Was machen wir heute?

Doppelstunde, 6. Klasse, direkt nach der Pause. Ich habe den Schülern sehr pünktlich den Computerraum aufgesperrt, mich dann erst mal an meinen Rechner gesetzt und mich angemeldet. Das dauert aus technischen Gründen länger als eine Schüleranmeldung, deshalb fange ich immer rasch damit an. Währenddessen melden sich die Schüler an und der Gong läutet zum eigentlichen Beginn der Stunde.

Ein paar Schüler kamen zu mir und fragten nach einer Referatsnote. Einer kam vor und meldete ein vergessenes Heft. Einer hatte eine Mausproblem. Zwischendurch kleinere Fragen.

Nach einer Viertelstunde fiel mir auf, dass ich bisher kein Wort zur Klasse als Ganzes gesagt hatte. Kein „Guten Morgen“, kein Aufstehen und Hinsetzen dabei (das mir sonst wichtig ist, auf das ich im Computerraum aus Platzgründen aber immer verzichte). Und vor allem kein: „Was machen wir heute?“, weder von den Schülern noch implizit von mir. Die Schüler hatten gewusst, was sie heute machen sollten, und hatten einfach damit angefangen.

So stelle ich mir Unterricht vor. Wenn die Schüler nicht gespannt darauf warten, was heute kommt, sondern am Anfang der Stunde schon wissen, was es zu tun gibt. Das gibt es leider selten bei mir, dazu denke ich noch zu sehr in Einzelstunden. Vielleicht geht das auch nur in der Unterstufe. (Trotz ohne Selbstbestimmung.)

— Um was es heute ging? Die Schüler hatten in der Deutschstunde zuvor, ebenfalls im Computerraum, eine Vorlage für eine Textverarbeitungsdatei erhalten. Die Vorlage enthielt einfache Arbeitsaufträge zur gelesenen Schullektüre, möglichst allgemein gehalten, um sie für spätere Lektüren ebenfalls verwenden zu können. Im Lauf von vier Stunden sollten die Schüler diese Arbeitsaufträge erledigen. Ziele:

  1. ein Dokument schaffen, in dem alternativ zum Heft alles Wichtige zur Lektüre eingetragen ist.
  2. den Schülern Hinweise darauf geben, was man mit Lektüren alles anstellen kann, damit sie das auch für Referate nutzen können. Die sollen eben auch schon in der 6. Klasse nicht nur aus Inhaltsangabe bestehen, sondern bereits etwas Analyse enthalten.
  3. den Schülern Übung im Umgang mit Textverarbeitungsdokumenten geben (ist in der 6. Klasse auch Stoff von Informatik) beziehungsweise mir Gelegenheit bieten, auf einige wichtige, immer wieder falsch gemachte Punkte hinzuweisen: Leerzeichen nach Satzzeichen und nicht zuvor; Unterschied von Binde- und Gedankenstrich; Gebrauch der automatischen Rechtschreibkorrektur; Umgang mit Stichpunktlisten.

Hier ist der Inhalt der Dokumentvorlage, mehr oder weniger. Was Motive und Erzählperspektive sind, wissen die Schüler aus dem Unterricht, zumindest ansatzweise. Am Schluss der Sequenz werden wir über die Ergebnisse reden müssen.

Kirsten Boie, Der Prinz und der Bottelknabe
Ein Dokument von:

  • Inhaltsverzeichnis
    S. 1 Inhaltsverzeichnis
    S. 2 Liste der Personen
    S. 3 Drei verschieden lange Inhaltsangaben
    S. 4 Eine Charakteristik der wichtigsten Personen
    S. 5 Zur Entwicklung der Personen
    S. 6 Motive
    S. 7 Erzählperspektive
    S. 8 Zusätzliches
  • Liste der Personen
    Lege hier eine Liste aller Personen des Buches an. Schreibe dazu erst die die Namen aller wichtigen Personen untereinander, und zwar in sinnvoller Reihenfolge. Markiere dann alle Absätze und wähle Format > Nummerierung/Aufzählung, um daraus eine Stichwortliste zu machen. Das geht auch mit der rechten Maustaste.
    Schreibe danach in Klammern hinter jeden Namen, welche Rolle die Person spielt.
  • Drei verschieden lange Inhaltsangaben
    Schreibe drei möglichst gute Inhaltsangaben zum Buch (sachlich, im Präsens). Eine mit 10 Wörtern Länge, eine mit 20 Wörtern und eine mit 50 Wörtern. (Die Zahlen sind jeweils Obergrenzen.)
    Benutze dazu den Menüpunkt Extras/Wörter zählen. Nenne dabei auch, wenn du kannst, die Art des Buches (Jugendbuch, Thriller, Krimi, Fantasyroman).
  • Eine Charakteristik der wichtigsten Personen
    Bei diesem Buch sind das Kevin und Calvin. Benutze dazu wieder Stichwortlisten und gib ihre äußeren Merkmale und ihre Charaktereigenschaften an.
  • Zur Entwicklung der Personen
    Welche der Personen im Buch machen Entwicklungen durch? Das ist eine schwierigere Frage. Entscheide selbst, wie du sie möglichst gut beantwortest.
  • Motive
    Welche Szenen oder Bausteine gibt es in dem Buch, die entweder im Buch selber mehrfach vorkommen, oder die du aus anderen Büchern oder Geschichten kennst?
  • Erzählperspektive
    Wie ist die Geschichte erzählt? Überlege nicht nur, ob das 1. oder 3. Person ist, sondern vor allem: wird immer aus der gleichen Perspektive erzählt oder wechselt sie? Wird aus der Perspektive einer einzigen Personen erzählt (so dass man nur liest, was sie denkt oder wahrnimmt), oder weiß der Erzähler mehr als die aktuelle Person? Gib Beispiele aus dem Buch, wenn du kannst, mit Seitennummer.
  • Zusätzliches
    Informiere dich im Internet über Mark Twain, Der Prinz und der Bettelknabe. Benutze dazu Wikipedia.
    Welche Unterschiede und Gemeinsamkeiten gibt es zu deinem Buch? (Schreibe das unbedingt in deinen eigenen Worten; kopiere nicht einfach nur Sätze oder Absätze aus Wikipedia heraus.)

Kirsten Boie, Der Prinz und der Bottelknabe

boie_prinz_und_bottelknabe

Dieses Jugendbuch bringt die Handlung von Mark Twains Der Prinz und der Bettelknabe in die heutige Zeit: Calvin Prinz aus bestbürgerlichem Haus (Einzelkind, Hockey, Nachhilfeunterricht, neueste Computer, Markenklamotten, Gymnasium, ehrgeizige Eltern, Villa) trifft zufällig auf Kevin Bottel (alleinerziehende Mutter, mehrere Kinder unterschiedlicher Väter, Hauptschule, Geldnot); die beiden sehen sich verblüffend ähnlich.

Sie beschließen die Rollen zu tauschen, erst nur für einen Tag, aber dann finden beide Gefallen an der Situation des jeweils anderen, und so wird mindestens eine Woche daraus.

Das Buch ist witzig geschrieben, keineswegs im Sozialkramproblemstil, eher als Komödie. Schließlich ist die Handlung ja auch märchenhaft.

Sehr nett für Zwischendurch oder eine 6. Klasse. Eine Empfehlung vom Kollegen Z.

Stillleben zur Schullektüre

Ein Quiz: Was lesen wir gerade im Deutsch-LK?

Das könnte ich öfter machen; zu jeder Lektüre ein Stillleben mit den wichtigsten Dingen aus dem Buch – Symbolen, Leitmotiven, MacGuffins. Eine Sammlung davon wäre schön, so jeweils als Einstieg zur Besprechung oder Wiederholung.

(Und so haben meine Schüle auch mal Udon- und Ramen-Nudeln gesehen. Und ja, wir lesen das Buch in deutscher Übersetzung.)

Computer im Deutschunterricht: Zumindest mal ein Anfang

Erst mal Textverarbeitungsprogramm vor dem Web 2.0?

Im Moment lese ich mit einer 9. Klasse „Der Schimmelreiter“ von Theodor Storm. Schwerpunkte sind Symbolik, Rahmenhandlung, Hauptthemen. Sehr viel Zeit will ich nicht damit verbringen. Die Hälfte der Zeit sind wir im Computerraum, wo jeder Schüler für sich eine ausführliche Textdatei erstellt. Anfangen mussten sie mit einer Liste der Hauptpersonen, dann folgte eine selbst geschriebene Inhaltsangabe. (Gerade für das Aneignen von Literatur ist die Inhaltsangabe ein wertvolles Werkzeug. Nur lernen es die Schüler in dieser Form kaum kennen.) Dann mussten die Schüler das Wichtigste aus dem Nachwort der Ausgabe exzerpieren und als Stichpunktliste in der Datei festhalten. Ich stellte den Schülern eine gezeichnete Karte des Schauplatzes als Grafik zur Verfügung, die sie in ihr Dokument einbauen sollten. Dann mussten die Schüler ein Exzerpt aus einem kleinen Aufsatz über die Rahmenhandlung notieren, während zwei Gruppen anderer Schüler – mit Bleistift und Papier, in der Bibliothek – die in der Novelle vorkommenden Tiere und ihre Funktion heraussuchen sollten. Die Ergebnisse sollen alle in der nächsten Stunde in ihr Dokument übertragen.

Das geht alles nicht sehr in die Tiefe, zugegeben. Aber es ist eine Gelegenheit, den Schülern eine dringend nötige Einführung in das Erstellen von Dokumenten zu geben: Welche Schriftart man wählt, wo ein Leerzeichen hinkommt und nicht, wie man gegliederte Stichwortlisten erzeugt (das ist schon fortgeschritten), wie man sinnvoll die Rechtschreibprüfung benutzt, wie man Grafiken einbindet.

Außerdem erhoffe ich mir, dass diese Datei eine längere Lebensdauer hat als das durchschnittliche Schülerheft. Dabei mag ich mich täuschen. Ich glaube allerdings, dass am Anfang des Schuljahres die Hälfte der Schüler das Heft vom Vorjahr schon weggeworfen hat, dass es auf jeden Fall kaum mehr angeschaut wird und dass es oft auch so konfus ist, dass man es nicht mehr anschauen will. Ich will – mindestens vorerst – nicht das ganze Heft durch eine Textdatei ersetzen, aber das einmal für abgeschlossene Sequenzen wie die Lektürebehandlung probieren. Die Datei kann jeder Schüler nach Hause nehmen und auf der Festplatte parken, man kann sie verbessern, ergänzen, verschönern, entschönern, man kann auf ihr aufbauen auf eine Art und Weise, wie es bei Schulheften nicht möglich ist.

(Vielleicht sollte man ohnehin mal mit derselben Klasse in der 10. Jahrgangsstufe die gleiche Lektüre lesen, die man schon in der 8. gelesen hat, um sich und den Schülern zu zeigen, dass man ein Buch auch zweimal lesen kann und dass während der Schuljahre ein Fortschritt stattfindet. Vielleicht findet man allerdings auch heraus, dass das gar nicht so ist.)

Nennen wir es erst mal: nachhaltige Heftführung.

Schultag gestern (Sandmann, Freud, bisschen Sartre)

Lang, erschöpfend, aber durchaus in Ordnung. Zuerst eine Doppelstunde im LK mit einem gelungenen Referat zum Aufsatz „Das Unheimliche“ von Freud, in dem er E.T.A. Hoffmanns „Der Sandmann“ psychoanalytisch interpretiert. (Unsere aktuelle Lektüre.) Sehr lesenswert, wird nächstes Jahr gemeinfrei. Kerngedanken der ersten Hälfte:

  1. Die Ästhetik beschäftigt sich kaum mit dem Hässlichen. Es gebe nur einen Aufsatz über das Unheimliche von Jentsch, für den das Unheimliche ist: der „Zweifel an der Beseelung eines anscheinend lebendigen Wesens“ und umgekehrt. Beispiel Olimpia, Frankenstein. (Siehe dazu auch Uncanny Valley bei Wikipedia. Im deutschen Artikel ist von einem „empirisch messbaren“ Effekt die Rede, im englischen wird angemerkt, dass die Theorie aufgrund fehlender Beweise auch kritisiert wird.)
  2. „Unheimlich“ ist ohnehin ein Problem: Es ist das Gegenteil von heimlich, das aber selber zwei gegensätzliche Bedeutungen hat: gemütlich, heimelig und fremden Blicken verborgen bis hin zu gruselig, unheimlich, also seinem eigenen Gegenteil. Überlegungen dazu, wie das wohl kommt. Viele Belege dazu aus dem Grimmschen Wörterbuch. Vergleiche auch englisch „homely“ in den Bedeutungen „heimelig, gemütlich, einfach, reizlos, unattraktiv“.
  3. Jentschs Erklärung passt zu Olimpia, aber das eigentlich unheimliche Element in der Novelle ist der Sandmann, der die Augen von Nathanael bedrohnt und ihn in den Wahnsinn treibt. Für dessen Erklärung reicht nur die psychoanalytische Deutung, nach der die Angst vor dem Verlust der Augen mit Kastrationsangst gleichgesetzt wird. (Die umständliche Formulierung ist nötig, um das Wort „Penis“ zu vermeiden. Wir haben es die ganze Doppelstunde geschafft, das Wort nicht zu benutzen. „Kastrationsangst“ ist für die Schüler schwer genug, außerdem saß die Chefin hinten und sah zu.)
  4. Belege für diese Deutung: 1. Ödipus, wo der Held für die Sünde des Inzest mit dem Verlust der Augen bestraft wird statt mit dem eigentlich zu erwartenden Verlust des, äh, jetzt also doch: Penis. 2. Angst vor Kastration durch den als Konkurrenz gesehenen Vater: Es ist jeweils eine Vaterfigur, die die Augen von Nathanael beziehungsweise Olimpia bedroht. Zuerst Coppelius (als böses Äuqivalent zu Nathanaels Vater), dann Coppola (als böses Äquivalent zu Olimpias Vater Spelanzani) Coppola verhindert jeweils die Liebesbeziehungen zu Klara, Olimpia, wieder Klara.

(Ich muss bald mal meine aktuelle Romantik-Sequenz zusammenschreiben. Da passt nämlich viel zusammen. Ödipus haben wir gelesen; Interpretationsansätze an Märchen illustriert, darunter auch psychoanalytische Deutungen von Rotkäppchen und Froschkönig. Grimmsches Wörterbuch kennen sie auch.)

Beim Herumlesen bin ich gestern noch auf einen Serienmörder bei Hellblazer gestoßen, einen schon älteren Mann, der vornehmlich Familienmitglieder tötet, unter anderem den Vater von John Constantine. Und dann geht er mit dem Messer und den Worten „I want your eyes“ auf John los. Das Motiv der Augen taucht sonst in der Hellblazer-Geschichte nie auf, es erscheint also völlig unmotiviert – es sei denn, man greift auf die psychoanalytische Deutung zurück. Passt auch zum Hass des väterlichen Serientäters auf Familien und der Übernahme der Vaterrolle für Constantine. (Vermutlich kann man bei moderner Literatur allerdings davon ausgehen, dass den Autoren dieser Gedanke bekannt und bewusst ist, es muss sich also nicht unbedingt etwas Verdrängtes äußern.)
Vermutlich sollte ich meine Schüler mit so etwas verschonen. Dann müsste ich auch „the Corinthian“ erwähnen, einen zum Leben erweckten Alptraum aus der Sandman-Reihe: wenn der seine Sonnenbrille abnimmt, sieht man, dass er statt Augen Zähne hat. Der sieht richtig alptraumhaft aus. Und er frisst auch gerne fremder Leute Augäpfel.
Dann käme ich wohl auch nicht an der vagina dentata vorbei. Mal schauen.

Danach war die Besprechung der Stunde mit der Chefin. Wer’s nicht weiß: Alle vier Jahre werden die verbeamteten Lehrer, die diesseits einer bestimmten, gerüchteweise abzuschaffenden Altersgrenze sind, beurteilt. Grundlage ist alles mögliche, darunter mindestens (lies: genau) drei in der Regel unangekündigte Unterrichtsbesuche durch die Schulleitung.
Das Verfahren ist nicht heiß umstritten, weil Lehrer selten etwas heiß umstreiten. Aber kritisiert wird es schon.

Die Stunde lief gut, ich habe aber auch einen guten Kurs. Vielleicht liegt es auch daran, dass die K12 noch konzentrierter arbeitet als die K13.

Danach gemischtes Arbeiten in der Schule, darauf Schulforumssitzung, abends Schultheater in der Aula. Sartre, Geschlossene Gesellschaft. Ich mag Drama nicht besonders, jedenfalls nicht auf der Bühne. Bei Stücken, deren Text selbst poetisch ist, machen mir die Schauspieler in den meisten Inszenierungen zu viel dramatische Pausen, so etwas ähnliches wie Joeys „Smell the fart“-acting aus Friends. Brauche ich nicht. Dafür gibt’s den Text.
Bei Stücken wie dem Sartre allerdings enthält die Sprache wenig Poesie oder andere Kraft. Da ist es mir recht, wenn viel mit Körperhaltung, Pausen, Figurenkonstellation auf der Bühen gearbeitet wird.

Englische Schullektüre

…ist ein neues Blog von Jochen Lueders, ein Gemeinschaftsprojekt verschiedener Autoren. Wenn man mal nicht weiß, was man für eine Lektüre lesen soll, kann man durch die Inhaltsangaben und Anregungen dort blättern. Die Beiträge lassen sich kommentieren und sind verschlagwortet.

Wer mitmachen möchte, liest dort die Seite „Mitmachen“. (Gastbeiträge bei E-Mail, oder selber Autor werden – da das Blog bei wordpress.com gehostet ist, muss man sich dort angemeldet haben.)

Mal anschauen und mitmachen: Englische Schullektüre.

(Und jetzt bitte noch ein Blog für Deutsch-Schulaufgaben und -lektüren. Ich sammle schon intern Schulaufgaben im Hauswiki, aber nicht öffentlich.)

Erster! (Sachbücher im Deutschunterricht)

Heute habe ich in der 9. Klasse eine Deutsch-Schulaufgabe geschrieben. (So heißt in Bayern ein benoteter angekündigter schriftlicher Test.) Der Inhalt war ein Eintrag aus dem Lexikon des Unwissens von Kathrin Passig und Aleks Scholz. Damit bin ich hoffentlich Erster! was den Einsatz dieses Buch als Quelle für Schulaufgaben betrifft. (Wir hatten den Schualufgabentyp „Analyse eines Sachtexts“ unter anderem an einem weiteren Eintrag aus dem Buch geübt.)

In dem Eintrag ging es vor allem darum, dass man nicht genau weiß, wie eigentlich Klebeband funktioniert. Zur Erklärung werden Geckos und van-der-Waals-Kräfte herangezogen; beides kannten die Schüler bereits aus dem Chemieunterricht der 9. Klasse. Das war Absicht.

Für die Schulaufgabe habe ich zusätzlich die Stunde eines Kollegen übernommen und auch selber Aufsicht geführt. Der Kollege schaute trotzdem kurz im Klassenzimmer frei und bot an, mir eine Tasse Kaffee zu bringen. Das habe ich gern angenommen, schon mal um den Schülern zu zeigen, dass sich auch Lehrer gegenseitig freundlich behandeln können. Mit dem Kaffee, schwarz, ohne Zucker, kam auch ein Stückchen Schokolade. Das war schön.

Nach 100 Minuten Schulaufgabenaufsicht hatt eich dann gleich nochmal 100 Minuten Aufsicht beim Abitur. Das ermüdet. Der Geschichts-LK hatte übrigens ein deutlich höheres Handy-pro-Kopf-Vorkommen als der Wirtschafts-LK. Das… ist eher unwichtig.

— Überhaupt, Sachtexte im Unterricht. Diese Deutschklasse liest als nächste Unterrichtslektüre Andreas Eschbach, Das Buch der Zukunft. Das ist ein Sachbuch, im Lehrplan neben vielen weiteren Werken als mögliche Lektüre genannt. Nach einleitenden Kapiteln über die Problematik von Voraussagen geht es in den meisten der folgenden 19 Kapitel jeweils um einen Aspekt unserer Zukunft: Internet, Raumfahrt, Energie, Klimawandel, Bevölkerungsentwicklung, Altersstruktur. Nicht sehr in die Tiefe gehend, aber doch so, dass auch ich noch viel dabei erfahren habe. Die Erstausgabe erschien 2004, das Nachwort zur Taschenbuchausgabe 2007 führt schon die ersten Ergänzungen und Kommentare an.

Warum ein Sachbuch statt wie üblich Roman, Novelle oder Drama? Zum einen, weil ich das noch nie gemacht habe. Zum anderen, weil ich vermute (und wissen möchte, ob das stimmt), dass Schüler daran mehr lernen können als an einer üblichen Deutschlektüre. Ich mag die Zukunft und ich mag naturwissenschaftliches Denken.

Ein Auslöser für das Nachdenken über Sachtexte war ein Moment beim Durchblättern von Schüleraufsätzen vor ein paar Wochen. Es ging, mehr oder weniger, um Schulkleidung. Ein Schüler schrieb, dass Schuluniformen eine zusätzliche finanzielle Belastung für die Familie darstellten, dass sie teurer seien. Und begründete das schlecht und recht. Ein anderer Schüler schrieb, dass Schuluniformen die Familie billiger kämen. Und begründete das schlecht und recht. Ein guter Deutschlehrer nickt zu beidem gleichermaßen bedächtig, Hauptsache, das ist in jeweils vier Zeilen begründet.

Nun haben viele Dinge zwei Seiten. Und vielleicht gehört zu diesen Dingen sogar die Frage, ob Schuluniformen teurer sind als Privatkleidung (genauer, für wen sie teurer sind und für wen nicht). Manche Dinge lassen sich aber prinzipiell beantworten, und vermutlich gehört die Frage nach der Schulkleidung dazu. Klar: Man muss wissen, wieviel Geld Haushalte für Kleidung ausgeben, muss wissen, wie teuer oder billig Schulkleidung sein kann. Man muss recherchieren, man muss Daten haben. Wir Deutschlehrer bringen den Schülern bei, dass Daten nicht so wichtig sind, wenn man nur in sich schlüssig begründen kann.

Sollen wir das? Ich sehe schon, ich muss mal wieder Pirsig und Platon lesen. (Pirsig war der mit Zen & the Art of Motorcycle Maintenance. Ich hab’s vor fünf oder sechs Jahren wiedergelesen. Hat sich sehr, sehr gut gehalten. Wikipedia.)

Ich weiß natürlich, dass das bei Erörterungen schwer anders zu machen ist, so wie sie in der Schule gehalten werden – ohne echtes Interesse an einem selbst gewählten Thema, ohne Zeit zum Nachdenken, ohne die Möglichkeit zur Recherche. Bestenfalls liest man vorher ein paar eher oberflächliche Texte und erwartet, dass die Schüler deren Inhalte auswendig gelernt haben. Manchmal lässt man auch in der Schulaufgabe selber Texte als Grundlage verwenden. Das geht in die richtige Richtung.

Louise Fitzhugh, Harriet the Spy

Bei meinem Podcast-Potpourri war neulich auch folgender NPR-Beitrag „Unapologetically Harriet, the Misfit Spy“ dabei, ein Beitrag aus der Reihe „In Character“ über wichtige, bekannte, folgenreiche oder vielleicht auch nur interessante fiktionale Figuren der amerikanischen Literatur und Popkultur.

harriet_the_spy.jpg

Von Harriet hatte ich noch nie gehört. Das klang interessant, ich habe mir das Buch besorgt (ist von 1964), es gelesen, und fand es so mitteilenswert, dass ich das hiermit teilen möchte.

Harriet ist elf Jahre alt und führt schon seit einigen Jahren ein Notizbuch, in das sie alle Beobachtungen, die sie macht, einträgt. Beobachtungen heißt: Sie sieht sich als Spionin, hat einen Arbeitsgürtel mit Spion-Utensitilien und eine regelmäßige Route, auf der sie Freunde, andere Kinder, ihre Eltern, Lehrer, Nachbarn beobachtet. Schriftstellerin will Harriet mal werden. Harriet ist nicht unsympathisch, aber doch eher Richtung… „sociopath“ hat einer bei Amazon geschrieben, und da ist was dran. Ihre beste Freundin, ebenfalls zu ernst für ihr Alter, hat ihr Zimmer zum Chemielabor umgebaut und hat das Ziel, eines Tages die Schule in die Luft zu sprengen. Die Eltern spielen keine große Rolle in der Welt der Kinder, auch die von Harriet nicht ganz so blöde sind wie die von Courtney Crumrin. (Lobenswert immerhin, dass es am frühen Abend Martini-Cocktails für Vater und Mutter zu Hause gibt.)

Eines Tages gerät das Notizbuch in die Hände von Harriets Mitschülern. Die das überhaupt nicht lustig finden, was da über sie drinsteht; die Feinde nicht und die Freunde auch nicht. Harriet wird zur Ausgestoßenen, reagiert trotzig und gemein. Ihre Aufzeichnungen – sie hat sich natürlich gleich ein neues Buch gekauft – werden immer zwanghafter.

Ein bisschen lustig, aber nicht sehr; eher spannend, vor allem nach der Entdeckung des Notizbuches; vor allem wieder mal eine Hauptfigur mit ganz eigener Gedankenwelt, jünger und nicht ganz so introspektiv wie Adrian Mole – sie beobachtet sich selber nicht so genau wie ihre Umwelt.

Als Englischlektüre? Vielleicht in einer guten achten Klasse. Ich muss das mal einem Schüler zur Probe ausleihen.

The Night the Martians Came

Mein LK liest gerade The Martian Chronicles von Ray Bradbury, bei Gelegenheit erzähle ich davon. Ich mag das Buch sehr und ich glaube, man auch sehr viel damit im Unterrricht machen. Im Moment läuft fast alles über Referate; ich habe dreißig Themen ausgegeben, jeder der 20 Schüler suchte sich eines aus. Mit den Referaten bin ich zufrieden (muss ich den Schülern aber auch mal sagen); es ist schön, Referate zu hören, bei denen die Referenten Kenntnis des Texts voraussetzen können, und bei denen die Zuhörer auch wirklich etwas Neues gesagt bekommen. Die Themen bauen auf einander auf.

Aber zwanzig Referate zu einem Buch sind zu viel, auch wenn sich der Kurs gut hält und die Themen abwechslungsreich sind. Trotzdem möchte ich nächstes Mal lieber ein zusätzliches Buch lesen und für jedes der Bücher zehn solcher Referate einplanen. Wenn man die Schüler fragt, liest ein Teil gerne, ein anderer nur ungern ein weiteres Buch im Kurs. Keine große Überraschung. (Shakespeare lesen wir ja auch noch, aber da kann ich keine vergleichbaren Referate aufgeben.)

Gestern habe ich eine Stunde zu War of the Worlds gemacht. Kurz den Hintergrund erklärt, H.G. Wells als Autor des Buch, die Filmversionen angesprochen und schließlich den Hintergrund zur berühmten Radiofassung gegeben. Ganz kurz: Wunderkind Orson Welles führte Regie bei der wöchentlichen Radioserie The Mercury Radio Theatre. In jeder Episode wurde ein Roman als Hörspiel dramatisiert. Halloween 1938 war es H.G. Wells‘ Krieg der Welten.

Die Show beginnt mit einem Wetterbericht, dann einer – damals üblichen – Übertragung von Tanzmusik aus dem Ballsaal eines Hotels. Eingeschoben ein kurzer Newsflash über merkwürdige Explosionen an der Marsoberfläche. Mehr Tanzmusik. Mehr Nachrichten. Interviews mit einem Astronom. Und schließlich die Nachricht, dass wohl ein Meteorit in New Jersey eingeschlagen sei. Das Radioteam fährt raus und interviewt die umstehenden. Da öffnet sich der vermeintliche Meteorit, irgendetwas mit Tentakeln kommt heraus, hysterisches Durcheinander und dann mittten im Satz Stille. Ein paar Sekunden lang. Ein Sprecher aus dem Studio entschuldigt sich für technische Probleme bei der Übertragung.

Soviel haben wir dann auch etwa angehört vom Stück, die ersten zwanzig Minuten. Ich hatte vorher die Handlung erklärt, weil Radioaufnahmen nicht leicht zu verstehen sind. Zur weiteren Erleichterung habe ich dann an der Tafel gleich mitgezeichnet: Den Mars (rote Kreide war zufällig da), die Erde, Explosionen an der Marsoberfläche, ein Observatorium mit Teleskop. Zettelchen mit Städtenamen dran. Vieleviele Strichmännchen. Einschlagkrater, eine Farm, Autos. Ein Foto gibt’s leider nicht davon, ich musste ja auch immer wieder wegwischen, wenn die Handlung weiterging.

Eigentlich war das nicht nur zu Erleichterung für die Schüler, sondern damit ich etwas zu tun hatte und mich ablenken konnte.

Was diese Radiosendung so berühmt gemacht hat, war die Massenpanik, zu der sie führte. Leute flohen aus New York, liefen aus ihren Häusern, suchten bei Kirchen, Politikern und Polizei um Hilfe. Wer nicht genau hingehört und schwache Nerven hatte, glaubte wirklich an eine Invasion. Grund für schwache Nerven gab es: Einen Monat zuvor war im Münchner Abkommen zwischen Hitler, Mussolini, Dadalier und Chamberlain auf Kosten der Tschechoslowakei ein Krieg abgewendet worden. Aber der Friede war unsicher.

Über die Gründe der Panik ist viel geforscht worden, ein paar Hinweise und Links gibt es in diesem Aufsatz von William Tenn. Den habe ich als Jugendlicher viel gelesen; in der 7. Klasse hielt ich ein Referat über seine Kurzgeschichte „Der zitronengrüne, spaghettilaute Tag“ aus einem alten Heyne-SF-Band. Vor ein paar Tagen habe ich ein Werkausgabe zu lesen begonnen. Die Geschichten haben sich sehr gut gehalten.
Im Tenn-Aufsatz habe ich auch erfahren, dass 1947 die Sendung in Ecuador wiederholt wurde – mit Schauplatz Ecuador statt USA. Die Panik soll noch ärger ausgefallen sein.

Einem Schüler war übrigens als Unstimmigkeit aufgefallen, dass alles so schnell geht: Interview im Observatorium, ein bisschen Musikübertragung, dann ist der interviewte Astronom schon draußen auf einer Farm und spricht dort ins Mikrophon. Das geht natürlich nicht anders, wenn man eine größere Handlung in 60 Minuten packen muss. Aber vielleicht fällt einem das beim Hören nicht auf, da man diese Art des Erzählflusses von der Fiktion ja gewohnt ist.

Shakespeare, Sommernachtstraum

Mit Teilen des Englisch-LK war ich letzten Donnerstag im Theater, A Midsummer Night’s Dream. Und da man Schüler nicht unvorbereitet auf Shakespeare loslässt, habe ich im Schnelldurchgang ein paar Stunden zur Einführung in den Sommernachtstraum gemacht. (Welches Stück wir später lesen, steht noch nicht fest; ich spreche mich da mit dem Parallelkurs ab.)

Zuerst ein Tafelbild, nicht ganz so kompliziert wie das folgende, aber durch den allmählichen Aufbau sind Tafelbilder ja auch leichter nachzuvollziehen als fertige Diagramme:

dream.png

Dann habe ich den Schülern die ersten Minuten der Papiertheater-Version gezeigt, die ich mal mit Neuntklässlern gemacht habe. Die ersten Seiten eben der 600-Zeilen-Fassung für das Papiertheater haben wir dann auch gelesen. Man kriegt ein Ohr für den jambischen Pentameter, die Sätze werden notgedrungen kürzer und übersichtlicher und man kann die Handlung verfolgen – zugegeben, die Bildqualität leidet unter der Knappheit. Bei der Inszenierung erkennt man zumindest immer wieder mal Stellen wieder und findet sich zurecht.

Ich denke, es ist sehr hilfreich, mehrfach den gleichen Text zu lesen. Wir haben diese Pille versüßt dadurch, dass wir nach der Kurzfassung den Anfang einer kritischen Ausgabe gelesen und verglichen haben, und danach den Anfang als Faksimile der ersten Folio-Ausgabe.

Die Inszenierung war dann auch in Ordnung. Knapp zweieinhalb Stunden mit Pause, Schülervorstellung. Viel Wert wurde auf Slapstick gelegt, das Publikum war’s zufrieden, und das ist sicher im Sinne Shakespeares. Mir ist dabei allerdings aufgefallen, dass mich das Stück deutlich weniger interessiert als andere bekannte Shakespearedramen. Keine knackigen Monologe, wenig echte Tragik, zwei kaum auseinander zu haltende Liebespaare. Bottom ist tatsächlich noch die interessanteste Figur.

Sehr spannend sieht diese Multiplayer-Adventure zum Sommernachtstraum aus, Midsummer Madness. Läuft leider in unserem Rechnerraum nicht, sonst hätte ich das mit Schülern gemacht.

Der Humor im letzten Akt stammt ja aus der dilettantischen Aufführung der Handwerker, voller Fehler und Versprecher. Das hat mich erinnert an The Farndale Avenue Housing Estate Townswomen’s Guild Dramatic Society’s Production of Macbeth von David McGillivray und Walter Zerlin jr. Von den beiden Autoren gibt es noch eine ganze Reihe Stücke um diese Dramatic Society. Gespielt wird jeweils, wie die liebenswerten, aber doch sehr amateurhaften Damen der Farndale Avenue Jousing Estate Townswomen’s Guild Dramatic Society (darunter die resolute Mrs Reece, die nervöse Felicity) ein Stück aufführen, und die Aufführung gerät jedes Mal zu einer kleinen Katastrophe. Voller Versprecher, fehlender Requisiten, umstürzenden Wände, ausfallender Beleuchtung. Tee und Kekse während der Pause, versteht sich, zusammen mit Broschüren mit Neuigkeiten aus dem Gemeindeleben.