Handys an Schulen

Am Anfang des Jahrtausends gab es große Sorgen um Schüler und ihre Handys und was sie damit anstellten. Angeblich gab es epidemische Gewalt an Schulen, die mit dem Handy gefilmt und ins Internet gestellt wurde. (Oder waren es pornographische Bilder, die getauscht wurden?)
Vor diesem Hintergrund sah sich die bayerische Regierung an der Reihe, Handlungsfähigkeit zu zeigen, und erließ ein Gesetz.

BayEUG 56 (5)
1 Im Schulgebäude und auf dem Schulgelände sind Mobilfunktelefone und sonstige digitale Speichermedien, die nicht zu Unterrichtszwecken verwendet werden, auszuschalten. 2 Die unterrichtende oder die außerhalb des Unterrichts Aufsicht führende Lehrkraft kann Ausnahmen gestatten. 3 Bei Zuwiderhandlung kann ein Mobilfunktelefon oder ein sonstiges digitales Speichermedium vorübergehend einbehalten werden.

Die offizielle Begründung lautete, dass damit rechtliche Sicherheit für Lehrkräfte geschaffen werden sollte. Denn schon vorher durfte man Schülern Gegenstände, die geeignet waren, den Unterricht zu stören, oder mit denen der Unterricht gestört wurde, abnehmen, irgendwie jedenfalls. Aber galt das auch für Handys? Um das sicherzustellen, so hieß es, wurde dieses Gesetz ergänzt. In der spektakuläreren Presse und im unpräzisen Sprachgebrauch wurde daraus ein Handy-Verbot, kann man von mir aus ja sagen, solange klar ist, dass es nicht wirklich um ein solches geht.

Seit diesem Zeitpunkt dürfen unsere Schüler kein Handys mehr auf dem Schulgelände anschalten. Das wird auch einigermaßen konsequent eingehalten, da die Lehrer einigermaßen konsequent darauf achten.

Wie soll man das mit den Handys (und damit später auch mal ihren großen Brüdern, den Tablets) handhaben?

— Ich sehe drei Möglichkeiten: zum einen den Verzicht auf Handys an Schulen. Das ist der aktuelle Zustand. Man kann das störungsfreie Arbeiten als Vorteil sehen. Die NY Times brachte vor einiger Zeit einen Artikel über eine Waldorfschule im kalifornischen Silicon Valley, im Herzen der amerikanischen Computerindustrie, die ohne Computer und Handys auskommt – und das, obwohl drei Viertel der Eltern der Schüler aus der Hi-Tech-Welt kommen. (Waldorfschulen gibt es in allen Varianten, ich weiß nichts über diese konkrete Schule. Die Theorie und Philosophie der Antroposophie ist jedenfalls Unsinn, mit Atlantis und so.)

Es ist selbstverständlich, dass an staatlichen Schulen Lehrer und Schüler unterschiedliche Rechte und Pflichten haben. Deshalb habe ich gar kein Problem damit, dass Lehrer manche Dinge dürfen, die Schüler nicht dürfen. Trotzdem nehme ich beim Betreten des Schulgeländes immer meine Kopfhörer aus dem Ohr. Solange es keinen wichtigen Grund gibt für Lehrer, privat ihren MP3-Player oder ihr Handy vor Schülern zu nutzen, sollten sie darauf verzichten.

Wenn man das so möchte, muss man das auch durchsetzen. Da hilft es nichts, einen Schüler zu ermahnen und ihn zu bitten, das Handy wegzustecken. Wenn man sich nach und nach von jedem der hundert Lehrer an einer Schule ermahnen lässt, hält man das eine ganze Weile durch. Ein Vorschlag: Handy abnehmen, Besitzer notieren, an einer zentralen Stelle abgeben und abholen lassen. So kann die Schule mitzählen, wie oft bestimmte Schüler sich an die Regeln nicht halten.

— Die zweite Möglichkeit: Handys ganz freigeben, jedenfalls außerhalb des Unterrichts. Wer in der Pause lieber bei Facebook ist oder Musik hört, soll das tun. Das BayEUG erlaubt das nur sehr vielleicht. Die Aufsicht führende Lehrkraft darf das erlauben, könnte man daraus die Möglichkeit einer pauschalen Erlaubnis ableiten?
Ich will allerdings nicht, dass die Schüler vormittags bei Facebook posten oder sich von ihren Mitschülern abstöpseln. Das begründe ich hier nicht ausführlich, sondern mal extra oder auf Nachfrage.
Trotzdem: Man könnte mit der SMV verhandeln. Die sorgt dafür, dass das Schulgebäude einigermaßen sauber bleibt (wir reden nicht von Putzen, sondern davon, Müll nicht auf den Boden zu werfen), dafür gibt es Vergünstigungen – etwa die Erlaubnis, in der Mittagspause im Aufenthaltsraum oder von mir aus überall Handys und Laptops privat zu nutzen.

— Drittens: Man könnte Handys, Notebooks, digitale Speichermedien mehr im Unterricht nutzen, denn im Unterricht genutzt werden dürfen sie ja. Braucht es dazu die explizite Erlaubnis der Lehrkraft? Oder könnte ein Schüler einfach sein Handy zücken, um in Wikipedia nachzuschlagen, solange das etwas mit dem Unterricht zu tun hat und nicht stört?
Edushift beschreibt in einem Blogeintrag eine Situation aus dem Unterricht, wie Schüler ihr Notebook ganz alltäglich und sinnvoll im Unterricht nutzen. Und das könnte man sich mit dem Handy ganz ähnlich vorstellen.

Allerdings müssten die Schüler das auch wollen und man müsste das als Lehrkraft verlangen können. Entweder die Schule stellt die Geräte oder jeder Schüler bringt sein eigenes Gerät mit – in ein paar Jahren ist das vielleicht sogar machbar.
Andernfalls ist das ein tolles Werkzeug, das manche Schüler nutzen wollen und andere nicht, und das manche nutzen können und andere nicht, und auf das sich der Lehrer nicht verlassen darf. Aber vielleicht reicht das?

Dass man nicht groß kontrollieren kann, was ein Schüler mit dem Handy im Unterricht macht, ist dabei, wenn eines nicht wäre, kein großes Problem. Wenn der Schüler im Heft kritzelt, weiß ich ja auch nicht, was er da kritzelt. Das große Problem ist nur: der Schüler sollte möglichst nicht per Mikrofon das Klassenzimmergeschehen nach draußen senden…

Ich würde das Handy jedenfalls öfter im Unterricht nutzen, wenn ich wüsste, wozu.

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Weil der Kollege S. gefragt hat, wie das an meiner Schule gehandhabt wird, habe ich hier meine Gedanken zusammengetragen, in der Hoffnung auf Ergänzungen, wie das anderswo geregelt wird. Die Verwendung des Wortes „Leitmedienwechsel“ ist dabei optional.

22 Thoughts to “Handys an Schulen

  1. (bin gestern zu früh ins Bett, daher so früh wach)

    Auch im Norden Bayerns wird es so gehandhabt und ich bin zum größten Teil damit einverstanden. Vor allem aus den genannten Gründen, nämlich dass ich auch keine Handyzombies durchs Schulhaus stolpern sehen möchte. Vielleicht wird Schule mal anders – aber das ist sie eben derzeit nicht.
    Ich sehe das Handy aber auch als Werkzeug, welches eingesetzt werden kann. Bisher lasse ich es nutzen als Fotoapparat, wenn ich Fotos in Deutsch brauche, bei zb Hapro-Sachen. Auch erlaube ich das Abfotografieren des Tafelbildes, wenn es notwendig ist, weil man in der Stunde viel gearbeitet hat – manche laden es dann bei Facebook hoch. Was ich mir sonst noch denken kann, im Fach Deutsch z.B. Wegbeschreibung über Karten/Navi-Apps, Aufnahmegerät für Interviews, Filmapparat (ich habe ein Kunstbuch für die Oberstufe in der Hand gehabt, wo Handyfilme ein eigenes Kapitel ausmachen), als Wörterbuchersatz. Dies sind einfache Dinge, und es reicht, wenn wenige Schüler ein passendes Handy dabei haben.
    Dass du oben die Unterscheidung bringst zwischen dem, was Schüler und Lehrer dürfen, finde ich lustig, weil ich neulich einem Kollegen erzählte, dass ich Mein Handy im Unterricht schon für dies und jenes nutze – worauf er meinte: aber darfst du das denn, ich dachte, dass sei verboten?

  2. Bei uns an der Schule wird das entspannter gehandhabt. Man sieht in den Pausen viele Schüler mit „mobilen Geräten“. Und viele, die sogar mit Stöpsel im Ohr in den Fach-Unterricht kommen.

    Das Problem ist bei uns, dass wir uns auf ein „Handy“-Verbot festgelegt haben. Gehe ich dann zu einem Schüler, so hat er „nur“ einen iPod. Also lasse ich es beim Schüler, denn wir haben ja nur ein Handy-Verbot. Es wurde mal versucht, alle mobilen Geräte (Handys, iPody, mp3-Player, Laptops, etc.) zu verbieten. Das ist aber gescheitert, da die damalige Kollegstufe gejammert hat, dass sie ja soooo viele Freistunden und soooo viel Langeweile haben und daher die Berieselung brauchen.

    Gelungen finde ich das nicht. Mir wäre ein „Mobiles Endgerät Verbot“ lieber.

    Nichts desto trotz finde ich solche Geräte im Unterricht ganz gelungen:
    1) Im Informatikunterricht (11., 12. Klasse) bringen viele Schüler ihren eigenen Laptop mit.
    2) In Physik/Naturwissenschaften können Filme/Fotos von Experimenten erstellt werden.
    3) Man kann ein Online-Klassentagebuch oä bei moodle führen.
    4) Man kann bei Leo Wörternachschlagen oder auch mal bei wiki nach einer Formel suchen, oder bei youtube nach passen Filmen suchen.

    Was ist eigentlich mit Stiften wie LiveScribe? Verboten? Erlaubt?

  3. Bei uns ist der Gebrauch innerhalb des Schulgbäudes untersagt, das lässt den Oberstufenschülern in ihren Freistunden genügend Freiraum, sie gehen dann halt in die Mensa oder auf den Schulhof.
    Ich habe meinen Kursen das Angebot gemacht, dass jeder, der mir halbwegs überzeugend darlegen kann, dass er mit Smartphone o.Ä. z.B. sein Hausaufgabenheft führt, das selbstverständlich in meinem Unterricht tun kan. Bisherige Resonanz: 0.

  4. Auch den Schülern, Tommdidomm, ist nicht klar, dass Lehrer das dürfen und Schüler nicht. Möglicherweise ist diese Vereinfachung kein Merkmal für das fehlende Differenzierungsvermögen von Schülern, sondern, ahem, von Menschen insgesamt.

    Ich bin froh, dass es bei uns nicht nur um Handys geht, Ingo, sondern um digitale Speichermedien insgesamt (eine selten dämliche Definition natürlich). Kopfhörer halte ich nämlich für schlechter als Tipperei auf dem Handy, da kommuniziert man wenigstens ein bisschen.
    Vielleicht fiel bei uns diese Regelung wegen des halbwegs gleichzeitigen Umzugs in ein neues Schulgebäude leichter. Wie gesagt, ich würde der Oberstufe schon Zugeständnisse machen, wenn es dafür eine Gegenleistung gibt.

    Elektronische Gerät eim Unterricht: nutze ich gelegentlich, aber nur wenig öfter als etwa: „Bringt in der nächsten Stunde alle mindestens zehn Streichhölzer mit“ für den WDR-KNowhow-Papiercomputer. (Fußnote, weil ich auf einer Fortbildung mal einen entsetzten Puristen erlebt habe: Ja, ich weiß, dass heutige Prozessoren anders aufgebaut sind. Trotzdem.) Wenn Schüler das von sich aus nutzen wollten: könnte man gern darüber reden. Kommt aber nicht vor.

    (Was ich übrigens nicht mehr mache: mit regelbrechenden Schülern diskutieren, warum es diese Regel gibt. Ich empfehle stattdessen, sich an die SMV-Vertreter zu wenden, damit die die Regel im Schulforum zur Diskussion stellen. Kommt auch nicht vor.)

  5. Der letzte Satz ist für mich der entscheidende: Wozu? Also auch ich stehe auf moderne Technik, liebe mein iPad, und mein Unterricht wird ergänzt durch ein wunderbares ActiveBoard. Ergänzt! Ich schreib auch noch gerne an die Tafel, wische mir die Kreidefinger an der Hose ab, ziehe OHP-Folien aus dem Kopierer, mache manchmal/selten sogar copy and paste mit analoger Schere und Kleber. Wenn jemand einen echten Nutzen daraus zieht, soll er alles mit jeder Technik dürfen. Aber Schüler, die nur noch per SMS in der Pause über die Lehrer herziehen mag ich mir gar nicht vorstellen. Liegt wohl daran, dass meine Jugend nur spärlich digitalisiert war: C64! Wie war das eigentlich damals in den 80ern in meinem Gymnasium nahe Augsburg? Ich erinnere mich nicht….liefen da in der Pause alle Schüler mit Walkman-Kopfhörern rum?

  6. Naja, vom Gesetzestext her ist das auch ein MP3-Player-Verbot, Laptop-Verbot, Digitalkameraverbot, GPS-Verbot, Pulsuhrverbot… „sonstige digitale Speichermedien“. Zeig mir einer was, das digital ist und kein Speichermedium.

    Für mich wäre da die Frage eher: Wie bringt man es an die jungen Menschen hin, so mit der omnipräsenten Technik umzugehen, dass es ihnen selbst und anderen nicht schadet? Alle labern von Medienkompetenz, ist ja auch richtig, aber man kann sich schon fragen, ob dazu nicht gehört, dass die Schüler sich und ihr ubiquitous Computing selbst im Griff haben sollten. Wie also den Übergang vom Verbot und Handy einkassieren zum eigenverantwortlichen Umgang gestalten?

  7. Bei uns gibt es auch ein Handyerbot. Ich ziehe das durch, wenn es einfach zu dreist geschieht – etwa offen auf dem Schulhof am Ohr. Das typische „In-der-Stunde-in-der-Handtasche“ gibt bei mir einen Warnschuss. Wir hatten beim scherzweisen Bluetooth-Scan mit dem Notebook am Smartboard auch schon nette Devicenamen – diese Dummheit gehört dann auch „konsequentisiert“ – auch das ist Medienkompetenz.
    Ich bin von der Regelung persönlich nicht überzeugt, sie basiert aber auf einem Mehrheitsentscheid, dem ich mich als Demokrat dann auch füge (s.u.).

    Ich war schon gelegentlich mit Schülern beim stellvertretenden Schulleiter deswegen, weil die sich schlicht geweigert haben, das Ding rauszurücken. Im schlimmsten Fall geht es dann für den gesamten Resttag nach Hause. Eine Handhabe für die „gewaltsame Wegnahme“ hat man ja zum Glück als Schule nicht.

    Ich lege gerade den Schülerinnen und Schülern eine demokratische Reaktion nahe, gerade weil ich zurzeit das WLAN der Schule so konzipiere, dass es auch Schüler nutzen könnten (technisch). Das könnte z.B. so aussehen, dass die Lehrkräfte sich Gedanken darüber machen, was sie am Handygebrauch eigentlich stört.

    Die Schüler könnten demokratische Wege (Schulvorstand, Schülervertretung) nutzen, um ihre Interessen zu vertreten, vielleicht sogar im Sinne eines eigenen Regelwerks, das sie sich selbst inkl. möglicher Konsequenzen geben. Dafür müssen sie natürlich politische Arbeit machen, sich Mehrheiten suchen usw. – ach ja: Und scheitern kann man mit sowas auch – sonst wäre es „Wünschdirwas“ und nicht Politik. Das sage ich den SuS auch vorher so offen.

    Das kann aber hier in NDS auch tatsächlich klappen, da es sich um eine pädagogische Entscheidung handelt, die der Schulvorstand trifft, da muss man neben den Eltern nur noch eine(!) Lehrkraft zur Erlangung einer Mehrheit überzeugen – dummerweise dann aber die Schulleitung rechtlich verantworten muss, das ist dann doof – aber auch Ergebnis von Politik. Aber das lässt sich technisch durch Nutzungsvereinbarungen regeln.

  8. Wie war das eigentlich damals in den 80ern in meinem Gymnasium nahe Augsburg? Ich erinnere mich nicht….liefen da in der Pause alle Schüler mit Walkman-Kopfhörern rum?

    An meinem Gymnasium IN Augsburg in den 80ern nicht. Dafür gab es Schüler, die Assembler konnten.

    Wie also den Übergang vom Verbot und Handy einkassieren zum eigenverantwortlichen Umgang gestalten?

    Gute Frage. Da ist es vielleicht nicht schlecht, mit einem Verbot anzufangen und dann das nach und nach zu lockern – wenn es klappt.

    WLAN für Schüler – da schüttelt bei uns der Admin mit dem Kopf, rechtlicher Probleme wegen. Aber auf die Infrastruktur dazu sollte man achten. In ein paar Jahren gibt’s das sowieso.

    Das mit dem Bluetooth muss ich übrigens auch mal ausprobieren.

  9. Ich bin sehr dankbar für diese Anregungen, weil die Entscheidung bei uns jetzt ansteht. Wir haben leider keinen Anlass wie den Umzug in ein hübsches Gebäude. Gerade daher finde ich das Problem problematisch.
    Vielen Dank vor allem für den Auszug aus dem bayr. Schulgesetz, den kannte ich noch nicht. M.W. haben wir sowas in BaWü nicht.
    Bisher gibt es in unserer Schulordnung ein Handyverbot im Gebäude. Handys haben ausgeschaltet tief in der Tasche zu sein. Diese Formulierung stammt natürlich noch aus einer Zeit, als man Nokia-Knochen noch eindeutig von iPods unterscheiden konnte. Seitdem das nicht mehr so ist, hat sich ein Wildwuchs breitgemacht: Gadgets überall (außer im Unterricht, das ist akzeptiert), Knöpfe in allen Ohren (auch während Gesprächen, was ich überhaupt nicht nachvollziehen kann).
    Zwei Seelen wohnen, ach!!, in meiner Brust: Ich verstehe das Anliegen, Schüler zu miteinander redenden, freundlichen Menschen zu erziehen. Eigentlich braucht niemand in der Schule wirklich ein solches Gerät.
    Aber andererseits fürchte ich dieses ach-so-gute pädagogische Argument, weil sich dem in der GLK auch leichtfertig solche Kollegen anschließen werden, die keinerlei Drang haben, eine solche Regelung auch durchzusetzen. Wird sich das dann überhaupt machen lassen, oder bleibt es bei dem Wildwuchs, erschwert noch durch Unmut allerseits? Außerdem: Ist das nicht ein Rückzugsgefecht?
    Momentan tendiere ich schweren Herzens zu einer pragmatischeren Lösung: Keine Geräte im Unterricht (klar!) und keine datenschutzproblematische Nutzung, also z.B. keine Fotos und Videos, auch nicht mit (pseudo-)Einverständnis der Abgelichteten. Ausdrückliche Ausnahmen, z.B. bei Unterrichtsprojekten, natürlich ausgenommen.
    Ein ärgerliches und lästiges Thema…

  10. Das Handyverbot geht bei uns tatsächlich auch auf eine missbräuchliche Nutzung zurück bzw. mehrere zurück – in mir schlagen da auch zwei Herzen:

    Ich finde es pädagogisch besser, wenn bestimmte Dinge im Schulnetz in einer quasi geschützten Umgebung passieren und ich sie dann gerätebezogen und im Schutz der Klasse thematisieren kann – das geht mit einer entsprechenden Datenschutzvereinbarung und einer Verfahrensbeschreibung zur Gewinnung personenbezogener Daten aus den Logs eigentlich ganz gut.

    Facebook und Co. sind da immer doof: Zur Polizei rennen, Anzeige aufgeben, richterlicher Beschluss, Auskunftsverfügung und dann haben die Behörden gleich das halbe Leben auf dem Tisch liegen – das ist einfach immer die Atomkeule, die ich aber auch schon geschwungen habe – bei bestimmten Drohszenarien hört der Witz dann irgendwie auf.

    Strafrechtlich passiert da meist gar nichts, da oft unter 14. Zivilrechtlich greift die Kiste in Sek. II aber immer.

    Den Devicenamen, der bisher den Vogel abgeschossen hat, sollte der Personaler beim Gespräch wirklich nicht auf dem Display lesen. Übrigens klappt der Bluetoothtrick bei mir nur einmal pro Halbjahr oder mit Klassen, die mich nicht kennen. Sowas spricht sich dann rum… Schnell.

  11. Das Durchsetzen läuft bei uns so, Dirk: ein Teil der Lehrer nimmt das Handy ab, legt es mit Namen versehen dem Stufenbetreuer ins Fach, der notiert den Namen und der Schüler holt es bei ihm ab. Beim ersten Mal nach einem Tag, später nach einer Woche und bei der Schulleitung. Das funktioniert einigermaßen, aber der Umzug hat da sicher geholfen.

    „keine datenschutzproblematische Nutzung, also z.B. keine Fotos und Videos, auch nicht mit (pseudo-)Einverständnis der Abgelichteten.“

    Eine Schwierigkeit dabei: Ich-hab-doch-nur und Ich-hab-doch-noch-gar-nicht. Das lässt sich ebenso schwer überprüfen wie die Beschränkung auf Jahrgangsstufen oder nach Alter.
    (Ich bin nicht mehr aktiv bei Facebook, aber früher habe ich dort immer wieder mal Mädchen-Gruppenportraits aus unserer Schultoilette gesehen, frisch geschminkt. Das Bedürfnis ist auf der Unterstufe wohl da.)

    Die digitalsten Speichermedien sind immer noch und auch etymologisch die Finger, auch wenn das recht flüchtige Speicher sind. Warum schreibt man so oft digital, wenn man elektronisch meint?

  12. Habe heute mal in zwei zehnten Klassen deinen Blogpost besprochen. Die Diskussionen waren durchaus geteilt. Man sah ein, dass es ablenkt und dass es datenschützerische Probleme gibt. Aber man konnte auch deinem Gedanken folgen, dass Ablenkung im Unterricht ja immer besteht und Interna auch mündlich hinausgetragen werden können (geschieht ja sowieso)
    Wo man als Beispiel das Handy nützlich verwenden kann, blieb aber auch unklar. Viele fänden es cool, wenn man es so nebenbei zum Nachschlagen benutzen könnte. Für alles andere schien es unbrauchbar.
    Dann aber kam natürlich die Sprache auf Tablets und Notebooks. Diesen wiederum wurde eine größere Bedeutung beigemessen.
    Vielen ist das Verbot lästig und sie sind der Meinung, dass eine Freigabe der Nutzung wahrscheinlich auch zu einem Sättigungseffekt führen würde.

    Sehr vielfältig war natürlich auch der unterschiedliche Umgang der Lehrer mit eingeschalteten Handys. In einer Klasse ging prompt nach 20 Minuten eines los…nunja. Ich habs abgenommen, logisch, und es der Schulleitung gegeben, wies bei uns der Fall ist – d.h. ich habs in meinem Büro in die Schublade gelegt. Normalerweise sollten es die Eltern abholen – aber ich gebs ihm so. Es hat den Unterricht nicht gestört und außerdem wars ja zum Thema..

    Hrrrm. naja.

    Was aber wohl grundsätzlich der Unterschied zwischen alt und jung ist: das Handy ist mehr als nur ein Gerät bei den Jugendlichen und es wird als Alltag bewertet, als alltäglicher Gegenstand.

  13. Das Dossier, tommdidomm, habe ich überflogen. Wenn auch Brauchbares drin ist, geht es doch vor allem darum, den Umgang mit dem Handy zu üben. „Sich gegenseitig verschiedene Klingeltöne vorspielen. – Reflexion darüber, warum man einen Klingelton gut oder schlecht findet.“ Na ja. Das Handy/Tablet zum Nachschlagen: jederzeit.

    Handy ist nicht nur alltäglicher Gegenstand, sondern vor allem Statussymbol und Beweis der eigenen Existenz. Manche kommen ohne aus. Andererseits: immer noch besser als Autos. Das Interesse daran bei der Jugend ist zurückgegangen, habe ich gelesen.

  14. Hm, ich habs auch nur überflogen, bin aber eher bei den Handyregeln hängen geblieben und bei der kreativen Nutzung im Unterricht, die, wenn ich richtig gelesen habe, mit drei anderen Sachen verknüpft wird: Umgang mit dem Handy als Werkzeug lernen, Grenzen erkennen und Wissen um grundsätzliche IT-Fähigkeiten erweitern.

    Dass das Interesse am eigenen Auto zurückgegangen ist, habe ich auch gelesen. Aber ich würde wetten, dass sich die Umfragen auf Gegenden beschränken, in denen es S-Bahn-Anschlüsse gibt. Viele meiner Schüler wohnen aber in Gegenden, wo ich froh bin, wenn zu dieser Jahreszeit der Bus durchkommt. Vor einem Jahr habe ich an Schulaufgabentagen eine Schülerin aus dem Nachbardorf persönlich abgeholt.

    Und das mit dem Statussymbol…hm, du magst recht haben, aber es überzeugt mich nicht mehr ganz – ich frage mal meine Klassen morgen. Wichtiger und witziger finde ich die Formulierung „Beweis der eigenen Existenz“. Das wird mein Satz des Tages, ohne Mist. Weil: ist nicht eine der Hauptentwicklungsaufgaben des Menschen, sich seiner Existenz gewahr zu werden? Und: wie machen wir das eigentlich? Lediglich über immaterielle Dinge?

  15. Als Teenager waren Briefe der Beweis meiner eigenen Existenz – ich habe drei oder vier pro Woche geschrieben, zwei bis vier Seiten, und auch gekriegt. Inzwischen habe ich ja ein Blog. :-)

  16. :D Ich habe einen Karton im Keller, da sind ebenso viele Briefe drin….weniger von mir, als die eher die Antworten.

    Was hätten wir nur mit dem Handy gemacht? ;)

    Hrrrm, und ob das Blog ein Ersatz ist? Wahrscheinlich schon.

  17. Im Mathematikunterricht setzte ich bisher regelmäßig Netbooks und Geogebra ein um Funktionen besser veranschaulichen zu können. Sehr häufig wird diese Veranschaulichung auch im Aufgabentext verlangt, bevor weitere Fragen diskutiert werden können: „Zeichnen Sie die Graphen von f unf f‘ mit einem Funktionsplotter……“.
    In diesem Schuljahr wurde ich von einem Schüler der Oberstufe überrascht, der fragte ob er dafür sein Handy verwenden dürfe.
    Sehr schnell lassen sich Funktionen inzwischen auch mit Apps auf dem Handy zeichnen, und der Schüler zeigte seinen Mitschülern folgende App: http://itunes.apple.com/us/app/free-graphing-calculator/id378009553?mt=8
    …..man muss keinen Rechner hochfahren, das Handy ist sofort einsatzbereit und nimmt keinen Platz auf dem Tisch weg. Das ist sehr verlockend und kann nicht nur den Mathermatikunterricht enorm bereichern. Auch bei Hausaufgaben ist eine Kontrolle mit Hilfe des Graphen oft sinnvoll. Es ist auch nicht nötig, dass jeder Schüler ein Handy dabei hat. Eines auf der Bank genügt da schon.

    Ich glaube nicht mehr dass wir ein paar Jahre warten müssen bis die dritte Möglichkeit wie sie Thomas oben beschreibt Realität werden könnte. In meinem Kurs hatten vor 2 Monaten mehr als die Hälfte der Schüler ein Smartphone und Diskounter werben inzwischen mit Preisen ab 100 Euro.

    Diskussionen wie hier sind dringend nötig. Vielleicht hat ja jemand Lust am 8. März in München auf der http://digilern.de eine Session zu diesem Thema anzubieten. Der erste Tag wird im Stil eines Educamp/Bardcamp stattfinden (moderiert von Thomas Bernhardt).
    Die Digilern ist als „Mitmach-Kongress“ geplant, den die Teilnehmer mit gestalten können. Lehrer, Schulen, Klassen und auch Schülergruppen sind aufgerufen ihre Konzepte und Projekte zum Lernen mit digitalen Medien vorzustellen oder sich Inspirationen und Anregungen von anderen zu holen.

    (Das Bild auf der Startseite zum Kongress zeigt die App mit der Funktion: http://wikis.zum.de/digilern/Datei:Handy_rmg2.jpg)

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