Arthur Conan Doyle, Der Hund der Baskervilles


Schullektüre in der 7. Klasse, Abstimmung nach einigen Vorschlägen; dieser Vorschlag kam von der ansonsten wenig ergiebigen Liste an Lektürevorschlägen des Kultusministeriums für diese Jahrgangsstufe.

Die Schüler und Schülerinnen lasen das Buch erst einmal zu Hause und sollten dabei für jedes Kapitel eine kurze Inhaltsangabe schreiben – in Stichpunkten oder als Fließtext, was die meisten wählten – und was ihnen dabei aufgefallen ist; außerdem eine Liste der Schauplätze anlegen. Ich möchte das nicht Lesetagebuch nennen; etwas Ähnliches kennt die Klasse vom Vorjahr bei einem anderen Buch.

Kurzes Inhaltsverzeichnis dieses Blogeintrags:

1. Fragen und Anmerkungen der Klasse 7a zu Der Hund der Baskervilles
2. Vorläufig unerklärte Vorfälle und andere Merkwürdigkeiten
3. The Game
4. Weitere Sachen, die man machen kann

1. Fragen und Anmerkungen der Klasse 7a zu Der Hund der Baskervilles

Nach der Lektüre haben die SuS in Gruppenarbeit ihre Unterlagen verglichen und ergänzt. (Das Vergleichen klappt gut, das Ergänzen weniger.) Außerdem sollten sie Fragen an das Buch stellen, die wir dann nach und nach beantworten würden. Ich tippte die Fragen dann im Klassenzimmer in den Rechner, sortierte sie ein wenig um und gab den SuS einen Ausdruck, um ihn ihrem Geheft beizulegen.

  1. Was wäre, wenn Selden Holmes getötet hätte?
  2. Was wäre, wenn der Hund überlebt hätte?
  3. Wie ist Selden ausgebrochen?
  4. Was wäre, wenn Stapleton überlebt hätte?
  5. Was wäre, wenn Sir Charles überlebt hätte?
  6. Was wäre, wenn Beryl Stapleton Mittäterin wäre?

Das sind die Fragen, zum Großteil kontrafaktische, die ich selber nicht sehr interessant finde. Aber klar, muss man dann auch drüber reden. Nur Frage 6, ide interessiert mich sehr – auf die möchte ich nachher noch einmal zu sprechen kommen.

  1. Das Klauen des Schuhs macht keinen Sinn, da der Geruch des Besitzers schnell verschwindet?
  2. Wieso nimmt Stapleton den Schuh mit, als er ins Moor flüchtet?
  3. Wieso geht der Hund nicht näher an Charles Baskerville heran, als der tot ist?

Fragen 7-9 habe ich gruppiert, weil die Antwort auf alle nämlich lautet: Weil der Autor schlampig gearbeitet hat bzw. es gibt keinen guten Grund innerhalb der Handlung dafür. Das haben die Schüler und Schülerinnen klug erkannt. Außer es gibt etwas, das allen entgangen ist, einschließlich Sherlock Holmes – dazu später mehr.

  1. Was stellt das Titelbild der Ausgabe dar?

Wir recherchierten und fanden den Namen des Fotografen heraus, der wiederum für eine Agentur arbeitet, die Bilder für Buchcover anbietet. Wir blickten ein bisschen ins Sortiment. Fazit: Das Titelbild stellt eine generisch spannend Szene dar, die aber mit der konkreten Handlung nichts zu tun hat. (Hier alle Bilder des Fotografen bei dieser Agentur.)

  1. Wer ist eigentlich die Hauptperson, Watson oder Sherlock Holmes?

Das ließ sich durch einen Lehrervortrag klären: Doyle hatte Sherlock Holmes satt, ließ ihn mit dem dafür erfundenen Moriarty die Reichenbach-Fälle hinunterstürzen und sterben – vermeintlich, wie sich ein paar Jahre später herausstellte, als Holmes zurückkehrte. Der Hund der Baskervilles war der erste Roman nach dieser Pause, und auch der spielte in der Frühzeit der Partnerschaft, also vor dem scheinbaren Tod. Dennoch hatte Doyle wohl keine rechte Lust auf Holmes, und so lässt der Watson den Großteil der Handlung über allein.

  1. War das SH Büro oder seine Wohnung am Anfang?
  2. Wurde SH eigentlich bezahlt?
  3. Lebt Watson bei SH oder was?
  4. Wo haben Holmes und Watson ihre Waffen her?

Schöne Fragen, die den Alltag betreffen. Beim Guardian gibt es einen Grundriss der Wohnung. Es gibt keine Grenze zwischen Wohnung und Büro, und Watson und Holmes leben berühmtermaßen zusammen. Und ja, das Geschäftsmodell von Sherlock Holmes ist nicht sehr überzeugend. Im Hund wird tatsächlich nie über Geld geredet, alles reine Gentleman-Sache. Klar wird sich Henry Baskerville am Ende nicht lumpen lassen, aber so richtig der Klient ist er eigentlich auch nicht. – Es war für Holmes und Watson zwar schon etwas Besonderes, eine Waffe mitzunehmen, aber an Waffen zu kommen war damals wohl nicht sehr reglementiert.

  1. Kein spannendes Kapitel
  2. Warum haben die am Anfang so viel gesprochen und am Ende nicht? Warum so viel Dialog am Anfang und dann nicht mehr?
  3. Manche Kapitel spannend, bei anderen passiert gar nichts
  4. Spannend erst ab dem 6. Kapitel

Dazu habe ich den Begriff Exposition eingeführt. Am Anfang wird Holmes recht klassisch vorgestellt, und dannt gerät er in den Hintergrund und die Atmosphäre von Dartmoor übernimmt. Was man spannender findet, da unterschieden sich die Meinungen.

  1. Welche Farbe hat Phosphor/wieso leuchtete der Hund?

Ließ sich klären. Reiner Phosphor wird es ja wohl eh nicht gewesen sein.

  1. Warum wird so oft erwähnt, dass Dr Mortimer gerne Schädel untersucht? Das hat doch gar keinen Einfluss auf die Geschichte?

Die einfachste Antwort: Um ihn als Mann der Wissenschaft auszuweisen, was Holmes mehrfach lobend erwähnt. Damit hätten wir auch ein Motiv des Romans, den Gegensatz zwischen Wissenschaft und Aberglauben. (Wobei das Schädelvermessen ja schon arg an der Grenze zur seriösen Wissenschaft schwimmt.)

  1. S. 47 „bedeuten“ ausgeschnitten → taucht S. 44 gar nicht auf!

Eine sehr kluge Leserin, der das aufgefallen ist: Im Buch gibt es einen anonymen Brief, aus Zeitungszeilen ausgeschnitten, dessen Text lautet: „Halten Sie sich vom Moor fern, wenn Ihnen Leben und Verstand lieb sind.“ Zwei Seiten später konstatiert Holmes, dass der Text mit einer Nagelschere ausgeschnitten worden ist, weil zweimal angesetzt werden musste, „um das Wort ‚bedeuten‘ auszuschneiden.“ Aber das Wort taucht im Brief gar nicht auf!

Tatsächlich ist das schlicht ein Fehler des Übersetzers. Überhaupt, der übersetzt auch „Murphy, a gipsy horse-dealer“ mit „ein als Pferdehändler tätiger Roma namens Murphy“. Aber erstens hätte in der Zeitung damals Zigeuner gestanden und nicht Roma, aber darüber kann man streiten; allerdings war der Murphy sicher kein Roma, sondern ein Irish Traveller oder Tinker – in England bezeichnete „gypsy“ oder „gipsy“ beides.

2. Vorläufig unerklärte Vorfälle und andere Merkwürdigkeiten

So begann ein Tafelbild von mir, und weder die Schüler und Schülerinnen noch die Kollegin, die im Rahmen gegenseitiger Besuche hinten drin saß, erkannten die Zeichnung:

Wie kann man das nur für eine Bratpfanne halten! Das ist eindeutig eine Lupe! Unter der Lupe waren dann VUV, RH, C und F:

  • VUV: Vorläufig unerklärter Vorfall. Dient zur Spannungssteigerung, und Krimis sind voll davon. (Verfolgung in London, geklauter Schuh, Hundespuren bei Leiche, Gerüchte um Hund im Moor.)
  • C: Clue, Hinweis, der später bei der Lösung des Falles einbezogen wird. (Die gestohlenen Schuhe, der Aschehaufen, der Brief von LL.)
  • RH: Red Herring, ein Hinweis oder VUV, der den Leser und/oder Detektiv auf eine falsche Fährte lockt, weil er dann doch nichts mit der Lösung des Falls zu tun hat. (Das Schluchzen der Frau in der Nacht, der kerzenwandelnde Butler nachts.)
  • F: Fehler des Autors (oder Übersetzers?), offene Fragen, für die es keine Antworten gibt.

Diese VUV wurden dann in Gruppenarbeit gesammelt und als Stichpuntke oder Randbemerkungen im erstellten Exzerpt notiert.

3. The Game

Im klassischen Krimi und auch in den meisten Tatort-Folgen gibt es Fakten (als VUV oder Clue oder Red Herring), die den Leser zu einer Interpretation in einer Richtung lenken: Ein gespenstischer Hund wars, oder Person X. Das nenne ich die exoterische Deutung (aber nicht, wenn ich mit Schülerinnen spreche). Am Ende stellt sich aber üblicherweise heraus, dass der Hudn nur ein Trick war oder Person Y die Täterin. Das nenne ich die esoterische Deutung der Fakten.

Aber warum da aufhören? Die Fakten des Krimis lassen sich sicher auch anders deuten. In Ein Fall für drei Detektive (1936) werden die Fakten eines Falles von drei Detektiven und einem Poliziste gleich auf vier verschiedene Arten gedeutet. (Siehe alten Blogeintrag dazu und zu ähnlichen Fällen.) Und gerade bei Sherlock Holmes gibt es seit Ronald Knox‘ Aufsatz „Studies in the Literature of Sherlock Holmes“ (1911) – wohl entstanden als Parodie auf Bibeldeutungen und -umdeutungen – die Tradition, die Werke des Meisters umzudeuten, die Geschichten hinter den Geschichten aufzudecken, zusätzliche Informationen zu entdecken und dabei, ahem, den einen oder anderen Fehler des Meisters auszubügeln. Man nennt das auch The Game.

Seit 1946 erscheint das Baker Street Journal der Baker Street Irregulars mit Aufsätzen zu Holmes, oft auch genau zu diesem Thema. Ahem, und ich habe zufällig nicht nur den ersten Band davon, sondern zwei dicke Sammelbände mit den besten Aufsätzen daraus, und sämtliche Hefte von 1946-2011 als Facsimile-PDF-Dateien. Man ist dann ja doch interessierter Holmes-Freund.

Und natürlich hat man sich auch dort schon der Fragen angenommen, denen ich oben in der Liste die Nummern 6-9 gegeben habe: Das Schuhklauen macht doch keinen Sinn? Wieso verfolgt die Kutsche in London Henry Baskerville zum Hotel, wo Stapleton doch schon weiß, in welchem Hotel Baskverille absteigt? Wieso nimmt Stapleton den Schuh mit, als er ins Moor flüchtet? Wieso geht der Hund nicht näher an Charles Baskerville heran, als der tot ist? Was ist, wenn Beryl Stapleton Komplizin ist? Wieso ist Dr. Mortimer, der doch ständig Schädel vermisst und sogar einen Aufsatz zu Atavismen verfasst hat, die Ähnlichkeit zwischen Stapleton und dem Baskerville-Vorfahr nicht aufgefallen?

Den gleichen Fragen geht auch Pierre Bayard in seinem eher schlechten Buch Freispruch für den Hund der Baskervilles: Hier irrte Sherlock Holmes (2008) nach. Tatsächlich ist seine Interpretation der Fakten originell und lesenswert, aber die ersten drei Viertel des Bandes sind selbstverliebte Überflüssigkeit. Der Mann tut außerdem ständig, als sei er der Erfinder des Prinzips, Krimis gegen den Strich zu lesen.

Jedenfalls erklärte ich meinen Schülern und Schülerinnen, die schon brav Fakten (als VUV, Clue, Red Herring oder Flüchtigkeitsfehler) gesammelt hatten, das Prinzip, und bot Ihnen drei Alternativen zu Stapleton als Alleintäter an: (1) Beryl war es, oder (2) Mortimer war Komplize, oder (3) ganz etwas anderes. In Gruppenarbeit – sie mögen Gruppenarbeit – mussten sie dann ihre Deutung der Fakten unterstützen.

Eigentlich ist das ein bisschen früh in der 7. Klasse, aber die Schüler und Schülerinnen schlugen sich recht gut. Ich hoffe nur, ich animiere sie dadurch nicht zu Verschwörungstheorien, sondern sie verstehen, dass das nur ein Spiel ist. Hier ihre Lösungen, von mir in Stichpunkten mitnotiert:

Team 1:

  • Beryl und Mortimer sind Komplizen
  • haben Affäre, wollen deshalb Stapleton ermorden
  • Stapleton flüchtet vor Mortimer ins Moor
  • Beryl spielt Laura Lyons; weil sie maskiert war, nicht erkannt
  • Beryl war die mit dem Bart in der Droschke
  • Beryl war nur zum Schein gefangen
  • Der Hund gehörte in Wirklichkeit Mortimer
  • Beryl hat Stapleton zu Seldens Leiche geschickt, damit Verdacht auf ihn fällt
  • Sie haben den Schuh ins Moor gelegt, um Verdacht auf Stapelton zu lenken

Team 2:

  • Mortimer spielt doppeltes Spiel: arbeitet mit Stapleton zusammen, danach mit Beryl gegen ihn verschworen
  • sie wollen an das Erbe, Mortimer hat Stapleton nämlich als Erbe erkannt
  • Mortimer will Hälfte des Erbes, damit er Stapleton nicht verrät; später will er dann aber doch das ganze Erbe, hätte es über Beryl gekriegt, die von Stapleton geerbt hätte
  • Mortimer zu Holmes, um Verdacht auf Stapleton zu lenken
  • Mortimer stiehlt den Schuh, hat auch eher Zugriff auf Schuh als Stapleton
  • hat Erfahrung mit seinem eigenen Hund
  • sie haben den Hund ohne Essen eingesperrt, damit der blutrünstig wird, als er rausgelassen wird, tötet der den Cockerspaniel
  • Beryl soll sich bei Henry einschleimen
  • Mortimer schubst Stapleton während Flucht ins Moor – Stapleton würde selbst nicht sterben, kennt ja den Weg
  • Mortimer legt Schuh ins Moor, um zu bestätigen, dass Stapleton der Böse ist

Team 3:

  • Theorie 1
    • Mortimer ist Komplize von Stapleton, hat diesem von Sir Charles‘ Herzschwäche erzählt
    • Stapleton hilft Mortimer dafür, den begehrten Schädel von Charles Baskerville zu bekommen
  • Theorie 2
    • Laura Lyons will Stapleton heiraten
    • Larua Lyons erkennt Lücken in dessen Plan, erzählt deshalb Holmes und Watson von den Heiratsplänen
  • Theorie 3
    • Der Hund ist ein echter Nachfahre des Legendenhunds
    • Die Hundenachkommen haben sich von den im Moor verendeten Pferden ernährt
    • Hundm ist zufällig auf Charles gestoßen; hat Baskerville in der Nähe gerochen, als Henry eingeladen war

Team 4:

  • Beryl ist Komplizin von Stapleton; sie nutzt ihn aber nur aus, um an das Erbe zu kommen
  • Der anonyme Brief ist von Stapleton
  • Stapleton ist weggelaufen, weil er denkt, Beryl wird ihn verraten
  • Stapleton wollte Laura Lyons um Hilfe bitten, aber die hat sich mit Beryl zusammengetan (die beiden hatten vielleicht sogar Affäre)
  • Beryl Stapleton hatte 2 Hunde, hat beide befreit, der eine hat Henry verfolgt, der andere Stapleton
  • Mortimer ist weiterer Komplize von Beryl, hat sich in sie verliebt, will sich von seiner Frau trennen – deshalb hat er Holmes die Schädelverwandtheit Hugo/Stapleton verschwiegen
  • Mortimer versucht hinter Beryls Rücken Stapleton mit Sherlock Holmes‘ Hilfe loszuwerden
  • beim Tod von Sir Charles hat Hund Selden gesehen, und den dann verfolgt, deshalb hat er Sir Charles nicht weiter verfolgt

Alle noch nicht ganz ausgereift, aber die Erkenntnisse decken sich durchaus mit dem, was andere Forscher vermutet haben. Vor allem die ersten beiden sind überzeugend, beim dritten gefällt mir die Theorie, dass doch echte (Geister-)Hunde dahinterstecken und die vierte Theorie ist so schön kompliziert und hat ein gleichgeschlechtliches Liebespaar.

4. Weitere Sachen, die man machen kann

  • Es gibt eine deutsche Hörspielfassung und bei Amazon das Skript dazu, wenn auch nur für den Kindle. Könnte man vielleicht mal nachspielen. Audiobookfassungen gibt es etliche, ganz oder teilweise bei Youtube.
  • Die entsprechene Sherlock-Episode anschauen (das ist die Serie mit Benedict Cumberbatch und Martin Freeman) und vergleichen.
  • Bilder und Karten von Dartmoor, klar.
  • Kapitel 4 im Buch und laut Lehrplan: Schilderungen. In Doyle selber gibt es zwei Passagen, in denen das Moor ausführlich anschaulich geschidlert wird, dazu mindestens eine Schilderung von Baskerville Hall und zwei des unheimlichen Huneheulens über dem Moor. Den Schülern und Schülerinnen habe ich ein noch mehr zum Buch passendes Stimmungsbild von Dartmoor gezeigt als das folgende, aber nur das folgende ist für die CC-Veröffentlichung hier lizenziert:

Eine Antwort auf „Arthur Conan Doyle, Der Hund der Baskervilles“

  1. Zumindest Dr. Watson besitzt einen Armeerevolver aus seiner aktiven Dienstzeit in Afghanistan („A Study in Scarlet“). Als Arzt gehörte Dr. Watson natürlich zu den Offizieren. Es war zu allen Zeiten (auch heute noch?) üblich, dass Militärangehörige im Offiziersrang ihre Dienstwaffe auch nach ihrer Versetzung in den Ruhestand behalten durften. Aber das wusste natürlich nur der Lehrer…

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