  10. Verlassen der Unterwelt: Der Held wird durch innere Beweggründe oder äußeren Zwang zur Rückkehr bewegt, die sich in einem magischen Flug oder durch Flucht vor negativen Kräften vollzieht.
  11. Rückkehr: Der Held überschreitet die Schwelle zur Alltagswelt, aus der er ursprünglich aufgebrochen war. Er trifft auf Unglauben oder Unverständnis, und muss das auf der Heldenreise Gefundene oder Errungene in das Alltagsleben integrieren. (Im Märchen: Das Gold, das plötzlich zur Asche wird.)
  12. Herr der zwei Welten: Der Heros vereint Alltagsleben mit seinem neugefundenen Wissen, und lässt somit die Gesellschaft an seiner Entdeckung teilhaben.

Die zwei Helden, die ich am besten kenne, sind Gilgamesch und Odysseus, und ja, da kann man schon Parallelen finden. Aber bei Tschick? Ist eine schöne Aufgabe für Schüler, auch schon in der 9. Klasse, denke ich. Wer’s lieber eine Nummer kleiner hat, kann sich ja auf das Genre des Road Movie beschränken.

Interessant ist auch, und das wusste ich nicht, dass es eine Fassung der Heldenreise-Stationen gibt, die Drehbuchautoren als Vorlage dienen soll. (Auch Wikipedia.) Einige Schüler untersuchen gerade, ob sie dafür Beispiele finden. Star Wars wird in Wikipedia selber genannt.

Mal sehen, was die Tschick-Lektüre noch alles bringt.

Stapelweise Englischlektüren…

…gibt es an meiner Schule. Für jede einzelne Klasse gibt es einen Stapel von etwa 30 Englischlektüren, die für die Jahrgangsstufe angemessen sind:

(Im Bild ist der Stapel kleiner, da einige Bücher verliehen sind. Dafür sind auch drei von meinen eigenen dabei.)

Diese Bücher kriegt der Englischlehrer einer Klasse und kann damit machen, was er will. Sinnvoll ist es natürlich, sie den Schülern als Lektüre auszuleihen. Einmal pro Woche ist bei mir Tauschtag, da kann jeder sich ein Buch ausleihen oder ein gelesenes zurückgeben.
Das Angebot wird in der Unterstufe gut angenommen, je nach Klasse auch noch bis in die 9. Jahrgangsstufe. Ich verlange allerdings auch von jedem Schüler eine Buchvorstellung pro Jahr, auch schon in der Unterstufe. Das kann eine dieser Schullektüren sein oder ein eigenes, auf Englisch gelesenes Buch. Einige Schüler und Schülerinnen meiner aktuellen 7. Klasse lesen privat nämlich schon deutlich anspruchsvollere englische Bücher.

Zur Logisitik: Jede Lektüre hat eine aufgeklebte Nummer. Zum Halbjahr wird der Klassensatz mit einer Parallelklasse getauscht, damit eine neue Auswahl da ist. Am Ende des Jahres muss für verloren gegangene Bücher gezahlt werden. Und jemand in der Englisch-Fachschaft muss sich darum kümmern, dass ausreichend Bücher da sind, dass alte aussortiert und neue angeschafft werden; Schüler und Kollegen muss man zu kleineren Schönheitsreparaturen am Buch anregen. Und irgendwann muss man halt einen Haufen solcher Lektüren anschaffen. Andererseits hat ohnehin jeder Englischlehrer einen kleinen Stapel solche Bücher zu Hause, mit dem man selten etwas anfängt.

Aktueller Gedanke… könnte man das nicht auf mit Deutsch-Lektüren so machen? Ich denke speziell an Mittel- und Oberstufe. Eher einzelne Aufsätze als ganze Bücher?