The Night the Martians Came

Mein LK liest gerade The Martian Chronicles von Ray Bradbury, bei Gelegenheit erzähle ich davon. Ich mag das Buch sehr und ich glaube, man auch sehr viel damit im Unterrricht machen. Im Moment läuft fast alles über Referate; ich habe dreißig Themen ausgegeben, jeder der 20 Schüler suchte sich eines aus. Mit den Referaten bin ich zufrieden (muss ich den Schülern aber auch mal sagen); es ist schön, Referate zu hören, bei denen die Referenten Kenntnis des Texts voraussetzen können, und bei denen die Zuhörer auch wirklich etwas Neues gesagt bekommen. Die Themen bauen auf einander auf.

Aber zwanzig Referate zu einem Buch sind zu viel, auch wenn sich der Kurs gut hält und die Themen abwechslungsreich sind. Trotzdem möchte ich nächstes Mal lieber ein zusätzliches Buch lesen und für jedes der Bücher zehn solcher Referate einplanen. Wenn man die Schüler fragt, liest ein Teil gerne, ein anderer nur ungern ein weiteres Buch im Kurs. Keine große Überraschung. (Shakespeare lesen wir ja auch noch, aber da kann ich keine vergleichbaren Referate aufgeben.)

Gestern habe ich eine Stunde zu War of the Worlds gemacht. Kurz den Hintergrund erklärt, H.G. Wells als Autor des Buch, die Filmversionen angesprochen und schließlich den Hintergrund zur berühmten Radiofassung gegeben. Ganz kurz: Wunderkind Orson Welles führte Regie bei der wöchentlichen Radioserie The Mercury Radio Theatre. In jeder Episode wurde ein Roman als Hörspiel dramatisiert. Halloween 1938 war es H.G. Wells‘ Krieg der Welten.

Die Show beginnt mit einem Wetterbericht, dann einer – damals üblichen – Übertragung von Tanzmusik aus dem Ballsaal eines Hotels. Eingeschoben ein kurzer Newsflash über merkwürdige Explosionen an der Marsoberfläche. Mehr Tanzmusik. Mehr Nachrichten. Interviews mit einem Astronom. Und schließlich die Nachricht, dass wohl ein Meteorit in New Jersey eingeschlagen sei. Das Radioteam fährt raus und interviewt die umstehenden. Da öffnet sich der vermeintliche Meteorit, irgendetwas mit Tentakeln kommt heraus, hysterisches Durcheinander und dann mittten im Satz Stille. Ein paar Sekunden lang. Ein Sprecher aus dem Studio entschuldigt sich für technische Probleme bei der Übertragung.

Soviel haben wir dann auch etwa angehört vom Stück, die ersten zwanzig Minuten. Ich hatte vorher die Handlung erklärt, weil Radioaufnahmen nicht leicht zu verstehen sind. Zur weiteren Erleichterung habe ich dann an der Tafel gleich mitgezeichnet: Den Mars (rote Kreide war zufällig da), die Erde, Explosionen an der Marsoberfläche, ein Observatorium mit Teleskop. Zettelchen mit Städtenamen dran. Vieleviele Strichmännchen. Einschlagkrater, eine Farm, Autos. Ein Foto gibt’s leider nicht davon, ich musste ja auch immer wieder wegwischen, wenn die Handlung weiterging.

Eigentlich war das nicht nur zu Erleichterung für die Schüler, sondern damit ich etwas zu tun hatte und mich ablenken konnte.

Was diese Radiosendung so berühmt gemacht hat, war die Massenpanik, zu der sie führte. Leute flohen aus New York, liefen aus ihren Häusern, suchten bei Kirchen, Politikern und Polizei um Hilfe. Wer nicht genau hingehört und schwache Nerven hatte, glaubte wirklich an eine Invasion. Grund für schwache Nerven gab es: Einen Monat zuvor war im Münchner Abkommen zwischen Hitler, Mussolini, Dadalier und Chamberlain auf Kosten der Tschechoslowakei ein Krieg abgewendet worden. Aber der Friede war unsicher.

Über die Gründe der Panik ist viel geforscht worden, ein paar Hinweise und Links gibt es in diesem Aufsatz von William Tenn. Den habe ich als Jugendlicher viel gelesen; in der 7. Klasse hielt ich ein Referat über seine Kurzgeschichte „Der zitronengrüne, spaghettilaute Tag“ aus einem alten Heyne-SF-Band. Vor ein paar Tagen habe ich ein Werkausgabe zu lesen begonnen. Die Geschichten haben sich sehr gut gehalten.
Im Tenn-Aufsatz habe ich auch erfahren, dass 1947 die Sendung in Ecuador wiederholt wurde – mit Schauplatz Ecuador statt USA. Die Panik soll noch ärger ausgefallen sein.

Einem Schüler war übrigens als Unstimmigkeit aufgefallen, dass alles so schnell geht: Interview im Observatorium, ein bisschen Musikübertragung, dann ist der interviewte Astronom schon draußen auf einer Farm und spricht dort ins Mikrophon. Das geht natürlich nicht anders, wenn man eine größere Handlung in 60 Minuten packen muss. Aber vielleicht fällt einem das beim Hören nicht auf, da man diese Art des Erzählflusses von der Fiktion ja gewohnt ist.

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