Gehört und gelesen: Podcasts & Superhelden 2

Der zweite Podcast aus den letzten Tagen ist Escape Pod – ein kommerzieller Science-Fiction-Podcast mit einer Kurzgeschichte pro Woche und ein paar Minuten redaktionellem Beitrag, ein SF-Audio-Zine sozusagen. Vorgelesen werden die Geschichten von erfahrenen Sprechern.
Die Texte stehen unter einer Creative-Commons-Lizenz (attribution/no derivatives/non-commerical): Man muss die Quelle nennen, darf kein Geld damit verdienen und das Material nicht bearbeiten, also etwa ausschneiden oder abschreiben. Aber man darf es weitergeben, kopieren, verteilen, auf seine Webseite stellen, verschenken.

Das alles ist kostenlos, aber wem es gefällt, der darf gerne bei PayPal spenden. Fünf Dollar pro Monat werden vorgeschlagen. Autoren kriegen pro angenommener Geschichte immerhin 100 Dollar. (Auf der Seite steht noch etwas von 50 Dollar, aber im letzten Podcast wurde die Erhöhung der Summe bekannt gegeben.)
Ich habe mal 20 Dollar gezahlt. Ob das ein realistisches Geschäftsmodell ist, weiß ich nicht; es ist auch nicht mein Problem. Jedenfalls sind diese zwanzig Dollar schon mal Geld, das sie von mir gekriegt haben, das sie sonst nie gesehen hätten. (Hätte ich auch gespendet, wenn ich das hier nicht posten würde? Hm.)

Und ich habe dafür Science-Fiction-Kurzgeschichten gehört. Kurzgeschichten lese ich sonst fast keine mehr. Ihre große Zeit ist seit den 1950er Jahren wohl vorbei, ob Science Fiction oder nicht. Aber vielleicht kommt durch Podcasts und MP3-Player eine Renaissance: Denn für dieses Format sind Kurzgeschichten bestens geeignet. Romane möchte ich eigentlich nicht als Podcast hören, ich mag kurze Podcasts viel lieber als lange.

Eine Reihe von Geschichten hat mir besonders gefallen: Die Union-Dues-Geschichten, und damit komme ich endlich zu den Superhelden. Wenn man auf Escape Pod nach dem Autor, Jeffrey R. DeRego sucht, findet man die Union-Dues-Geschichten “The Baby and the Bathwater”, “Off-White Lies”, “Iron Bars and the Glass Jaw”. Die Geschichten spielen in einer Welt, in der Superhelden zum Alltag gehören. Sie sind wenig beliebt bei den normalen Menschen und gehören alle zur Superhelden-Gewerkschaft – wer da nicht mitspielen will, muss ins Hochsicherheitsexil. In den Geschichten geht es um Superheldenalltag und rechtliche und moralische Probleme: Eine Repräsentantin der Gewerkschaft will bei einer Familie den zweijährigen Sohn mitnehmen, dessen Superfähigkeiten sich manifestieren. Elektrische Schläge. Früher oder später wird er die Eltern versehentlich umbringen. Trotzdem weigern sie sich, den verlockenden Worten der Superheldin zu folgen (deren Eltern selbst damals nicht so sehr an ihrem Kind hingen).

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In den letzten fünfzehn Jahren hat es einige dieser Geschichten gegeben, die den Alltag der Superhelden untersuchen oder genauer hinschauen, wie eine Welt mit Superhelden wohl funktionieren würde. Eine der ersten war Damage Control von Marvel Comics, zuerst eine einzelne Geschichte, dann eine Reihe von Miniserien über die Firma “Damage Control”: Das sind die Leute, die nach den großen Kämpfen zwischen Helden und Schurken in New York aufräumen. Mit Bulldozern und Kränen, Architekten, Gutachtern und jeder Menge Anwälte werden herumliegende Riesenroboter entsorgt. Ein gefährlicher Job, immer wieder kommt es zu Unfällen, wenn ein Arbeiter über ein außerirdisches Artefakt stolpert und selber zum Superhelden mutiert. “We lose more employees this way…” (seufzend, Zigarre kauend, bei Zentrale anrufend) “One of my men just had an origin.”

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Dann gibt es noch Top 10 von Alan Moore. Die Prämisse: Jeder, aber auch wirklich jeder in der Stadt hat Superkräfte (und ein Kostüm). Der Rest ist pure Polizeiserie: Eine Crew von Polizisten versucht, Recht und Ordnung aufrecht zu erhalten. Korrupte Vorgesetzte, neue Kollegen, Probleme mit den Ehepartnern, Kriminalfälle.

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Die beste Serie ist allerdings Astro City von Kurt Busiek. In dieser Welt sind Superhelden nicht alltäglich, aber auch nicht außergewöhnlich; in Astro City selber – einer Großstadt wie New York – drehen sich oft nur die Touristen nach ihnen um.
Die Erzählungen aus Astro City sind in der Regel Vignetten, keine fortlaufenden Geschichten. Aber aus den Facetten, den wiederkehrenden Charakteren formt sich langsam ein Bild der Stadt, der Welt, der Menschen. Die erste Geschichte ist typisch: Ein Mann träumt, schlafend, vom Fliegen. Er fliegt nackt zwischen den Wolken, frei, glücklich, fliegt genüsslich aund ausgiebig Kurven und Kreise, bis ihn der Wecker aus dem Traum in den Alltag reißt. Er steht auf, fühlt sich etwas alt und müde, wie das morgens gerne mal so ist, und zieht sich dann seine Superheldenuniform an, Typ Superman. (Sehr schön an den Geschichten ist, Busiek schreibt das auch im Vorwort, dass man so viel beim Leser voraussetzen kann. Eine “Furst Family” wird nur kurz angerissen, aber aus den Fantastic Four weiß man ungefähr, was das alles mit sich bringt. Der Samaritan gehört zur Superman-Klasse, muss man gar nicht groß erklären, was das alles bedeutet.)
Den Rest der Geschichte saust er mit Überschallgeschwindigkeit durch die Welt und rettet Menschen, hält Termine ein, verhindert Katastrophen. Zwischendrin läuft immer wieder eine Stoppuhr mit, und man merkt erst nach und nach, was da gezählt wird. Am Schluss des Tages fällt der Held wieder todmüde in sein Bett. 56 Sekunden waren es an diesem Tag, 56 Sekunden in der Luft, fliegend, “best day since March”. Und er schläft und träumt wieder vom Fliegen

Einen Hauch von Realismus findet man zur Zeit auch bei Marvel Comics. Civil War ist das große Ereignis des Jahres 2006, das sich durch fast alle Serien zieht: Die Regierung hat beschlossen, dass sich alle Superhelden registrieren müssen, mit Namen und Adresse. Menschen mit Superfähigkeiten seien einfach zu gefährlich für die Allgemeinheit, als dass man sie unbeobachtet lassen könnte. (Diskussionen unter Fans: Wer wäre denn für eine Zwangsregistrierung, wenn es tatsächlich Superfähigkeiten gäbe, wer dagegen? Immerhin interessanter als die Frage, wer stärker ist, Thor oder Hulk.)
Die eine Hälfte der Superhelden ist für die Registrierung, die andere Hälfte dagegen. Die Fronten verhärten sich, Peter Parker als Spider-Man steht noch auf der Pro-Registrierungs-Seite (zusammen mit Tony Stark) und hat sogar freiwillig seine Identität veröffentlicht, wird aber früher oder später wohl zur Kontra-Seite (mit Captain America) wechseln. Viele gute Ideen, aber schade, dass manche Charaktere sich so völlig anders verhalten, als ihre 20- oder 40jährige Vorgeschichte erwarten lässt. Da haben es sich manche Autoren zu einfach gemacht.

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