Zwischen den Zeilen schreiben (2)

(Fortsetzung von hier. Es geht immer noch darum, welche Geschichten man zu anderen Geschichten erzählen kann.)

6. Begriffsklärungen

Fortsetzungen von eigener und fremder Hand gibt es schon seit langer Zeit. (Rechercheauftrag für später: Mal zusammenstellen.) Eine Fortsetzung nimmt die Geschichte oder das Personal des ersten Teils wieder auf und erzählt, wie es mit ihnen weitergeht. Fortsetzungen können bald nach dem Ausgangstext erscheinen oder viel später. Fortsetzungen zu Pride and Prejudice gibt es in Hülle und Fülle.

Prequels sind ebenfalls Texte, die nach einem gegebenen Text geschrieben werden, aber zeitlich davor spielen. Sie können dazu dienen, ein neues Licht auf den ursprünglichen Text zu werfen, etwa wenn Jean Rhys in Wide Sargasso Sea die Vorgeschichte zu Jane Eyre erzählt und dadurch Rochesters Frau, der madwoman in the attic, ein Gesicht verleiht. Sequels und Prequels sind die erzählerische Form der fiktiven Biographie aus dem ersten Teil dieses Blogeintrags.

Nur aus Prequels besteht eine Fernsehserie wie Die Abenteuer des jungen Indiana Jones: Darin geht es um Geschichten, die zur Jugendzeit Indys spielen, also lange vor Jäger des verlorenen Schatzes. Der Reiz dabei ist weniger die Beziehung zum Urfilm, sondern der der Einbettung in historische Fakten. Ähnlich wie Flashman trifft der junge Indiana auf viele Personen der Weltgeschichte und ist bei vielen bedeutenden Ereignissen anwesend oder sogar ihr Auslöser.

Ist die vielleicht früher entstandene Ilias ein Prequel zur Odyssee? Das würde ich nicht sagen, ebenso wenig wie ich die Telegonie eine Fortsetzung davon nennen würde – die Telegonie ist ein verschollenes Epos um Kirkes und Odysseus‘ Sohn Telegonos. (Bringt seinen Vater um, heiratet seine Mutter; Telemach heiratet Kirke.) Prequel wie für Sequel beziehen sich auf einen konkreten Urtext als Vorlage, und bei Geschichten aus mündlicher Tradition, wozu ich Odyssee und Ilias rechne, gibt es den Gedanken eines originalen, korrekten Urtexts noch nicht, sondern nur gleichberechtigte Varianten gemeinsamen Erzählguts.

Eine Serie unterscheidet sich von der Fortsetzung mindestens dadurch, dass sie auf eine größere Zahl von Geschichten ausgelegt ist. Es gibt Serien mit fortlaufender Handlung (typisch: Lindenstraße) und Serien mit abgeschlossenen Episoden (typisch: Simpsons). Bei den ersten ist Continuity noch wichtiger als bei den zweiten. Interessant an Serien finde ich, dass es dabei möglich ist, auf Rückmeldungen der Rezipienten einzugehen.

Ein Crossover liegt vor, wenn Figuren aus einer gegebenen Geschichte in einer neuen Geschichte auftauchen. Zum Beispiel gibt es eine Episode der Fernsehserie Mord ist ihr Hobby mit der Detektivin Jessica Fletcher, in der auch Magnum aus der gleichnamigen Detektivserie auftaucht. Crossovers gibt es in Hülle und Fülle, zwischen Lovecraft und Wodehouse, zwischen Lovecraft und Sherlock Holmes (etwa in Shadows over Baker Street, herausgegeben von Michael Reaves und John Pelan, einer ganzen Anthologie zum Thema), zwischen Sherlock Holmes und Flashman (Flashman and the Tiger)

Mischformen gibt es sicher auch. Ist Joseph Andrews von Henry Fielding eine Fortsetzung von Samuel Richardsons Pamela, oder ein Crossover? Andrews ist der Bruder von Pamela, aber die Romane haben kaum etwas miteinander zu tun. Möglicherweise ist das nur ein Fall einer geteilten Welt.

Geteilte Welten: Manchmal sind es nur Andeutungen, dass eine Geschichte in derselben Welt spielt wie eine andere. „Castle Rock“ heißt ein Ort, der in vielen Geschichten von Stephen King auftaucht, ohne dass diese Geschichten sonst viel miteinander zu tun hätten. Eine Vorstufe dazu ist „Beachings Over“, ein Ortsname, der in mehreren Romanen von James Hilton auftaucht, aber immer für verschiedene Orte steht. (Übrigens wird auch Hiltons Mr Chips in seinem Roman Time and Time Again kurz erwähnt.) Das fiktive Ruritanien aus The Prisoner of Zenda von Anthony Hope taucht ebenfalls in vielen Geschichten anderer Autoren auf, nicht zuletzt in Nicholas Meyers The Seven-Per-Cent Solution, von dem wir schon sprachen. Und in vielen Filmen von John Landis taucht ein Kinoplakat auf, das für einen Film „See You Next Wednesday“ wirbt – unter anderem in Kentucky Fried Movie, Blues Brothers und dem Video zu Michael Jacksons „Thriller“.

Geteilte Welten sind in Superhelden-Comics heute gang und gäbe. Dabei war das keinesfalls selbstverständlich, und im Kino leben auch heute noch, von den letzten Marvel-Filmen mit The Avengers als Höhepunkt abgesehen, die Helden jeweils in ihrer eigenen Welt.

Retcon: Jetzt geht es ans Eingemachte. Continuity ist ein Begriff aus der Filmsprache. Wenn in der einen Einstellung eine Taschenlampe in der linken Hand hält und in der folgenden Einstellung – die aber zur gleichen Szene gehört und unmittelbar anschließt – die Taschenlampe in der rechten Hand, dann ist das ein Continuity-Fehler. (In Graf Dracula auf Schreckenstein wurde mir das anhand von Zigaretten erklärt, so gegen Ende der 1970er Jahre.) Solche Fehler gibt es im Film oft, weil die Reihenfolge der Aufnahme von Einstellungen eines Film oft wenig mit der Reihenfolge zu tun hat, in der sie später der Zuschauer sieht.

Auch bei Serien geht es um Continuity. Wenn eine Person in der einen Episode „Peter Parker“ heißt und in der nächsten Episode „Peter Palmer“, dann ist das ein Fehler. Je länger eine Serie läuft, desto leichter ist es, solche Fehler zu machen, und wir habe viele Serien mit vierzig und mehr Jahren Geschichte auf dem Buckel.

Retroactive continuity, kurz retcon, nennt man es, wenn man in einer neuen Geschichte rückwirkend eine andere Geschichte umdeutet (aber nicht neu schreibt), so dass die Ereignisse dort eine andere Bedeutung gewinnen als in der ursprünglichen Lesart. Professor X ist in Heft 42 gestorben? Ein paar Hefte stellt sich heraus: nein, das war in Wirklichkeit ein Doppelgänger gewesen, der seinen Platz eingenommen hat, und der ist gestorben. Gerade in der Welt der Superheldencomics sind retcons weit verbreitet – in den ersten paar Jahrzehnten waren sie noch originell, aber inzwischen sind sie sehr lästig. Gute retcons können dagegen alte Geschichten in ganz neuem Licht erscheinen lassen. Als Peter Parker 1973 seinen bösen Klon besiegte und tot liegen ließ, ahnte keiner, dass sich 1993 herausstellen würde, dass der Klon a) gar nicht tot war, b) gar nicht so böse war, sondern nur verwirrt, und c) damals der Klon gewonnen hatte und wir seitdem dessen Abenteuer verfolgt hatten. Der echte Peter Parker hatte verletzt überlebt und sich seitdem anderswo herumgetrieben. Aufregend! Nur dass das mit dem Verwechselspiel so oft hin und her ging, bis die Leser es gründlich satt hatten. Der leere Platz zwischen den einzelnen Panels, den Bildchen, im Comic heißt gutter, und dort ist jedenfalls Platz für viele Geschichten.

Eine Miniform des retcon ist der früher von Marvel an aufmerksame Leser verteilte No-Prize. Um einen solchen Preis zu bekommen, musste man einen (üblicherweise: Continuity-)Fehler im Heft entdecken, und mit einer auch noch so hanebüchenen Geschichte wegerklären.

Ein virtuelles retcon gibt es in The Magicians von Lev Grossman (Blogeintrag). In diesem Buch gibt es eine Reihe von Romanen um die Märchenwelt Fillory, die für die realen Narnia-Bücher von C. S. Lewis stehen. In Band 2 der Fillory-Serie, The Girl Who Told Time kämpfen die Kinder Martin und Fiona gegen Watcherwoman, und in einem späteren Band stellt sich heraus, dass ihnen Rupert dabei geholfen hat, ohne dass sie – oder die Leser des zweiten Bandes – das gemerkt hätten.

Der antike Geschichtsschreiber Herodot zitiert in seinem 2. Buch (Abschnitt 113-116) ägyptische Gelehrte, nach denen Helena tatsächlich nie in Troja war, sondern die Zeit des Trojanischen Krieges in Ägypten verbracht hat. Herodot findet Anzeichen in der Ilias, dass auch Homer von dieser Version gehört hat. Geschichtsklitterung, Geschichtsschreibung oder retcon? (Memo: Später mal einen Blogeintrag schreiben zu Hesiods Theogonie als frühem Beispiel für retcon, und Hesiod selber mit Roy Thomas vergleichen, der auch verschiedene Einzelgeschichten zu einem gemeinsamen Erzählstrang verband.) Das Stück Helena von Euripides greift diese Version auf, laut ihm war die Helena, die in Troja war, nur ein von den Göttern erzeugtes Abbild. Um… wie war das mit den Klonen nochmal?

Bei den meisten retcons spielt die neue Geschichte später und nur bestimmte Elemente der Vergangenheit werden umgedeutet. Manchmal spielen aber die ganze neue Geschichte oder wesentliche Teile davon in der Vergangenheit. Das ist dann keine Vorgeschichte, da es nicht vor dem Ausgangstext spielt. Es ist auch keine Fortsetzung, da es nicht danach spielt. Es spielt währenddessen. Ich nenne so etwas mal „Einsetzung“.

7. Einsetzungen

Beweisstück L: Rosencrantz und Güldenstern sind tot

Das Tom-Stoppard-Stück nimmt zwei Nebenfiguren aus Hamlet, gibt ihnen eine Hintergrundgeschichte und eigene Pläne und zeigt, was sie unternehmen, während sie im Originalstück offstage sind. Die Originalgeschichte wird dabei belassen, so wie es auch bei der Thurber-Macbeth-Geschichte war, mit der alles begonnen hat. Auch Das echte Log des Phileas Fogg, unser zweiter Ausgangspunkt, gehört hierher.

Beweisstück M: Gertrude und Claudius

Zugegeben, das ist tatsächlich mehr eine Vorgeschichte als eine Einsetzung, da der Roman von John Updike mit dem Beginn von Hamlet endet. Es deutet allerdings noch radikaler das Geschehen der Shakespeare-Handlung um. (Blogeintrag dazu.)

Beweisstück N: Zurück in die Zukunft

Auch das gehört eher zu retcon als hierher. Aber hier habe ich nun mal die schönen Beispiele versammelt. In Back to the Future spielt Marty McFly auf der Bühne „Johnny B. Goode“, während der Schurke des Films ihn sucht. In der Fortsetzung Back to the Future II reist Marty McFly wieder in die Vergangenheit und klettert, während sein jüngeres Ich auf der Bühne steht, im Hintergrund herum und prügelt sich mit dem Schurken, der ihn mit der anderen Version seiner selbst verwechselt.

Beweisstück O: Die Wahrheit über Hänsel und Gretel

Die Fakten von Hänsel und Gretel, wie wir sie kennen, bleiben bestehen – am Schluss hat man zwei lachende Kinder und eine tote alte Frau. Hans Traxler deckt auf, was damals wirklich geschah.

Beweisstück P: Trials and Tribble-Ations

Das ist eine der interessantesten Folgen der Serie Deep Space 9. Der Hintergrund: Es gibt eine Episode von Star Trek (der alten Serie), in der sich die Crew der Enterprise auf einer Raumstation befindet, die von süßen kleinen pelzigen Wesen überrannt zu werden droht. „The Trouble with Tribbles“ heißt die Episode, ein Klassiker, ein wenig albern. Auf der Raumstation gibt es einen Händler, der die süßen kleinen pelzigen Wesen als Spielzeug verkauft; man trifft sich auf neutralem Gebiet (der Bar) mit bösen Klingonen; es geht um eine Ladung Weizen, die in Gefahr ist, von den sich rasant vermehrenden Tribbles aufgefressen zu werden. In der neuen Episode, Jahrzehnte danach gedreht, reist eine Abordnung der Deep Space 9 zurück in der Zeit auf diese alte Raumstation und sieht Captain Kirk und die Klingonen und die Handlung von damals, bleibt natürlich immer im Hintergrund, um den ursprünglichen Lauf der Geschichte nicht zu verändern. Szenen aus der alten Fernsehserie sind in die neue hineingeschnitten, Figuren hineinkopiert. Eine erweiterte Form des Marty-McFly-Modells von oben, schön gemacht.

Beweisstück Q: Dracula in London

In Kapitel 16 von Bram Stokers Dracula verbringt die Titelfigur eine Woche in London. Was hat sie während dieser Woche noch alles getrieben, während Van Helsing hinter ihr her war? Diese Antholgie versammelt Kurzgeschichten, die genau darauf Antwort geben.

Beweisstück R: Suspects

Eine komische Geschichte, das. Ich zitiere mal aus einem alten Blogeintrag von mir:

[Suspects] besteht aus über 80 kurzen (2-3 Seiten langen) biographischen Einträgen, etwa zu Ilsa Lund (Ingrid Bergman in Casablanca), zu Casper Gutman (Sydney Greenstreet in The Maltese Falcon), Gilda Farrell (Rita Hayworth in Gilda). Harry Lime, Norman Bates, Susan Alexander Kane, und vielen anderen mehr.
Man erfährt Dinge aus der Vergangenheit dieser Filmcharaktere, erfährt, wie es mit ihnen nach Ende des Films weiter gegangen ist. Manchmal sind die Filme nur Episoden aus einem weit abenteurlicheren Leben. Für Rick Blaine (Humphrey Bogart in Casablanca) war das Café Americain nur eine Station von vielen.
Manchmal erfährt man Einzelheiten, die einen den Film in ganz anderem, teilweise düstereren Licht sehen lassen. Die Interpretationen aus Suspects (denn das sind sie letztlich) kann ich nicht mehr ignorieren, wenn ich Gilda oder Touch of Evil sehe.
Nach und nach stellt sich in Suspects heraus, dass viele der Charaktere sich kannten oder miteinander verwandt sind. Noah Cross (John Huston in Chinatown) und Norma Desmond (Gloria Swanson in Sunset Boulevard) kannten sich in den 20er Jahren, waren befreundet mit den Sternwoods aus The Big Sleep.
Was zuerst wie eine literarische Spielerei erscheint, bekommt Funktion: Irgendwann merkt man beim Lesen, dass diese Biographien von einem Erzähler verfasst werden, einer Person, die viele der Charaktere kannte, und die einen Grund hat, diese Geschichten zu erzählen. Düsterer, als ich es mir gewünscht hätte, aber trotzdem ein schönes, interessantes Buch – vielleicht sogar ein Roman.

Einen Stammbaum, ganz wie bei den Biographien von Philip José Farmer, gibt es natürlich auch.

– Einen unvollständigen Überblick über Fortsetzungen, Vorgeschichten, Einsetzungen, Retcons geben die Seiten zu External Retcons bei TV Tropes und Parallel Novels bei Wikipedia.

8. Finale: Zurück zum Krimi

Dieser Aufsatz über das Füllen von Lücken begann mit einem Krimi. Und immer wieder tauchten Krimis auf, Hamlet und Hänsel und Gretel eingeschlossen. Warum gehören so viele meiner Beispiele zu dieser Gattung? Das mag einfaches selection bias sein, weil ich möglicherweise überproportional viele Krimis kenne. Vielleicht gibt es aber auch einen weiteren Grund, den ich jetzt erläutern möchte.

Philip José Farmer spricht in seinem Vorrede zum Echten Log des Phileas Fogg, die ich diesem Aufsatz als Motto vorangestellt habe, davon, dass es in ein und demselben Roman nicht nur „die äußere, die offensichtliche“ Geschichte gibt, sondern eine weitere, die „esoterisch, im Verborgenen angesiedelt“ ist. Ich behaupte, dass das für traditionelle Krimis geradezu typisch ist. Es gibt in ihnen die äußere, exoterische Geschichte, die dem Leser anhand von Fakten verkauft wird: Als die Uhr zehn schlägt, ertönt die erregte Stimme von Oberst von Gatow aus einem verschlossenen Zimmer; eine Reihe von Zeugen bricht die verschlossene Tür auf und finden darin seine erstochene Leiche; es gibt keine Ausgänge aus dem Zimmer. Am Schluss des Krimis deckt der Ermittler die esoterische, verborgene, innere Geschichte auf: Es war gar nicht zehn (die Uhr war verstellt), Oberst von Gatow war schon tot (die Stimme kam von einer Schallplatte), die Tür wurde vom ersten der Zeugen – der die Tat begangen hatte – erst verschlossen, bevor sie aufgebrochen wurde, und überhaupt war Oberst von Gatow gar nicht Oberst von Gatow, sondern ein Doppelgänger. Ganz schlimm treibt das A. A. Milne in The Red House Mystery (Wikipedia), das Raymond Chandler in „The Simple Art of Murder“ auseinandernimmt, mit Zwillingsbrüdern, die heimlich die Rollen tauschen – Superheldencomics können kaum abstruser sein. Krimis dieser Art bestehen gerade aus ihrem eigenen Retcon. Dafür habe ich hier einige schöne Beispiele.

Beweisstück S: Der Detection Club

Der Detection Club (Wikipedia) ist eine seit 1930 existierende Vereinigung von meist englischen Krimiautoren, zu den Gründungsmitgliedern gehören Agatha Christie und Dorothy L. Sayers. Bald nach der Gründung erschienen zwei literarische Experimente dieser Gruppe.

In Ask a Policeman (1933) gibt ein Spieler, John Rhode, auf knapp siebzig Seiten eine Situation vor: Tatort, gezeichnete Karte dazu, Mord, Verdächtige, Hinweise, und das natürlich ordentlich rätselhaft. Vier weitere Spieler (darunter Dorothy L. Sayers) schreiben unabhängig voneinander eine Lösung des Falles, die zu den gegebenen Fakten passt. Natürlich spinnen sie dazu die Geschichte weiter beziehungsweise decken Elemente der verborgenen Handlung auf. Zum Schluss gibt es eine fünfte Lösung, deren Autor im Gegensatz zu den anderen alle Texte kennt, und in der versucht wird, alle vier konkurrierenden Varianten zu vereinigen und eine fünfte Lösung (die der Polizei) zu präsentieren. Notgedrungen werden dabei nicht alle Widersprüche zwischen den vorherigen Einzellösungen aufgelöst. Insgesamt ist das Buch als Experiment interessant, als Roman äußerst unrund und die minutengenauen Aufzählungen, wer wann wo gewesen sein muss, sind ein Grund dafür, warum diese Art Krimis nervt.

The Floating Admiral (1931) geht etwas anders vor, für uns hier nicht ganz so interessant. Wieder gibt es ein erstes Kapitel, das einen Fall präsentiert. Ein zweiter Autor schreibt die Geschichte weiter, präsentiert aber noch keine Lösung, sondern macht die Geschichte nur etwas komplizierter. In einem verschlossenen Umschlag hinterlässt er seine eigene Lösung. Der dritte Autor kriegt die beiden vorhergehenden Texte zu lesen und hinterlässt wieder eine Lösung im verschlossenen Umschlag. Und das geht weiter bis zu einem zwölften Kapitel. Anders als bei Ask a Policeman gibt es also eine fortlaufende Handlung, und im Anhang sind die elf vorläufigen Lösungsvorschläge (die aus den verschlossenen Umschlägen) der ersten elf Autoren abgedruckt. Auch wieder mit minutengenauen Aufzählungen.

Beweisstück T: Die Wahrheit über den Fall D.

Dieser Krimi von Fruttero & Lucentini enthält den Text des letzten, unvollendeten Roman von Charles Dickens, The Mystery of Edwin Drood, möglicherweise ein Krimi, da Drood unter mysteriösen Umständen verschwindet. Nach Dickens hat es viele Erzählungen gegeben, die versuchen, das Geheimnis um Edwin Drood zu lösen. In Die Wahrheit über den Fall D. geht es um einen Kongress (mit den Teilnehmern: Sherlock Holmes, Hercule Poirot, Nero Wolfe, Maigret, Philip Marlowe und anderen), auf dem eben das versucht wird. Es stellt sich am Schluss heraus, dass der Roman tatsächlich ein Schlüsselroman ist, in dem Dickens Geheimnisse über eine Person der Zeitgeschichte zu verraten im Begriff ist – und eben von genau dieser umgebracht wird. Der Fall D. ist also auch der Fall Dickens.

Beweisstück U: Ein Fall für drei Detektive

Das ist vermutlich mein Hauptzeuge. Dieser Krimi von 1936 enthält die klassische Ausgangssituation vom Mord im verschlossenen Zimmer in einem englischen Landhaus. Der Landpolizist ermittelt, aber die Stars sind die drei privaten Ermittler, dünn verschleierte Versionen von Lord Peter Wimsey, Hercule Poirot und Pater Brown. Anders als bei den Experimenten des Detection Club ist das hier aber ein Roman aus der Hand eines Autors und damit wesentlich angenehmer zu lesen; die Wege der Detektive überkreuzen sich, es gibt keine separaten Kapitel. Zum Finale sind, wie es so üblich ist, alle Zeugen im Wohnzimmer versammelt und der erste Detektiv erklärt den Anwesenden, wie die scheinbar unmögliche Ausgangssituation aufzulösen ist. Nur dass danach der zweite aufsteht und seine eigene, abweichende Version präsentiert. Danach der dritte. Und alle Versionen passen zu den Fakten, zu der exoterischen (äußeren) Geschichte! Am Schluss war es dann übrigens die vierte Version, die des schlichten, methodisch arbeitenden Dorfpolizisten.

9. Nachspiel

Exoterische und esoterische, äußere und innere Geschichten gibt es natürlich nicht nur im Krimi. Rashomon-Geschichten (Blogeintrag) bestehen aus konkurrierenden Versionen zu gegebenen Fakten; bei TV Tropes gibt es eine umfangreiche Sammlung davon. Typischerweise ist dort aber keine Version als die tatsächliche festgelegt; der Rezipient muss damit leben, dass es keine Instanz gibt, die eine Version als die wahre bestimmt.

— So, das war’s. Tippfehler werden nach und nach verbessert. Ab jetzt gibt es erst mal wieder nur Blogeinträge zur Schule. Bald fängt sie ja auch in Bayern wieder an.

Notizzettel für Nachträge zum späteren Einbau: Glosse (Gedichtform, Wikipedia); Faltbilder im Mad-Magazin

Nachtrag 2018: Robert Graves, Homer’s Daughter möchte ich auch noch hier einreihen. (Blogeintrag zum Buch.) Graves erzählt in diesem Roman, wie es zur Entstehung der Odyssee kam. Homer dichtete in dieser Welt allenfalls eine kurze „Rückkehr des Odysseus“, mit einer untreuen Penelope, keinen zauberischen Abenteuern und wenig Details aus Ithaka. In Wirklichkeit stammt die uns bekannte Odyssee nämlich von Nausikaa, einer sizilianischen Prinzessin anderthalb Jahrhunderte nach Homer, die in ihrer (also unserer) Odyssee eigene Erlebnisse verarbeitet. Graves erklärt durch die Umstände der Entstehung auch einige Fehler Homers, etwa warum Polyphem sich Sohn des Poseidons nennt (üblicherweise sind alle Kyklopen Kinder des Uranos).

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6 Thoughts to “Zwischen den Zeilen schreiben (2)

  1. Vielen Dank für den tollen Aufsatz, mal wieder voller Leseanregungen! Für mich der Klassiker des Zwischen-den-Zeilen-Lesens ist „The Murder of Roger Ackroid“. Bewusst von der Autorin daraufhin konstruiert, dass der Leser am Ende das Buch sofort noch einmal aufklappt und zwischen den Zeilen die wahre Geschichte findet. Ganz groß, insbesondere wegen des first person narratives!

    Heinrich von Kleists berühmter Gedankenstrich in der „Marquise von O.“ ist auch so eine tolle Leerstelle, die sich erst beim späteren Lesen mit dem eigentlich zentralen Ereignis der Novelle füllt.

    Diesen Klassikern fehlt natürlich das Intertextuelle deiner Beispiele. Aber wie sie mit sich selbst und nachfolgenden Leseerlebnissen in Dialog treten, finde ich genial!

  2. Ja, viele Erzählungen leben von Leerstellen, auch die klassischen. Marquise von O. habe ich erst vor kurzem wieder gelesen, gefällt mir immer besser. Roger Ackroyd habe ich auch im Regal, aber schon über zwanzig Jahre nicht mehr gelesen. Könnte mal wieder, mein Englisch ist inzwischen sicher auch besser. So etwas gibt es nur auf der Basis einer reichen Krimitradition, würde gern mal ein W-Seminar dazu anbieten.

  3. Ich schließe mich dem Dank an! Solche Beiträge (überhaupt alles hier zu Literatur, Comics und Erzähltheorie) finde ich großartig!

  4. Vielen Dank für die ebenso lehrreichen wie spannenden Ausführungen – haben mich gestern Abend viel zu lange vom Schlafengehen abgehalten, für mich als Angl.-Lit.-wiss.-M.A. geradezu unwiderstehlich.

    Verschwörungstheorien funktionieren ja übrigens genauso: Es gibt eine offizielle Interpretation von Begebenheiten, wie sie z.B. von der Tagesschau verbreitet wird, und dann dazu verschiedene alternative Interpretationen, die auf denselben Begebenheiten fußen (manchmal auch plot holes füllen), aber andere Schlüsse ziehen.

  5. Freut mich, wenn es euch gefällt. Den Anglisten in mir kann ich auch nicht leugnen. Das mit den Verschwörungstheorien hatte ich so nicht gesehen, aber stimmt, ja. Verschwurbelte Interpretation von Daten.

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