Krimis schreiben, Fabel und Diskurs

Und noch ein Rest von der Fortbildung in der letzten Woche: Für ein Projekt musste schnell eine einfache Krimi-Handlung her. Der Ausgangspunkt: Jemand wacht im Hotel neben einer Leiche auf, blutige Hände und so weiter, ein Messer neben sich – wie geht es weiter? Was ist passiert?

Da hätte ich mir meine Schüler aus der 7. Klasse gewünscht. Mit denen habe ich ja Krimis gelesen. Zum Abschluss und nach dem Erarbeiten eines Kriterienkatalogs stellten die Schüler einen Edgar-Wallace-Thriller beziehungsweise einen Jugendkrimi vor, der gut in die Reihe Arena Thriller gepasst hätte. Zu den Kriterien gehört bei letzten zum Beispiel das Personal (Heldin weiblich, 15-17 Jahr) oder der Titel (zusammengesetztes Substantiv mit jeweils einem positiven und einem negativen Bestandteil). Das haben die Schüler sehr gut gemacht. Hier eine leider nur stichpunktartige Zusammenfassung, die ich mir nach der Präsentation schicken ließ.

Titel: Veilchenblut

Vorgeschichte:

  • 17-jähriges Mädchen namens Monica
  • als 4-jährige entführt
  • konnte im Gegensatz zu anderen, umgebrachten Kindern entfliehen
  • jedem Kind wurde vor dem Mord ein Veilchen auf das Handgelenk tätowiert
  • die Mörderin wurde beinahe gefasst, doch als sie davon erfuhr, brachte sie sich um

Grund wieso [die verrückte Entführerin] jedem Kind ein Veilchen auf die Hand tätowiert hat:

  • ihre damals 4-jährige Tochter an Krebs gestorben
  • sie fand es ungerecht, wieso „alle“ Kinder leben dürfen außer ihres
  • [das] hat sie verrückt gemacht

Inhalt:

  • Freund von Monica fehlt in der Schule
  • wird tot am Ufer eines Flusses aufgefunden
  • mit einer Tätowierung, die neu ist, am Handgelenk: ein Veilchen
  • das gleiche hat Monica auch
  • Schwester wird entführt, nicht gefunden
  • Zusammenhang, aber die Mörderin ist tot – Mittäter?
  • Monica ermittelt

Auflösung:

  • Monica findet Fotos von ihrem Vater und Mörderin – küssend!
  • Vater ist Liebhaber von Mörderin + Vater von an Krebs gestorbenen 4-jährigen Kind
  • er hat nie Mutter von Monica geliebt
  • Mutter hat Vater nicht gehen lassen
  • sie hat gedroht alles zu sagen
  • sie weiß, dass er der Mittäter ist
  • die Wut auf die Mutter hat er an den Kindern ausgelassen
  • er rächt sich für die Mörderin
  • deshalb Freund und eine Tochter entführt
  • Monica ist als Kind nicht entkommen, Vater konnte damals sein Kind nicht umbringen

Hm, ausformuliert wäre dem vielleicht noch leichter zu folgen. Beim nächsten Mal. Wenn ich noch weitere Plots zur Veröffentlichung kriege, hänge ich die unten an.

— Jedenfalls konnte ich mich bei der Fortbildung plötzlich in die Situation eines Film- oder eher Fernsehproduzenten versetzen, der mal eben rasch einen groben Plot braucht und bereit ist, für diese Leistung zu zahlen. Ohne Schülerhilfe musste ich mich selber daran machen, eine Geschichte zu entwerfen.

Der Krimi und die Inhaltsangabe

Angefangen habe ich so:

  • Held wacht neben Leiche auf
  • durchsucht Leiche
  • findet Zimmerschlüssel und einen Schließfachschlüssel
  • geht in das Zimmer des Toten
  • findet dort…

Schon bald war ich aber verwirrt und musste in meiner Skizze Sachen ergänzen, durchstreichen, umschreiben. Es wurde unübersichtlich. Deshalb entschied ich mich für eine zweite Fassung, die nicht mit dem Beginn des Krimis ansetzt, sondern eher sogar damit aufhört:

Der Schlagerstar B. ist heimlich verheiratet und hat drei Kinder, will aber nicht, dass das öffentlich wird. Der Gangster M. lässt sich vom Gangster W. eine Kopie der Heiratsurkunde schicken, um B. zu erpressen. M. verspricht W. dafür einen Teil des Geldes. M. versteckt die Urkunde in einer mit einem Geheimcode gesicherten Kassette in einem Schließfach im Hotel. Den Code hat er auf einen Zettel notiert. Dann geht M. zu B…

Die erste Fassung gibt die Reihenfolge wieder, in der der Leser oder Spieler das Geschehen erfährt. Die zweite Fassung gibt die chronologische Reihenfolge des Geschehens wieder (und stellt auch kausale Zusammenhänge her). Leider ist die Termionologie für diesen sehr wichtigen Unterschied nicht einheitlich, die frühe Unterscheidung in story und plot (durch E.M. Forster) reicht da nicht. Die Strukturalisten unterscheiden story und discourse, dabei ist story die chronologische Zusammenfassung und discourse bezieht sich auf die Art und Weise, wie die Geschichte präsentiert wird – also in welcher zeitlichen Folge, aber auch in welcher Erzählweise und mit welchen weiteren Formen der Leserlenkung.

Auf Deutsch heißt das „Handlung“ oder „Fabel“, aber die Trennung zwischen diesen und einem Diskurs ist mir in meinem lange zurückliegenden Germanistikstudium nicht begegnet. Jedenfalls vermisse ich einen geeigneten Ausdruck, der für die Textsorte Inhaltsangabe am Gymnasium hilfreich wäre. Ich will bei der Inhaltsangabe definitiv nicht, dass diese sich an der Erzählreihenfolge orientiert. Aber immer wieder zu sagen: „Fasse chronologisch zusammen statt in der Erzählreihenfolge“ ist umständlich, hier hätte ich gerne einen Fachausdruck.

Warum möchte ich keine Zusammenfassung in Erzählreihenfolge? Erstens, weil dadurch Nacherzählungen herauskommen. Zweitens, weil das zu leicht ist und keine Reorganisation des Textes erfordert. Drittens, weil das eine nützliche Fähigkeit ist, etwa wenn man einen Krimi erklären will. Wenn man da die Handlung in der Erzählreihenfolge wiedergeben will, verheddert man sich in „stellt sich heraus, dass das doch gar nicht so“ und „hat zuvor heimlich“ und „Moment, ich habe vergessen, er hat dabei auch noch vorher“.

Deswegen sollte man ab der 8. Klasse den Schülern Texte vorlegen, in denen eben nicht chronologisch eine Handlung wiedergegeben wird. Bei pointierten Geschichten stellt sich oft am Schluss etwas heraus, dass chronologisch an den Anfang gehört; bei Krimis ist dieser analytische Aufbau sogar ganz typisch fürs Genre.

(Natürlich braucht man auch andere Arten der Inhaltszusammenfassung, für Buchvorstellungen und Rezensionen und Klappentexte und so weiter. Da soll man den Schluss ruhig weglassen.)

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