Gelesenes und Gehörtes (Schnitzler, Eichendorff)

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Arthur Schnitzler, Traumnovelle

(Hörbuch.) Das kennt man durch die Kubrick-Verfilmung Eyes Wide Shut. Der Traum im Titel bezieht sich einmal auf einen fantasyhaften erotischen Traum Albertines, in dem sie ihrem Mann Fridolin untreu ist, und auf anderthalb traum-hafte Nächte, die Fridolin erlebt. Dabei schleicht er sich auf die Veranstaltung einer Geheimgesellschaft, die Bälle mit nackten Frauen organisiert, und wird nach seiner Entdeckung von einer maskierten (und sonst nackten) Dame ausgelöst. Am nächsten Tag ist der Musiker, der ihn auf den Ball gelotst hat, von zwei kräftigen Männern besucht worden und seitdem verschwunden; eine Frau aus der Gesellschaft, die vielleicht Fridolins Retterin war, hat sich umgebracht.

Man fragt sich: Gib t es da noch kein Prequel dazu, das die Geschichte der maskierten Frau erzählt, die Geschichte der Geheimgesellschaft, des Musikers, der Tochter des Kostümverleihers? All diese Zusammenhänge bleiben unerklärt. Das ist reizvoll bei einer Geschichte, aber so eine Geheimgesellschaft reizt doch zum Einbau in eine Dracula-in-Wien-Trvialgeschichte.

Am Ende erzählt Fridolin Albertine sein nächtliches Abenteuer, tut aber so, als wäre das ein Traum gewesen. Heißt das dann im Umkehrschluss, dass die abenteuerliche Geschichte, die Albertine ihm zuvor als Traum erzählt hat, auch einen wahren Kern hat? War am Ende doch sie die geheimnisvolle Nackte auf dem Ball?

Thomas Burnett Swann, Prinzessin der Haie (1971)

Gelesen als Terra Fantasy Taschenbuch Band 68. Ein schlechtes Buch. Aber ein Buch, das kein typisches Terra-Fantasy-Abenteuer ist, sondern das ein traditioneller Roman (mit Fantasy-Elementen) sein möchte, und das rechne ich ihm an.

Die Handlung spielt im ausgehenden 19. Jahrhundert. Der neunzehnjährige Charlie wird Hauslehrer für ein junges Mädchen auf einer privaten Karibikinsel und beginnt eine sexuelle Beziehung zu dessen deutlich älterer Mutter. Die hat aber gleichzeitig eine Beziehung zum eingeborenen Aufseher, der auch Vater des Mädchens ist, und der die ganze Idee mit dem Hauslehrer hatte – weil dieser mit dem Mädchen einen Nachfolger für den Aufseher zeugen soll, der einer Linie von mythologisch-magischen AHnen entstammt. Nicht Vodoo, aber ähnliche Schwimmungen; auch sonst erinnert das Buch an White Zombie (1932) mit seinem unbekümmerten Rassismus. Erzählt wird der Roman von einem Delphin.

Ungewöhnlich an dem Buch ist die Fülle, ja Unmenge von Zitaten von englischen Autoren und Autorinnen vor allem des 19. Jahrhunderts. Die Inselbesitzerin und der Hauslehrer hantieren ständig mit Shakespare, Malory und Milton, mit Keats, Byron, Wordsworth (tatsächlich waren Kenntnisse dazu Bedingung für die Einstellung), mit Robert und Elizabeth Barrett Browning. Gothic Novels werden in Form von The Castle of Otranto und Northanger Abbey angerissen – nicht aber Jane Eyre. Das ist deshalb erwähnenswert, weil sich Charlie ja in einer ähnlichen Position befindet wie Jane (nämlich als Lehrkraft für eine junge Schülerin, mit einem einzelnen Elternteil, das ein dunkles Geheimnis bewahrt), und weil fünf Jahre vor Swanns Roman ein revolutionäres Prequel zu Jane Eyre erschien, nämlich Wide Sargasso Sea von Jean Rhys. Das spielt ebenfalls auf einer Karibikinsel und erzählt die Hintergrundgeschichte von Rochesters erster Frau und ist ungemein interessanter as Swanns Roman, wenn auch weniger zugänglich.

Eichendorff, Eine Meerfahrt

Der Seemann Alvarez und der Student Antonio fahren in die neue Welt, natürlich mit Schiff und Besatzung. Ein Hintergedanke Antonios ist dabei, Neuigkeiten vom vor Jahren in der neuen Welt verschollenen Onkel Don Diego zu erfahren.

Sie landen auf einer Insel und legen sich mit den unfreundlichen Eingeborenen an, die eine Frau als Göttin oder Zauberin verehren (weil Eichendorff: als Frau Venus bezeichnet). Die heißt Alma, spricht etwas Spanisch, und mit ihr fliehen sie zur nächsten Insel. Dort treffen sie einen alten spanischstämmigen Einsiedler, der erzählt, wie er vor langer Zeit mit einem Schiff auf einer Insel sich mit unfreundlichen Eingeborenen anlegte, die eine Frau als Göttin oder Anführerin hatten. Alma ist deren Nichte, der Einsiedler ist Don Diego, der verteilt sein Gold an die Abenteurer, die daruafhin beschließen, dass ihnen das reicht und sie lieber zurück nach Spanien wollen.

So beschlossen sie alle einmütig, die neue Welt vorderhand noch unentdeckt zu lassen und vergnügt in die gute alte wieder heimzukehren. – Diego schüttelte halb unwillig den Kopf. »So«, sagte er, »hätte ich nicht getan, als ich noch jung war.«

Der alte Diego bleibt demnach auch auf seiner Insel zurück, als letzter Romantiker, der sich vor dem Biedermeier geschlagen gibt?

Die Erzählung wurde erst nach dem Tod Eichendorffs veröffentlicht. Wie bei Swann sind die Einwohner der Karibik erst einmal bösartig. Interessant: Endlich einmal die Neue Welt in der deutschen Romantik. Die müsste doch eigentlich naheliegend als Traum-Ziel sein, aber sonst fällt mir nur „Haimatochare“ von E.T.A. Hoffmann ein, eine Parodie, und natürlich Kleists „Erdbeben in Chili“ und vor allem „Die Verlobung in St. Domingo“, beides zwar zeitgleich zur Romantik, aber keinesfalls romantisch.

Eichendorff, Die Glücksritter

Den Musiker Klarinett verschlägt es mit dem Studenten Suppius auf ein vage unheimliches Schloss, wo sie für Edelleute gehalten werden. Klarinett erzählt der mit ihm behutsam flirtenden Schlossherrin Euphrosyne eine Sage „von einem verzauberten Schlosse des Grafen Gerold“, bei dem ein Ringträger einst ein Wiederauferstehen bewirken soll. Nach der Erzählung entdeckt Klarinett das Gerold-Wappen am Schloss, außerdem trägt er selber einen Ring unbekannter Provenienz – soll die Sage gar wahr werden?

Die Schlossherrin Euphrosyne und Klarinett wollen heiraten. Am Ende schlägt Klarinett aber „ein Schloß, drei Weiler, vier Teiche und fette Karpfen und Untertanen und Himmelbett“ aus und zieht wieder auf Abenteuer los – und das hat er gut getan, weil sich Euphrosyne als eine Hochstaplerin herausstellt, die illegal ein verlassenes Schloss des Grafen Gerold besetzt hat und nur auf das Geld des vermeintlich reichen Klarinett aus war.

Genervt hat mich die Atemlosigkeit der etwas lieblos und mechanisch wirkenden langen Satzreichen von Eichendorff:

Da trat aber plötzlich ein langer Mann in einem zottigen Mantel um die Ecke, wie ein Tanzbär in Stiefeln, der faßte, ohne ein Wort zu sagen, den einen Häscher am Genick, den andern an der Halsbinde, warf den dahin, den dorthin, riß dem dritten seine Stange aus der Hand und versetzte damit dem vierten, der etwas dick war und nicht so geschwind entspringen konnte, einen Schlag über den breiten Rücken, und in einem Augenblick war alles auseinandergestoben und der Platz leer.

Das ist ein- oder zweimal ganz nett, ich hatte mir das notiert als Beispiel für Parataxe für den Unterricht, aber das kommt dann so oft, dass es seinen Reiz verliert.

Exkurs: Rehe bei Eichendorff

Weil mir die vielen Rehe bei der Lektüre von „Eine Meerfahrt“ aufgestoßen waren und sie mir in „Die Glücksritter“ gleich wieder begegneten, habe ich mal die Verwendung von Rehen in den fünf Erzählungen Eichendorffs, die ich kenne (einige wenige weitere sind zu lange her), herausgesucht.

Das geht mit:
unzip -p taugenichts.epub | grep -a "Reh" > taugenichts.txt

Man kann natürlich auch im Ebook-Reader der Wahl nach „Reh“ suchen und die Stellen manuell herauskopieren.

Aus dem Leben eines Taugenichts

  • Das Mädchen war bei dem ersten Geräusch wie ein Reh davongesprungen und im Dunkel verschwunden.
  • Unterdes war die schöne gnädige Frau vor dem Rumor heimlich entsprungen und flog wie ein aufgescheuchtes Reh über den Rasen tiefer in den Garten hinein.

Fazit: Wenig Rehe, und nur metaphorische. Schon okay, aber eines können wir streichen, das ist doppelt.

Das Marmorbild

  • Als sie die Zweige hinter sich rauschen hörte, sprang das schöne Bildchen rasch auf, steckte die Larve vor und floh, schnell wie ein aufgescheuchtes Reh, wieder zur Gesellschaft zurück.

Fazit: Ein metaphorisches Reh.

Die Entführung

  • Jetzt, um eine Hecke biegend, sah er auf einmal das ganze Schloß vor sich, mitten im Grün, als wollts in alle Fenster steigen; auf der steinernen Rampe vor der Saaltür, vom Abendrot beschienen, saßen eine ältliche Dame und eine schlanke Mädchengestalt am Stickrahmen, ein zahmes Reh graste neben ihnen in der schönen Wildnis, alle drei den Ankommenden erstaunt betrachtend.

Fazit: Ein echtes Reh, zahm. Die Mädchengestalt ist die Gräfin Diana, die wie ihr mythologisches Vorbild Männer meidet und gerne auf die Jagd geht. Da passt das Reh, zumal es in Ruhe ist und nicht gleich aufspringt wie sonst immer. Überhaupt, eine lesenswerte Erzählung (Blogeintrag).

Eine Meerfahrt

  • Soll Fortuna mir behagen,
    Will ich über Strom und Feld
    Wie ein schlankes Reh sie jagen
    Lustig, bis ans End‘ der Welt!«
  • Fremde Rehe grasten auf einem einsamen Bergeshange, die reckten scheu die langen schlanken Hälse empor, dann flogen sie pfeilschnell durch die Nacht, daß es noch weit zwischen den stillen Felswänden donnerte.
  • Rehe weideten auf den einsamen Gängen, an den Bäumen schlangen sich üppige Ranken wild bis über die Wipfel hinaus, von wunderbaren hohen Blumen durchglüht.
  • Da brach plötzlich ein Reh neben ihm durch das Dickicht, er zog schnell seinen Degen.
  • Wo die wilden Bäche rauschen
    Und die hohen Palmen stehn,
    Wenn die Jäger heimlich lauschen,
    Viele Rehe einsam gehn.
    Bin ein Reh, flieg durch die Trümmer
  • Alma war recht zu Hause hier, sie sprang wie ein Reh von Klippe zu Klippe und half lachend dem steifen Alvarez, wenn ihm vor einem Sprunge graute.
  • Unterdes hatte der Morgen ringsum alles vergoldet und funkelte lustig in den Gläsern und Waffen, ein Reh weidete neben ihnen, und schöne, bunte Vögel flatterten von den Zweigen und naschten vertraulich mit von dem Frühstück der Fremden.

Fazit: Drei Stellen in Gedichten; ein metaphorisches Reh (aber diesmal nicht schreckhaft, sonder trittsicher); drei Rehe im Wald, die für die Unberührtheit der Natur stehen. Zu viel, zu viel!

Die Glücksritter

  • Zwischen den Bäumen aber flog das erste halbe Morgenlicht schon schräg über den luftigen Rasen, ein paar Rehe, die in der Nacht mit den Pferden geweidet, schlüpften raschelnd durch die Dämmerung tiefer in den Wald zurück, sonst war noch alles still.
  • ein andrer lag daneben und sah ihm verächtlich zu, den Arm stolz in die Seite gestemmt, daß ihm im Mondschein der Ellbogen aus dem Loch im Ärmel glänzte, während weiterhin zwei holkische Jäger soeben durch das Dickicht brachen und ein frischgeschossenes Reh herbeischleppten.
  • und derweil rauscht der Wald draußen und schilt mich, und die Rehe gucken durch den Gartenzaun und lachen mich aus – ja Wald und Rehe, als wenn das alles nur so zum Einheizen und Essen wär!
  • Manch zackiges Schloß steht darinne,
    Die Rehe grasen ums Haus,
    Da sieht man weit von der Zinne,
    Weit über die Länder hinaus –

Fazit: Keine metaphorischen Rehe; ein lyrisches Reh; ein flüchtendes Reh; eines – das ist neu – als Jagdeute; und einmal lachende Rehe. Dennoch, immer noch zu viel.

Vorschalg: „Rehgrenze“ als Fachbegriff

Kann man also sagen: Je weniger Rehe, desto besser der Eichendorff? Oder wenigstens eine Rehgrenze einführen, ab der Eichendorffins Klischee abrutscht, so um die drei pro Erzählung?


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Ein Kommentar zu „Gelesenes und Gehörtes (Schnitzler, Eichendorff)“

  1. Anne

    Und irgendwo weidete ein Reh.
    (scnr)

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