Harlan Ellison

Mein Studienfreund Frank brachte mich auf Harlan Ellison. Gehört hatte ich natürlich von ihm, und wohl auch die eine oder andere Geschichte gelesen. Aber die meisten Science-Fiction-Autoren, die ich gut kannte, waren die Generation vor ihm, die der 1950er, 1940er Jahre oder noch früher. Ellison ist vorgestern 84-jährig gestorben.

Stapel mit Büchern von Harlan EllisonEllison schrieb Science-Fiction-Kurzgeschichten, auch wenn er diese Bezeichnung nicht mochte, und er schrieb sehr gut, im Sinne von: wortgewandt, lyrisch, und da ich die Geschichten mochte, musste wohl etwas Sentimentalität dabei sein. Er schrieb außerdem Drehbücher (berühmt und preisgekrönt die Star-Trek-Folge „The City On The Edge of Forever“ aus er ersten Staffel, die Folge mit Joan Collins) und war Herausgeber. Berühmt und eine Epoche definierend sind die beiden Anthologien Dangerous Visions (1967) und Again, Dangerous Visions (1972). Der dritte Band, The Last Dangerous Visions, erschien nie, obwohl die Geschichten dazu wohl gesammelt waren – eine lange Geschichte, viel Streit, Kontroversen. Und Ellison schrieb vor allem eine große Menge an Kolumnen und Essays, und die sind es, die ich Frank verdanke. Sie sind witzig, interessant, kritisch, pointiert und polemisch. Ellison war wohl sehr, sehr streitlustig; es gibt Unmengen von Anekdoten und Legenden dazu.

Ich kenne Ellison noch aus dem Krimi Murder at the ABA von Isaac Asimov, in dem Asimov als Nebenfigur auftritt und Darius Just, eine seinem Freund Ellison nachempfundene Figur, einen Mord auf einer Messe der American Booksellers Association aufklärt.

Und ich kenne Ellison, weil er mich mal angerufen hat, im Jahr 2000, glaube ich. Und das kam so: Frau Rau und ich lagen abends im Bett und lasen, ihren Aufzeichnungen nach jeweils einen Perry-Mason-Krimi, ich The Case of the Lazy Lover, sie The Case of the Nervous Accomplice. Das Telefon war damals noch im Schlafzimmer (neu in der Wohnung; Buchsen noch so wie ehedem, was übrigens ein vielmeterlanges Modemkabelausrollen nach sich zog – so war das früher), es läutete, der Anrufbeantworter ging ran, und erst Frau Rau stupste mich und sagte: Du, hast du nicht gehört, das ist Harlan Ellison.

Hello, this is Harlan Ellison in Los Angeles. It’s Friday, the 19th of November, 3:21 Los Angeles Time. I think it’s probably eight hours later where you are. I’m trying to reach Thomas Rau who has I have no mouth – it’s a computer game – in German…“

Frau Rau meinte, so schnell sei noch nie ein nackter Mann aus ihrem Bett gesprungen.

Der Hintergrund: Eine von Ellisons bekanntesten Geschichten – die ich selber gar nicht beonders mag – heißt „I have no mouth and I must scream“. Ein vielzitierter Titel, irgendein Marvel-Heft aus dem Silver Age war auch so betitelt, und überhaupt: Ellison schrieb 1963 schon das Avengers-Heft Nummer 101, das letzte dann zu meiner Sammlerzeit in Deutschland erschienene Heft. Aber ich schweife ab.

Zu dieser Geschichte gab es ein gleichnamiges Computerspiel, unter Mitwirkung von Ellison entstanden, 1995 erschienen. (Damals waren CD-ROMs der große Renner, und um den plötzlich zu Verfügung stehenden Speicherplatz auch mit Inhalt zu füllen, erschienen etliche Spiele nach Romanen, im gleichen Jahr etwa auch Bradburys The Martian Chronicles.) Es war ein Point-and-Click-Abenteuer mit fünf verschiedenen Missionen, jeweils eine pro Hauptfigur in der Geschichte. Und eine Mission spielte, aus Gründen, in einem Konzentrationslager. Ich hatte auf einem Grabbeltisch die deutsche Ausgabe erstanden, in dieser Ausgabe des Spiels fehlt diese Mission kommentarlos, was auch Auswirkungen auf die sieben möglichen Enden des Spiels hat. Das hatte Frank, glaube ich, in einem Ellison-Forum im Internet gepostet, weil jemand wissen wollte, wie man an das Spiel in dieser Version kommen konnte, Frank gab ihm nach Rücksprache meine Kontaktdaten – das war alles in den Jahren des Web 1.0, als das gerade richtig losging mit dem WWW. Da gab es noch keine Wikipedia und wenig Recherchemöglichkeiten. Jedenfalls rief dann Harlan Ellison bei mir an.

Geld wollte ich keines, er bot mir auch eines seiner Bücher im Tausch an, aber weil ich davon schon sehr viele hatte und keine Liste durchgeben wollte, wünschte ich mir ein Buch nicht von ihm, das er mir als Lektüre empfehlen könnte. Ich schickte ihm das Spiel, und kriegte von ihm The Far Arena von Richard Ben Sapir.

Das ist meine einzige Ellison-Anekdote, und es ist keine gute, weil sie nichts über Ellison aussagt, nicht seine Großzügigkeit, seine Streitlust, seine Kreativität. Aber eine andere habe ich nicht.

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3 Thoughts to “Harlan Ellison

  1. Trotzdem, eine schöne Anekdote.
    Und an die endlos langen Meter an Modemkabel kann ich mich auch noch lebhaft erinnern. :-)

  2. Vielleicht sagt die Anekdote nichts über Harlan Ellison aus, aber sie ist dennoch sehr schön. Eine kleine Alltagsgeschichte, die für einen Fan aber viel bedeutet. Und an die man gerne zurückdenkt. (Mir erging es einmal ähnlich, als K.E. Ludwig, der deutsche Synchronsprecher von Scotty, bei mir anrief und ich ihn am Telefon zuerst gar nicht erkannte.)

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