Bram Stoker, Dracula

Once again we went through that ghastly operation. I have not the heart to go through with the details.

Ehrlich gesagt, das ging mir als Leser auch so.

Lucy Westenra leidet an einer mysteriösen Blutarmut. Der hinzugezogene Professor van Helsing erkennt: da lässt sich allenfalls noch mit einer Bluttransfusion etwas machen, gefolgt von Knoblauch, Kruzifixen und ständiger Beaufsichtigung im Krankenzimmer. Aber irgendetwas geht immer schief mit diesen Vorsichtsmaßnahmen, so dass sich einige Zeit nach Lucys Verlobtem, Arthur Holmwood, auch noch Dr. Seward für eine Bluttransfusion zur Verfügung stellt, und einige Zeit danach van Helsing selber, und einige Zeit danach Quincey Morris. Vier Transfusionen ziemlich rasch hintereinander, das ermüdet auch den Leser. Klar, jetzt sind die vier quasi Blutsbrüder, aber trotzdem.

Teil 1: Harker in Transsilvanien

Dracula1st

Als Leser wissen wir natürlich, wo die Blutarmut herkommt. Im ersten Viertel von Dracula reist der Anwaltsgehilfe Jonathan Harker nach Transsilvanien, um einem Klienten seiner Kanzlei beim Umzug nach England und dem Erwerb einiger Liegenschaften dort behilflich zu sein. Er findet sich bald als einen Gefangenen im Schloss seines Klienten, Graf Dracula, wieder. Am Ende gelingt ihm doch die Flucht. Erzählt wird das in Form der Tagebucheinträge Harkers (allerdings, wie wir später erfahren werden, in Typoskriptform gebracht durch Mina Harker, Jonathans Ehefrau).

Teil 2: Ein unerkanntes Monster neben uns

Das zweite Viertel des Buches spielt hauptsächlich in Whitby, im Nordosten Englands. Lucy Westenra hat gleich drei Verehrer, Arthur Holmwood, John Seward, Quincey Morris. Sie hat eine beste Freundin, Mina Murray, die vergeblich auf Lebenszeichen ihres Verlobten Jonathan Harker wartet, der sich im Auftrag seiner Kanzlei in Osteuropa befindet.
Lucy nimmt den Heiratsantrag Holmwoods an, bleibt den anderen beiden aber freundschaftlich verbunden. Im Laufe der nächsten Wochen geschehen mehrere Dinge gleichzeitig und scheinbar unabhängig voneinander: Ein Geisterschiff strandet in einer dramatischen und ausgezeichnet geschilderten Szene in Whitby; ein Patient in Dr. Sewards Irrenanstalt, Renfield, verhält sich immer merkwürdiger; Lucy schlafwandelt, hat merkwürdige Träume, und leidet an der erwähnten Blutarmut. Vermittelt werden diese Informationen allein in Form von Tagebüchern, Briefen und Zeitungsartikeln, chronologisch geordnet.
Dass es einen Zusammenhang zwischen den Ereignissen gibt, ist dem Leser klar, weil er a) in unserem Kulturkreis die Geschichte natürlich eh schon kennt und vor allem b) den ersten Teil, Jonathan Harkers Tagebuch, gelesen hat. Spannender wäre es für den Leser vielleicht, hätte er dieses Vorwissen nicht. Allerdings erfahren wir später im Buch, dass all diese Dokumente – Harkers in Kurzschrift verfasstes Tagebuch, die Zeitungsausschnitte und und Briefe, Dr. Sewards Audiotagebuch (auf Wachszylinder gesprochen) – von Mina Harker abgeschrieben und als Dokumentation der Ereignisse chronologisch zusammengestellt worden sind.

Mina holt währenddessen Jonathan aus Budapest ab, der die Ereignisse um Dracula verdrängt hat, und heiratet ihn. Sehr viktorianisch: eine Reihe alter Leute sterben und hinterlassen Erbschaft: Mrs. Westenra (Vermögen geht an Arthur), Arthurs Vater (ab da wird Arthur Holmwood zu Arthur, Lord Godalming), Harkers Arbeitgeber Mr. Hawkins (der ihm Geld und Kanzlei hinterlässt). Nichts davon ist für die Handlung nötig.

Teil 3: Die Natur des Monsters und Aufnahme des Kampfes

Der dritte Teil beginnt damit, dass die Helden erfahren, dass Lucy zum Vampir geworden ist, dass sie den Lucy-Vampir töten, dass sie die eine böse Macht hinter all dem erkennen. Van Helsing und die anderen erfahren von Jonathans Tagebuch und lesen es, in der von Mina abgetippten Fassung; Mina tippt Dr. Sewards Audioaufzeichnungen ab und erfährt, was mit Lucy geschehen ist. Schön: eine ausführliche Beschreibung von van Helsing (Haarfarbe, Vorname), jenseits seiner beeindruckenden Augenbrauen, erhalten wir erst jetzt, als Mina ihn trifft und in ihrem Tagebuch beschreibt. Erwähnenswert: Das Konzept der Untoten oder Vampire wird erst spät – durch den Alleswisser van Helsing – dem Leser und den Charakteren groß erklärt, es darf wohl als einigermaßen bekannt vorausgesetzt werden.

Mina wird für ihre gute Arbeit und ihre männlichen und weiblichen Qualitäten gelobt, und unmittelbar danach wird sie aus der Runde ausgeschlossen. In den Worten ihres Mannes:

I am so glad that she consented to hold back and let us men do the work. Somehow, it was a dread to me that she was in this fearful business at all; but now that her work is done, and that it is due to her energy and brains and foresight that the whole story is put together in such a way that every point tells, she may well feel that her part is finished, and that she can henceforth leave the rest to us.

Teil 4: Nach Mina und Vertreibung Draculas

Die anderen verfolgen die Spuren von Dracula, insbesondere den Aufenthaltsort seiner vielen Reservesärge, die Dracula unbedingt braucht – um zwischendurch zu ruhen? Das wird erklärt, bleibt mir aber unklar. An sich kann er sich auch bei Tageslicht bewegen, ist dann aber weniger mächtig. Jedenfalls machen sie die meisten Särge für Dracula nur unbrauchbar, nur einer entgeht ihnen, und in diesem lässt sich Dracula zurück nach Transilvanien schiffen. Dort wird er, so fürchten die Helden, sich erholen und den nächsten Angriff auf England vorbereiten.
Diese längere Phase ist die uninteressanteste im Buch. Eigentlich verwendet Stoker sie ja auch nur, um die männlichen Helden aus dem Haus zu kriegen. Denn es rächt sich natürlich, dass Mina außen vor bleibt. Während der Suche nach Dracula hat dieser Eintritt in das Haus der Harkers erhalten und ist dabei, Mina zum Vampir zu machen. Nur dem Leser ist vorher aufgefallen, dass Mina als bleich und müde geschildert wird und über unregelmäßigen Schlaf klagt. Als die Helden endlich – mit Renfields Hilfe – kapieren, wo sich Dracula aufhält, und in Minas Schlafzimmer stürzen, sehen sie ein Bild des Grauens. Neben der Ankunft Draculas in Whitby, auf dem Geisterschiff, ist das die zweite äußerst eindrucksvolle Szene des Romans. Dracula hat die letzten Nächte über Minas Blut gesaugt und zwingt sie jetzt, von seinem Blut zu trinken. Dadurch erst wird sie zum Vampir werden, so wie Dracula, sobald sie stirbt.

Teil 5: In Transsilvanien

Auf nach Transsilvanien, dem Sarg mit Dracula hinterher. Auch hier wird wieder in Form von Tagebucheinträgen erzählt, aber spätestens jetzt, und vielleicht schon ab dem zweiten Drittel, ist das nicht mehr produktiv. In der ersten Hälfte des Buchs geht es dem Leser wie mit Hitchocks Bombe: die Helden haben verschiedene Teilinformationen und Sichtweisen auf das Geschehen, aber nur der Leser weiß, dass währenddessen die Bombe unter dem Tisch tickt beziehungsweise Dracula sein Unwesen treibt. Danach sind a) die Fakten allen bekannt und b) die Helden weitgehend ohnehin zusammen. Da wechselt zwar mal die Erzähler-Figur im Tagebuch, aber die Geschichte ist trotzdem linear und kontinuierlich.

Stoker versucht das im letzten Viertel wieder zu ändern, indem er die Helden in Transsilvanien aus eher fadenscheinigen Gründen auf drei verschiedenen Routen zu Draculas Schloss beziehungsweise Draculas Sarg hinterherreisen lässt – Mina mit van Helsing, Jonathan Harker mit Quincey Morris, Dr. Seward mit Lord Goldalming. Richtig Interessantes passiert auf dem Weg zu Draculas Schloss nicht. Mina nimmt, und das ist schon gut gemacht, zugegeben, immer vampirhaftere Züge an und steht kurz vor ihrem Tod als Mensch beziehungsweise ihrer – gefürchteten, verabscheuten – Wiedergeburt als Vampir. Van Helsing tötet die drei weiblichen Vampire in Draculas Schlosss, recht unkompliziert, bei Tageslicht in ihren Särgen.
Währenddessen ist Draculas Sarg, transportiert von einer Gruppe Zigeuner, fast am Ziel angelangt. Aber da warten schon van Helsing und Mina, und minutengenau zeitgleich – eher unglaubwürdig – treffen die beiden anderen Teams ein, so dass zum Finale doch wieder alle vereint um den Wagen mit dem Sarg stehen. In wenigen Sätzen geschildert, haarscharf vor Sonnenuntergang, tötet Harker Dracula im Sarg, gerade im Moment dessen Erwachens. Quincey Morris wird, eher nebenbei, von den Zigeunern erstochen, bevor diese fliehen.

Also das hätte Stoker besser machen können. Die Reise zu Draculas Schloss ist, von Mina abgesehen, uninteressant und das Finale antiklimaktisch. In einem Nachwort, sieben Jahre nach der Handlung, erfahren wir, dass Mina und Jonathan stolze Eltern geworden udn sowohl Dr. Seward als auch Lord Godalming verheiratet sind. Für die Nachwelt haben die Harkers alle Dokumente in einem Konvolut zusammengestellt, und das ist es, das wir als Leser vor uns hatten.

Restliche Gedanken

Gotisch-viktorianische Versatzstücke gibt es zuhauf: Erbschaften, Irrenhaus, Gruft, Friedhof, nächtliche Einbrüche, knarzende Türen, Draculas Schloss. Männlich entschlossene Helden. Und, nur an einer einzigen Stelle einmal erwähnt, eine wahnsinnig gewordene Ehefrau, nämlich von van Helsing:

Then this so sweet maid [Lucy] is a polyandrist, and me, with my poor wife dead to me, but alive by Church’s law, though no wits, all gone – even I, who am faithful husband to this now-no-wife, am bigamist.

Ganz leicht zu verstehen ist die Stelle nicht, weil van Helsing ein recht verqueres Englisch spricht. So sieht eine typische Äußerung aus:

„Friend Quincey is right!“ said the Professor. „His head is what you call in plane with the horizon.“

Van Helsings sprachliche Eigentümlichkeiten haben einen interessanten Aspekt. Normalerweise unterscheiden wir zwischen Erzählerbericht (wenn der Erzähler das Geschehen wiedergibt) und Figurenrede (wenn eine der Figuren aus der Erzählung spricht, nicht der Erzähler). Am deutlichsten ist die Figurenrede bei der wörtlichen Rede, zu der der Erzähler eigentlich nichts beiträgt, daneben gibt es viele Zwischentöne etwa als indirekte Rede oder als erlebte Rede, bei denen der Erzähler mehr oder weniger durchscheint. Wenn jetzt van Helsing angeblich die Rede von Mina wörtlich wiedergibt, geschieht das trotzdem mit seinen sprachlichen Fehlern – es ist halt doch nicht wirklich wörtliche Figurenrede, sondern durch einen – stets mehr oder weniger zuverlässigen – Erzähler gefiltert:

„Of course I know it,“ she answer, and with a pause, add: „Have not my Jonathan travelled it and wrote of his travel?“

(Eigentlich müsste es „Has not my Jonathan“ heißen und „written“ und natürlich, aber das ist van Helsing, „answers“ und „adds“. Abgetippt wurde das ganze wohl wieder von Mina selber, die van Helsings falsche Wiedergabe ihrer Rede aber nicht korrigiert.)

Eignung als Schullektüre: Kommt auf die Klasse an, in der Mittelstufe vielleicht, aber dann mit Konzentration auf bestimmte Ausschnitte. Einmal stand das bei mir in einer achten Klasse als Schülervorschlag zur Auswahl, aber in einer Abstimmung hat dann doch knapp das andere Buch gewonnen. Man kann damit machen: Briefroman, Orte analysieren, Landkarten zeichnen, Versatzstücke heraussuchen, Dracula als Invasionsroman lesen, Rolle der Frau thematisieren. Den Nobelpreis für Literatur hat Stoker nie bekommen, ebensowenig wie Arthur Conan Doyle, und doch sind mir ihre Werke näher als viele andere.

The Fury of Dracula

Das ist ein Brettspiel aus dem Jahr 1987, in einer modernisierten Version ohne „The“ im Titel von 2006, das einige Elemente des Romans auf schöne Weise aufgreift. Das Spielprinzip ist ähnlich wie bei „Scotland Yard“ (1983): Es gibt eine Karte mit Orten, jede Spielfigur hält sich zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem Ort auf und zieht in jedem Zug in einen benachbarten Ort – mit der Eisenbahn, auf der Straße, per Schiff, was jeweils zur Verfügung steht. Drei Spieler (van Helsing, Godalming, Seward) bewegen sich offen und versuchen den vierten Spieler (Dracula) zu fangen, der seine Figur verdeckt bewegt. Trifft einer oder mehrere der Helden auf Dracula, kommt es zum Kampf (Karten ziehen, Tag oder Nacht, Würfel). Währenddessen hinterlässt Dracula Spuren und vor allem Vampire an den Orten, an denen er war; sein Ziel ist es, eine bestimmte Anzahl von Vampiren zu erzeugen.

The_Fury_of_Dracula

(Die Version von 2006 unterscheidet sich in etlichen Punkten von der abgebildeten alten Fassung; mit im Bild der Esstisch von Herrn und Frau Rau.)

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