Quick! Somebody’s wrong on the internet! Again!

Sehr viel kommentiert ist der Beitrag „Das Informatik-Schulbuch meiner Töchter: Werft es weg – oder schafft den Informatik-Unterricht ab, denn so kann man auch gut darauf verzichten!“ von Sandra Schön, und die Meinung der meisten Kommentare deckt sich nicht mit meiner. Da dort aber niemand meine verhaltenen Einwände zum Anlass einer Diskussion nimmt, möchte ich ich mich hier auslassen.

Also: Der Titel ist hoffentlich hyperbolisch, weil natürlich grundfalsch. Die Alternative „Informatikbuch wegwerfen“ oder „Informatikunterricht abschaffen“ ist vielleicht aus Sicht des Steuerzahlers sinnvoll (wenn ein Buch nicht genug genutzt wird, sollte man nichts dafür ausgeben), oder für jemanden, der Onlinekurse verkaufen will (der ist natürlich gegen Bücher), aber für jede Lehrkraft ist das Schulbuch ein Werkzeug unter vielen, und die Lehrkraft entscheidet, welche der zur Verfügung stehenden Werkzeug sie einsetzen will. Man kann ganz mit dem Buch arbeiten, gar nicht mit dem Buch arbeiten, oder sich einzelne Kapitel herauspicken. Bei mir ist das von Fach zu Fach und von Jahrgangsstufe zu Jahrgangsstufe unterschiedlich, abhängig von der Qualität des Buchs, der anderen Werkzeuge, meinem Unterrichtsstil, den Unterrichtsinhalten und der Klasse. Man kann jedenfalls auch parallel „Informatikunterricht nicht abschaffen“ und „Informatikbuch manchmal verwenden“.

Was stört Sandra Schön denn genau am Buch? Ganz wird mir das nicht klar, sie hat sich auch wohl nur die erste Hälfte des Buchs angeschaut, das für die 6. und die 7. Jahrgangsstufe gedacht ist; an dem großen Kapitel Algorithmik hat sie nichts auszusetzen. Es sind aus meiner Sicht Kleinigkeiten, und in den Kommentaren werden noch mehr Kleinigkeiten genannt, jedem fehlt sein persönliches Steckenpferd. Hauptpunkt: Technisch ist das nicht auf der Höhe. Da gibt es Einstellungen zur Verbindung eines Rechners mit dem Internet (die man heute nicht mehr braucht, wo das Internet einfach aus der Steckdose kommt). Audio-CDs werden – ganz am Rand – erwähnt und Diskettenlaufwerke abgebildet. Ich sehe das dramatische Problem dabei nicht. Später machen wir mit den Schülern auch Bubblesort und das Wasserfallmodell, obwohl beide in der Praxis keine oder keine große Rolle mehr spielen.

Recht hat Schön aber völlig, wenn es ums Internet und die Verhaltensregeln darin geht. Da ist das Buch von 2004 veraltet, und der Lehrplan, auf dem das Buch basiert, ebenso, und der neue wird kaum besser werden.

Außerdem stört Schön, dass so früh mit Objektorientierung begonnen wird, einem zentralen Gedanken des Lehrplans. Und ich denke, da liegt der Knackpunkt: Schön gefällt das Fach Informatik, so wie es der Lehrplan vorsieht, nicht. Deswegen fällt ihr auch die reißerische Drohung mit der Abschaffung des Fachs leicht.

Für mich zeigt das Buch schön (unabhängig davon, dass es veraltet ist), wie einfach es dem System Schule gelingt, ein eigentlich cooles Thema didaktisch „aufzuarbeiten“, dass es dann einfach nur – unspannend ist.

Das ist der Kernpunkt. Und das Problem dahinter sehe ich auch. Aber ich habe schon mal ein Problem mit der Prämisse, dass Informatik, oder irgendwas mit Internet, oder was auch immer genau gemeint ist, „eigentlich cool“ ist. Natürlich finde ich Informatik cool. Das gilt genauso für Deutsch und Englisch, meine anderen Fächer. Die finde ich auch eigentlich cool, und die Schüler irgendwie eigentlich nicht unbedingt. Und die Sportlehrer finden auch, dass Sport voll cool ist, und doch reißen sich die Schüler nicht alle darum. Und Kunst. Und Musik. Wieso sollte das bei Informatik groß anders sein? Informatik ist nicht inhärent cooler als andere Inhalte.

Was kann man da unternehmen? Ich weiß nicht, ob da etwas geht. Man kann natürlich darauf verzichten, Schülern in einem festgelegten Alter/einer Jahrgangsstufe bestimmte Inhalte verpflichtend beizubringen, wenn Schüler nur noch lernen, was sie wollen, oder wenigstens, wann sie wollen. Organisatorisch ist das schwer zu machen. Bleibt also ein Wahlfach Informatik wie in anderen Ländern (in Deutschland gibt es, glaube ich, nur zwei Länder, in denen das Fach Pflicht ist). Dann braucht man keine verbindlichen Lehrpläne, und damit auch keine Bücher. Dann hat man motivierte Schüler. Klar, Mädchen sind dann kaum mehr dabei, und ein Großteil bleibt digitaler Analphabet, aber die werden dann halt andere Wahlunterrichte besuchen.

Oder man verzichtet auf einen Lehrplan und macht einfach schöne Projekte. Optimisten glauben ja, dass man damit auch die Lehrplaninhalte abdecken könnte, so wie man durch die Aufführung von Theaterstücken mit allem, was dazu gehört, auch alle Deutschinhalte abdecken könnte. Ich glaube das nicht. Aber wenn man in der Unterstufe erst mal nur irgendwelche positiv empfundene Sachen mit dem Computer macht, vielleicht kommen dann am Ende doch informatisch gebildete Menschen heraus? Ich bin mir gar nicht sicher, dass das völlig absurd ist. Ich weiß nur nicht, was man im Klassenverband machen kann, das alle als positiv empfinden.

Könnte man auch den Deutschunterricht in der Unterstufe ganz mit Lektüren bestreiten? Nur mit kreativem Umgang damit?

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3 Thoughts to “Quick! Somebody’s wrong on the internet! Again!

  1. Ich finde die Diskussion in den Kommentaren dort auch seit einiger Zeit sehr überhitzt und zum Teil äußerst unsachlich. Eigentlich habe ich mich nur eingemischt, weil ich den Eindruck hatte, es sollte den Autoren des (im Jahr seiner Veröffentlichung sicher ganz aktuellen) Buches unterstellt werden, sie seien daran schuld, dass elf Jahre später einiges nicht mehr brandaktuell ist.

    Zu den letzten beiden Absätzen: Mit genügend Verrenkungen wäre es schon denkbar, Lehrpläne ausschließlich durch Theater oder kreatives Schreiben zu erfüllen … aber wäre es diese gymnastischen Übungen wert? –> „Wir spielen jetzt einen Sketch, in dem die Kinder in eine altmodische Schule gehen, in der sie in einem Text die Wortarten einzelner Wörter bestimmen müssen. Und wenn sie ‚Wortart‘ und ‚Satzglied‘ verwechseln, werden sie geschimpft, und es gibt ein großes Hallo!“
    ^^ naja. Muss wohl nicht sein. Ganz zu schweigen davon, dass ein systematischer Überblick auf diese Weise sicher nicht entsteht.
    Herkömmlicher Unterricht hat schon etwas für sich, wenn er gut gemacht wird.

  2. >“Wir spielen jetzt einen Sketch, in dem die Kinder in eine altmodische Schule gehen“
    Ich denke, das ist eher so gedacht, dass man beim Adaptieren des Textes sich denkt „Oh, der spricht richtig gestelzt. Woran das wohl liegt? Ah, das sind ja alles Nominalphrasen“ oder „Das müssen wir ein wenig umstellen… oh, manche Sachen bleiben beim Umstellen zusammen, das werden dann wohl Satzglieder sein.“

  3. Die Kausalkette ist doch immer analog:

    10 Das Fach xy wie Schule es macht, ist doof.
    20 Schule muss das anders machen.
    30 Schule muss das individualisiert machen.
    40 Schule hat dafür zu wenig Ressourcen
    50 Schule ist deswegen schon auch doof.
    60 Man muss Schule anders machen, dann wird Fach xy auch wieder toll.
    70 Schule muss das selbst aus sich heraus machen
    80 GOTO 40

    Zu individualisierten Lernformen:
    Also wenn ich meine Schüler mit meinem Blogzeugs 90 Minuten aktiviert habe, sind sie hinterher bestimmt nicht mehr in einem Zustand, wie ich sie vorzufinden wünsche :o)…
    Wenn ich wochenlang ein Feuerwerk des selbstbestimmten Lernens abbrenne, gibt es noch immer Leute, die mein Fach nicht die Bohne interessiert. Und das dürfen sie.

    Wird das Fach xy dadurch doof, dass es nicht alle SuS interessant finden?

    Wird das Fach xy gesellschaftlich irrelevant, weil es nicht alle SuS interessant finden?

    Moment:
    Was ändert sich gerade gesellschaftlich? Vielleicht digitale Kommunikationsformen?

    Seufz – Schule hat alles fasch gemacht: Mathe, Chemie, Bio und Physik gelehrt – obwohl man diese Welt einfach benutzen kann …

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