Was heißt „Interpretieren“?

Schüler meinen, man liest was in Gedichte rein, was da gar nicht steht, und das ist dann Interpretieren.

Das liegt zum einen daran, dass Schüler keine geübten Leser sind. Nuancen in einem Text, die jedem erfahrenen Leser sofort deutlich vor Augen sind, sehen sie nicht so schnell. Wenn in Faust die jungen Burschen beim Frühlingsspaziergang sich auf das Tanzfest freuen, weil es dort „Händel von der ersten Sorte“ gibt, dann hat ein gesamter Deutsch-Leistungskurs keine Ahnung, was gemeint ist, weil sie das Wort „Händel“ nicht kennen und ganz automatisch davon ausgehen, dass es um „Hendl“ geht, also Hähnchen. Es fällt den Schülern oft schon schwer genug, die Zeilen an sich zu lesen, geschweige denn zwischen ihnen; kein Wunder, dass sie einer Beispielinterpretation des Lehrers nicht folgen können. (Zum Teil können die Schüler nichts dafür. Die Sprache des Faust ist ihnen einfach fern.)

Das liegt zum anderen daran, dass Schüler eine romantische Sichtweise des Dichters haben: Es gibt einen Autor, der weiß, was er tut, und mit seinem Gedicht etwas sagen will. Und er ist oberster Richter wenn es um die Interpretation seines Gedichts geht. Kein Interpret Lehrer darf da Sachen herauslesen, die der Dichter nicht autorisiert.
Diese Sonderstellung des Autors ist eine relativ junge und keineswegs selbstverständliche Sache, aber seit ein paar hundert Jahren weit verbreitet. Es stimmt nicht, dass ein Autor immer weiß, was er tut. Ein Autor tut einfach. Wenn er analytisch oder akademisch ist, dann überlegt er sich, warum er so schreibt, aber das ist keinesfalls notwendig.

Beispiele dafür, dass Autoren nicht immer die besten Interpreten ihrer Werke sind:

  • W.H. Audens Gedicht „Blues“ („Stop all the clocks, cut off the telephone, / Prevent the dog from barking with a juicy bone“). Ursprünglich für eine komische Revue geschrieben, wird es in dem Film Four Weddings and a Funeral beim Begräbnis einer der Hauptpersonen rezitiert: Feierlich, tieftraurig. Kein Schüler glaubt, dass das ein komisches Gedicht sein sollte. (Vor allem nicht, wenn ich ihnen vorher die herzzerreißende Aufnahme aus dem Soundtrack zum Film vorgespielt habe.) (Details zur Entstehungsgeschichte)
  • Mein Favorit ist in „Pippa Passes“ von Robert Browning. Da wird eine klösterliche Szene beschrieben:

    Then, owls and bats,
    Cowls and twats,
    Monks and nuns, in a cloister’s moods,
    Adjourn to the oak-stump pantry!

    Nach dieser Quelle hielt Browning „twat“ für einen Teil der Kopfbedeckung der Nonnentracht; dort wird auch erklärt, wo Browning auf dieses Wort gestoßen ist. „Twat“ ist aber ein derbes Wort für das weibliche Geschlechtsorgan. Browning hat hier etwas missverstanden. Er wollte sicher nicht die Kapuze des Mönchs („cowl“) und die Vagina der Nonne in einem Atemzug nennen. Hat er aber.

Vielleicht sollte man die Schüler nach sexistischen und rassistischen Elementen in Gedichten suchen lassen. Die erkennen sie vielleicht eher, und vielleicht sind die Schüler leichter davon zu überzeugen, dass die Autoren nicht sexistisch oder rassistisch sein wollten, aber dass die Texte es dennoch sind.

Man kann nicht lesen, ohne zu interpretieren. Zumindest nicht vorlesen, und zumindest nicht bei einem Schauspiel. Wenn man die Sätze einer Figur in einem Drama vorliest, dann ist das Interpretieren (so wie der Sänger eines Liedes der Interpret des Liedes ist): Denn dadurch legt man fest, wie die Figur die Sätze vorträgt: gelangweilt, tonlos, aufgeregt, froh, übermütig, scherzhaft, verzweifelt. (Natürlich hilft es, wenn die Schüler über mehr als einen Tonfall beim Lesen verfügen.)

Sehr schön kann man all das an einem Lied von Bruce Springsteen zeigen, „I’m on fire“ aus dem Album „Born in the USA“ (das ich noch als LP im Schrank habe). Ein schönes Lied von Saubermann Boss Springsteen. Das Lied eines Romeos, der nicht zu seiner Julia darf, und furchtbar darunter leidet. Einen Videoclip gab’s auch dazu.

Hey little girl is your daddy home
Did he go away and leave you all alone
I got a bad desire
I’m on fire

Tell me now baby is he good to you
Can he do to you the things that I do
I can take you higher
I’m on fire

Sometimes it’s like someone took a knife baby
edgy and dull and cut a six-inch valley
through the middle of my soul

Ein Springsteen-Klassiker mit wunderbarem Rhythmus, oft gecovert. Und covern heißt vortragen heißt interpretieren. So etwa in einer Interpretation vom seligen Johnny Cash. Mit seiner alten Stimme und einem wackligen Tonfall gewinnt das Lied gleich eine ganz andere, gruseligere Dimension:

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Man denkt doch sofort an einen Kinderschänder. Das hat Springsteen sicher nicht im Sinn gehabt.*) Aber die Interpretation ist legitim, finde ich. (Ob der Künstler Johnny Cash diese Interpretation bewusst verwendet oder nicht, steht wieder auf einem ganz anderen Blatt. Siehe oben. Ich denke mal, ja – aber wie gesagt, das ist nicht wichtig. Das Lied stammt aus dem Album Badlands – A Tribute to Bruce Springsteen’s Nebraska mit Springsteen-Cover-Versionen verschiedener Interpreten.)

*) Fußnote: Oder doch? Kann man den Text anders, harmlos deuten?

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55 Thoughts to “Was heißt „Interpretieren“?

  1. Pingback: irox.de
  2. Apropos Cash: Sehr gut in meinem Unterricht hat der Vergleich von „Hurt“ (NIN) und „Hurt“ (Cash) funktioniert. Da waren wohl selbst NIN erstaunt, was in ihrem Lied steckt. Schau dir unbedingt mal die beiden Videos an.

  3. Ich bin da privilegiert, weil ich die Interpretationen nicht benoten muss. Ich benote, ob die Lieben Verkaufsargumente hinbekommen und haue ihnen übungshalber meine um die Ohren. Manchmal bringen sie „schwierige“ Bücher mit und fragen mich, wie ich die nun verkaufen würde? Und amüsieren sich darüber, dass mir halt meistens etwas einfällt.

    Aber Azubis verstehen nur zögernd, dass am Anfang die Literaturkunde steht, die Interpretation, 1000 gelesene Rezensionen, das Autorenportrait vor dem geistigen Auge, das Verlagsprofil im Hinterkopf. Das sind die Basics, no way dran vorbay.

    Auch apropos: GIVE MY LOVE TO ROSE ist mein Lieblingslied. Nicht die Version des jungen oder mittelalterlichen Cash, auch nicht die des Springsteen, sondern die des Fossils Cash, american recordings 2002. (Thank Johnny, God and Rick Rubin for this masterpiece.)

  4. Und ich finde es schön, dass Johnny Cash im Unterricht gespielt wird. Meine erste LP,die ich mir kaufen konnte, war von ihm. Mine Freunde hörten Deep Purple und die Freundinnen Elvis. Ich kannte niemanden, dem das Herz aufging bei „Ring of fire“.So finde ich Ihren Artikel hier sehr schön und such mir gleich die Musik .
    Seit meiner Schulzeit treibt mich die Frage um, warum man als junger Mensch mit Interpretationen nichts anfangen kann, und sie dem Lehrer auch noch übel nimmt.
    Wenn ich heute Gedichte von Gottfried Benn lese, oder anderen, merke ich, dass mir damals schlicht die Erfahrung fehlte. Um Ingeborg Bachmanns Bilder zu verstehen, muss man tief verletzt worden sein, um zu wissen, wie es ist „die Lupinen zu löschen“. Oder man muss die Urkraft der Liebe erfahren haben,wenn man den „Salamander durch jedes Feuer“ hat gehen sehen.
    Faust kam mir merkwürdig vor, phh, nochmals jung sein, war ich doch.Was sollte daran denn schön sein.
    Schön war dann die Fahrt ins Theater und die Peymannaufführung zwei lange Nächte durch. Dann fing ich an zu begreifen,dass da noch etwas anderes war, was noch kommen wird im Leben, und das ich durch diese Milchglasscheibe sehen konnte.
    Geben Sie nicht auf, Herr Rau!

  5. ?????????????????????????????????????????wozu braucht man den müll säter?????????????????????????????von dem ganzen nachgedenke geht man doch kaputt da wird mir echt schlecht hab jetzt schon kopfschmerzen

  6. Brauchen… ja und nein. Man braucht es auf aehnliche Weise nicht, wie man Mathematik spaeter nicht braucht. Lyrik braucht man spaeter ueberhaupt nicht, wenn man nicht will. Man interpretiert nur am meisten Lyrik in der Schule, weil die kompakt ist und sehr viel hergibt. Aber prinzipiell gilt das fuer Romane genauso. Wenn man sich mit intelligenten Menschen ueber intelligente Romane unterhalten will, dann braucht man das. Mit mir, und irox und Kai und Tanja, ntropie und croco zum Beispiel. Klar, muss man nicht. Dann verpasst man aber was. Wenn man stattdessen etwas anderes Interessantes macht, gut. Wenn nicht, nicht so gut.
    Die Faehigkeiten, die man beim Interpretieren erwirbt, die kann man spaeter schon brauchen. Man hat gelernt, genau auf Worte zu achten. Man hat gelernt, nicht aus jedem Text das herauszulesen, was man darin lesen will, sondern etwas, was wirklich drin steht. Diese Faehigkeit braucht man als politisches Wesen, als Mensch also.
    Und Johnny Cash braucht man sowieso.
    Das mit den Kopfschmerzen tut mir leid, aber das mit dem Nachdenken wird mit der Zeit immer leichter, versprochen. Fussballspielen erfordert auch Training, und macht Muskelkater. Den kriegt man vom Nachdenken halt im Kopf. Aber wenn man dann mal trainiert ist, beherrscht man ein neues Spiel.

  7. das ist totaler scheis für was brauch ich den misst brauchen doch blos streber METTY=FETTY

  8. Metty=Fetty dein Kommentar war echt dumm und ohne Sinn und Verstand. Die Frage kam nämlich schonmal und Herr Rau beantwortete diese bereits!

  9. Ach ihr habt probleme morgen ist deutsch abi und ich darf fleißig interpretieren *heul*…..

  10. ja.. das interpretieren..
    gerade heute haben wir eine deutschklausur wiederbekommen.. einige aufgaben zum „guten menschen von sezuan“ .. eine 4 und insbesondere zu dem interpretatorischen teil habe ich die anmerkung bekommen, man merke, dass ich brechts aussageabsicht nich erkannt hätte. nun ich muss sagen, dass überrascht mich nicht, das interpretieren hat mir nie gelegen, was ich allerdings sehr bedauere, besonders da ich sehr gerne lese und das gefühl habe das mir etwas verloren geht da ich eine aussage, die ja scheinbar in dem text drin steckt gar nicht erkenne.
    als ich vorhin bei google schlicht und einfach nach „wie interpretiert man“ suchte bin ich auf diesen blog gestoßen und habe mich gleich in der aussage wieder gefunden, schüler würden meinen ein text könne nur das aussagen, was der autor auszudrücken beabsichtigte, aber in der tat verstehe ich gegenteiliges nicht. wie kann ein text denn etwas sagen was er nicht sagen soll? bezieht sich das auf missverstandene ironie oder eher auf „lehren“ die der autor einfach ganz unbeabsichtigt nebenher hat miteinfließen lassen?
    ich würde mich auch sehr darüber freuen, wenn mir jemand sagen könnte wie man richtig beim interpretieren vorgeht,
    heute in der schule sollten wir kafkas „kleine fabel“ interpretieren und mir ist nicht wirklich etwas dazu eingefallen, das die weite der welt die maus ebenso bedrückte wie die enge, natürlich das ist mir auch aufgefallen, dass sie dabei nicht richtig fähig ist glücklich zu sein und es zum schluss eigentlich unmöglich ist für sie einfach „die richtig zu ändern“, weil es einfach zu spät für sie ist, dass da die katze hinter ihr steht, die falle vor und die mauern neben ihr, keinen ausweg mehr für sie gibt und auch als meine mitschüler die mauern in den gesetze oder gar den tod verwandelten habe ich mir gedacht, dass das natürlich sinn mache.. und dennoch selbst darauf gekommen wäre.. bzw. bin ich ja nicht
    danke im vorraus.
    Jacqueline, 17

  11. Wichtiger als die Deutschnote ist auf jeden Fall mal der Spaß am Lesen.
    Das mit dem Gefühl, es gehe etwas verloren, wenn man etwas nicht entdeckt, dass andere wohl doch sehen – das ist ein guter Satz. Das verstehe ich.
    (Mir geht das auch immer noch so, dass ich etwas nicht entdecke, was alle anderen loben und preisen. Dann sage ich mir, dass ich halt entweder noch nicht reif genug bin für das Buch – wer weiß, in zwanzig Jahren interessiert mich Effi Briest vielleicht – oder dass die anderen einfach unrecht haben. Und störe mich nicht daran. Ich muss aber auch keine Deutschklausuren schreiben. Meine Lieblingsautoren wiederum lassen so ziemlich jeden anderen kalt.)

    Dass Brecht (gerade Brecht, er ist mehr Schulmeister als andere Autoren) eine Aussageabsicht hat, ist klar. Die ist ihm allerdings nicht immer gelungen. Die ganze Theorie vom epischen Theater hat nichts mit der tatsächlichen Wirkung zutun, behaupte ich. Trotzdem ist es sinnvoll, die Theorie zu kennen und zu sagen, was Brecht wollte. Auch wenn es nicht geklappt hat.

    Es kann also zumindest sein, dass ein Autor eine Absicht hat, und die mit dem Text nicht erreicht. Es kann aber auch sein, dass ein Autor keine Absicht hat, und der Text dennoch eine Wirkung hat. Ich habe das oben also keinesfalls ironisch gemeint.
    Von Sten Nadolny (ein junger deutscher Autor, als ich selber jung war) gibt es eine veröffentlichte Vortragsreihe, „Das Erzählen und die guten Absichten“, in der er argumentiert, dass Leute, die zuerst eine Absicht haben und dann ein Buch daraus machen, meist schlechte Literatur produzieren.

    Wenn jemand die Absicht hat, einen guten Witz zu erzählen, kommt deswegen noch lange nicht immer ein guter Witz heraus. Und manchmal machen Leute unabsichtlich gute Witze. Oder so ähnlich halt, ich habe über die Analogie noch nicht viel nachgedacht.

    Andererseits arbeiten Autoren schon sehr bewusst an ihren Texten, es ist nicht so, dass sie die Inspiration überfällt und danach irgendwas auf dem Papier steht.

    Kluge Sachen über Kafka sagen braucht man nur für die Schule. Natürlich soll man analysieren können (denn: nützliche Fähigkeit), aber man muss nicht alles analysieren können. Fürs Leben reicht es, gerne Kafka zu lesen, und das ab und an zu tun.

    Vielleicht hilft es, sich die Frage zu stellen: Warum ist dieser Text für mich interessant? (Oder „für mich, wenn ich ein besserer Mensch mit mehr Geduld wäre oder text nicht ausgerechnet Effi Briest wäre“.) Wenn es nur um die Probleme einer Maus ginge, würde mich der Text nicht interessieren (ein gesundes Desinteresse an Mäusen vorausgesetzt). Wenn es in Nathan nur um die Probleme eines netten jüdischen Kaufmanns mit komplizierten Familienverhältnissen ginge, könnte mir das Stück wurscht sein. Und wenn die Odyssee nur eine Geschichte um die Probleme eines Bronzezeitmenschen wäre, dürfte das Buch nur andere Bronzezeitmenschen oder Archäologen und Historiker interessieren.

    Hm, richtig hilfreich ist das vermutlich auch nicht.

  12. ihr ollen deutsch streber ……habt ihr nichts besseres zu tun als kommentare zu
    dummen erzählungen zu schreiben??

    viel spaß noch

  13. Ohje, ich schreibe morgen eine deutschklausur und wir sollen einen text interpretieren der im zusammenhang mit der aufklärung steht.
    ich hab echt total bange, denn mir geht es oft genauso wie Jacqueline, dass ich die aussagen im text einfach nicht erkenne.
    dann auch noch einen text im zusammenhang mit der aufklärung,das ja schon ziehmlich umfangreich ist.
    kann mir einer helfen und sagen wie man eine gute interpretation verfasst?
    ich hab jetzt mal bissi im internet rumgeschaut, jedoch ist mir das alles viiiel zu kompliziert, ich brauche jemanden, der mir das schlicht und einfach erklärt, wie eine interpretation aufgebaut ist.
    schonmal danke im voraus

  14. Da ich meiner Deutsch-LK-Lehrerin vor einigen Monaten euphorisch von den ach so tollen Blogs erzählte, die sich so im Internet tummeln, machte sie sich auf die Suche nach spannenden Seiten. Sie stieß auf Ihre und war von diesem Beitrag so angetan, dass sie ihn sofort zum Klausurthema machte und ich heute morgen in den Genuss kam, Ihren Eintrag zu analysieren und zu interpretieren.
    Mein Kurs hasst mich dafür, dass ich unsere Lehrerin in die Blogger-Welt eingewiesen habe… :)

  15. Hihi.
    Huhu.
    Das finde ich lustig. Also nicht das mit den Mitkurslern, tief empfundenes Beileid und so :-) – aber der Rest ist sehr lustig. Bittebitte eine Arbeit abtippen und hier einstellen (oder mich einstellen lassen). Ich tippe notfalls auch selber eine Kopie ab.
    Das wäre spannend!

  16. das ist ja großartig! Herr Rau wird Literat! ;-) Die Klassenarbeit möchte ich auch sehen!

    Forsch

    PS: Vielen Dank für die Unterstützung mit dem Wiki. Die Staatsarbeitist allerdings mit 5 benotet worden: „fehlende pädagogische und didaktische Durchdringung“ …

  17. Spätestens am 14.12. …. Da darf ich dann meine gesammelte didaktische und pädagogische Kompetenz in zwei Examensstunden darbieten.
    Aber, wie heißt es so schön: Wichtig ist auf’m Platz! Also: zwei nette Stunden und die Sache ist geritzt ;-)

  18. So, es ist soweit. Heute war Klausurrückgabe…Der Durchschnitt war schlechter als sonst. 8,9 Punkte hat unsere Lehrerin im Schnitt verteilt. Meine Klausur wurde mit (für meine Verhältnisse eher unbefriedigenden) 11 Punkten bewertet.
    Hier ein kleiner Teil meiner „Analyse und Interpretation“:

    (…) Rau verwendet in seinem Text einige stilistische Mittel, um ihn dem Leser näher zu bringen und ihn verständlich zu machen. Wie schon erwähnt, benutzt er mehr oder weniger den kollektiven Singular für Schüler, die seiner Meinung nach im Allgemeinen nicht interpretieren können. Weiterhin schreibt er zu Beginn sein erstes Beispiel aus Faust in ironischer Weise und lässt mit „…,dann hat ein gesamter Deutsch-Leistungskurs keine Ahnung,…“ eine Hyperbel einfließen, um die Unwissenheit d4er Schüler zu dramatisieren. Im Bezug auf die Sichtweise der Schüler verwendet er eine apodiktische Aussage, die da lautet:“Es gibt einen Autor, der weiß, was er tut, und mit seinem Gedicht etwas sagen will.“ Auch im weiteren Verlauf dieses Textes gibt es noch einige dieser apodiktischen Aussagen, wie zum Beispiel „Man kann nicht lesen, ohne zu interpretieren“ oder (…covern heißt vortragen heißt interpretieren.“. Betrachtet man den Text aus der transaktionsanalytischen Sichtweise und gebraucht hierzu die „vier Seiten der Nachricht“ und geht man davon aus, dass der Leser ein Lehrer ist, so wird Folgendes deutlich: Auf der Sachebene will Rau den Leser informieren. Er will sagen, dass Schüler nciht interpretieren können und gibt eine Definition zu diesem Thema. Auf der Beziehungsebene will er sagen, dass es dem Leser doch sicherlich nicht anders geht. Er und der Leser haben gemeinsame Erfahrungen, die der Blogger nun niederschreibt. Der Appell wäre somit, dass Rau seine Kollegen auffordert:“Bringt es den Schülern bei! Das ist Interpretieren!“ Die Seite der Selbstoffenbarung zeigt einen etwas entnervten Autor, der darstellt welche Probleme er mit seinen Schülern hat. Mehr noch: Er erklärt sogar die Fehler der Schüler und gibt den richtigen Weg vor.(…)

    Falls Bedarf am Rest der Klausur besteht, bitte melden! :)

  19. Hihihi. Huhuhu. Prust. Entschuldigung, ich habe natürlich nicht über den Text der Klausur gelacht, sondern nochmal über die Idee überhaupt. (Ich habe für die letzte Englisch-Klausur zwar auch fast einen Blogeintrag genommen, aber dann doch etwas anders gemacht. Beim nächsten Mal.)
    Vielen, vielen Dank fürs Abtippen! Tut mir leid mit dem schlechten Durchschnitt. Schön kommunikationsorientiert, diese Aufgabe, viel mehr als meine Klausurentexte. Besonders die vier Seiten haben mir manches gezeigt, was wohl stimmt, ich aber nicht so gedacht hätte. Auf jeden Fall gruselt mich etwas beim Analysiertwerden, soviel will ich gar nicht über mich wissen. (Ähnlich ist es, wenn ich bei meinen Schülern etwas über mich lese. Faszinierend, aber gruslig.)

  20. zum thema interpretieren…. hmmm
    ich glaube es ist wie sex wenn du es einmal erlebt hast dann kannst du allein durch die betonung jeden verstehen lassen wovon du redest… es geht dann einfach nicht um die worte.
    ein geschickter schriftsteller kann dann wahrscheinlich alles beliebige ausdrücken und einen leser der das was er sagen will hinter den worten verstecken… es ist wie sich ansehen und zuzwinkern aber durch den text….
    hinundwieder sagt der dichter nur etwas aus über sich ohne sich darüber im klaren zu sein… um wieder zum thema sex zu kommen, so wie halt mädchen sofort wissen wann ein junge einfach notgeil ist und das ganze gequatsche rundherum nur eine pflichtübung ist damit er endlich das bekommt was er eigentlich will. ist dem armen jungen jungen (sorry schreibe immer klein) wahrscheinlich auch nicht so klar oder von ihm nicht wirklich beabsichtigt… hihi.
    also ich finde zum thema interpretation sollte einfach klar vorangestellt sein ob man zur ausage des dichters etwas interpretiert… oder zum dichter als person …. oder zu seiner damaligen situation, lebenseinstellung oder aber schlicht und einfach die biography sich durchliest und versucht die jahreszahlen der veröffentlichungen mit den jahreszahlen der eckdaten seines lebens zusammensetzt… sicher die form der interpretation welche am besten sich dokumentieren und faktisch hinterlegen lässt.
    die form der interpretation welche ein leser mit seinem lieblingsautor hat… kann eine intime sache werden weil man das gefühl hat der versteht, oder sagt etwas aus – was nur wenige aber halt auch ich (der leser) nachvollziehen. schlimm ist es aber dann wenn man der autor sich total anders oder sogar sehr distanziert dazu äußert. viele fans haben das mit ihren stars. das kann bitter sein kommt aber häufig vor. viele meisterwerke sind halt auch deswegen schulstoff weil sich der dichter, autor einfach nicht mehr wehrt oder gegenteilig und oder distanziert äußert – festgenagelt. um zum eingangsthema zurückzukommen… da war was – eine liebe, ein kribbeln ein was auch immer aber man wird älter und überhaupt nachher ist man weitergegangen und kann auch nicht mehr richtig nachvollziehen was da eigentlich war; einmal geschrieben können sich dann 1000de menschen darauf stürzen….
    und wenns einmal kurz klick gemacht hat und man weiss was da gerade gesagt wurde; dann viel spass das logisch in der wortwahl zu begründen oder andere davon zu überzeugen.

    vielspassbeiminterpretieren von demschmafuu :-)

  21. ups cool hatte in meinem schwall von vorhin völlig vergessen zu erwähnen, wie ich finde, das dieser ganze blog wirklich, Wirklich gut rüberkommt…. man hat das gefühl in einer klasse zu sitzen wo sich ohne räumliche und zeitliche hindernisse alles zum thema bündelt inklusive der unmutsäußerungen einiger … (- find ich ja wieder lustig wie man sich in einem blog die zeit nehmen kann andere zu kritisieren … vorschlag: neuen blog gründen zum thema >interpretation ist blöd

  22. gehört aber zum gesamteindruck dazu: … was wäre eine klasse ohne letzte reihe die flieger nach vorne wirft :-)

  23. Ich bin auch „über“ Cash auf diese Seite gelangt (suchte eine Interpretation des Liedes Ring of fire)!

    Der Text gefiel mir übrigens sehr gut, da ich mir diese Frage auch hin und wieder stelle (Ob teilweise nicht ein wenig zu viel hineininterpretiert wird, in der Schule ;) )

    bye!!

  24. Herzlichen Dank für den Hinweis auf http://itre.cis.upenn.edu/~myl/languagelog und natürlich den Text zum Interpretieren. Ich denke dabei an Enzensbergers „Bescheidenen Vorschlag zum Schutz der Jugend vor den Erzeugnissen der Poesie“ aus Tintenfisch 11, 1977, später auch in Wagenbachs „Lesebuch. Deutsche Literatur der siebziger Jahre“, 1984, wo er nach dem Hinweis, dass es nicht die gültige Interpretation geben kann und schon gar nicht vom Autor, auch den schönen Kommentar zu den Normenbüchern der KMK abgibt: „Das einzige Geräusch, das ich in den [aus den KMK Nomenbüchern] zitierten Sätzen wahrnehmen kann, ist das Getrampel von Hornochsen“.

  25. Besten Dank auch an Tina! Sowohl die Empfehlung an die Deutschlehrerin als auch ihren Aufsatz finde ich klasse. Die Themenstellung, die zu diesem Aufsatz führte, die erraten zu können, ich glaube, gehört allerdings nicht zu den von mir geliebtesten, obwohl die „vier Seiten einer Nachricht“ ja wirklich sehr wichtig sind. Freilich mehr fürs tägliche Leben als für Deutschaufsätze finde ich. – Wirklich lehrreiche Informationen über Schule sind das.

  26. Danke für den Enzensberger-Tipp. Ich habe mir gleich mal das Buch besorgt. Und für die Erinnerung an Tinas Aufsatz. Ich muss auch mal Blog-Texte von Lehrern oder Schülern als Texte verwenden. Leider gibt’s bei uns die Analyse von nicht-poetischen Texten nicht mehr als Schulaufgabe. Andererseits: Zählen Essays und Blogeinträge wirklich zu nicht-poetischen Texten?

  27. Ich bin durch Zufall auf diese Seite gestoßen und habe die Diskussion mit großem Interesse verfolgt. Ich schreibe weder aus Sicht einer Lehrerin noch einer Schülerin, sondern ich bin Autorin – allerdings nur in bescheidenem Rahmen.

    Vor zwei Wochen ist mein drittes Buch erschienen und ich stehe wieder vor dem selben Problem wie bei den ersten beiden „Werken“.

    Da ich keinen „berühmten“ Namen habe und bei einem Kleinverlag publiziere, setzt unsere Regionalzeitung, die jederzeit gerne etwas über meine Bücher berichtet, allerdings immer nur Volontäre oder ganz junge Redakteure und Redakteurinnen auf mich an.

    Gestern hat mich eine nette, von der Stimme her wohl noch sehr junge Dame, wahrscheinlich wieder Volontärin, angerufen, ob man sich nicht mal treffen und über mein Buch „quatschen“ könne, was ich mir so beim Schreiben gedacht hätte und was ich den Lesern damit sagen wolle.

    Ich kann nur eines sagen: Hilfe, Himmel, das weiß ich ja selber nicht. Wollte ich überhaupt irgend etwas damit sagen?

    „Es stimmt nicht, dass ein Autor immer weiß, was er tut. Ein Autor tut einfach.“ – Das kann ich bestätigen und unterschreiben.

    Es ist mir immer sehr peinlich, Interpretationen eigener Werke abzugeben. Ich spiele gerne mit der Sprache, will aber nicht unbedingt eine „Moral von der Geschicht“ (oder welche Vorstellungen diese Zeitungsleute sonst so haben mögen) „rüberzubringen“.

    Vielleicht liegt es am jugendlichen Alter der bisherigen Rezensienten, die von der Schule her das Interpretieren noch gewohnt sind und die tolle Gelegenheit, nicht mehr interpretieren zu müssen, sondern die Autorin direkt ausfragen zu können, begeistert ausnutzen.

    Ihre Ausführungen – und die interessanten Kommentare – haben mir ein paar Ideen vermittelt, wie ich der jungen Dame nächste Woche begegnen könnte. Vielleicht kann ich sie überzeugen, potentiellen Lesern das Interpretieren selbst zu überlassen und nichts „Vorgekautes“ von der Autorin höchstselbst abzudrucken.

    Ich muss allerdings gestehen: ich kann besser schreiben als reden. Solche Interviews sind oft der reine Stress für Menschen wie ich, die keine Selbstdarsteller und eher Schreiberlinge denn Schauspieler sind.

    Ich freue mich über diesen sehr interessanten Blog-Fund und werde gerne wieder vorbeischauen.

    Vielen Dank!

  28. Gern geschehen, und ebenso vielen Dank für die interessante Perspektive. Ich werde meinen Schülern beim nächsten Mal den Kommentar zeigen.

  29. Pingback: gk-deutsch
  30. Und zwar haben wir vor kurzem eine Arbeit (Religion) geschrieben. Die Aufgabenstellung der einen Frage hieß: (….) Interpretieren Sie diesen Satz. Ich habe MEINE Interpretation auch geschrieben und habe letztendlich 0 Punkte darauf bekommen. Ich habe auch mit meinem Lehrer darüber geredet wie es denn sein kann, auf eine Interpretation eines kurzen Satzes 0 Punkte zu bekommen. Er meinte ich hätte diesen Satz nicht so gedeutet wie es der Autor gemeint hätte. Wobei ich noch sagen muss, dass wir über diesen Satz noch nie gesprochen haben. Ich habe dann gesagt, dass die Fragestellung ja heißt „Interpretieren SIE diesen Satz“ und nicht „Wie interpretiert der Autor diesen Satz“. Ist bei so einer Fragestellung nicht die eigene Interpretation gemeint, also wie der Leser diesen Satz deuten würde? Ich dachte nämlich (siehe Fragestellung), dass er wissen wollte wie ich diesen Satz deuten würde, gleichzeitig ist das ja dann auch meine eigene Meinung und darauf kann er mir doch keine 0 Punkte geben, nur weil er einer anderen Ansicht ist, oder etwa doch?
    Meine Interpretation ist auch für mich logisch und nachvollziehbar, aber ganz anders als die des Autors… Aber jeder Mensch interpretiert eine Sache oder einen Satz anders und da wir vorher nie über diesen Satz gesprochen hatten, konnte ich auch nicht wissen wie der Autor das meinte.

    Ich hoffe, dass ihr mir weiterhelfen könnt und danke euch schonmal im Vorraus.
    Gruß Jacky

  31. Meiner(!) Meinung nach ist es ein Unterschied, ob man jemanden auffordert, etwas zu interpretieren (was eine eigene Deutung zu leisten meint) oder die Intention eines Autors zu erschließen. Das muss (und man würde es mir andernfalls als Referendar geballt um die Ohren kloppen) in der Aufgabenstellung für jeden Schüler glasklar zu erkennen sein.

    Aber das ist nur meine Meinung und ich werde auf jeden Fall so halten. In NRW sind solche Operatoren wie „interpretieren“ übrigens verbindlich festgelegt worden um solche Differenzen zu vermeiden.

  32. Religion ist oft das Gegenteil von literaturtheoretischer Interpretation: Es gibt nur eine richtige Interpretation, und je nach Religion (bei katholisch anders als bei protestantisch) hat auch nicht jeder das Recht der Interpretation.

    Aber darum ging es bei dem Satz wohl nicht. Tut mir leid, viel helfen kann ich nicht: Es ist immer schlecht und schade, wenn Schueler Aufgaben anders verstehen als die Lehrkraft wollte. Die Formulierungen sollten eindeutig sein, so wie Hokey schreibt.

  33. Bei einem Beitrag vorher wurde schoneinmal die Interpretation von „Ring of Fire“ angesprochen. Hätte da eventuell jemand Tipps?

    Liebe Grüße Annka

  34. Timms: Sir. I don’t always understand poetry.

    Hector: You don’t always understand it,? Timms, I never understand it. But learn it now, know it now and you’ll understand it whenever.

    Timms: I don’t see how we can understand it. Most of the stuff poetry’s about hasn’t happened to us yet.

    Hector: But it will, Timms. It will. And then you will have the antidote ready!

  35. Hector: Grief. Happiness. Even when you’re dying. We’re making your deathbeds here, boys. … Poetry is the trailer! Forthcoming attractions.

  36. Guten Tag Herr Rau,

    ich nehme an, dass sie unter anderem Deutschlehrer sind und daher auch Gedicht-Interpretationen im Unterricht behandelt, ist das richtig?

    Sie scheinen aufgeschlossen gegenüber manchmal recht konservativen Themen zu sein. Das Interpretieren von irgendwelchen Texten und Gedichten kommt für die Schüler häufig steif rüber und als müsse man das Schema F des Lehrers erfüllen.

    Haben sie eigentlich schon mal von Mikal Numa Shayegi gehört? Das ist ein junger Lyriker.

    Mit freundlichen Grüßen
    Dirk Niemeier

  37. Mikal Numa Shayegi sagte mir nichts, aber ich habe inzwischen natürlich recherchiert. Und ja, ich bin Deutschlehrer. Das mit den Interpretationen im Unterricht ist oft so. Am liebsten würde ich ja Aufgaben verteilen in der Art von „Hier, sagen Sie mal irgendwas Interessantes zu diesem Gedicht“. Aber das wird zu schwer sein.

    (Für alle nochmal als Tipp zum Anschauen, schöne und organisierte Sammlung von meist Schüler-Interpretationen: http://lyrik.antikoerperchen.de/)

  38. Hallo,

    danke für die Extra-Werbung. ;-)

    Ich fragte natürlich aus einem speziellen Grund nach Herr Shayegi, aber darauf werde ich wohl nochmal per E-Mail zurückkommen. Werde mal schauen, dass ich mich morgen melde.

    Grüße
    Dirk

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