Heute Fortbildung, und Krimi-Lektüre, und Schullektüre, und überhaupt kam dann noch alles mögliche dazu

Erstens.

Heute in der 7. Klasse, Deutsch, weiter die Lektüre besprochen. Die Klasse hat schon ein Buch gelesen, wollte aber ein weiteres gemeinsam lesen. Also entschieden wir uns für… ich weiß auch nicht, wie das genau geschah, es war mitten im Doppelabitur, ich war sehr im Stress… für ein Buch, das mir dann nicht so gut gefallen hat. Mehr ein Jugendbuch, das tatsächlich nur für die Jugend ist. Es gibt ja genug Jugendbücher, die auch Erwachsene noch lesen können. Und das Buch war vielleicht mehr für die ohnehin dominanten Mädchen als für die Jungs. Also gut: die Schüler wollten einen Arena Thriller lesen, Sommernachtsschrei von Manuela Martini.
Dann wollte ich aber doch, dass die Jungs die Wahl haben sollten, etwas anderes zu lesen. Und sie wollten Edgar Wallace. Der Hexer. Okay. Kein Jugendbuch, sondern für Erwachsene geschrieben. Vor 85 Jahren. Hat sich nicht so gut gehalten.

Dann habe ich mich aber doch mit den Büchern versöhnen können, weil die Schüler etwas damit anfangen konnten. (Es war auch keiner überfordert von der Lektüre.) Zum einen: Figurenkonstellation und Inhaltsangabe, und zwar so, dass die andere Hälfte der Klasse bei dem Buch mitreden kann, das sie nicht gelesen hat. Und die Inhaltsangabe eben nicht chronologisch und unter sofortigem Verraten aller Geheimnisse – die ja bei Krimis, und beides sind tatsächlich weitgehend Krimis, ja besonders wichtig sind. Außerdem gab es schon vor dem Austeilen der Lektüre einen Arbeitsauftrag, nämlich die nur leicht veralteten „Twenty Rules for writing detective stories“ von S. S. van Dine (1928), auf Deutsch natürlich. Regel 1 etwa:

The reader must have equal opportunity with the detective for solving the mystery. All clues must be plainly stated and described.

Und Regel 16 beginnt:

A detective novel should contain no long descriptive passages, no literary dallying with side-issues, no subtly worked-out character analyses, no „atmospheric“ preoccupations.

Nach der Lektüre wurde dann diskutiert, welches Buch sich an welche Regeln hält und damit Kriminalroman oder Detektivgeschichte genannt werden kann. Beide eher ja, der Sommernachtsschrei sogar noch eher. Aber diese Regeln bieten auf jeden Fall eine schöne Möglichkeit, Bücher zu analysieren, statt eben nur den Inhalt wiederzugeben.
Beim Vergleich der Bücher stellte sich auch heraus, dass der Hexer eher nach wie ein Thriller nach vorwärts gewandt erzählt wird, während der Sommernachtsschrei analytisch aufgebaut ist: da geht es darum, typisch für den Detektivroman, herauszufinden, was eigentlich alles vor dem eigentlichen Einsetzen der Handlung geschehen ist. Das ist ein Muster, das die Schüler später vielleicht bei König Ödipus und Nathan wiederfinden. Und ja, Wörter wie „analytisch“ nimmt eine 7. Klasse gerne bereits an.

Überhaupt, an Krimis könnte man sehr viel Erzähltheorie üben. Siehe auch den Vortrag/Essay „Aristotle on Detective Fiction“ von Dorothy L. Sayers, ich finde leider keine Quelle im Web, lesenswert, oder W.H. Auden, „The Guilty Vicarage“.


Zweitens.

Dann mit der 7. Klasse in den Computerraum, zum Schluss des Schuljahres ein bisschen spielen – nach strukturiertem Vorgehen mit Kontrollstrukturen und Algorithmik bei Robot Karol sollen sie jetzt einfach mit Scratch herumspielen. Scratch ist eine objektorientierte grafische Programmierumgebung, die man schon in der Grundschule einsetzen könnte. Grafisch heißt: man schreibt keinen Programmcode, sondern schubst mit der Maus grafische Elemente herum. Tippfehler gibt es also keine. (Klassen kennt das Programm allerdings nicht, soweit ich weiß.) Durch das Herumspielen mit demn Programm lernt man viel, wenn man will.
Überhaupt frage ich mich nach geeigneten Zugängen zur Informatik. Informatik ist viel mehr als Programmieren, und man könnte das Fach wohl auch ohne dieses unterrichten. Aber irgendwie ist das in der Praxis halt doch die Grundlage, ohne die es nicht geht. Ich habe nie viel programmiert, und hole das gerade nach. (Ich laufe gerade mit einer MVC-Brille durch die Welt und teile alles, was ich sehe, in Model, View oder Controller ein. Irgendwann wird ein Blogeintrag daraus.)
In der 10. Klasse sollen die Schüler Programmieren lernen und Informatik lernen, parallel. Ja, ich versteh schon, ist schon sinnvoll. Aber ich frage mich, ob die Schüler nicht zuerst programmieren lernen sollten und danach Informatik. Obwohl… streicht das. Das hatten wir doch schon. Ein halbes Jahr Pascal im Matheunterricht


Drittens.

Apropos herumspielen: Google+ gefällt mir sehr gut, sollte Ende des Monats für alle starten. Wenn die Erwachsenen dann bitte alle von Facebook dorthin umziehen würden?


Viertens.

Mit der 9. Klasse lese ich gerade Shakespeare, Romeo und Julia, auf Deutsch. Und nicht Andorra. Weil wir da die Baz-Luhrmann-Verfilmung anschauen können, weil die Schüler davor noch nicht mal wussten, was Akte sind, und vor allem: weil sie sich schon mal auf harmlose Weise an die Sprache des späteren 18. und frühren 19. Jahrhunderts gewöhnen sollen. Damit der Nathan in der 10. und der Faust in der 11. dann nicht so schwer fallen, denn das tun sie. Grob klappt das mit dem Verstehen auch, aber wenn man nachhakt, wie viele der Informationen, die tatsächlich in zwei, drei, vier Versen gepackt sein können, tatsächlich ankommen – dann muss ich morgen wirklich mal eine Seite ganz gründlich gemeinsam Vers für Verse auseinandernehmen.


Fünftens.

Heute wieder Moodle-Fortbildung, schulintern. Lief gut. Zum Einstieg kam wieder meine Folie mit dem Hype-Zyklus, inzwischen auch unter CC-BY-SA-Lizenz zum Herunterladen. Außerdem ein Papier mit den wichtigsten Tipps und Informationen (Download.)

Und natürlich hat jeder Anwesende – darunter einige Referendare – eine Teilnahmebestätigung gekriegt, liebevoll selbst gestaltet mit Schullogo und „2. Ausfertigung für die Lehrkraft“ und allem. So wie Philip Marlowe zwei Arten von Visitenkarten hat, die mit der Pistole mit Eck und die ohne – je nach Art des zu beeindruckenden Klienten -, habe ich zwei Versionen gemacht: eine mit Kinder-Foto von mir in der Ecke und eines ohne. Ich habe dann doch nur die ohne Foto herausgerückt, weil ich das ja auch tatsächlich eine ernsthafte und sinvolle Fortbildung war. Aber ein kleines „etc.“ habe ich mir bei der Unterschrift gegönnt:

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2 Thoughts to “Heute Fortbildung, und Krimi-Lektüre, und Schullektüre, und überhaupt kam dann noch alles mögliche dazu

  1. Nachtrag als Erkenntis der heutigen Stunde, als es darum ging, Entwürfe zu weiteren Edgar-Wallace-/Arena-Thrillern zu pitchen, die ins jeweilige Verlagsprogramm passen: Wenn es bei van Dine in Regel 11 heißt:

    Der Autor darf keinen Diener zum Täter machen

    – dann ist das Äquivalent für den Arena-Jugendkrimi:

    Der Autor darf keinen Erwachsenen zum Täter machen.

    Die Jugendlichen bleiben unter sich, Erwachsene sind Nebenfiguren.

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