Lichtenberg (und Chandler)

Kann es wirklich sein, dass ich hier noch nie Lichtenberg-Zitate gesammelt habe? Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799), Naturwissenschaftler und Aphoristiker der Aufklärung. Bekannt ist er für seine Sudelbücher: Notizhefte voller Aphorismen und Ideen, Kritzeleien, Zitate, Listen von interessanten Wörtern.

Hier ein paar zur Auswahl (die Angaben in Klammern beziehen sich auf die Sudelhefte, damit ich die Quelle wiederfinde):

  • Die Braut war pockengrübig, und der Bräutigam finnig. Spötter sagten, wenn das Pärchen nur erst zusammengeschmiedet wäre, so gäben ihre Gesichter ein treffliches Waffeleisen. (H87)
  • Einer will sich ersäufen, allein sein großer Hund, der ihm nachgelaufen, apportiert ihn allemal wieder. (H106)
  • Er konnte das Wort „succulent“ so aussprechen, daß, wenn man es hörte, man glaubte, man bisse in einen reifen Pfirsich. (H192)
  • Zu den jährlichen Sterbelisten sollten noch folgende Rubriken hinzukommen: In den Himmel sind gekommen 33; zum Teufel sind gefahren 777; zweifelhaft 883. Mit solchen Zetteln könnten die Theologen sich Geld verdienen. (H115)
  • Man solle Katarr schreiben, wenn er bloß im Halse, und Katarrh, wenn er auf der Brust sitzt. (G164)
  • Oden, wenn man sie liest, so gehen einem mit Respekt zu sagen Nasenlöcher und Zehen auseinander.
  • Der Esel kommt mir vor wie ein Pferd ins Holländische übersetzt. (H166)
  • Der liebe Gott muß uns doch recht lieb haben, daß er immer in so schlechtem Wetter zu uns kommt. (B359)
  • Die Professoren auf Universitäten sollten Schilde aushängen wie die Wirte. (D248)
  • Ein Kerl, der einmal seine 100 000 Taler gestohlen hat, kann hernach ehrlich durch die Welt kommen. (H114)
  • Noch eine neue Religion einzuführen die die Würksamkeit der christlichen haben sollte ist wohl unmöglich, deswegen bleibe man dabei und suche lieber darauf zu tragen, und gewiß sind auch die Ausdrücke Christi so beschaffen, daß man so lange die Welt steht das Beste wird hinein tragen können.
  • Wir Protestanten glauben nunmehr in sehr aufgeklärten Zeiten in Absicht auf unsere Religion zu leben. Wie wenn nun ein neuer Luther aufstünde? Vielleicht heißen unsere Zeiten noch einmal die finstern. Man wird eher den Wind drehen oder aufhalten können, als die Gesinnungen des Menschen heften.
  • Daß ich etwas, ehe ich es glaube, erst durch meine Vernunft laufen lasse ist mir nicht ein Haar wunderbarer, als daß ich erst etwas im Vorhof meiner Kehle kaue, ehe ich es hinunter schlucke. Es ist sonderbar so etwas zu sagen und für unsere Zeiten zu hell, aber ich fürchte es ist für 200 Jahr, von hier ab gerechnet, zu dunkel.

Im Deutsch-Unterricht verwende ich auch gerne einige Aufsätze von Lichtenberg. Hier jeweils als Open-Office-Textdatei:

  • „Über Gewitterfurcht und Blitzableitung“: Lichtenberg vergleicht darin die irrationale Furcht vor Gewittern und die Weigerung, die neu erfundenen Blitzableiter zu verwenden, mit der viel weniger Panik veurursachenden, aber tatsächlich weit größeren Gefahr der ansteckenden Krankheiten wie Pocken oder Ruhr, und der Weigerung, „Ruhrableiter“ zu benutzen (d.h. die einfachsten Schutzmaßnahmen zu befolgen). Grund für dieses Verhalten: Ignoranz. Und Erziehung:

    Zum Teil liegt freilich der Grund von jener übermäßigen Furcht da, wo noch so mancher andere von unserm Elend liegt, in der Erziehung. Horch! der liebe Gott zürnt, sagt man Kindern, wenn es donnert, aber nicht Siehe! Er zürnt, wenn man ihre kleinen Mitbrüder bei einer Pocken‑Epidemie zu halben Dutzenden an einem Tage zu Grabe trägt.

  • „Etwas über die Polter‑Geister“: Die Ausgangsfrage lautet: „Wenn es in einem Zimmer, worin ich nicht bin, poltert, oder auch in demselben Zimmer worin ich mich befinde, nur hinter mir, so daß ich es nicht sehe, wie müssen die Würkungen beschaf­fen sein um daraus zu schließen, das habe ein Geist getan?“ Lichtenberg plädiert dabei letztlich für eine Form von Ockhams Rasiermesser: Was ist wahrscheinlicher, dass man belogen oder betrogen wird oder sich täuscht, oder dass ein wirkliches Gespenst für das Poltern verantwortlich ist?
  • „Fragment von Schwänzen. Ein Beitrag zu den Physiognomischen Fragmenten“ (online auch bei Gutenberg): Eine Parodie auf Lavaters Physiognomische Fragmente. Die antike Pseudowissenschaft der Physiognomik war im späten 18. Jahrhundert durch Lavater sehr beliebt (wie zwischendurch und auch heute immer wieder mal). Anhand physiognomischer Merkmale – Nasenform, Augenabstand und so weiter – wollte man auf den Charakter des Menschen schließen. In Lichtenbergs Parodie analysiert er Tier- und Perückenschwänze im Tonfall Lavaters:

    Acht Silhouetten von Purschenschwänzen zur Übung:

    1 Ist fast Schwanz-Ideal. Germanischer, eiserner Elater im Schaft; Adel in der Fahne; offensivliebende Zärtlichkeit in der Rose; aus der Richtung fletscht Philistertod und unbezahltes Konto. Durchaus mehr Kraft als Besonnenheit.

    (Schon damals hatte das Wort „Schwanz“ mehrere Bedeutungen.)

Bei aller Aufgeklärtheit und Vernunft: Auf der Wikipedia-Seite findet sich zur Zeit kein Hinweis auf den Antisemitismus Lichtenbergs, lediglich auf der Diskussionsseite wird das ganz kurz angesprochen. Das hört man auch auch nicht gern. Ich kann mich erinnern, etliche wenig judenfreundliche Einträge in den Sudelbüchern gelesen zu haben, aber mir fehlt der Überblick, inwiefern Lichtenberg Juden mehr verspottet als er das bei Franzosen oder Christen auch macht (und damit einhergehend, ob es ihm dabei um Nationalität, Abstammung oder Religion ging). (Wer nachschauen will, könnte anfangen bei Frank Schäfer, Lichtenberg und das Judentum.)

— Ein ganz anderer großer Aphorismenschreiber ist Raymond Chandler. Vor kurzem wäre er 120 Jahre alt geworden, The Rap Sheet zitiert zu diesem Anlass einiger seiner Metaphern und Vergleiche. Auf dieser Chandler-Webseite gibt es weitere Zitate.

Meine Favoriten:

  • She smelled the way the Taj Mahal looks by moonlight.
  • It was a blonde. A blonde to make a bishop kick a hole in a stained glass window.
  • The General spoke again, slowly, using his strength as carefully as an out-of-work show-girl uses her last good pair of stockings.

Zu Chandler will ich seit Jahren etwas schreiben. Ich freue mich schon aufs Wiederlesen. Allerdings habe ich es nicht so eilig damit, ich habe damals alle Bücher mehrfach gelesen und noch sehr gut die Chandler-Stimmung im Kopf.

Zugegeben, manche von Chandlers Vergleichen sind übertrieben, aber viele sind reine Poesie. Chandler ist leicht zu parodieren, und ich weiß bis heute nicht, ob die obertrockenen Sprüche in der Radioserie Pat Novak ernst gemeint sind oder nicht:

  • She was kind of pretty, except you could see someone had used her badly, like a dictionary in a stupid family.
  • You start with trouble and it never stops. It’s like offering to buy aspirin for a two-headed boy.
  • Things were getting tight. I guess you could say that for a lot of wedding rings.

Weil’s so schön ist, der Anfang von Chandlers „Red Wind“:

There was a desert wind blowing that night. It was one of those hot dry Santa Anas that come down through the mountain passes and curl your hair and make your nerves jump and your skin itch. On nights like that every booze party ends in a fight. Meek little wives feel the edge of the carving knife and study their husband’s necks. Anything can happen. You can even get a full glass of beer at a cocktail lounge.

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One thought to “Lichtenberg (und Chandler)”

  1. “Es ist sonderbar so etwas zu sagen und für unsere Zeiten zu hell, aber ich fürchte es ist für 200 Jahr, von hier ab gerechnet, zu dunkel.”

    200 Jahre später, aber von zu dunkel nicht die Rede.

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