Neil Gaiman, American Gods


Von Neil Gaiman habe ich schon Coraline gelesen, und die Sandman-Serie, Neverwhere und seine Koproduktion mit Terry Pratchett, Good Omens.

Die Prämisse von American Gods ist folgende: Mit den Einwanderern kamen auch deren Götter nach Amerika, oder genauer: Die Götter wurden in Amerika noch einmal neu geboren. Diese Götter sind abhängig davon, dass an sie geglaubt wird. Und so fristen Odin, Anubis, irische Kobolde und eine Vielzahl von anderen Göttern ein meist eher kärgliches Dasein. Amerika sei kein gutes Land für Götter, meinen einige der Beteiligten.
Vor allem gibt es eine Reihe von aufstrebenden neuen Göttern. American Gods ist die Geschichte des großen Kampfes zwischen den alten und den neuen Göttern. Die alten Götter sind müde und unorganisiert, sie müsssen erst zum Kampf überredet werden, was einen Großteil der Handlung ausmacht. Geschildert wird alles aus dem Blickwinkel eines einfachen Menschen. Der einfache Mensch heißt lediglich „Shadow“. So einfach kann der also doch wieder nicht sein. Später gibt es zwar eine Erklärung dafür, dass die Hauptperson nur unter diesem Namen läuft. Aber das reicht mir nicht: Wenn ich die Hauptperson in einem Buch, das nach der Pulp-Ära entstanden ist, ernst nehmen soll, dann darf sie nicht „Shadow“ heißen.

Ähnlich wie in Silverlock (deutsch leider: Die Insel Literaria) von John Myers Myers (wozu ein Eintrag schon lange fällig ist) ist die Welt des Buches bevölkert von mythologischen Gestalten. Bei Silverlock sind das aber konsequenterweise Figuren aus den schriftlichen oder nichtschriftlichen Geschichten der Menschheit: Götter, Sagengestalten, legendäre Gestalten, aber auch Helden der mittelalterlichen oder neuzeitlichen Literatur: Davy Crockett, Faust, Shakespeares Falstaff, Balzacs Goriot, Poes Usher. Auch in Silberlock gibt es einen einzelnen Menschen, der in diese irre Welt gerät.

In American Gods gibt es ebenfalls eine Fülle an mythologischen Gestalten, wenn auch bei weitem nicht den Reichtum von Silverlock. Die meisten davon kannte ich; von den wichtigsten war mir nur der slawische Czernobog beziehungsweise Bielebog (auch: Belobog) kein Begriff.
Diese Gestalten sind aber in drei Gruppen eingeteilt, die sich auch nicht mischen. Das legt nahe, dass es zwischen diesen drei Gruppen grundsätzliche Unterschiede gibt, und eben das gefällt mir nicht.

Den Großteil der Gestalten machen die vielen aus Europa, Asien, dem Pazifikraum und Afrika importierten Götter aus: Odin, Anansi, Kali, Czernobog, Gorgonen, Ganesha und viele, viele mehr.

Daneben gibt es die neuen Götter, mit denen sie sich bekriegen. Auch diese neuen Götter brauchen den Glauben der Menschen, um zu überleben. Sie sind einer der Pluspunkte im Buch, aber sie tauchen leider nur am Rande auf: Es gibt Media, die aussieht wie eine Fernsehsprecherin (und die durch Charaktere in Fernsehserien sprechen kann), es gibt die Men in Black, es gibt Tech Kid, der picklige zukunftsgläubige Computerspezialist. Und das war’s fast schon.
Gut ist, wie Gaiman mit dieser Idee spielt. Die Helden flüchten mit dem Auto quer durch die USA, können aber die Autobahnen nicht benutzen – because they „don’t know which side the freeways are on“.
Gut ist auch die Erklärung für die in den USA so verbreiteten Roadside Attractions: Sie sind „places of worship“, magische Orte, an denen früher Kathedralen oder Steinkreise gebaut worden wären, und wo es jetzt Leute hinzieht, die dort irgendwelche größten Garnknäuel der Welt oder den Eiffelturm aus Streichhölzern aufstellen. Und wo Vorbeifahrende auf magische Art und Weise anhalten.
Gut sind vor allem weitere der neuen Götter, die jedoch leider alle nur in Nebensätzen bei der großen Schlacht zum Ende des Buches erwähnt werden: die Automobilgötter, denen Menschenopfer dargebracht werden wie keinem Gott seit der Zeit der Azteken; der Eisenbahnbaron (dem es allerdings nicht mehr so gut geht); eine Droge (das vermutet der Held jedenfalls, weil der Sprecher so funkelt und schimmert).

Die dritte Gruppe ist kleiner und besteht aus den Gestalten, die nicht teilnehmen am Kampf zwischen den neuen und den alten Göttern. Da ist zum einen „Whiskey Jack“ – von „Whiskey John“, über Cree „wiiskachaan“; noch heute heißt der Grau- oder Kanadahäher „Whiskey Jack“ (Perisoreus Canadensis). Er ist einer der beiden einzigen Nichtgötter, die beide auch als einzige nicht an dem Kampf teilnehmen, obwohl sie darum gebeten werden. Whiskey Jack ist ein indianischer Held; er bezeichnet sich selbst nicht als Gott, sondern als „culture hero“ – als archetypischer Trickster. (Letztlich ist aber Loki eben solch ein archetypischer Trickster, ähnlich wie der Lichtbringer der Genesis, oder der griechische Prometheus, oder der afrikanische Anansi – und zumindest Loki und Anansi dürfen bei Gaiman mitspielen.)
Der zweite ist Apple Johnny/John Chapman: „Johnny Appleseed“ ist eine Figur der amerikanischen Folklore, die auf dem historischen John Chapman basiert. Die Folklore will es, dass zu Pionierzeiten John Chapman durch den Westen zog und überall Apfelbäume pflanzte für die Zukunft. Natürlich ist das historisch nicht korrekt, aber die mythologische Gestalt ist da – und beklagt sich in American Gods bitterlich über eine weitaus populärere Gestalt der amerikanischen Folklore, Paul Bunyan, den mächtigen Holzfäller. Und das, obwohl Paul Bunyan 1910 von einer Werbeagentur erfunden wurde und damit gar keine echte Folklore darstellen würde, sagt Gaimans John Chapman. (Aber macht das wirklich einen Unterschied – zumal Paul Bunyans Ursprung in einer Werbeagentur heute ziemlich vergessen ist? Existiert Paul Bunyan in Gaimans Welt?)

Warum kämpfen die beiden nicht mit? Weil sie die einzigen sind, die keine Götter sind? (Wieso tauchen dann nicht mehr ihrer Art auf?) Liegt es daran, dass Whiskey Jack (Beziehungsweise „wiiskachaan“) und Johnny Appleseed originär amerikanische Mythen sind? (Aber das sind die „Men in Black“ doch auch?) Vielleicht gibt es auch einfach unter den mythologischen Gestalten vernünftige und weniger vernünftige.

Insgesamt ist das Buch zu dick. Es wird viel gereist, aber trotzdem bekommt man keinen Eindruck vom nordamerikanischem Kontinent als Raum. Die Reisen sind zu ziellos, zu willkürlich. Es gibt viele Schauplatzwechsel, viele Personen, aber alle wirken beliebig. Leben gewinnt nur die liebevoll gezeichnete Kleinstadt Lakeside, die für die Haupthandlung nebensächlich ist. Es entsteht, von einzelnen sehr phantasiereichen Gedanken abgesehen, kein Eindruck einer neuen oder alten amerikanischen Götterwelt. Dazu kommt noch „Shadow“, ein Bilderbuchheld: Markig; nach den ersten Kapiteln ohne nachvollziehbares Innenleben; mit plötzlichen Eingebungen, die die Handlung vorantreiben.

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3 Thoughts to “Neil Gaiman, American Gods

  1. Hallo Herr Rau, ich hab zwar keine Ahnung mehr, wie ich auf Ihr Blog gestossen bin, bin seither jedoch ein treuer und regelmässiger Besucher, und freue mich sehr, Ihnen mitzuteilen, dass ich dank Ihrer Buchrezensionen schon auf den einen oder anderen mir zuvor unbekannten Autor gestossen bin (z.B. Neil Gaiman – ich lese gerade „Good Omens“ auf Englisch, von Terry Pratchett habe ich jedoch schon zuvor einiges gelesen). Es ist ausserdem sehr interessant, die Schulwelt mal aus „der anderen Sicht“ zu sehen und es ist beruhigend zu wissen, dass es so engagierte Lehrer wie Sie gibt.
    Liebe Grüße aus Wien, Henderson

  2. Vielen Dank, Henderson. Ich schreibe das zwar auch für mich, und für einige ganz wenige Leute, von denen ich weiß, dass sie ab und zu mitlesen – aber es ist natürlich schon schön, wenn das auch andere Leute lesen, und ein Anreiz, weiter fleißig Einträge zu schreiben. Ich freue mich sehr über jeden Kommentar.
    Nach den Sommerferien kann ich hoffentlich wieder mehr aus der Schulwelt erzählen.

    („würde ich nicht mehr vor meinen problemen davon laufen, würde ich ja gar keine bewegung mehr machen…“ – das musste ich gleich jemandem im nächsten Zimmer erzählen)

  3. Danke für den Hinweis auf Silverlock. „American Gods“ hat mir zwar nicht ganz so gut gefallen wie „Neverwhere“, ist aber dennoch so gutes Lesefutter, dass die Empfehlung lohnt. Übrigens empfehle ich Gaiman gerne Leuten, deren englisch nicht so gut ist; seine Sachen sind auch mit beschränktem Wortschatz gut zu verstehen, finde ich.

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