Das Biedermeier

In der Schule spielt die Zeit zwischen Romantik und Realismus literaturgeschichtlich keine große Rolle. Man liest den – vielleicht gar nicht so typischen – Woyzeck von Büchner und schaut ein bisschen in seinen Hessischen Landboten hinein. Den Rest macht man als Kurzfassung: Das Biedermeier als Schwundstufe der Romantik (Rückzug ins Private, Genügsamkeit, regional ausgerichtet), als alternative Reaktion auf die Restaurationszeit das Junge Deutschland und später Vormärz (weltbürgerlich-liberale Forderung nach mehr Freiheiten).

Dabei hat diese Zeit ihren eigenen Reiz. Und die Trennlinien sind gar nicht so klar. Siehe Turnvater Jahn:

Friedrich Ludwig Jahn, Ernst Eiselen, Die deutsche Turnkunst (Berlin 1816)

Aber im Gegentheil darf man nie verhehlen, dass des Deutschen Knaben und Deutschen Jünglings höchste und heiligste Pflicht ist, ein Deutscher Mann zu werden und geworden zu bleiben, um für Volk und Vaterland kräftig zu würken, unsern Urahnen, den Weltret­tern, ähnlich. — So wird man am besten heimliche Jugend­sünden verhüten, wenn man Knaben und Jünglingen das Reifen zum Biedermanne als Bestrebungsziel hinstellt. Das Vergeuden der Jugendkraft und Jugendzeit durch ent­markenden Zeitvertreib, faulthierisches Hindämmern, brün­stige Lüste und hundswüthige Ausschweifungen wird auf­hören – sobald die Jugend das Urbild männlicher Lebensfülle erkennt. Alle Erziehung aber ist nichtig und eitel, die den Zögling in dem öden Elend wahngeschaffener Weltbürger­lichkeit als Irrwisch schweifen läset, und nicht im Vaterlande heimisch macht … Wer wider die Deutsche Sache und Spra­che freventlich thut oder verächtlich handelt, mit Worten oder Werken, heimlich wie öffentlich – der soll erst ermahnt, dann gewarnt, und so er von seinem undeutschen Thun und Treiben nicht abläset, vor jedermann vom Turnplatz ver­wiesen werden. Keiner darf zur Turngemeinschaft kommen, der wissentlich Verkehrer der deutschen Volksthümlichkeit ist und Ausländerei liebt, lobt, treibt und beschönigt.

(Ich habe „ent­markenden Zeitvertreib“ auf Nachfrage im Unterricht en passant erklärt als „so ähnlich wie ‚brün­stige Lüste‘, nur mit weniger Personen“, dann aber gleich weitergemacht. Einer hat gelacht, der Rest es vermutlich gar nicht mitgekriegt.)

Ist das jetzt revolutionär? Rückzug ins Private? Biedermeierisch? Studentisch-aufbegehrendes Junges Deutschland? Revolutionäres Biedermeier? Jedenfalls gruslig zu lesen, das mit der wahngeschaffenen Weltbürgerlichkeit.

Ludwig Tieck, Des Lebens Überfluss (Urania. Taschenbuch auf das Jahr 1839)

Eine meiner liebsten Novellen, an der Grenze zwischen Romantik und Biedermeier, und mit absurden Zügen. Heinrich und Klara, von den Eltern wegen unerlaubter Heirat verstoßen, das Geld dem Freund geliehen, der damit verschollen ist, hausen arm und bescheiden im oberen Stockwerk eines kleinen Hauses zur Miete. Sie leben von Wassersuppe und erfreuen sich an den schönen Eisblumen am Fenster; sie haben einander und träumen sich ihre bescheidene Wohnung zu einem märchenhaften Reich.
Als sie schließlich alles verkauft und kein Geld für Feuerholz mehr haben, nimmt Heinrich nach und nach die hölzerne Treppe auseinander, die sie mit dem Untergeschoss verbindet, und verheizt sie; das Essen kriegen sie von einer Vertrauten in einen an ein Seil gebundenen Korb gelegt. Zum Schluss gibt es dann doch noch ein unvermitteltes glückliches Ende.

[Heinrich:] Alles, was unser Leben schön machen soll, beruht auf einer Schonung, dass wir die liebliche Dämmerung, vermöge welcher alles Edle in sanfter Befriedigung schwebt, nicht zu grell erleuchten. Tod und Verwesung, Vernichtung und Vergehen sind nicht wahrer als das geistdurchdrungene, rätselhafte Leben. Zerquetsche die leuchtende, süßduftende Blume, und der Schleim in Deiner Hand ist weder Blume noch Natur. Aus der göttlichen Schlafbetäubung, in welche Natur und Dasein uns einwiegen, aus diesem Poesieschlummer sollen wir nicht erwachen wollen, im Wahn, jenseit die Wahrheit zu finden.

Ist das noch Romantik? Oder Biedermeier? Oder schon Nihilismus?

Joseph von Eichendorff, Die Entführung (Urania 1838)

Kürzlich zum ersten Mal gelesen. Wie so oft steht der Held bei Eichendorff zwischen zwei Frauen: Leontine, idyllisch abgeschieden auf einem verfallenden Landschlösschen lebend, die eigentlich nur am Anfang und am Ende der Erzählung auftaucht, hält den Grafen Gaston aufgrund einer Verwechslung für einen Räuberhauptmann, verliebt sich aber doch in ihn. Mehr Charakterzüge hat sie nicht.
Der Hof in Paris ist ganz im Bann der Gräfin Diana, „einer amazonenhaften, spröden Schönheit mit rabenschwarzem Haar und dunkeln Augen.“ Sie ist jung, reich, „ganz männlich erzogen“, wird von Männern nur so verfolgt – und leidet sehr darunter. „‚Wer nimmt sich meiner an, wenn diese Kavaliere bei Tag und Nacht mit Listen und Künsten bemüht sind, mich um meine Freiheit zu betrügen?'“, fragt sie, und „ihr schauerte vor der eigenen Schönheit.“

Der König schlägt Gaston eine Wette vor: Wer Diana erfolgreich entführt, der soll sie als Frau kriegen. Diana bereitet sich auf die mögliche Entführung bestens vor (und klettert dabei, wie schon als Kind, auch auf Bäume), wird aber durch ihre Kammerzofe verraten, so dass Gaston die Entführung tatsächlich vorerst gelingt. Diana nimmt das aber nicht mit Humor, sondern wehrt sich, zündet gar die Hütte an, in der die beiden Rast machen. Da verliert Gaston das Interesse an ihr, bringt sie auf sein Schloss, um die Wette mit dem König formal zu gewinnen, schickt dann aber doch nach der vom Leser fast vergessenen Leontine, um sie zu heiraten. Diana hat sich „in der Nacht nach ihrer Entführung [in das benachbarte Kloster] hingeflüchtet und gleich darauf, der Welt entsagend, den Schleier genommen. Als Oberin des Klosters furchtbare Strenge gegen sich und die Schwestern übend, wurde sie in der ganzen Gegend fast wie eine Heilige verehrt. Den Gaston aber wollte sie nie wiedersehen.“

Ist das noch Romantik oder schon Biedermeier? In Eichendorffs „Marmorbild“, zwanzig Jahre früher entstanden, muss sich der Held Florio immerhin zwischen der halbwegs interessanten Bianca und der dämonisch-heidnischen Venus entscheiden, die ihn verführen will. Da sehe ich ja noch ein, dass er der schwarzen Seite der Romantik entsagt und im Sonnenschein weitermacht. Bianca hat ja ein bisschen Persönlichkeit, im Gegensatz zu Leontine. Und dann erst die spannende, selbstständige Diana, für die wusste der angebliche Romantiker Eichendorff kein anderes Mittel, als sie ins Kloster abzuschieben? Biedermeier, rufe ich da anklagend, Biedermeier!

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3 Thoughts to “Das Biedermeier

  1. Der Begriff B. war ja erst abwertend gebraucht, aber seit der Wende zum 20. Jhdt. wurde er immer mehr positiv verwendet.
    Ich selbst hatte „die“ Literatur des Biedermeier als Schüler immer gern gelesen, weil sie kurze Formen (Erzählung, Kurzgeschichte, Novelle) bevorzugt. Dann, es muss nach 2000 gewesen sein, sah ich eine hervorragende Darstellung der „Schwarzen Spinne“ von Gotthelf in der Schauburg am Elisabethplatz.
    Meinen Hauptschülern habe ich die Judenbuche nicht erspart.

  2. In Hessen ist der Hessische Landbote (das passt auch einfach so gut!) und „Lenz“ von Büchner Pflichtlektüre.
    Hat mir eigentlich sogar gefallen. Das enthält gegen Ende aber doch auch ziemlich viel an Nihilismus. Inwiefern das zum Jungen Deutschland / Vormärz gehört, kann ich mir auch nicht erklären. Ist ja eigentlich nicht sehr politisch

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