Naomi Alderman, The Power

By | 9.11.2017

Titelbild The Power

Ein gutes Buch, aber nicht so gut, wie es sein könnte.
Das heißt, das Buch, das ich nicht lese, aber im Kopf immer noch erwarte, ist eben noch besser – zwei Bücher zum Preis von einem, wie schön!

Die Prämisse dieses Romans: In Folge einer – ausreichend glaubhaft herbeierklärten – Genveränderung entwickeln weltweit alle oder fast alle Frauen die Fähigkeit, elektrische Stromstöße auszusenden, teilweise von großer Stärke.

Und wie Science Fiction so ist, heißt es von da an: Schauen wir mal, wo uns das hinführt – das heißt, eigentlich weiß man vorher schon, wo das hinführen soll: Wie sähe die Welt aus, wenn plötzlich ein Geschlecht sehr viel mächtiger als das andere wäre? Aber eigentlich ist das auch nicht die Frage, weil die Antwort kennen wir ja schon – in so einer Welt leben wir ja. Also nochmal: Das Buch zeigt, in welcher Welt wir leben, indem die Rollen umgedreht werden. Damit ist es vielleicht doch weniger Science Fiction und mehr Gesellschaftsabbild.

Anhand von fünf Hauptpersonen wird die Geschichte erzählt vom ersten Auftreten dieses Phänomens, über die ersten Reaktionen, erste kleine Veränderungen im Machtverhältnis, Revolutionen in Saudi Arabien und Moldawien, bis hin zu… es kann nichts Gutes sein, was da kommt, und das weiß man schon am Anfang. Die Kapitel überschrieben sind mit „Noch zehn Jahre“, „Noch neun Jahre“, „Noch acht Jahre“. Das geht nicht gut aus. Es gibt auch etliche brutale Szenen, wenn auch noch innerhalb der Schullektürenzumutbarkeitsgrenze.

Ich war beim Lesen mancher Stellen versucht zu sagen, dass, ja, das Prinzip der Umkehrung habe ich schon verstanden, aber das ist jetzt doch ein wenig übertrieben… aber natürlich ist da nichts dabei, was nicht in unserer Welt mit den herkömmlichen Vorzeichen tatsächlich so der Fall ist. Es geht lediglich vielleicht ein wenig Herr-der-Fliegen-artig schnell mit dem Wandel der Verhältnisse. Wo doch Frauen von Natur aus ja eigentlich das empathischere, friedlichere Geschlecht sind.

Nach den ersten enorm spannenden fünfzig Seiten war das Buch immer noch spannend zu lesen, aber nicht mehr so ganz interessant für mich wie am Anfang. Der Grund: Ich mag diese weit verbreitete Erzählweise mit zwei oder vier, oder hier auch mal fünf, Hauptpersonen nicht, aus deren Sicht abwechselnd die Kapitel erzählt werden. (In den jungen Jahren meines Blogs habe ich mal den Tipp gegeben, dass zumindest manche solcher Bücher eine interessantere Leseerfahrung bieten, wenn man dann tatsächlich nur jedes zweite oder dritte Kapitel liest.)
Die Erzähldistanz ist damit notgedrungen auch immer sehr gering, es wird also nicht im Rückblick der Personen erzählt, nicht über der Handlung stehend, sondern beständig mittendrin, kein auktorialer Erzähler kommentiert – da könnte ich gleich einen Film anschauen. (Und natürlich ist der Stoff bereits verkauft, das schreit gerade zu nach einer Fernsehserie.)

Interessant ist die Erzählweise dann, wenn sie dann doch einmal von diesen fünf Fokuspersonen wegkommt. Diese sehen immer wieder mal Schnipsel einer kleinen Frühstücksfernsehsendung im Hintergrund, mit zwei Moderatoren, weiblich und männlich, am Anfang nur als Teil der Informationsvermittlung, was aktuelle Geschehnisse betrifft, dann verändert sich – erst subtil, dann weniger – das Verhältnis zwischen den beiden Moderatoren. Das hat mir gefallen. (Das erste Mal habe ich die Technik, Informationen über die Welt und Handlung unaufällig-auffällig außerhalb der unmittelbaren Handlung zu platzieren, übrigens beim Film RoboCop bemerkt, dort allerdings als Werbung. Artikel dazu.)

Außerdem gibt es zwischen den Kapiteln Illustrationen zu archäologischen Objekten, mit erläuternden Kommentaren dazu. Diese Objekte stammen sowohl vor als auch nach unserer Gegenwart; sie werden aber jedes Mal als Artefakte aus ferner Vergangenheit dargestellt, über deren Funktion man sich nicht sicher ist. Das Motiv des angebissenen Apfels, das wohl auf vielen Artefakten erscheint und zur Eva-Apfel-Paradies-Symbolik im restlichen Buch passt, kann unserereiner heute leichter zuordnen als die späteren Archäologen. — Diese Illustrationen schwanken zwischen lustig und bitter. Bei der male genital mutilation dachte ich zuerst auch, dass das schon etwas übertrieben ist, bis ich mich erinnerte, dass, na ja, doch nicht.

Aus dieser Perspektive einer Kultur, die sich nach irgendeiner großen Katastrophe nur dunkel an unsere Zeit erinnert, sind auch die ersten und letzten Seiten des Romans geschrieben. Der beginnt nämlich mit einem Brief des Autors Neil an seine Lektorin Naomi, begleitend zu seinem neuesten Manuskript – dem phantasievollen historischen Roman The Power eben. Und diese Korrespondenz ist mit das beste am Buch: Neil ist vorsichtig, sich zurücknehmend, klein machend; Naomi gönnerhaft dominant. Sie bezweifelt ein bisschen die historische Korrektheit solcher Konzepte wie „male soldiers“ und „boy crime gangs“ und vermutet, dass die nur als erotische Spannungselemente im Buch sind. Dazu kommt, dass sie sich das Geschehen so nicht recht vorstellen wird – wäre schließlich eine Welt, die von Männern beherrscht wird, nicht eine friedlichere Welt? Die wenigen Patriarchate, für die es historische Belege gibt, waren jedenfalls alle friedlich – kein Wunder, sprechen doch evolutionspsychologische Gründe dafür, dass Männer (für schwere Arbeit am Heim zuständig) kooperativer, freundlicher, sanfter sind als Frauen (die doch ihre Kinder beschützen müssen).

Fazit: Ideal für eine Fernsehserie, aber Serien schaue ich nicht. Die würde mich nur dann interessieren, wenn der dokumentarische Aspekt hervorgehoben wäre, also die Perspektive der späteren Zukunft. Trotzdem große Leseempfehlung.

4 thoughts on “Naomi Alderman, The Power

  1. Michael Brenner

    Klingt ja gut! Und du meinst, es sei schullektürentauglich? (Frage für einen Freund, genauer gesagt eine Gattin.)
    Wie bist du denn darauf gekommen, das zu lesen? Ich bin dem Titel neulich schon mal irgendwo begegnet, ich glaube, weil es als das „Handmaid’s Tale for 2017“ beblurbt wurde. Das allein hat mich noch nicht so neugierig gemacht, aber deine Besprechung jetzt schon.

  2. Herr Rau Post author

    Schullektürentauglich… ja, zumindest müsste es interessanten Gesprächsstoff geben, und einzelne Stellen sind brauchbar für die Analyse. Es ist manchmal brutal, aber bei weitem nicht so sehr wie befürchtet oder wie es sein könnte. Ab der zehnten Klasse.

    Darauf gekommen bin ich einmal über Frau Rau, die das Buch gekauft und vor mir gelesen hat. Aber Naomi Alderman kenne ich eh über Zombies, Run!, da fällt mir ihr Name gleich auf, und im Web war ich wahrscheinlich schon auf eine Besprechung im Guardian oder so gestoßen.

  3. Herr Rau Post author

    Danke für den Link zu mir, habe gleich selber wieder reingeschaut und mich an dem Ausschnitt aus Radioactive Dreams erfreut.

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