Lektüre in Physik, Mathematik, Biologie

Was sagt das eigentlich über den Stellenwert von Büchern aus, wenn nur im Sprachenunterrricht Lektüren gelesen werden – in Deutsch, Englisch und wohl auch noch Französisch?

Ein Schüler muss doch den Eindruck bekommen, dass es in Informatik, Mathematik, Physik, Biologie und Chemie nichts gibt, das man aus oder anhand von Büchern lernen kann. Ich glaube nämlich nicht, dass Schulbücher als reguläre Bücher gesehen werden.
Gibt es denn Bücher, die sich als Lektüre begleitend zum (natur)wissenschaftlichen Unterricht eignen? Ich vermute schon. Lässt der Lehrplan die Lektüre zu? Sicher. Lässt die Stofffülle das zu? Kann ich nicht beurteilen, klingt aber häufig so man braucht ja auch Zeit zum experimentieren.
Vielleicht stimmt meine Prämisse nicht und es lässt sich aus Büchern in diesen Fächern in diesem Alter nichts lernen.

Fußnote: Es wird kolportiert, dass gelegentlich im Geschichts- oder Ethikunterricht doch Lektüren gelesen werden. Soll sein, soll sein. Ich kenne allerdings das Phänomen, das Deutsch-Geschichtslehrer als Deutschlektüre bevorzugt zu historischen Themen greifen. Finde ich auch völlig in Ordnung, solange an dem Buch trotzdem Inhalte des Deutschunterrichts herausgearbeitet werden (Perspektive, Aufbau, Bildersprache, Motive, Personenkonstellation) und nicht des Geschichtsunterrichts.

18 Thoughts to “Lektüre in Physik, Mathematik, Biologie

  1. Das in naturwissenschaftlichen Fächern nichts gelesen wird, liegt wahrscheinlich daran, dass die allermeisten Bücher Fachbücher sind. Ich habe zum Beispiel „Sherlock Holmes und der Energie-Anarchist“ gelesen oder „Der Mathematik-Verführer“. Auch in Informatik gibt es solche Literatur. Zum Beispiel aus der Macciato-Reihe: „Informatik macchiato“. Aber so richtig gewinnbringend war das alles nicht. Im Grunde wird ja nur der Stoff in eine Geschichte gepackt „Ööööddddeee, wieder nuuuur lernen.“ Ich habe in Physik dann mal Geschichten schreiben oder zeichnen lassen. Das war schon interessanter, da die Kinder sich einfach mal anders mit dem Thema Physik auseinander setzen mussten. Das Thema war (7. Klasse): „Wie wäre es, wenn du eines Morgens aufwachen würdest und es gäbe keine Schwerkraft mehr.“

    Kennst du irgendwelche spannenden/begeleitenden Bücher? Hast du Ideen für den Einsatz von Literatur im natur-wiss. Fachunterricht?

  2. Spontan fallen mir vor allem Biographien von Naturwissenschaftlern ein. Zuletzt gelesen: „Alles Land“ über Alfred Wegener, den theoretischen Entdecker der Plattentektonik. Andere Entdeckerliteratur kommt vielleicht auch in Frage, A.v.Humboldt zum tropischen Regenwald, G.Forster über Reisen im pazifischen Raum, Darwin zur Evolution. Gibt es eine brauchbare Newton-Biographie, verständlich für die Jgst. 8 bis 10?
    Gesucht wird auch etwas über antike Mathematiker, Atomisten usw.

  3. Ein bekanntes Werk, das man evtl in der Oberstufe fächerübergreifend (Englisch, Informatik) studieren könnte, ist Turings bekannter Aufsatz „Computing Machinery and Intelligence“
    Gibt’s hier: http://orium.homelinux.org/paper/turingai.pdf

    Vielleicht ist das aber auch schon zu lang und zu krass? Aber immerhin, nicht nur ist das die Geburtsstunde des Turing-Tests, es ist auch noch ein Zeitdokument der Technikgläubigkeit der 50er Jahre.

  4. Das habe ich nun davon… :-) Vielleicht liegt es tatsächlich an der Auswahl.

    Es gibt die Bücher mit mehr oder weniger aufgesetztem fiktionalen Rahmen. Die mag ich nicht besonders. Das Geheimnis des kürzesten Weges. Ein mathematisches Abenteuer von Gritzmann/Brandenberg ist trotz des Untertitels Informatik, und zu schwer. Werde meine Exemplar unserer Bibliothek stiften. Das Theorem des Papageis von Denis Guedj: 750 Seiten, eher für Erwachsene. Enzensberger, Der Zahlenteufel.

    Dann gibt es Einsteigerbücher zum Selberlernen, Informatik macchiato habe ich auch gelesen, besser noch Abenteuer Informatik. Bei letzterm: Jeder muss ein Kapitel vorstellen? Ich höre schon Klagen, vielleicht zu Recht, dass die Schüler schon wieder Geld für ein Buch ausgeben müssen, es gibt doch Schulbücher.

    Dann gibt es so Kombilektüren, Jules Vernes Eine Reise zum Mond in Kurzfassung mit Formeln und Aufgaben dazu. Ist okay, aber auch nicht so viel anders als ein Schulbuch. Überhaupt geht es ja nicht um Anschaulichkeit, da gehen die, ahem, kompetenzorientierten Aufgaben in Mathe/Naturwissenschaft ja schon weit. Oder solche Aufsätze wie bei dir, schöne Idee. Aber eben nichts, für das man Bücher braucht.

    Selber habe ich viel bei Leonhard Euler, Briefe an eine deutsche Prinzessin gelernt. Neunte, zehnte Klasse. Euler erklärt darin die Gesetze der Physik seiner Zeit, liegt manchmal daneben, und schön daran sind die vielen Fragen, die noch offen sind. Vielleicht brauch man dazu aber Vorwissen.

    Zumindest einen pdf-Reader mit Aufsätzen könnte man mal zusammenstellen.

    Ja, und dann gibt es noch populärwissenschaftliche Sachbücher. Die entsprechen am ehesten einem echten Buch, aus denen man lernt. GEO-Leser sind doch auch immer viel bei den Schülern dabei. Stephen Jay Gold zu Geologie und Evolution? Wie Pawlow auf den Hund kam… Die 15 klassischen Experimente der Psychologie, das Lexikon des Unwissens und für Biologie unbedingt Douglas Adams/Mark Carwadrine, Die letzten ihrer Art.

    Formeln und Arithmetik lernt man aus diesen Büchern wohl wenig. Aber vielleicht Zusammenhänge und Vorgehensweisen.

    Offene Frage: Was macht man mit den Büchern im Unterricht? Weiß ich noch nicht, Ingo. Es reicht ja nicht, das den Schülern in die Hand zu drücken und zu sagen „lest mal“, obwohl das natürlich ein Anfang wäre und sicher auch immer wieder bei einzelnen Schülern geschieht.

  5. Ich sehe immer einen großen Widerstand von Schülerseite, wenn „längere“ Texte gelesen werden müssen – das fängt schon bei zwei DIN-A4 Seiten an. Gerade technische Fächer rühmen sich ihrer knappen und prägnanten Ausdrucksform und wollen vielleicht gar nicht längere Texte produzieren.

    Wir müssen gegen eine 1m:30s-Welt ankämpfen, in der Schnelligkeit über Kontemplation gesiegt hat. Wir wollen konsumieren und das ist beim Lesen anstrengend. Das ist (vermutlich) keine schöne Entwicklung aber ich denke, dass ein klassisches Buch – so mit Papier aus einer Buchhandlung (mein Gott wie retro) – heutige Schüler kaum von ihren Smartphones locken wird – zumindest nicht freiwillig.

  6. @Herr Rau
    Das man die Bücher natürlich nicht so einfach den Schülern gibt ist klar. Referate über einzelne Kapitel wären auch möglich. Ich sehe da neben Zeitproblemen auch Lehrplanprobleme. Die Schüler der elften und zwölften brauchen einfach Zeit zum Programmieren der neuen Strukturen, zum Ausprobieren, zum Fehlermachen. Da fände ich ich relevante, umsetzbare Projekte sinnvoller.

  7. Eine Kollegin hat mit ihrem Mathe-LK mal „Der Hund, der Eier legt“ von Dubben und Beck-Bornholdt gelesen. Kam bei den Schülern wohl ganz gut an, fällt aber auch unter Populärwissenschaft, würde ich sagen.

    Wenn ich überlege, was ich in meinen Fächern Mathematik und Physik im Unterricht einsetzen würde, fallen mir überwiegend populärwissenschaftliche Werke ein, in Mathematik angefangen mit „Flächenland“ von Abbott oder dem „Zahlenteufel“ von Enzensberger, die sich auch für die Mittelstufe eignen.

    In Physik fällt mir für die Oberstufe „QED: Die seltsame Theorie des Lichts und der Materie“ von Feynman ein. Mehr Spaß gemacht haben mir noch die anderen Bücher von Feynman, „Sie belieben wohl zu scherzen“ und „Kümmert Sie, was andere Leute denken“. Daraus könnte man sicherlich zum einen oder anderen Thema ein Kapitel lesen.

    (Caveat: Einige der genannten Bücher habe ich nur im englischen Original gelesen.)

  8. Für die Biologie gibt es ein paar schöne Titel, aber mir fehlt (gerade nun durch das Zentralabitur in NRW) die Zeit. James Watson „Die Doppelhelix“ oder etwas über Darwin ginge z.B. immer. Aber viel interessanter fände ich es z.B. mal, mit den Schülern über die Rolle von Metaphern in der Biologie zu sprechen. Dazu gibt es von Evelyn Fox Keller „Das Leben neu denken“.
    Schade, das mit der Zeit.

  9. Fernando Savater habe ich im Ehtikunterricht mal versucht: „Tu was du willst. Ethik für die Erwachsenen von morgen.“ War aber ungewohnt und kein fiktionales Werk, sondern wohl eher als Sachbuch zu verstehen.
    Für Mathematik habe ich mich aber übrigens erst mit etwa 36 Jahren interessiert, nachdem ich die Biografie von John Nash gelesen habe – die ja auch verfilmt wurde. Zugegebenermaßen hat das Interesse nicht lange angehalten…aber wenn jemand 25 Jahre vorher so gekommen wäre…wer weiß, vielleicht hätte ich in Mathe nicht so oft vor der Tür gestanden :/

  10. Ich fand „Fermats letzter Satz“ ein geradezu atemberaubendes Buch – es hat in mir eine Menge Liebe und Faszination für die Mathematik geweckt.

  11. Das mit der Aufmerksamkeitsspanne, Marco, war tatsächlich mein Ausgangspunkt. Und Ingo, was ich von den gegenwärtigen Lehrplänen höre, ist tatsächlich wenig Zeit für Lektüre, anders als in Deutsch, wo die vorgeschrieben sind. Die Frage ist: würde Lektüre überhaupt Sinn machen, oder sind Naturwissenschaften nichts, wo Leute/Schüler aus Bücher lernen können?

    Das widerstrebt mir etwas, weil Bücher eine meiner Hauptquellen des Lernens sind. Andererseits: auch in Deutsch lernen Schüler nicht unmittelbar aus Büchern; die meisten Bücher sind ja non-fiction und das Lernen ist mittelbar.

    Den Feynman (Sie belieben wohl zu scherzen) empfehle ich auch immer wieder. Wenn man den liest, denkt man: Wissenschaft ist cool. Für all die genannten Bücher, die ich teilweise auch gut gelesen habe, vielen Dank.

    (Ach ja, und ich kann mich auch noch an John Irving im Chemieunterricht erinnern. Gute Lektüre.)

  12. Wie wärs denn mit anderen Sachen wie Science Slam. Hat auch mit Sprache zu tun und kann richtig spannend sein. Ein P-Seminar (in Bayern) könnte so vielleicht über ein Jahr regelmäßig Abende dazu anbieten.

  13. Es ist etwas spät für einen langen Kommentar. Was mir aber ganz spontan (mindestens) dazu einfällt, dass das gemeinsame Lesen eines Buches in anderen Fächern als den üblichen Verdächtigen zwar eine sehr schöne Sache wäre, aber das Zeitmangel meist ein Problem sein wird.

    Ich hab die Kollegen deswegen gebeten mir (für die Schulbibliothek) eine Liste mit Literatur zu geben, die sie ihren Schülern empfehlen, so dass ich die anschaffen kann. Ein wenig beworben werden müsste so eine Liste (im Unterricht und/oder Minirezensionen) sicher, aber der Zeitaufwand hält sich in Grenzen. Möglicherweise kann man aus so einem Pool auch eine kleine Zusatzleistung ableiten, wie z.B. Wandplakate, Rezensionen oder Kurzvorstellungen (die nicht viel Zeit „rauben“). Leider habe ich von niemanden eine solche Liste bekommen, dabei kann ich mir kaum vorstellen, dass nicht jeder für sein Fach Titel kennt, die Begeisterung/Verständnis/Interesse auf einer ganz anderen Ebene wecken können, als das Schulbücher jemals schaffen werden – sicher auch welche, die einem inhaltlich/lernend weiterbringen, aber vielleicht ist das nicht mal ganz so entscheidend. Grundsätzlich finde ich Biografien einen guten Ansatzpunkt, weil gerade hier die Faszination und Hintergründe für Themen häufig greifbar werden können, die einem als Schüler beim reinen Formeln- und Faktenlernen schleierhaft bleiben. Vom Arena-Verlag gibt es dazu eine ganze Reihe – http://www.arena-verlag.de/rubrik/sachbuch/bibliothek-des-wissens (so um frühstens 6. Klasse bis ca. 8. anzusiedeln, wenn es nicht gleich die dicken Klopper sein sollen. Ansonsten gibt es aber auch viele andere spannende/gute Bücher quer durch die Wissenschaften, einige wurden in den Kommentaren ja schon genannt.

    Sicher ist das nur ein (kleiner) Ansatz, der ist aber immerhin prinzipiell relativ leicht zu realisieren.

  14. Wir suchen gerade eben auch nach Sachbüchern vor allem für die Mittelstufe für die Schulbibliothek. Wenn die mal da sind, muss man sie bewerben und einsetzen; dass es sie noch nicht gibt (und das ist tatsächlich eine Lücke), weist darauf hin, dass man Lehrer erst daran gewöhnen müsste.

  15. Aus dem Geschichte-Eck – Lektüre ist sicherlich eine schöne Idee, aber wegen akuten Zeitmangels musste ich sie uns bisher versagen – wenn man bedenkt, dass man in der 8. den Zeitraum von 1789 bis zu 1919 abdecken soll…das ist auch ohne Lektüre ein ziemliches Durchhetzen. In der 9. könnte ich mir das aber gut vorstellen, Thema ist hier III. Reich und Nachkriegszeit.

  16. In Philosophie ist es in der Sek. II bei uns (NRW) sogar vorgeschrieben, dass wir mit den Schülern eine so genannte Ganzschrift, also einen umfangreicheren, nicht oder wenig gekürzten Text lesen, z. B. Kant: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten oder einen Platonischen Dialog.

  17. Ich finde es halt schade, dass Schüler den Eindruck kriegen müssen, dass es zwei Arten von Büchern gibt: Schulbücher, und Lektüren für Fächer, die Sprache explizit zum Thema haben (wozu ich Pholosophie zähle). Dass Bücher auch noch in anderen Fächern sinnvoll sind, darauf lassen die Lehrpläne nicht schließen.

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