Der Verband Bildung und Erziehung startet eine Initiative gegen soziales Ranking im Lehrerberuf. Ranking ist ja immer schlecht, gerade in der Bildung, und wenn es dann auch noch sozial ist, muss das besonders schlimm sein. Es geht darum: die Lehrer mancher anderer Schularten sollen nicht länger weniger verdienen als Lehrer am Gymnasium. Die Sinnhaftigkeit des ganzen bestätigt ein Gutachten, das eben dieser VBE in Auftrag gegeben hat. (Der VBE organisiert vor allem Lehrer dieser anderen Schularten.)
Diese Pressemitteilung des VBE werde ich vielleicht mal im Unterricht Schülern vorsetzen, weil die sprachliche Manipulation darin so interessant ist. Das beginnt mit dem irreführenden Titel und setzt sich gleich fort mit dem Vergleich mit dem Kaiserreich und der anschaulichen Reduktion der Unterschiede zwischen Schülern der verschiedenen Schularten auf die Schuhgröße. Dazu der knackige Slogan: „Lehrerarbeit in den unterschiedlichen Schulstufen ist nicht gleichartig, aber gleichwertig.“
Das ist ein heikles Thema, das auch in dem Lehrerforum, in dem ich mich herumtreibe, stets zu heftigen Diskussionen führt, wenn es denn mal angeschnitten wird. Meine prinzipielle Meinung: Ich habe nichts gegen eine differenzierte Bezahlung für Lehrer. Fragt sich nur, nach welchen Kriterien differenziert wird – neben Schularten gibt es ja noch mehr Möglichkeiten – und ob das in einem Beamtenapparat sinnvoll möglich ist.
Was soll das erst einmal heißen, dass eine Arbeit „gleichwertig“ ist? Wann ist eine Arbeit gleichwertig? In unserem System wird sicher nicht danach bezahlt, wie schwer eine Arbeit ist. Viele Leute arbeiten hart und verdienen wenig Geld. Stattdessen zählen zum einen Angebot und Nachfrage. Es gibt mehr Grundschullehramtsstudenten und -innen, allerdings auch mehr Grundschulstellen als bei Gymnasiallehrern. Wovon gibt es denn anteilig jeweils mehr? Die zentrale Steuerung durch die Ministerien verhindert allerdings, dass Angebot und Nachfrage wirklich zum Tragen kommen.
Zum anderen spielt die Ausbildung eine Rolle bei der künftigen Bezahlung. Wie schwer ist die Ausbildung und wie lange dauert sie? Die Mindestausbildungszeit unterscheidet sich bei den verschiedenen Schularten um bis zu 25%. Zugegeben, ich weiß nicht, wie realistisch diese Semesterzahl ist – ich habe deutlich länger studiert, andere sicher auch. (Bei Sprachenlehrern waren zwei zusätzliche Semester Auslandsaufenthalt ohnehin üblich.)
Und zuletzt, aber das halte ich für kein überzeugendes Argument, wird nach Verantwortung bezahlt: Gymnasiallehrer gewähren den allgemeinen Hochschulzugang. Dann könnte man auch sagen: noch mehr Verantwortung gibt es in den ersten, prägenden Schuljahren.
Tatsächlich ist es ja bereits so, dass sich die Bezahlung der Lehrämter gerade in einem Prozess der Anpassung befindet. Früher wurden Gymnasiallehrer zwischen A13 und A15 bezahlt, jetzt ist es zwischen A12 und A14, spätestens nach der Diensrechtsreform. Aber wenigstens verdienen wir dann alle gleich wenig. Denn darum geht es ja. Gymnasiallehrer und Grundschullehrer werden beide nicht schlecht bezahlt, Referendare ausgenommen. Aber die einen kriegen mehr und bilden sich etwas auf sich ein (möglichweise auch deshalb), und die anderen kriegen weniger und fühlen sich zurückgesetzt.
Ich weiß jedenfalls, warum ich viel Gehalt verdiene: weil ich zwei Jobs mache. Zwei für den Preis von, sagen wir, anderthalb: Ich sehe mich als Akademiker und als Pädagoge. Da kommen meine Ansprüche her. (Nicht dass meine Ansprüche irgendjemand interessieren, aber sie erklären die Frechheit, mit der ich mich hier präsentiere.)
Natürlich habe ich keinen Doktor und treibe keine Forschung. Und ich bin Deutschlehrer und nicht Germanist. Aber ich war ein guter Student, ich bilde mich weiter, ich interessiere mich immer noch für meine Studieninhalte, und ich kenne die Methodik meines Faches.
Deshalb stört es mich sehr, wenn ich – gelegentlich – mitkriege, dass Kollegen kein Interesse an fachlichen Inhalten haben. Oder wenn ich als Begründung höre: „Das steht so im Buch“ oder auch: „Das steht so im Duden“ – das stört mich, weil ich weiß, wie solche Dinge in das Schulbuch oder in den Duden kommen, und dass es meist mehrere Möglichkeiten gegeben hätte, etwas ins Buch zu tun, und dass es prinzipiell Leute wie ich sind, die solche Bücher schreiben. Und ich bin ja auch nicht fehlerfrei. Natürlich bin ich kein Lexikograph, bin absolutes Juniormitglied jeglicher akademischer Welt. Aber ich kenne verschiedene Grammatikmodelle, weiß, warum es wichtig ist, zwischen „Vergangenheit“ und „Präteritum“ zu unterscheiden, kenne den Unterschied zwischen tense und aspect und versuche gelegentlich, Schülern diesen zu vermitteln. (Das machen Schulbücher nie, warum eigentlich nicht?) Ich weiß, dass didaktische Reduktion notwendig ist, halte es aber trotzdem für einen Fehler, wenn mein Deutschbuch von Infinitivsätzen spricht. Ich halte mich andererseits auch nicht an gymnasiale Deutschlehrerregeln wie die, dass man Farbadjektive nicht steigern kann. Es schüttelt mich, wenn ich Kettenrechnungen wie diese sehe: 92-8=?-23=?-11=?-30=? oder wenn eine Aufgabe lautet, alle Rechtecke anzumalen, Quadrate aber nicht dazu gerechnet werden. Ich kann wissenschaftliche Arbeiten verfassen und darin Neues sagen. (Zumindest als Literaturwissenschaftler. Als Sprachwissenschaft, der ich doch stets eher war: nein. Mathematiker und Naturwissenschaftler haben es da noch schwerer, denke ich.)
Ich weiß, das ist alles ziemlicher Kleinkram. Und nichts Besonderes. Vielleicht bleibt nur das Hinterfragen von Methoden und eben auch Inhalten auf Basis gesunden Fachwissens als Kriterium übrig. Aber ich halte es aus mehreren Gründen für sinnvoll, Lehrer einen akademischen Beruf sein zu lassen. Egal in welche Schulart.
Vielleicht ist das auch Generationensache. Hatten die Lehrer in der Generation vor meiner auch einen akademischen Anspruch in irgendeiner Form, oder hat es da für das Selbstbild noch gereicht, Ober-, Oberst-, oder normaler Studienrat zu sein? Wie sieht die Generation nach meiner das – wollen die Akademiker sein oder nicht? Oder wollten das Lehrer noch nie, und es ist bloß wieder meine unrepräsentative Sicht?
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