Quick! Somebody’s wrong on the internet!

(„Unsäglich“ war etwas zu streng. Da habe ich mich im Überschwang hinreißen lassen.)

Ich kann auf Twitter nicht diskutieren. Wenn jemand einen Artikel weiterreicht, erwarte ich keine große Begründung, warum der lesenswert ist; wenn ich den Artikel unsäglich finde, will ich das nicht in 140 Zeichen begründen müssen. Da kann man nichts anderes tun als sich anschreien: „Ich hab recht!“, „Nein, ich!“ oder, häufiger, sich die gemeinsame Meinung bestätigen lassen.

Vor gut zwei Wochen schrieb Lisa Becker in der Fazn (online): „Smartphone im Klassenzimmer Zeit für digitale Medien in der Schule„. Inhalt: das Übliche.

Erstens: „Zu ihrer [digital-skeptische Eltern] Beruhigung trägt bei, wenn dort das Handy gar verboten ist. Der Haken an der Sache: Das vielerorts geltende Verbot wird massenhaft unterlaufen, und alle wissen es.“
Mein Problem: Es gibt dieses Handyverbot gar nicht. Schüler dürfen Handys mitnehmen. Und für unterrichtliche Zwecke darf es selbstverständlich eingesetzt werden. Nur – siehe unten – bringt das wenig. Das Problem ist nicht, dass Handys verboten sind – sie sind es ja nicht -, sondern dass man nichts damit anfangen kann, siehe unten.
(Anmerkung: Auf Twitter sagt man mir, es gebe an manchen Schulen – kann nur außerhalb Bayerns sein – tatsächlich Handyverbote, und verspricht mir, eine derartige Hausordnung zukommen zu lassen. Also gut, mal sehen.)
Ich halte es jedenfalls für kontraproduktiv, immer wieder gegen das Handyverbot zu wettern, weil damit Eltern, Schülern und Lehrern suggeriert wird, es gäbe eines.

Zweitens: „Die Schule als analoges Idyll, in dem Kinder und Jugendliche fernab von Elektronik konzentriert und ohne Ablenkung lernen.“
Mein Problem: Es gibt dieses Idyll nicht. Wir haben Beamer, Rechner und Internet in jedem Klassenzimmer; die Schüler sollen mit Moodle arbeiten (und mögen das gar nicht). Ob gut oder schlecht, Schule ist schon lang kein analoges Idyll mehr.

Drittens: „Viel zu selten treffen Jugendliche auf Erwachsene, die ihnen im Umgang mit digitalen Medien auf Augenhöhe begegnen und ihnen ein Vorbild sein können.“
Mein Problem: Liegt an meiner Filterblase, ich kenne halt viele solche Erwachsene. Die nehmen sich Schüler nur wenig zum Vorbild.

Viertens: „Dazu braucht es freilich Lehrer, die bereit sind, sich auf die digitalen Medien einzulassen. Diejenigen, die das tun, berichten viel Gutes.“
Ja, schon. Ich bin bei vielen Berichten, die ich lese, skeptisch.

Fünftens: „Die digitalen Medien sind gut geeignet, Schüler aus ihrer passiven Rolle herauszuführen, sie fördern selbständiges und kooperatives Lernen.“
Mein Problem: Glaube ich insofern nicht, als „gut“ heißt „besser als ohne“. Es gibt selbstständige und kooperative Lerner, und andere. 2003 habe ich eine Facharbeit zum Thema Blogs in der Schule vergeben, da hieß es in der spärlichen Skeundärliteratur auch, wie sehr Blogs das Schülerleben revolutionieren, weil Schüler so gerne über sich selber schreiben. Bitte was? dachte ich mir damals schon. Ich warte noch auf die Revolution.

Sechstens: „Schulen, die sich mit dem Thema immer noch nicht tiefgehend beschäftigt haben, laufen Gefahr, teure Geräte anzuschaffen, ohne sie sinnvoll zu nutzen.“
Mein Problem: Solange eine Schule für 2000 Schüler und Lehrer eine Internetverbindung hat, die halb so schnell ist wie meine zu Hause (und selbst die ist nicht besonders schnell), brauchen wir über sinnvollen Nutzen nicht zu reden. Wir können nicht Schüler von zu Hause aus auf das Schulnetz zugreifen lassen, Schüler individuell Videos anschauen lassen, WLAN anbieten. Wenn das mal da ist, reden wir weiter. Ohnehin sind die Geräte nicht das Problem, sondern die Wartung. Solange Lehrer nebenbei Hard- und Software warten, wird das nichts.

Siebtens: „Inzwischen wenden sich nur noch ganz wenige Lehrer grundsätzlich gegen den Einsatz der neuen Medien im Unterricht. Allerdings fühlen sich die meisten unsicher und wissen nicht, was man mit ihnen machen kann.“
Siehe oben. Ohne Internet geht wenig. Ohne digitale Schulbücher auch nicht. Könnte sich jemand bitte darum kümmern, dass wir sinnvolle digitale Schulbücher kriegen? Die digitalen Bildungseuphoriker, die ich kenne, halten Schulbücher ohnehin für unnötig, solange es das Internet gibt. Ist für meine Fächer gut (Deutsch, Informatik) oder nicht (Englisch) denkbar, auch für Mathematik kann ich mir das kaum vorstellen, aber, wie gesagt, es gibt kein Internet. Geht es darum, dass die Schüler zu Hause mehr mit „neuen Medien“ machen sollen? Die werden uns was husten.

Achtens: „Doch der Wille muss zuallererst der Wille der Pädagogen sein, sie müssen wissen, wie sie die neuen Medien einsetzen.“
Ein weiteres Problem: Ich weiß schon, wie ich sie einsetze. Die wenigstens, die ich möchte, darf ich einsetzen – Urheberrecht und Datenschutz. Aber vielleicht ist da nur Bayern besonders streng.

Fazit: Im Artikel steht nichts von digitalen Schulbüchern, nichts von Breitband, nichts davon, ob die Schüler zu Hause oder in der Schule digital arbeiten sollen (und das halte ich für eine essentielle Frage), nichts von Systembetreuung. Nur der Wille der Lehrer fehle. Fragt mal die Telekom, den Sachaufwandsträger, die Schulbuchverlage und die Rechtsabteilung vom Kultusministerium, wie sehr mein Wille die interessiert.

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12 Thoughts to “Quick! Somebody’s wrong on the internet!

  1. Dem ist fast nichts hinzuzufügen.
    Zwei Aspekte sind aber zu unterstreichen. Zum einen sollte man den in solchen Artikeln oft propagierten Irrglauben hinterfragen, ob SchülerInnen/JugendlichInnen grundsätzlich nur durch das Aufwachsen mit digitalen Medien wirklich automatisch besser Bescheid wissen als alle anderen, älteren Bevölkerungsgruppen, speziell LehrerInnen.
    Hier zerschellt meine Hoffnung grundsätzlich z.B. bei Emails, wenn ich Dokumente in abenteuerlichen Formaten zugeschickt bekomme und auf meine Bitte, dasselbe als Word- oder PDF-Dokument zu speichern, große Fragezeichen ernte. (Und ja, das wird bei uns im Fach IT an der Realschule im Unterricht gemacht!)
    Und als zweites – und da habe ich mittlerweile auch einen inneren Lernprozess hinter mir – muss man auch berücksichtigen, dass nicht für alle Menschen, ob jung ob alt, digitale, mobile Geräte eine Bereicherung darstellen, bzw. einen intrinsischen Reiz besitzen. So what?
    Und drittens, sorry, noch ein drittes, bleibt unberücksichtigt, dass neben der technischen Lösung auch gesehen werden muss, dass auch Lernkurven bei Menschen (Lehrern und Kindern) unterschiedlich ausgeprägt sind. Ich erlebe doch Kollegen, die willig sind und gern „das Neue“ lernen möchten, aber das dauert eben. Ich selbst kenne mich einigermaßen gut aus – ja, aber darin habe ich ja auch massig Zeit investiert und, hust, vielleicht andere Dinge vernachlässigt…diese Zeit muss ich anderen auch zugestehen. Und ergo selbst geduldiger werden.

  2. Danke. Danke. Und ja.

    Endlich ein Beitrag, der eine Diskussion beendet, die festgefahren war; Eine Diskussion, auf welche ich nicht einmal mehr einsteigen wollte. Eine, die immer nur auf Twitter mal provokant, mal eingeschnappt, mal süffisant, auf jeden Fall aber eingleisig gefahren wurde. Zumindest auf dieser Ebene.

  3. „Ich kann auf Twitter nicht diskutieren.“

    Dazu ist das Medium ja auch völlig ungeeignet – obwohl es dazu genutzt wird. (Irgendwie geht es ja auch. Irgendwie kann man sicherlich auch auf dem Smartphone nur mit der Bildschirmtastatur eine Novelle schreiben. Ich möchte es nur nicht müssen. ;))

  4. Danke für die Klärung. Da sind in der Tat einige Aspekte dabei, die ich nur diffus auf dem Schirm hatte und die mir dank Deines Artikels nun klarer sind.

    Dass ein dahingeworfener Link zu einer Diskussion und einem erhellenden Blog-Post führen kann, ist meines Erachtens eine Stärke von Twitter.

    Dass die ausführliche Klärung in einem Blog und nicht auf Twitter stattfindet, spricht (nach wie vor, seit jeher) *für* Blogs. Auch ich mag auf Twitter nicht diskutieren.

    Ich kann Dir dort ja aber nicht sagen: Schreib doch mal einen Blogpost dazu ;-)

  5. Stellen Sie sich einen Betrieb mit 2000 Angestellten vor.
    Und jetzt die zugehörige Infrastruktur.
    Ja? Kantine, Toiletten, Sozialräume, Breitband, Räume für Meetings, Rechnerplätze, Netzwerkadministratoren, Parkplätze.
    Haben Sie es?
    So, und jetzt ersetzen Sie bitte das Wort Angestelle durch Schüler?
    Sie müssen lachen, wenn Sie Lehrer sind, stimmt’s?

  6. Twitter möchte ich auch keinesfalls missen. Tolle Sache, das.
    >Ich kann Dir dort ja aber nicht sagen: Schreib doch mal einen Blogpost dazu
    Aber ja doch, ich schreibe auch auf Bestellung. :-)

    Vorhin hat @mediendidaktik_ dort gemeint, es gebe ganz tolle Sachen, die man mit Handys und ohne Internet machen könnte. Ohne Blogeintrag dazu bleibe ich skeptisch. (Klar, Fotos von irgendwelchen Sachen lasse ich Schüler auch mit dem Handy machen. Gibt nicht oft Anlass dazu.)

  7. Erst kürzlich wurde (in der FAZ?) eine Vorzeigeschule in Arnsberg vorgestellt, in der Siebtklässler die Schiller-Ballade „Der Handschuh“ per Handy „verfilmten“. Der Artikel feierte das als gelungenen Unterricht, während ich beim Lesen überlegte, was man denn da nun lernt, wenn man mit dem Handy eine Laserschwert-Performance abfilmt. Das Verwenden der magischen Scheibe allein wirkt nach außen offensichtlich schon didaktisch sinnvoll… :-/

  8. Bei Twitter warte ich noch auf Beispiele, aber selber habe ich natürlich auch schon die Handys als Fotoapparate nutzen lassen. Von Thomas Kuban habe ich die Idee, Filmszenen zu inszenieren und die Kameraeinstellungen mit dem Handy festzuhalten. Und mal eine Stunde lang den E-Book-Reader ausprobieren lassen mit der aktuellen Lektüre (Schiller, Räuber); angesprungen ist aber kaum einer. Aber oft kommt das nicht vor, und ich will ja nicht den Umgang mit dem Handy lehren, es soll ja Mittel zu einem anderen Zweck sein.

  9. Auf die Gefahr hin, dass ich die Frage schonmal gestellt habe: Kannst du vielleicht das mit dem „Handyverbot“ noch einmal erläutern? Gab es da nicht einmal ein (ich glaube deiner Aussage nach schlampiges) Gesetz in Bayern, dass „digitale Speichermedien“ (Jaja, ich weiß) verbietet? Und war da nicht der Anlass das angebliche Verteilen von Schockervideos durch SchülerInnen? Hast du dazu schonmal geblogt?

  10. Ich habe mehrfach darüber geschrieben, Moe, etwa hier: https://www.herr-rau.de/wordpress/2011/12/handys-an-schulen.htm
    (Mehr suche ich nicht, bin im Urlaub und nur mit Tablet unterwegs.)

    Aber du hast das alles richtig im Kopf, ja. Im BayEUG steht im Artikel 56, dass digitale Speichermedien, die nicht zu Unterrichtszwecken eingesetzt werden, ausgeschaltet sein müssen, was auch immer das heißt. Außer wenn die Aufsicht führende Lehrkraft das erlaubt. Also: für Unterricht eh ok. Und mit Erlaubnis auch. Insofern sehe ich kein großes Problem. Richtig, in der Pause dürfen Schüler nicht einfach so ihre Mails checken bzw. bei WhatsApp nachschauen. Je nach Schule und Schulart dürfte das unterschiedlich gut funktionieren, bei uns kein Problem. Ist das Gesetz unnötig? Vermutlich. Würde man diese Regelung ohne Gesetz durch eine Hausordnung treffen können? Vermutlich nicht, also braucht es wohl das Gesetz, wenn man diese Regelung haben will.

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