Computerfähigkeiten der deutschen Jugend, wieder einmal

Letzten Donnerstag wurden die Ergebnisse der ICILS-Studie zum Umgang mit digitalen Medien veröffentlicht. Das Kürzel steht für “International Computer and Information Literacy Study”. Getestet wurden Achtklässler, Deutschland liegt international und innerhalb von Europa im Mittelfeld.

Getestet wurde in der Studie vor allem, wie gut die Schüler mit dem Computer umgehen können, wenn es darum geht, im Web (“Internet”) Informationen zu suchen, zu bewertenund zu benutzen. Es geht also nicht um Informatik und nicht um Programmierung. Hier die offizielle Seite der Studie. Aus den dort angebotenen pdfs stattmt auch dieser Überblick über die angesprochenen Kompetenzen:

icils_kompetenzen

Durchführung der Studie: Am Computer. 15 Minuten Einführung in die Laptops und die Testumgebung, dann 2 von 4 verschiedenen Testeinheiten zu je 30 Minuten. Dazu gehörten Aufgaben mit Multiple Choice etc.; Aufgaben zum Umgang mit Software (Laden, Speichern); und sogenannte Autorenaufgaben:

Bei der Bearbeitung von Aufgaben diesen Aufgabentyps sollen die Schülerin nen und Schüler Informationsprodukte (z.B. Präsentationen) unter der Verwendung von computerbasierten Software-Anwendungen erstellen oder Informationsprodukte nach gegebener Aufgabenstellung verändern. Um den Realitätsbezug dieser Aufgaben zu gewährleisten, ist im Rahmen der Aufgaben bearbeitung teilweise die gleichzeitige Nutzung verschiedener Programme notwendig (z.B. E‑Mail-Programme, Internetbrowser, Textverarbeitungsprogramme oder Präsentationssoftware).

Die Beschreibung der Kompetenzstufen:

  • Kompetenzstufe I: Die unterste Kompetenzstufe umfasst rudimentäre rezeptive Fertigkeiten und sehr einfache Anwendungskompetenzen, wie das Anklicken eines Links oder einer E‑Mail. International befinden sich 17.0 Prozent der Schülerinnen und Schüler auf dieser untersten Kompetenzstufe. In Deutschland liegt der Anteil bei 7.4 Prozent.
  • Kompetenzstufe II: Die Kompetenzstufe II beinhaltet den kompetenten Umgang mit basalen Wissensbeständen sowie sehr einfache Fertigkeiten im Umgang mit Informationen, z.B. eine einfache Bearbeitung von Dokumenten (z.B. das Ausschneiden, Kopieren und Einfügen von Textteilen). International befinden sich 22.7 Prozent der Schülerinnen und Schüler auf der Kompetenzstufe II. In Deutschland liegt der Anteil bei 21.8 Prozent.
  • Kompetenzstufe III: Schülerinnen und Schüler, die die Kompetenzstufe III erreichen, können angeleitet, also mit Hilfestellungen, Informationen ermitteln, diese bearbeiten sowie einfache Informationsprodukte (wie z.B. einfache Textdokumente) erstellen. International befinden sich 37.6 Prozent der Schülerinnen und Schüler auf dieser Kompetenzstufe. In Deutschland liegt der Anteil bei 45.3 Prozent.
  • Kompetenzstufe IV: Die Kompetenzstufe IV umfasst das eigenständige Ermitteln und Organisieren von Informationen und das selbstständige Erzeugen von elaborierten Dokumenten und Informationsprodukten. International lassen sich 20.7 Prozent der Schülerinnen und Schüler der vierten Kompetenzstufe zuordnen. In Deutschland liegt der Anteil bei 24.0 Prozent.
  • Kompetenzstufe V: Die oberste Kompetenzstufe beschreibt schließlich sehr elaborierte computer- und informationsbezogene Kompetenzen, zu denen das sichere Bewerten und Organisieren selbstständig ermittelter Informationen sowie das Erzeugen von inhaltlich und formal anspruchsvollen Informationsprodukten gehört. International erreichen 2.0 Prozent der Schülerinnen und Schüler diese höchste
    Kompetenzstufe. In Deutschland liegt der Anteil bei 1.5 Prozent.

Klingt gar nicht so dramatisch, ehrlich gesagt. Mittelfeld halt. In der kurzen Presse-Pdf (die große Fassung mit 328 Seiten war mir zu lang) wird exemplarische eine Aufgabe vom Schiwerigkeitsgrad III gezeigt: Im Prinzip muss man einer Mail, die man gekriegt hat, eine Web-Adresse entnehmen, die nicht als anklickbare URL vorliegt, und in den Browser kopieren oder eintippen und dann zu der Seite gehen. Kriegen 50% der Achtklässler hin.

Ergebnisse, Ausschnitt:

  • Mädchen schneiden weltweit besser ab als Jungen.
  • Von allein lernen digital natives auch nicht den Umgang mit dem Computer, weshalb man den Begriff jetzt endlich mal beerdigen sollte.
  • In Deutschland gibt es ein viel zu kleines Feld von Jugendlichen, das Kompetenzstufe V erreicht (1,5%), und zu viele (7,4% bzw. 21,8%), die nur auf I oder II kommen.
  • Benachteiligt sind: Jugendliche aus unteren und mittleren sozialen Lagen; Schüler, die nicht aufs Gymnasium gehen (sondern auf andere Schularten, Gesamtschulen eingeschlossen)
  • Schulen sind nicht gut mit moderner Technik ausgestattet; Lehrer nicht gut genug geschult – und außerdem sehr skeptisch. Computer werden wenig in der Schule eingesetzt, abgesehen vom Fach Informatik.

Und, braucht man das mit dem Computer überhaupt? In einem Zeit-Interview mit einer der Verantwortlichen für die Studie fragt die Zeit dann auch:

ZEIT ONLINE: Ist denn überhaupt bewiesen, dass Schüler mit dem Computer tatsächlich mehr lernen als ohne?
Eickelmann: Da ist die Forschung der vergangenen 20 Jahre recht widersprüchlich. Mal zeigen Studien Lernvorteile durch digitale Medien, mal nicht.

Allerdings geht es nicht nur um Lernvorteile (für andere Fächer), sondern darum, dass man mit dem Computer umgehen können muss. Von den 30% der Schüler auf Stufe I und II sagen die Verantwortlichen für die Studie:

Diese Schülergruppe wird es voraussichtlich schwer haben, erfolgreich am privaten, berufl ichen sowie gesellschaftlichen Leben des 21. Jahrhunderts teilzuhaben.


Etwas Wichtiges fehlt bei dieser Studie, nämlich die Unterscheidung hinsichtlich Bundesländern und Lehrplänen beziehungsweise Fächern. Man sollte doch meinen, dass das Fach Informatik oder Informationstechnologie in der Schule einen Unterschied macht. Oder ist es am Ende gar kontraproduktiv, wie die Nutzung in anderen Fächern anzudeuten scheint?

In Bayern gibt es am Gymnasium für jeden Schüler Informatik in der 6. und 7. Jahrgangsstufe; an der Realschule gibt es Pflichtmodule in Informationstechnologie. Dazu gehören jeweils Textverarbeitung und Präsentationssoftware, Aufbau des Web, Suchen darin, und Erstellen vernetzter Dokumente.
An der Realschule gibt es ja nach Zweig weitere Wahlmodule; am Gymnasium gibt es – aber nur im naturwissenschaftlich-technologischen Zweig – Informatik verpflichtend in der 9. und 10. Jahrgangsstufe, optional bis zum Abitur.

Am letzten Elternsprechabend beklagte eine Schülermutter, dass die Schüler des sprachlichen Zweigs benachteiligt seien – von denen forderte man auch den Umgang mit Moodle, und die hätten doch keine Informatik nach der 7. Klasse mehr gehabt. Ob es da nicht doch eine Möglichkeit gebe.

Stellt sich heraus: Es gibt. In der Kursphase der Oberstufe, also den letzten beiden Jahren vor dem Abitur, können Schulen einen Kurs “Angewandte Informatik” anbieten, zumindest in der 11. Jahrgangsstufe, mit Lehrplan und Klausuren. Der Lehrplan entspricht so ziemlich dem der 9. Jahrgangsstufe am naturwissenschaftlich-technologischen Zweig, deshalb dürfen dessen Schüler den Kurs auch nicht belegen.
Außerdem können Schulen einen Kurs “Informationstechnologie” anbieten. Darüber habe ich bisher gar nichts gefunden, habe aber schon mal nachgefragt. Irgendwann, wenn es genug Informatiklehrer gibt, kann man sich ja vielleicht auch daran machen.

Nachtrag: “Informationstechnologie” ist ein Kurs ohne Lehrplan; vor Kursbeginn wird der Schulleitung eine Lehrplanskizze vorlegt mit Informationen über die Ziele, den Lehrstoff, seine Verteilung über die Ausbildungsabschnitte, die vorgesehenen Hilfsmittel und die Leistungskontrollen. Das kann die Schulleitung dann genehmigen. – Ich fürchte nur, dass an den meisten Schulen gerade mal ein regulärer Informatikkurs stattfinden kann; aus der meist kleinen Anzahl von Schülern aus dem sprachlichem Zweig werden sich wohl nicht genug Interessierte finden.

7 Antworten auf „Computerfähigkeiten der deutschen Jugend, wieder einmal“

  1. Studien dieser Art sind nicht für Bundesländervergleiche gedacht. Die Stichproben der Länder (d.h. die gezogenen Schulen, in SH zB 9 Schulen, meine ich) werden repräsentativ hinsichtlich ausgewählter Merkmale gezogen. Daher gibt es hier nur den “internationalen” Vergleich, wobei in ICILS ja nicht sehr viele Länder teilgenommen haben.
    Es ist eine Kostenfrage, ob man auch Ländervergleiche haben wollte (und das Design der Studie und der zu testenden Schulen entsprechend vergrößern würde).

  2. Mich würde die Korrelation von computer- und informationsbezogenen Kompetenzen einerseits sowie Lese- und Kommunikationskompetenz andererseits interessieren. Ich nehme an, dass es einen sehr engen Zusammenhang gibt, womit sich für mich die Frage stellt, ob in der Untersuchung etwas großartig Anderes gemessen wurde, als eh schon bekannt ist? (Dies soll nicht in Abrede stellen, dass ein Ausbau des Informatikunterrichts die Entwicklung der o. g. Kompetenzbereiche begünstigt.)

  3. “Angewandte Informatik” in der 11. und 12. biete ich schon seit Jahren an. Es ist aber noch nie zustande gekommen. Ein Grund dafür, genauso wie für die schwache Belegung des normalen Informatikunterrichts ist die Tatsache, dass Informatik nicht als Naturwissenschaft in der Schule behandelt wird. Informatik ist damit aus Sicht der Schüler immer eine zusätzliche Belastung, die nur wenige auf sich nehmen wollen.

    Eine entsprechende Aufwertung und angepasste Lehrpläne wären wirklich dringend notwendig!

  4. Hm ja, Timo, ich verstehe schon, dass eine Studie nicht alles leisten kann. 142 Schulen haben bundesweit (zu einem kleinen Teil nur teilweise) teilgenommen; über die Verteilung auf die Länder steht nichts in der Veröffentlichung – bei 16 Ländern wären 9 für SH so ziemlich genau im Schnitt, obwohl ich nicht weiß, ob nicht doch proportional nach Ländergröße gewählt wurde.

    In der Studie ging es auch um IT-Ausstattung, Julius, deren Vorhandensein implizit als positiv interpretiert wird. Aber die Kompetenzen selber sind interessanter. Und ja, diese Korrelation wäre lohnenswert. So oder so wird jetzt kein Bundesland reagieren, und das hat ja auch mal Schönes, so zur Abwechslung.

    Ingo, habe mir gerade den Lehrplan durchgelesen. Da ist ja doch mehr drin als in 9, nämlich eine funktionale Programmiersprache. Toll! Bei uns wird vermutlich kein Informatiklehrer übrig sein, um das anzubieten – und dann glaube ich nicht, dass das zieht, aus den Gründen, die du nennst.

  5. Wenn ich hinter dieser Studie nicht automatisch die politisch-ministerialen Wirtschaftsstandortkasperl von der PISATIMSS-Entrüstungsgemeinde sehen würde, dann würde ich sowas vielleicht mal ernst nehmen. Dazu muss man sich dann noch auf der Didacta mal den massiv gehypten digitalen Overkill geben, der mit sündteuren Displays auch nur das zustandebringt, was Lehrer Lämpel bisher mit Tafel und Kreide vermittelt hat. Mir scheint eher, dass da eine Industrie jammert, die bisher nicht wie gewünscht bei der Verteilung von Steuergeldern zum Zug gekommen ist. Anerkanntermaßen wird in Deutschland ja gern in Sachwerte statt in Personal investiert, da passt diese “Nürnberger Trichter”-Studie hervorragend ins Weltbild der Bundesbildungsmichel. End of Rant.

  6. “Benachteiligt sind: Jugendliche aus unteren und mittleren sozialen Lagen; Schüler, die nicht aufs Gymnasium gehen (sondern auf andere Schularten, Gesamtschulen eingeschlossen)”

    Zumindest für Bayern kann man das so eher nicht stehen lassen: Ich würde einige Wetten abschließen, dass die Realschüler in diesem anwendungsbezogenen Test nicht viel schlechter abschneiden als die Gymnasiasten (wenn überhaupt), da das genau die Kompetenzen sind, die im Fach “Informationstechnologie” rauf und runter gebetet werden…

  7. Kann ich mir vorstellen. Wie gesagt, ich wüsste überhaupt gerne mehr zu Bayern – und differenziert wurde ja nur nach Gymnasium und Nicht-Gymnasium, ohne innerhalb dieser Gruppe zu unterscheiden.

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