Nachrufe

Ich habe Dinge gesehen, die ihr Menschen niemals glauben würdet. Gigantische Schiffe, die brannten, draußen vor der Schulter des Orion. Und ich habe C-Beams gesehen, glitzernd im Dunkeln, nahe dem Tannhäuser Tor. All diese Momente werden verloren sein in der Zeit, so wie Tränen im Regen.

Rutger Hauer ( † Juli 2019) als Roy Batty in Blade Runner

Ich habe diese Zeilen zum ersten Mal 1982 gehört; ob sie mir da sofort aufgefallen sind oder erst ein Jahr später, das weiß ich nicht mehr. SIe leuchteten mir sofort ein und führten dazu, dass ich als Teenager über Sterblichkeit nachdachte, vermutlich zum ersten Mal ernsthaft.

Batty trauert nicht um sich, sondern um all das, was mit ihm sterben wird: Seine Empfindungen, seine Erinnerungen, das Schöne und Aufregende und Überwältigende, das er gesehen hat. Jeder Mensch ist eine eigene Welt, die mit ihm stirbt.

Hinterfragt habe ich die Zeilen erst jetzt. Dieser fast solipsistische Ansatz gefiel mir als Teenager, und dass ich weniger wichtig bin als meine Erinnerungen, das passte zu meinem Selbstbild. Aber den Menschen um dich herum ist es völlig egal, ob du C-Beams gesehen hast oder nicht, ob du vor der Schulter des Orion warst oder nicht oder dir das nur eingebildet hast.

Ach. Sophie, ich vermisse dich. Dreimal habe ich dich getroffen; du warst auf unserem Fest, hast das Geschenk besorgt; du warst klug und lieb, und wohl krank. Und jetzt bist du tot und wir hätten vielleicht mehr tun müssen.

Stanley Donen

Am21.2.2019 starb Stanley Donen, einer der ganz großen Regisseure, dessen Name dabei doch wenig bekannt ist.

Singing in the Rain (1952) ist ein schöner und wichtiger Film, und natürlich ein Musical. Bekannt ist On the Town (1949) mit Gene Kelly, Frank Sinatra, Jules Munshin, Ann Miller, Vera-Ellen – an Originalschauplätzen, nämlich in New York, gedreht, was sehr ungewöhnlich war. Der Film ist überschätzt, das Musical von Leonard Bernstein an sich ist ganz hervorragend, aber nur wenige seiner Lieder haben es in den Film geschafft. Meine Lieblingsnummer „Some Other Time“, ist nicht dabei.

In On the Town verbringen drei befreundete, aber unterschiedliche Seeleute einen gemeinsamen Tag in New York auf der Suche nach Touristenattraktionen und Frauen. Nach einem Tag ist aber alles vorbei. Ähnlich, nur viel, viel besser ist Donens Meisterwerk It’s Always Fair Weather: Drei Soldaten verabreden, sich zehn Jahre nach dem Krieg wieder in ihrer Stammkneipe zu treffen, um dem Wirt zu zeigen, dass ihre Freundschaft ewig hält. Zehn Jahre danach halten sie sich mehr oder weniger spontan an diese Abmachung – und haben sich sehr verändert, halten einander für Deppen verschiedener Art und können gar nichts mehr miteinander anfangen. Der eine ist Geschäftsmann mit Magenleiden (Dan Dailey), der andere ein etwas schäbiger Boxmanager (Gene Kelly), der dritte ein Landei (Michael Kidd). Dazu Cyd Charisse. Und Gene Kelly mit einem schönen Lied auf Rollschuhen.

Die Filme Arabesque (Gregory Peck und Sophia Loren) und Charade (Audrey Hepburn und Cary Grant) habe ich als Jugendlicher immer verwechselt. Kunststück, beide sind von Donen. Arabesque mochte ich lieber, aber auch hier ist der andere der bekanntere Film.

Mit all diesen Filmen bin ich aufgewachsen. Dazu Eine Braut für Sieben Brüder. Die Rollschuhnummer kam ab und zu in Elmar Gunsch‘ Kabinettstückchen. Damals kamen noch alte Filme im Fernsehen – dreißig, vierzig, fünfzig Jahre alte. Seufz. Vermutlich ist das heute nicht anders, nur dass die dreißig, vierzig, fünfzig Jahre alten Filme für mich halt immer noch neue Filme sind.

Wahrscheinlich hätte ich nichts über Donen geschrieben, wenn ich nicht auf dieses Fundstück hingewiesen worden wäre: Eine Traumsequenz-Szene aus Moonlighting (deutsch: Das Model und der Schnüffler) – laut DVD-Anhang schrieb Billy Joel das Lied dazu tatsächlich angesichts der Serie, und die Serie nahm das Lied dann an und baute eine Musicalnummer dazu, Regie Stanley Donen. Wer mal wieder einen jungen tanzenden Bruce Willis sehen will:

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Stan Lee mit 95 Jahren gestorben

Und dann doch überraschend: Stan Lee ist gestorben, 2018, mit 95 Jahren. Stan Lee kenne ich seit Herbst 1978. da war ich gerade mal elf Jahre alt, Stan Lee 56 – aber für mich zehn bis fünfzehn Jahre jünger. Und das kam so:

In der 5. Klasse entdeckte ich Marvel Comics, namentlich die Serie Die Spinne aus dem Williams-Verlag. EIn Mitschüler brachte mich darauf, und ich war schnell regelmäßiger Leser. Die Hefte kriegte ich am Kiosk an der Endhaltestelle der Straßenbahn in meinem Stadtteil; da fuhr ich mit dem Bus hin und von da aus weiter mit der Straßenbahn in die Innenstadt. Alle zwei Wochen gab es ein neues Heft, und neben Die Spinne las ich auch die anderen Hefte aus dem gleichen Haus – Die Rächer, Die Fantastischen Vier vor allem.

Auf Flohmärkten fand ich mit einigem Einsatz einen Großteil der zurückliegenden Hefte, und auch die der anderen, bereits eingestellten Serien – und wenige Monate später (nach meinem Gefühl: eine Ewigkeit später) wurden auch die restlichen Williams-Marvel-Serien eingestellt. Just my luck. Aber ich hatte ja die Jagd nach den alten Heften, hatte amerikanische Hefte, die ich – als Folge der vielen amerikanischen Soldaten in Augsburg – auch reichlich auf Flohmärkten fand, und in den Folgejahren bei Urlauben in den USA. Und einen Nachfolgeverlag gab es auch, der viel deutsche Ausgaben produzierte, dem aber völlig der Charme der Williams-Marvels abging. (Allein schon das Handlettering der Williams-Hefte, das nur von heute aus amateurhaft aussieht, und dabei immer noch besser ist als der Pseudo-Handsatz heute.)

Und dieser Charme, der war ein wesentliches Merkmal der Marvels: Die Autoren und Zeichner hatten überbordende Spitznamen, ich weiß nur noch die englischen: Smiling‘ Stan Lee, Dazzlin‘ Don Heck, Adorable Artie SImek, King Kirby, Stainless Steve Ditko, Rascally Roy Thomas, Big John Romita, alle mit lobpreisenden Adjektiven oder Spitznamen versehen. Diese Sprache der 1960er-Marvels übernahm auch das Redaktionsteam der deutschen Fassungen in den Übersetzungen der 1970er-Jahre, als die Geschichten mit zwölf oder fünfzehn Jahren Verspätung erschienen. Das großsprecherisch, markschreierisch – aber bei der Konkurrenz wurden die Namen der Autoren, Zeichner, Tuscher überhaupt nicht genannt. Marvel gab ihnen Identitäten. Ein gezeichneter Stan Lee sprach den Leser mit weitausladenden Gesten direkt an, „Excelsior“ sein Schlachtruf. Marvel-Comics waren nicht einfach da, sie wurden erkennbar von Menschen gemacht.

Dass der amerikanische Bullpen – die künstlerischen Mitarbeiter im Verlag – gar nicht so war wie dargestellt, klar; und auch die Figur, die Stan Lee für sich erfunden hatte, entsprach sicher nicht der Wirklichkeit – aber die Unterschrift, der Schnurrbart, das liebenswert Großsprecherische, das war schon auch echt. Stan Lee war das Gesicht von Marvel, der Co-Erfinder fast aller frühen Marvel-Superhelden, der Autor vieler früher Geschichten – Stan Lee und Steve Ditko bei Spider-Man, Stan Lee und Jack Kirby bei The Fantastic Four, das sind zurecht legendäre Jahre. Mit Schmalz und Melodrama und Pathos. Schon im ersten Spider-Man-Heft schrieb Stan Lee: „With great power comes great responsibility“, und danach ging es nur noch aufwärts.

Marvel-Sammlung 1979
Meine Marvel-Sammlung 1979

Stan Lee verdiente als Executive viel Geld und stand gerne im Rampenlicht, andere Künstler behandelte der Verlag („The House of Ideas“, im Vergleich zur „Distinguished Competition“ von DC) stiefmütterlich biss schlecht; zwischen Kirby und Lee und Ditko und Lee gab es Streit. („Funky Flashman“ mit seinem „Houseroy“ war danach eine Kirby-Parodie auf Lee im Mister-Miracle-Universum, Google-Bildersuche.) Manche Fans mochten ihn nicht, unterstellten auch, die anderen Künstler seien die eigentlich Produktiven gewesen. Aber die letztlich doch immer etwas enttäuschenden Hefte von Ditko ohne Lee, von Kirby ohne Lee zeigen, dass sein Beitrag als Erzähler nötig war, um Geschichten und das Marvel-Universum zu erschaffen. Die Auftritte im Marvel Cinematic Universe bezauberten dann auch wieder viele verstimmte Fans.

Angemalte Seite aus Schulbuch
Tiere in meinem Schulbuch Englisch 5./6. Klasse: Als Superhelden

Die Rolle, die Stan Lees Marvel-Comics in meiner Entwicklung spielen, ist groß. Toleranz, Nicht-Aufgeben, Umgang mit Niederschlägen, Verantwortung, Verlust. Avengers 32 und 33 mit den rassistischen Söhnen der Schlange. Pulphaft versunkene Reiche in Avengers 34 oder Fantastic Four 54. „This Man – This Monster“ in FF 51. Amazing Spider-Man 33, in dem Spider-Man sich fünf Seiten lang aus einem eingestürzten Labor hervorarbeitet. Hachz.

Harlan Ellison

Stapel mit Büchern von Harlan Ellison

Mein Studienfreund Frank brachte mich auf Harlan Ellison. Gehört hatte ich natürlich von ihm, und wohl auch die eine oder andere Geschichte gelesen. Aber die meisten Science-Fiction-Autoren, die ich gut kannte, waren die Generation vor ihm, die der 1950er, 1940er Jahre oder noch früher. Ellison ist vorgestern 84-jährig gestorben.

Stapel mit Büchern von Harlan EllisonEllison schrieb Science-Fiction-Kurzgeschichten, auch wenn er diese Bezeichnung nicht mochte, und er schrieb sehr gut, im Sinne von: wortgewandt, lyrisch, und da ich die Geschichten mochte, musste wohl etwas Sentimentalität dabei sein. Er schrieb außerdem Drehbücher (berühmt und preisgekrönt die Star-Trek-Folge „The City On The Edge of Forever“ aus er ersten Staffel, die Folge mit Joan Collins) und war Herausgeber. Berühmt und eine Epoche definierend sind die beiden Anthologien Dangerous Visions (1967) und Again, Dangerous Visions (1972). Der dritte Band, The Last Dangerous Visions, erschien nie, obwohl die Geschichten dazu wohl gesammelt waren – eine lange Geschichte, viel Streit, Kontroversen. Und Ellison schrieb vor allem eine große Menge an Kolumnen und Essays, und die sind es, die ich Frank verdanke. Sie sind witzig, interessant, kritisch, pointiert und polemisch. Ellison war wohl sehr, sehr streitlustig; es gibt Unmengen von Anekdoten und Legenden dazu.

Ich kenne Ellison noch aus dem Krimi Murder at the ABA von Isaac Asimov, in dem Asimov als Nebenfigur auftritt und Darius Just, eine seinem Freund Ellison nachempfundene Figur, einen Mord auf einer Messe der American Booksellers Association aufklärt.

Und ich kenne Ellison, weil er mich mal angerufen hat, im Jahr 2000, glaube ich. Und das kam so: Frau Rau und ich lagen abends im Bett und lasen, ihren Aufzeichnungen nach jeweils einen Perry-Mason-Krimi, ich The Case of the Lazy Lover, sie The Case of the Nervous Accomplice. Das Telefon war damals noch im Schlafzimmer (neu in der Wohnung; Buchsen noch so wie ehedem, was übrigens ein vielmeterlanges Modemkabelausrollen nach sich zog – so war das früher), es läutete, der Anrufbeantworter ging ran, und erst Frau Rau stupste mich und sagte: Du, hast du nicht gehört, das ist Harlan Ellison.

Hello, this is Harlan Ellison in Los Angeles. It’s Friday, the 19th of November, 3:21 Los Angeles Time. I think it’s probably eight hours later where you are. I’m trying to reach Thomas Rau who has I have no mouth – it’s a computer game – in German…“

Frau Rau meinte, so schnell sei noch nie ein nackter Mann aus ihrem Bett gesprungen.

Der Hintergrund: Eine von Ellisons bekanntesten Geschichten – die ich selber gar nicht beonders mag – heißt „I have no mouth and I must scream“. Ein vielzitierter Titel, irgendein Marvel-Heft aus dem Silver Age war auch so betitelt, und überhaupt: Ellison schrieb 1963 schon das Avengers-Heft Nummer 101, das letzte dann zu meiner Sammlerzeit in Deutschland erschienene Heft. Aber ich schweife ab.

Zu dieser Geschichte gab es ein gleichnamiges Computerspiel, unter Mitwirkung von Ellison entstanden, 1995 erschienen. (Damals waren CD-ROMs der große Renner, und um den plötzlich zu Verfügung stehenden Speicherplatz auch mit Inhalt zu füllen, erschienen etliche Spiele nach Romanen, im gleichen Jahr etwa auch Bradburys The Martian Chronicles.) Es war ein Point-and-Click-Abenteuer mit fünf verschiedenen Missionen, jeweils eine pro Hauptfigur in der Geschichte. Und eine Mission spielte, aus Gründen, in einem Konzentrationslager. Ich hatte auf einem Grabbeltisch die deutsche Ausgabe erstanden, in dieser Ausgabe des Spiels fehlt diese Mission kommentarlos, was auch Auswirkungen auf die sieben möglichen Enden des Spiels hat. Das hatte Frank, glaube ich, in einem Ellison-Forum im Internet gepostet, weil jemand wissen wollte, wie man an das Spiel in dieser Version kommen konnte, Frank gab ihm nach Rücksprache meine Kontaktdaten – das war alles in den Jahren des Web 1.0, als das gerade richtig losging mit dem WWW. Da gab es noch keine Wikipedia und wenig Recherchemöglichkeiten. Jedenfalls rief dann Harlan Ellison bei mir an.

Geld wollte ich keines, er bot mir auch eines seiner Bücher im Tausch an, aber weil ich davon schon sehr viele hatte und keine Liste durchgeben wollte, wünschte ich mir ein Buch nicht von ihm, das er mir als Lektüre empfehlen könnte. Ich schickte ihm das Spiel, und kriegte von ihm The Far Arena von Richard Ben Sapir.

Das ist meine einzige Ellison-Anekdote, und es ist keine gute, weil sie nichts über Ellison aussagt, nicht seine Großzügigkeit, seine Streitlust, seine Kreativität. Aber eine andere habe ich nicht.

Terry Pratchett

Möglicherweise mein erstes Terry-Pratchett-Buch war Good Omens, ein paar Jahre, bevor ich Terry Pratchett oder Neil Gaiman als Namen kannte. Dann brachte mich ein Studienfreund auf die Scheibenwelt-Romane. Ich las die ersten drei, vier davon in den frühen 1990er Jahren. Nett, fand ich, sogar lustig. Die Bücher hatte ich ausgeliehen; selber brauchte ich keine Ausgabe davon. Ich fand mich ein bisschen unter meinem Niveau unterhalten. Auch wenn pro Buch mindestens ein genialer Witz dabei war.

Dann habe ich vielleicht fünf oder acht Jahre gebraucht, um wieder zurück zu Pratchett zu kommen. Immer noch fand ich ihn unterhaltsam, vergnüglich, aber ein bisschen zu eingängig, leichtlesig für mich. Die Bitterheit, die die Leichtfüßigkeit Vonneguts ausgleicht, die fehlte mir bei Pratchett.
Einigen Ausgaben warben mit einem Rezensentenzitat (David Pringle, White Dwarf):

less coarse than Tom Sharpe, less cynical than Douglas Adams

Aber ich mochte doch gerade den, uh, ist Zynismus das treffende Wort bei Adams? Ich mochte gerade die coarseness von Tom Sharpe, der absurde Grotesken schrieb, am bekanntesten und harmlosesten Wilt ((dt. Puppenmord), mit der wunderbaren Widmung „Für Fleisch I“. (Sharpe war Berufsschullehrer.)

Trotzdem kam ich immer wieder zurück zu Terry Pratchett. Die Serie wurde aber auch immer besser. Zugegeben: Ich glaube, Pratchett hat mein Weltbild nie in Frage, auf die Probe gestellt. Aber vielleicht hat er es, ohne dass ich das mitgekriegt habe, geformt? Pratchett war Humanist, und das zog sich immer mehr durch seine Bücher. Der Mensch steht bei im Mittelpunkt, das Diesseits; Toleranz und Menschlichkeit. Demokratie, Atheismus, Menschenrechte. Golems bekamen Rechte, Vampire wurden integriert, Zwerge und Trolle lernten miteinander auszukommen, Frauen . Pratchett hatte ein Weltbild, und er schrieb, um die Welt diesem Bild anzupassen.

In den letzten zehn, fünfzehn Jahren habe ich mich regelmäßig auf den neuen Pratchett gefreut, und das Lesen hat stets Spaß gemacht. Über ihn als Menschen habe ich immer wieder mal etwas gehört, auch nur Gutes.

Ich könnte mal wieder die Stadtwachen-Romane der Reihe nach lesen. Oder einfach nur mal wieder von vorne anfangen.

Danke für die Bücher.

Ray Harryhausen

Vorgestern ist Ray Harryhausen mit 92 Jahren gestorben. Frau Rau meinte, ich soll etwas über ihn schreiben, weil sie noch nie jemanden über ihn hat reden hören außer mich.

Wenn man sagt, dass Harryhausen ein Hollywood-Tricktechniker der 1950er und 1960er Jahre war, dann reicht das nicht. Er prägte die Fantasy- und Abenteuerfilme seiner Zeit mt seine weiterentwickleten Stop-Motion-Technik. Man kennt vor allem Sindbads 7. Reise und die Skelett-Kampfszenen aus Jason und die Argonauten:

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Immer noch sehenswert.

Ray Bradbury war ein Jugendfreund und Weggenosse von Ray Harryhausen, in A Graveyard For Lunatics machte er ihn als „Roy Holdstrom“ zu einer zentralen Figur des Romans. Harryhausens letzter wichtiger Film war Kampf der Titanen, die alte Fassung von 1981. — Ah, die 1980er! Ich kann mich noch gut an die Cinema-Spezial-Ausgabe zu Science-Fiction und Fantasy-Filmen aus dieser Zeit erinnern.

Trinke gerade einen Cognac auf Ray Harryhausen, zusammen mit Frau Rau, die endlich von der re:publica zurück ist und Spannendes erzählt.

Ray Bradbury

Letzte Woche starb, 91-jährig und von meinem Teil des Web wenig beachtet, Ray Bradbury. Ich lernte ihn kennen als Science-Fiction-Schriftsteller, und zwar einen der ganz großen – neben Asimov, Heinlein und vielleicht noch Arthur C. Clarke.

Ich kannte Bradbury schon während meiner Schulzeit. In meinem Leistungskurs-Macbeth ist neben den Zeilen „By the pricking of my thumbs/Something wicked this way comes“ der Name Bradburys gekritzelt; einer seiner Romane heißt so. Gelesen hatte ich damals aber nur wenig von ihm. Ich kannte ihn aus der einen oder anderen Anthologie und vor allem aus der SF-Sekundärliteratur.

(Es ist ganz erstaunlich, wieviel man als Sechzehnjähriger erfährt, wenn man eine Essay-Sammlung von Asimov oder Der Millionen-Jahre-Traum liest, eine Literaturgeschichte der Science Fiction von Brian W. Aldiss. Meine erste Begegnung mit Aristophanes, Cyrano, Horace Walpole, Mary Shelley, Wells, Bradbury und vielen anderen.)

Aber richtig lieben gelernt habe ich Bradbury in den zwei Jahren nach der Schule. Ich bin so etwas wie ein Bradbury-Fan. Einen knappen Meter zu ihm habe ich im Regal – ein bisschen Biographie, ein wenig Sekundärliteratur, ein paar Theaterstücke, Gedichte und Essays, und vor allem die Kurzgeschichtensammlungen und Romane. Bradbury war vor allem ein Autor von Kurzgeschichten; die meisten seiner Romane entstanden daraus, eben Fahrenheit 451 und Something Wicked This Way Comes, daneben die Mischformen aus Roman und Kurzgeschichtensammlung The Martian Chronicles und Dandelion Wine. In den letzten Jahrzehnten fassten Bradbury oder sein Verleger viele seiner alten Geschichten mit einer Romanhandlung zusammen; selten war das eine Verbesserung gegenüber den einzelnen Geschichten. Ein waschechter und sehr gelungener später Roman ist der Krimi Death Is A Lonely Business von 1985.

Kaum eine Geschichte von Bradbury ist klassische Science Fiction. Aber es geht fast immer um Träume, Wünsche, Magie, die Zukunft, Erfundenes. In der dunklen Variante sind das seine Halloween-Geschichten, sommerlicher die vielen Coming-of-Age-Geschichten, allen voran Dandelion Wine. (Die muss man sich zeitlich so wie bei den frühen Waltons vorstellen, Anfang der 1930er Jahre.) Es ist vor allem Bradburys blumige, metaphernreiche Sprache, die es mir angetan hat. Hier die Anfänge seiner besten Romane:

Dandelion Wine:

It was a quiet morning, the town covered over with darkness and at ease in bed. Summer gathered in the weather, the wind had the proper touch, the breathing of the world was long and warm and slow.

Fahrenheit 451:

It was a pleasure to burn. It was a special pleasure to see things eaten, to see things blackened and changed. With the brass nozzle in his fists, with this great python spitting its venomous kerosene upon the world, the blood pounded in his head, and his hands were the hands of some amazing conductor playing all the symphonies of blazing and burning to bring down the tatters and charcoal ruins of history.

The Martian Chronicles:

One minute it was Ohio winter, with doors closed, windows locked, the panes blind with frost, icicles fringing every roof, children skiing on slopes, housewives lumbering like great black bears in their furs along icy street. And then a long wave of warmth crossed the small town.

Death Is A Lonely Business:

Venice, California, in the old days had much to recommend it to people who liked to be sad. It had fog almost every night and along the shores the moaning of the oil well machinery and the slap of dark water in the canals and the hiss of sand against the windows of your house when the wind came up and sang among the open places and along the empty walks.

Und natürlich Something Wicked This Way Comes:

The seller of lightning-rods appeared just ahead of the storm.

Muss man mögen. Ich habe es geliebt. Bradbury schrieb lyrisch, sentimental, witzig, voller Energie, immer bereit, das Gruselige im Normalen zu sehen („The Small Assassin“) oder das Schöne im Grusligen („The April Witch“, „Uncle Einar“). Auch wenn seine späteren Romane und Zusammenstellungen von Kurzgeschichten nicht an die ersten vierzig Jahre seines Schaffens heranreichen: toller Autor.


The Martian Chronicles

Kann ich als Schullektüre nur empfehlen. Es geht ein bisschen um Raumschiffe, das spricht die technikbegeisterten Gemüter an. Es ist auch ein bisschen traurig, das ist dann etwas für die anderen. Es ist ein Gebilde aus thematisch und zeitlich verbundenen Kurzgeschichten, mit kleinen lyrischen Kapitelchen dazwischen, das man als Roman betrachten kann, aber nicht muss – zu Not kann man einzelne Geschichten heraussuchen und bearbeiten lassen, ganz binnendifferenzierend. Themen bietet sich sehr viele an; Material gibt es viel dazu – Kunststück, das Buch ist seit Jahrzehnten eine beliebte Schullektüre (hier, da, dort), wenn auch wohl eher in den USA als bei uns. Gesichtspunkte sind etwa:

  • Finden Sie Ungereimtheiten innerhalb und zwischen den Geschichten.
  • In welchen Geschichten tauchen Marsianer auf, und welche Rolle spielen sie jeweils?
  • Teilen Sie das Buch in drei oder vier große Teile. Begründen Sie Ihre Unterteilung.
  • Welche Elemente verbinden die einzelnen Geschichten miteinander?
  • Welche Elemente weisen auf spätere Geschichten hinaus, oder zurück zu früheren?
  • Beschreiben Sie marsianische Technologie und vergleichen Sie sie mit irdischer.
  • Welche Elemente des Frontier Myth finden Sie im Buch? Wer war Johnny Appleseed?
  • Martian Chronicles und Manifest Destiny.
  • Welche Geschichte ist für Sie die zentrale der Sammlung? Warum?
  • Vergleichen Sie (eine Auswahl aus jeweils zwei geeignenten Geschichten)?
  • Welches Bild der Marsianer haben die Menschen zu welchem Zeitpunkt?
  • Metamorphosen als zentrales Motiv.
  • Eine Geschichte des Mars in der Science Fiction.
  • Die Geschichte „Usher II“ und Edgar Allan Poe.
  • Die Geschichte „Usher II“ und Zensur in den USA der 1950er Jahre.

Zum letzten Punkt: „Usher II“ kann man als Vorläufer des späteren Fahrenheit 451 sehen. Es geht darin um das Verbieten von Literatur, erst weil bestimmte Aspekte diesen nicht gefallen, dann weil andere etwas gegen andere Punkte haben… es fängt an mit phantastischer Literatur und Filmen, mit Poe und Märchen, und nach und nach müssen alle Geschichten daran glauben. Die Martian Chronicles erschienen 1950, nehmen aber schon die Kommunistenjagd und Zensur während der McCarthy-Zeit der kommenden Jahre voraus. Zu McCarthy siehe meinen Blogeintrag zum Film Good Night, and Good Luck; dort ist auch eine Seite aus dem EC-Comics The Haunt of Fear (1954) abgedruckt. EC, das hieß ursprünglich Educational Comics, seit 1950 spezialisierte sich dieser Verlag aber auf inzwischen berühmt gewordenen Science-Fiction- und Horrorcomics, teilweise mit recht grauslichem Humor. Bald gerieten die Hefte unter politischen Beschuss, das Phänomen der Jugendkriminalität der 1950er Jahre wurde ihnen angelastet. Sie versuchten sich zu wehren („Nur Kommunisten wollen Comics verbieten!“), half aber nichts:

— Digital habe ich viele Hörspiele nach Bradburys Werken, ältere und jüngere. Online gibt es einige Martian-Chronicles-Episoden in den Serien Dimension X und X Minus One aus den 1950er Jahren:

Dimension X (1950-1951)
Episode 11: There Will Come Soft Rains & Zero Hour
Episode 14: Mars Is Heaven
Episode 20: The Martian Chronicles
Episode 26: And the Moon Be Still As Bright

Episode 14 versucht, die ganze Kurzgeschichtensammlung in eine halbe Stunde zu packen; die anderen Episoden nehmen sich jeweils einzelne Geschichten vor. Weitere Bradbury-Episoden, die nichts mit den Chronicles zu tun haben, sind 8, 40, 43, 46, 48.

X Minus 1 (1955-1958)
Episode 03: Mars Is Heaven
Episode 19: And the Moon Be Still As Bright

Die Tonqualität ist bei dieser etwas jüngeren Serie meist besser. Weitere Bradbury-Episoden sind 12 („The Veldt“, sehr zu empfehlen), 24, 26, 29, 30.


Überhaupt, der Mars

Der bietet sich für ein W-Seminar an, auf Basis von Das Jahrhundert der Marsianer von Helga Abret und Lucian Boia, eine Art Rezeptionsgeschichte des Mars. Das Jahrhundert der Marsianer dauerte von 1877 bis 1977. Den Anfang machte die Entdeckung der Marskanäle – auch wenn sie keine waren – durch Giovanni Schiaparelli, die Folge waren Spekulationen über eine alte Zivilisation dort – der Mars als Projektionsfläche – bis zu Wells‘ Invasion und später der von Welles‘ (Blogeintrag dazu), mit Edgar Rice Burroughs als fantastischem Zwischenspiel. Dann verlor der Mars nach und nach seine Glaubwürdigkeit als bewohnter oder ehemals bewohnter Planet und wurde, wie bei Bradbury, ganz zur Metapher. 1977 landeten die Viking-Sonden und meldeten endgültig: kein Leben. „Blues für einen roten Planeten“ heißt dann auch passend dieUnser-Kosmos-Folge von Carl Sagan dazu.

(Vor ein paar Jahren wurde dann doch gefrorenes Wasser gefunden wurde. Vielleicht sogar fließendes. Der Mars ist wieder da.)

Martin Gardner

Komme aus dem Urlaub zurück, deswegen erst gerade bei Hanjo gelesen – und merkwürdigerweise sonst nirgendwo! – dass Martin Gardner gestorben ist, fünfundneunzigjährig (NYTimes).

Martin Gardner war einer der ganz Großen. Jahrelang hatte er eine Kolumne im Scientific American (dessen deutsche Ausgabe ich als undergraduate einige Zeit abonniert hatte), in der er mathematische Kuriositäten präsentierte. Diese Beiträge und viele mehr erschienen in einer Vielzahl von Büchern, ein Dutzend davon oder so habe ich zu Hause. Die ersten habe ich wohl noch in der Unterstufe aus der Bibliothek ausgeliehen: Logikrätsel, Denkaufgaben, Unterhaltungsmathematik. Efronsche Würfel. Zellautomaten.

Später kam dann The Annotated Snark dazu, eine kommentierte Ausgabe von Lewis Carrolls „The Hunting of the Snark“, und, ähnlich wie bei Hanjo, die kommentierte Alice. Zu empfehlen auch seine Essaybände, etwa The Whys of a Philosophical Scrivener oder vor allem Gardner’s Whys & Wherefores mit gesammelten Vorworten, Buchbesprechungen und Essays. „Casey at the Bat“ habe ich daher und Chestertons „The Coloured Lands“. The Martian Chronicles und Lord Dunsany kannte ich vorher schon, H. G. Wells, Ulysses und Gatsby auch. Gardner war vielseitig interessiert, das hat mir immer imponiert.

Was ich von ihm nicht gelernt habe, kam von seinem Kollegen Douglas R. Hofstadter, eine Generation jünger, und vor allem Raymond Smullyan (Jahrgang 1919).

Patrick McGoohan

Gestorben, mit 80 Jahren, Schauspieler Patrick McGoohan. Ich kenne ihn aus vielen Filmen, aber er wird immer Nummer 6 aus der Fernsehserie The Prisoner bleiben. Hier kann man alle Episoden anschauen. Meine Lieblingsepisode, nichts für Einstieger: „A, B & C“. McGoohan konnte dieses wunderbare Zucken des einen Mundwinkels.

Nachtrag: Erinnerungen und Nachruf and ihn.

Ebenfalls gestorben mit 88, Ricardo Montalban. Kennengelernt habe ich ihn als Khan in Star Trek II, Der Zorn des Khan, der sich auf eine alte Enterprise-Episode bezieht. Inzwischen kenne ich ihn auch als Schauspieler der frühen 1950er Jahre, wo er mit Esther Williams im Schwimmbad plantscht. In Neptune’s Daughter (1949) singt er mit ihr das wunderbare Duett „Baby it’s cold outside“. (Eine andere Version mit umgekehrten Rollen im selben Film ist von Red Skelton und Betty Garrett. Mel Blanc, die Stimme von ugs Bunny und vielen anderen, ist auch dabei.) Komponist und Autor Frank Loesser bekam für das Lied einen Oscar. Es gibt auch eine Version von Heinz Erhardt und Renée Franke (1950).

Studs Terkel

Vor zwei Tagen ist Studs Terkel gestorben, 96 Jahre alt. Der schöne Nachruf bei NPR (anhören, schon mal wegen Terkels Stimme!) nennt ihn „legendary oral historian, author and radio personality“. In seinem langen Leben hat er vieles gemacht und viele Leute getroffen. Am bekanntesten ist er wohl für seine Bücher mit Interviews mit einfachen Leuten zu verschiedenen Epochen. Ich habe schon mal Hard Times empfohlen, kurze Interviews über die Depressionszeit. Auf www.studsterkel.org kann man viele der Interviews anhören.

Im Moment lese ich den ersten Band mit gesammelten Essay aus der Radioreihe This I Believe. Vorwort Studs Terkel. Die Serie ist die Neuauflage einer Radioserie aus den 1950ern (präsentiert von Edward Murrow): jede Woche ein vorgetragener Essay zu „this is believe“, von bekannten und bekannten Menschen, professionellen Schreibern und Laien. Viel didaktisches Material auf der Seite, und wenn ich nur wüsste, wie ich das „This I Believe“ übersetzen sollte, würde ich das im Deutsch-LK machen.

„Was ich glaube“ klingt gleich so religiös. „Ich bin davon überzeugt“ trifft es eben nicht. „Für wahr halte ich“ klingt zu klinisch, „Für wahr halte ich dies“ zu ausschließlich und zu pompös.

Nachtrag: Nachrufe bei rogerebert.com.