Ray Bradbury

Letzte Woche starb, 91-jährig und von meinem Teil des Web wenig beachtet, Ray Bradbury. Ich lernte ihn kennen als Science-Fiction-Schriftsteller, und zwar einen der ganz großen – neben Asimov, Heinlein und vielleicht noch Arthur C. Clarke.

Ich kannte Bradbury schon während meiner Schulzeit. In meinem Leistungskurs-Macbeth ist neben den Zeilen „By the pricking of my thumbs/Something wicked this way comes“ der Name Bradburys gekritzelt; einer seiner Romane heißt so. Gelesen hatte ich damals aber nur wenig von ihm. Ich kannte ihn aus der einen oder anderen Anthologie und vor allem aus der SF-Sekundärliteratur.

(Es ist ganz erstaunlich, wieviel man als Sechzehnjähriger erfährt, wenn man eine Essay-Sammlung von Asimov oder Der Millionen-Jahre-Traum liest, eine Literaturgeschichte der Science Fiction von Brian W. Aldiss. Meine erste Begegnung mit Aristophanes, Cyrano, Horace Walpole, Mary Shelley, Wells, Bradbury und vielen anderen.)

Aber richtig lieben gelernt habe ich Bradbury in den zwei Jahren nach der Schule. Ich bin so etwas wie ein Bradbury-Fan. Einen knappen Meter zu ihm habe ich im Regal – ein bisschen Biographie, ein wenig Sekundärliteratur, ein paar Theaterstücke, Gedichte und Essays, und vor allem die Kurzgeschichtensammlungen und Romane. Bradbury war vor allem ein Autor von Kurzgeschichten; die meisten seiner Romane entstanden daraus, eben Fahrenheit 451 und Something Wicked This Way Comes, daneben die Mischformen aus Roman und Kurzgeschichtensammlung The Martian Chronicles und Dandelion Wine. In den letzten Jahrzehnten fassten Bradbury oder sein Verleger viele seiner alten Geschichten mit einer Romanhandlung zusammen; selten war das eine Verbesserung gegenüber den einzelnen Geschichten. Ein waschechter und sehr gelungener später Roman ist der Krimi Death Is A Lonely Business von 1985.

Kaum eine Geschichte von Bradbury ist klassische Science Fiction. Aber es geht fast immer um Träume, Wünsche, Magie, die Zukunft, Erfundenes. In der dunklen Variante sind das seine Halloween-Geschichten, sommerlicher die vielen Coming-of-Age-Geschichten, allen voran Dandelion Wine. (Die muss man sich zeitlich so wie bei den frühen Waltons vorstellen, Anfang der 1930er Jahre.) Es ist vor allem Bradburys blumige, metaphernreiche Sprache, die es mir angetan hat. Hier die Anfänge seiner besten Romane:

Dandelion Wine:

It was a quiet morning, the town covered over with darkness and at ease in bed. Summer gathered in the weather, the wind had the proper touch, the breathing of the world was long and warm and slow.

Fahrenheit 451:

It was a pleasure to burn. It was a special pleasure to see things eaten, to see things blackened and changed. With the brass nozzle in his fists, with this great python spitting its venomous kerosene upon the world, the blood pounded in his head, and his hands were the hands of some amazing conductor playing all the symphonies of blazing and burning to bring down the tatters and charcoal ruins of history.

The Martian Chronicles:

One minute it was Ohio winter, with doors closed, windows locked, the panes blind with frost, icicles fringing every roof, children skiing on slopes, housewives lumbering like great black bears in their furs along icy street. And then a long wave of warmth crossed the small town.

Death Is A Lonely Business:

Venice, California, in the old days had much to recommend it to people who liked to be sad. It had fog almost every night and along the shores the moaning of the oil well machinery and the slap of dark water in the canals and the hiss of sand against the windows of your house when the wind came up and sang among the open places and along the empty walks.

Und natürlich Something Wicked This Way Comes:

The seller of lightning-rods appeared just ahead of the storm.

Muss man mögen. Ich habe es geliebt. Bradbury schrieb lyrisch, sentimental, witzig, voller Energie, immer bereit, das Gruselige im Normalen zu sehen („The Small Assassin“) oder das Schöne im Grusligen („The April Witch“, „Uncle Einar“). Auch wenn seine späteren Romane und Zusammenstellungen von Kurzgeschichten nicht an die ersten vierzig Jahre seines Schaffens heranreichen: toller Autor.


The Martian Chronicles

Kann ich als Schullektüre nur empfehlen. Es geht ein bisschen um Raumschiffe, das spricht die technikbegeisterten Gemüter an. Es ist auch ein bisschen traurig, das ist dann etwas für die anderen. Es ist ein Gebilde aus thematisch und zeitlich verbundenen Kurzgeschichten, mit kleinen lyrischen Kapitelchen dazwischen, das man als Roman betrachten kann, aber nicht muss – zu Not kann man einzelne Geschichten heraussuchen und bearbeiten lassen, ganz binnendifferenzierend. Themen bietet sich sehr viele an; Material gibt es viel dazu – Kunststück, das Buch ist seit Jahrzehnten eine beliebte Schullektüre (hier, da, dort), wenn auch wohl eher in den USA als bei uns. Gesichtspunkte sind etwa:

  • Finden Sie Ungereimtheiten innerhalb und zwischen den Geschichten.
  • In welchen Geschichten tauchen Marsianer auf, und welche Rolle spielen sie jeweils?
  • Teilen Sie das Buch in drei oder vier große Teile. Begründen Sie Ihre Unterteilung.
  • Welche Elemente verbinden die einzelnen Geschichten miteinander?
  • Welche Elemente weisen auf spätere Geschichten hinaus, oder zurück zu früheren?
  • Beschreiben Sie marsianische Technologie und vergleichen Sie sie mit irdischer.
  • Welche Elemente des Frontier Myth finden Sie im Buch? Wer war Johnny Appleseed?
  • Martian Chronicles und Manifest Destiny.
  • Welche Geschichte ist für Sie die zentrale der Sammlung? Warum?
  • Vergleichen Sie (eine Auswahl aus jeweils zwei geeignenten Geschichten)?
  • Welches Bild der Marsianer haben die Menschen zu welchem Zeitpunkt?
  • Metamorphosen als zentrales Motiv.
  • Eine Geschichte des Mars in der Science Fiction.
  • Die Geschichte „Usher II“ und Edgar Allan Poe.
  • Die Geschichte „Usher II“ und Zensur in den USA der 1950er Jahre.

Zum letzten Punkt: „Usher II“ kann man als Vorläufer des späteren Fahrenheit 451 sehen. Es geht darin um das Verbieten von Literatur, erst weil bestimmte Aspekte diesen nicht gefallen, dann weil andere etwas gegen andere Punkte haben… es fängt an mit phantastischer Literatur und Filmen, mit Poe und Märchen, und nach und nach müssen alle Geschichten daran glauben. Die Martian Chronicles erschienen 1950, nehmen aber schon die Kommunistenjagd und Zensur während der McCarthy-Zeit der kommenden Jahre voraus. Zu McCarthy siehe meinen Blogeintrag zum Film Good Night, and Good Luck; dort ist auch eine Seite aus dem EC-Comics The Haunt of Fear (1954) abgedruckt. EC, das hieß ursprünglich Educational Comics, seit 1950 spezialisierte sich dieser Verlag aber auf inzwischen berühmt gewordenen Science-Fiction- und Horrorcomics, teilweise mit recht grauslichem Humor. Bald gerieten die Hefte unter politischen Beschuss, das Phänomen der Jugendkriminalität der 1950er Jahre wurde ihnen angelastet. Sie versuchten sich zu wehren („Nur Kommunisten wollen Comics verbieten!“), half aber nichts:

— Digital habe ich viele Hörspiele nach Bradburys Werken, ältere und jüngere. Online gibt es einige Martian-Chronicles-Episoden in den Serien Dimension X und X Minus One aus den 1950er Jahren:

Dimension X (1950-1951)
Episode 11: There Will Come Soft Rains & Zero Hour
Episode 14: Mars Is Heaven
Episode 20: The Martian Chronicles
Episode 26: And the Moon Be Still As Bright

Episode 14 versucht, die ganze Kurzgeschichtensammlung in eine halbe Stunde zu packen; die anderen Episoden nehmen sich jeweils einzelne Geschichten vor. Weitere Bradbury-Episoden, die nichts mit den Chronicles zu tun haben, sind 8, 40, 43, 46, 48.

X Minus 1 (1955-1958)
Episode 03: Mars Is Heaven
Episode 19: And the Moon Be Still As Bright

Die Tonqualität ist bei dieser etwas jüngeren Serie meist besser. Weitere Bradbury-Episoden sind 12 („The Veldt“, sehr zu empfehlen), 24, 26, 29, 30.


Überhaupt, der Mars

Der bietet sich für ein W-Seminar an, auf Basis von Das Jahrhundert der Marsianer von Helga Abret und Lucian Boia, eine Art Rezeptionsgeschichte des Mars. Das Jahrhundert der Marsianer dauerte von 1877 bis 1977. Den Anfang machte die Entdeckung der Marskanäle – auch wenn sie keine waren – durch Giovanni Schiaparelli, die Folge waren Spekulationen über eine alte Zivilisation dort – der Mars als Projektionsfläche – bis zu Wells‘ Invasion und später der von Welles‘ (Blogeintrag dazu), mit Edgar Rice Burroughs als fantastischem Zwischenspiel. Dann verlor der Mars nach und nach seine Glaubwürdigkeit als bewohnter oder ehemals bewohnter Planet und wurde, wie bei Bradbury, ganz zur Metapher. 1977 landeten die Viking-Sonden und meldeten endgültig: kein Leben. „Blues für einen roten Planeten“ heißt dann auch passend dieUnser-Kosmos-Folge von Carl Sagan dazu.

(Vor ein paar Jahren wurde dann doch gefrorenes Wasser gefunden wurde. Vielleicht sogar fließendes. Der Mars ist wieder da.)

10 Antworten auf „Ray Bradbury“

  1. Ich mag besonders „Fahrenheit 451“, aber auch eine Kurzgeschichte namens „A Piece of Wood“.
    Es geht um einen jungen Soldaten, der ein Gerät erfindet, mit dem man alle Waffen, alle Panzer usw. in Rost verwandeln kann…

  2. Danke. Sehr schön. – Ich kenne leider nur „Fahrenheit 451“; immer ein Gefühl der Verbundenheit mit Montag und Clarisse beim (Wieder)Lesen.

  3. A Piece of Wood kenne ich auch. Mir scheint, dass Fahrenheit recht bekannt ist und seine anderen Sachen weniger. Kann es sein, dass man Bradbury in Deutschland außerhalb der SF-Leserschaft und Schullektüre nicht so sehr wahrgenommen hat? Immerhin, alles bei Diogenes erscheinen.

    Im Unterricht habe ich mindestens „The Pedestrian“ eingesetzt, zu Halloween auch gerne mal „The October Game“, um eine Halloweenfeier mit Kindern aus der Nachbarschaft. Dabei spielen sie auch ein bekanntes Halloweenspiel, wo alle im verfinsterten Zimmer sitzen und sich gruseln, weil glibberige oder jedenfalls im Dunkeln als fremd wahrgenommene Gegenstände herumgereicht werden, und das zu rituellen Texten. „This is the hair of the witch“, und bei der nächsten Runde dann „These are the eyes of the witch“ – dabei sind das dann nur geschälte Trauben. Man ahnt schon, dass etwas nicht stimmt; die Geschichte endet jedenfalls mit dem Satz: „Then… some idiot turned on the lights.“

  4. Bin erst durch seinen Tod auf ihn aufmerksam geworden und – wie das eben immer so ist – habe mir gleich mal „Fahrenheit 451“ bestellt.
    Science-Fiction ist eigentlich nicht so mein Genre,
    aber er scheint mir ein sehr talentierter Schriftsteller zu sein, sodass ich dieses Buch bestimmt mit Freuden lesen werde :)

  5. Dann wünsche ich viel Vergnügen! Ich mag Fahrenheit auch, aber ich mag seine anderen Romane noch lieber – die sind sogar noch weniger Science Fiction. Löwenzahnwein: Kurzgeschichten um Aufwachsen im Kleinstadtleben; Something Wicked: Tom Sawyer und ein unheimlicher Jahrmarkt; der Krimi; und selbst die Marsgeschichten sind wenig SF.

  6. Hat jemand die „Fahrenheit 451“-Version der Schauburg in München gesehen? Die fand ich sehr schön (wenn auch meinen nicht-teenager-Ohren einen Tick zu laut).

  7. Ich bin ja auch Bradbury Fan. Im Unterricht habe ich auch schon „The Pedestrian“ und „The Veldt“ eingesetzt (sowohl im Unterricht als auch als Klausur) und Fahrenheit war mal Zentralabiturslektüre. Fanden die Schüler auch ganz okay. Ich mag aber auch seine anderen Romane lieber (Dandelion Wine, Something Wicked). Seine Art zu schreiben ist einfach wunderschön. Ich habe jetzt begonnen, quasi als Nachruf, meine Lieblingswerke von ihm noch einmal zu lesen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.