Lesetipp: Nur jedes zweite Kapitel

Viele Bücher, gerade im Abenteurergenre, haben zwei mehr oder weniger unabhängig voneinander agierende Heldentruppen. (Genre heißt für mich: Mein Interesse liegt nicht an der Sprache oder an den Charakteren, sondern am Fortgang der Handlung. Raymond Chandler gehört für mich also nicht zu Genreliteratur.) Die eine Gruppe versucht mit Elefanten und Lasern die Palastwache des Sultans abzulenken, und die andere gräbt mit Hilfe der Kobolde einen Geheimgang durch das Reich der Zwerge. Oder so ähnlich.

Nachdem ich vor vielen, vielen Jahren schon einmal Mona Lisa Overdrive von William Gibson gelesen hatte, habe ich vor einigen Jahren das Buch noch einmal gelesen, ich wiß auch nicht, warum. Das ganze Buch war mir aber zuviel, und nachdem es auch in Mona Lisa Overdrive zwei solcher Handlungsstränge gibt, habe ich nur den einen Handlungsstrang gelesen. Das war der, in dem es um die Figur Kumiko geht, mit der der Roman auch beginnt: Kumiko fliegt aus ihrer Heimat in eine etwas ungewisse Zukunft in London. Die Welt dort ist ihr ziemlich fremd, wenn ich mich recht erinnere, und so eignet sie sich als Identifikationsfigur für den Leser, dem die Welt der Zukunft ebenso fremd ist. Kumiko kriegt wenig vom Geschehen mit, erst spät im Buch treffen die beiden Heldengruppen aufeinander.
Und da hat es zumindest beim Wiederlesen mein Lesevergnügen enorm erhöht, dass auch ich nicht mehr mitgekriegt habe als Kumiko. Und das hat sehr gut funktioniert.
Bei 45 Kapiteln von Mona Lisa Overdrive sind das übrigens die Kapitel: 1, 5, 9, 14, 17, 22, 26, 29, 32, 34, 37, 41 und 44, also nicht mal ein Drittel des Buches.

Fragt sich nur, warum Gibson das Buch nicht gleich auf ein Drittel gekürzt hat. Oder für jeden Handlungsstrang ein eigenes Buch geschrieben hat.

Außerdem habe ich das noch gemacht mit Magic Time von Kit Reed (deutsch: Magische Zeit, ein mittelalter Heyne-Schmöker) . Das hat ebenfalls und aus den nämlichen Gründen gut funktioniert, aber das Buch kennt wohl kaum einer.
Ich bin sehr interessiert an anderen Büchern, bei denen das auch funktioniert.

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4 Thoughts to “Lesetipp: Nur jedes zweite Kapitel

  1. Ich könnte hier Iain Banks: walking on glass empfehlen. Die Geschichte von Graham und Sara ist eine von drei, die in diesem Buch vorkommen. Graham ist rettungslos verliebt in Sara; er läuft zu Fuß durch das London der 80er Jahre zu einem Treffen mit ihr und erinnert sich unterwegs an verschiedene Episoden aus ihrer gemeinsamen Zeit. Am Ende des Buches wird er bei ihr angekommen sein, der Leser wird viel über seine Hoffnungen erfahren haben, doch ob sich alles zum Guten wenden wird?

    Iain Banks ist so nett und wechselt die drei Geschichten in strengen Rhythmus ab, jedes dritte Kapitel handelt also von Sara und Graham. Somit hat man drei Bücher in einem, am Schluß werden sie auf intelligente Weise verknüpft. Nur – Banks ist ein Erzähler von grausamen, teilweise ekligen Geschichten, er mutet dem Leser einiges zu, das muss man wissen.

  2. Merci. Ich hab schon eine ganze Menge von ihm gelesen; nur ganz manchmal ist er mir zu grauslich.

  3. don delillo, libra (mein favorit) und underworld. ich mache das so, dass ich beim ersten mal alles lese und beim wiederlesen tatsächlich stränge. allerdings denke ich in diesem fall, dass die mehrsträngigkeit künstlerisch wertvoll ist bzw. so aufgefasst werden sollte. (oder war die frage jetzt gar nicht auf „hochliteratur“ bezogen?)

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