Physiognomik

Letzte Woche habe ich mit der 10. Klasse in Deutsch einen Text von Johann Kaspar Lavater gelesen, zum Geniebegriff im 18. Jahrhundert:

Was ist Genie? Wer’s nicht ist, kann nicht; und wer’s ist, wird nicht antworten. – Vielleicht kann’s und darf’s einigermaßen, wer dann und wann gleichsam in der Mitte schwebt, und dem’s wenigstens bisweilen gegeben ist, in die Höhe über sich, und in die Tiefe unter sich – hinzublicken. […] Wer bemerkt, wahrnimmt, schaut, empfindet, denkt, spricht, handelt, dichtet, singt, schafft, vergleicht, sondert, vereinigt, folgert, ahndet, gibt, nimmt – als wenn’s ihm ein Genius, ein unsichtbares Wesen höherer Art diktiert oder angegeben hätte, der hat Genie; als wenn er selbst ein Wesen höherer Art wäre – ist Genie.

So ein Gesülze kann man ja nicht unkommentiert lassen, also habe ich heute gleich mal einen Auszug aus Lavaters hundert physiognomischen Regeln ausgeteilt:

Sehr abwärts sinkende Nasen sind nie wahrhaft gut, wahrhaft froh, oder edel, oder groß. Immer sinnen sie Erdwärts, sind verschlossen, kalt, unherzlich, unmittheilsam, oft boshaft-witzig, übellaunig, oder tief hypochondrisch, oder melancholisch; obenher gebogen, furchtbar, wollüstig.

Und:

Jeder Mund, der völlig einmal so breit ist, als das Auge, ist der Mund eines Dummkopfs – das heißt, von der Spitze gegen die Nase, bis an’s innere End’ des Augapfels; beyde Breiten nach demselben flachen Maaße gemessen.

Und dann sollten die Schüler ihre Nasen vergleichen und die Breite von Auge und Mund ausmessen und herausfinden, ob ihr Gegenüber ein Dummkopf ist. Das war lustig.

– Danach noch einen kurzen Auszug aus Lichtenbergs “Fragment von Schwänzen. Ein Beitrag zu den Physiognomischen Fragmenten” gemacht. (Siehe Blogeintrag.) Die Schüler waren angemessen belustigt, als sie den Witz verstanden hatten.

4 Antworten auf „Physiognomik“

  1. Der überaus großartige Historiker Valentin Groebner erzählt sehr einprägsam, vom Werden jener Vorstellungen, die dann u.a. im Geniebegriff des 18. Jahrhunderts kulminierten. Das Buch heißt ” Der Schein der Person. Steckbrief, Ausweis und Kontrolle im Mittelalter.” Während der Aufsatz ” “Mit dem Feind schlafen. Nachdenken über Hautfarben, Sex und “Rasse” im spätmittelalterlichen Europa”. In: Historische Anthropologie 15/3 (2007), S. 431–448, einen gute und spannende Einführung bietet.

  2. Da gibt’s doch in T. H. Whites “The Elephant and the Kangaroo” eine Passage, in der Schädel vermessen werden und ein Beobachter der Szene diese voller Horror als archaisch-satanisches Ritual mißdeutet.

  3. Was halten Sie von Graphologie, Herr Rau?
    Im Deutschunterricht zu besprechen sinnvoll? Wenn ja, in welcher Form.

    (Wir hatten an der Uni einen Didaktik-Dozenten, der das selbst im Unterricht einsetzt und sehr weiterempfiehlt: http://www.graphologies.de . Er ist überzeugt von der Funktionsweise von Graphologie.)

  4. Danke für die Hinweise. T.H. White kenne schätze ich, das Buch kannte ich noch nicht. (Und den Aufsatz habe ich mir mal besorgt. Wunderbar, so ein Zeitschriften-Online-Zugang.)

    Mit Graphologie habe ich mich nie beschäftigt. Intuitiv: Aus der Handschrift etwas über Charakter zu sagen, halte ich für unmöglich, also unseriös. Aus einer Handschrift etwas über den aktuellen Gemütszustand zu sagen, wenn man die Standardhandschrift der Person kennt, halte ich noch für denkbar. Aber wie gesagt: Nie damit beschäftigt.

    Gibt es typische Mädchenhandschriften in der Schule? Ganz sicher. Ich habe ja selber eine.

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