Robert Graves, Homer’s Daughter (1955)

Wir befinden uns etwa 150 Jahre nach dem Leben Homers, des Autors der Ilias. Fahrende Sänger ziehen herum, die sogenannten Sons of Homer, und singen aus dem Werk ihres Vorfahren, wobei ein offenes Geheimnis ist, dass sie auch eigene Werke als die Homers ausgeben. Von dem haben sie, so heißt es, auch die family affliction geerbt (S. 31): Blindheit, die aber erst im Alter einsetzt. Alpheides, König eines winzigen Könrigreiches auf Sizilien, macht sich etwas lustig über Helena, von der der Sohn Homers Demodocus erzählt: Es sei unglaubwürdig, so Alpheides, dass es bloß wegen einer Frau zu einem solchen großen Krieg gekommen sei, einer Frau obendrein, die ihrem Mann in den neun Jahren der Ehe keinen Sohn geboren habe, wobei Paris ja nicht einmal versucht habe, einen Thron zu rauben. Nein, viel eher habe der Bund der Griechenkönige und der spätere Angriff auf Troja wirtschaftliche Hintergründe: Nicht um Helena sei es gegangen, sondern um die Meerenge „honoured with her name“ (S. 27, hier irren Alpheides oder Graves oder beide), den Hellespont und Zugang zum Schwarzen Meer.

Sänger und Zuhörer sind nicht gerade begeistert, Alpheides Tochter Nausicaa rollt die Augen: Geschichtsschreibung und Fiktion seien halt zweierlei, das wisse man. Macht sich Graves als Alpheides hier über sich selbst lustig? Robert Graves, der von Claudius, war ein Kenner antiker Mythologie. Seine Griechische Mythologie. Quellen und Deutung ist ganz hervorragend, jedenfalls was den Quellen-Teil betrifft: Äußerst detailliert und mit exakten Belegen für kleine Forscher wie mich stellt er die vielen verschiedenen Fassungen griechischer Sagen zusammen, von denen man sonst oft nur die gängigste kennt. Bei der davon getrennten anschließenden Deutung schießt er aber meist über das Ziel hinaus: Graves glaubte wie J. G. Frazer an eine große vorantike Kultur des Matriarchats – eine zu Anfang des 20. Jahrhunderts wohl populäre, aber inzwischen überholte Theorie – und deutet großzügig spekulierend alle Mythen darauf um. (Die Nacherzählung und Diskussion um den Anlass für den trojanischen Krieg in Homer’s Daugher folgt übrigens oft bis in den Satzbau dem entsprechenden Eintrag in Griechische Mythologie.)

Tatsächlich geht es in diesem Roman aber gar nicht um König Alpheides, sondern dessen Tochter Nausicaa. Ausgehend von dramatischen Geschehnissen um den kleinen Königshof in Sizilien schreibt sie nämlich ein episches Werk, das sie dann als heimliche Tochter Homers ebenfalls dem Dichtervater zuschreibt: Die Odyssee. In einem Vorwort erklärt Nausicaa, dass sie im folgenden Text erzählen wird, wie es zur Entstehung dieser Odyssee kam. – Die Idee, dass die Odyssee aus Sizilien stammt und dass sich die Autorin Nausicaa in ihr fiktional verewigte, stammt wohl von Samuel Butler, der zwei Bücher darüber verfasste. Graves erklärt in seinem Roman nun, wie die sizilianische Prinzessin es geschafft hat, ihr Werk der Welt als ein Epos Homers zu verkaufen.

Nausicaas Bruder ist verschollen; ihr Vater macht sich auf die Suche und lässt Frau, Tochter, Schwiegertochter und jüngere Söhne allein zurück; die Amtsgeschäfte soll sein Bruder Mentor führen. Aber die anderen Adligen des kleinen Reichs proben den Aufstand und belagern als Freier den Palast Nausicaas und ihrer Familie. Zu Hilfe kommt Nausicaa ein gestrandeter Fremder, der aus dem Meer auftaucht, als Nausicaa mit ihren Dienerinnen beim Ballspiel ist…

Es gibt in der Welt dieser Nausicaa „Odysseus‘ Rückehr“ als letzten Gesang eines homerischen Troja-Geschichtenkreises (S. 83ff), darin ist die rachsüchtige Aphrodite, schaumgeborene Meergöttin, die Verursacherin von Odysseus‘ leidvoller Heimkehr. Der macht eine sehr ähnliche Odyssee durch wie in, uh, der Odyssee; er besucht die gleichen Orte und hat ähnliche Probleme – allerdings fehlen dabei die übernatüprlichen Elemente. Er ist ohne Calypso schiffbrüchig auf einer Insel; Circes Priesterin hält ihn gefangen (und ist keine Zauberin); seine Mannschaft schlachtet die Rinder der Thraker, nicht des Helios. Zu Hause hat Penelope ihn mit den fünfzig Freiern betrogen und Telemachos in die Sklaverei verkauft. Odysseus tötet die Freier mit dem Bogen, allerdings bemängelt die Zuhörerin Nausicaa die fehlenden Details: Wie soll der das genau geschafft haben, wieso flohen die Freier nicht? Wir wissen als Leser und Leserinnen, dass Nausicaa das in ihrer eigenen Fassung der Odyssee – also unserer – sehr detailliert erzählen wird, in einer meiner liebsten und blutigsten Stellen des Epos. (Die meinen Vater übrigens dazu animiert hat, sagt er, das Bogenschießen als Sport zu ergreifen; was zu vielen anderen Dingen geführt hat, letztlich auch zu meinen jährlichen Bogensport-Exkursionen mit der Schule.) Auch auf Sizilien in Nausicaas Palast gibt es einen historischen Bogen, und das bringt sie auf eine Idee, wie sie der Freier Herr werden könnte… Die Idee nennt sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht, aber als Leser kann ich mir in der Mitte des Buches nicht vorstellen, dass dieses familienfreundliche Epos im sizilianischen Miniaturformat gar so blutig sein wird wie im Original.

Das ist überhaupt eines der großen Vergnügen beim Lesen des Buches: Man weiß ungefähr, was kommen wird, und das macht es spannend; man weiß aber auch, dass es Abweichungen von der uns bekannten Geschichte geben wird – aber nicht welche, und auch dies macht es spannend. Und zuletzt ist die Geschichte einer home invasion und verschwundener Beschützer an sich schon spannend.

Meist ist der Roman aus Nausicaas Perspektive erzählt, aber – ein Schönheitsfehler – nicht immer. Nausicaa erklärt auch nicht, wo ihr Wissen um die Geschehnisse in der Ratsversammlung herkommt, also dass sie das etwa später erst erfahren hat. Ansonsten ist sie ein zuverlässige Erzählerin, auch wenn sie nicht davor zurückschreckt, ihre Umwelt zu manipulieren. So gibt sie ihrem Bruder Rat, lapidar vorausschickend: „Athene warnt mich ja oft, und gestern kam sie verkleidet als Schäferstochter zu mir“ (S. 48), ohne dass irgendetwas in der Art geschehen ist. Bei Goodreads habe ich nach der Lektüre die Leserkommentare überflogen, einer nennt sie eine „irritatingly snobbish know-it-all“. Das ist sehr negativ betrachtet. Sie ist klug, und als Bronzezeitprinzessin muss sie standesbewusst sein, und das hat mich überhaupt nicht irritiert. – Andere bezeichneten den Stil als schwer zugänglich, da an antiker Epik orientiert. Die Themen sind Götter und Helden und Alltag, ja, aber die Sprache fand ich im Gegenteil modern und kein bisschen antiquierend.

Die Ideen für Nausicaas, also unsere, Odyssee kommen nicht von ihr, sondern sie verarbeitet die Geschehnisse um die Belagerung durch ihre Freier. Eingebaut werden Märchen der Geschichtenerzählerin beim Weben, der fremde Schiffbrüchige am Strand. Ihr Onkel Mentor erzählt ihr auf ihren Wunsch noch einmal die Märchen ihrer Kindheit um den Abenteuer Ulysses (S. 113ff) – mit zaubermächtiger Circe, mit Calypso, mit anderen übernatürlichen Elementen. (Graves bezieht sich da auf eine Tradition, nach der „Odysseus“ und „Ulysses“ ursprünglich zwei verschiedene Gestalten waren. Die beiden Namensvarianten gibt es schon in der griechischen Antike; es ist unklar, welche Form älter ist.) Nausicaa erinnert sich wehmütig daran, wie sie sich in ihrer Kindheit naiv die Orte der Ulysses-Erzählung als Orte in ihrer Heimat Sizilien vorstellte. Wir Leser und Leserinnen wissen: Es wird umgekehrt sein, sie wird Sizilien in die große Welt versetzen. (Und vielleicht, so Graves, war das ja auch wirklich so.)

Überhaupt ist es lustig, wie das Buch die Ebenen durcheinander bringt: Die Erzählung in Homer’s Daugher behauptet, das Original zu sein mit der Odyssee als Nachdichtung davon, während wir Leser und Leserinnen das üblicherweise andersherum sehen. Allerdings stellt Graves mit dem Roman tatsächliche Thesen zur Entstehung der Odyssee zur Diskussion. In Griechische Mythologie hält Graves die Ansicht Samuels Butlers (der sich wiederum an Apollodoros anschließt) für wahrscheinlich, es gehe in der Odyssee um eine Reise um Sizilien und sie sei von einer sizilianischen Edelfrau verfasst. Dann wäre ja doch der Roman die wahrere Geschichte.

Am Ende rettet Nausicaa einem der Söhne Homers das Leben, und der verpflichtet sich dafür, Nausicaas Epos unter dem Namen Homers unter die Leute zu bringen. Nausicaa zählt zum Abschluss noch ein paar Fehler auf, die ihr untergekommen sind und erklärt damit einige der Ungereimtheiten bei Homers Epos beziehungsweise begründet sie mit poetischen Entscheidungen. (Siehe zu diesem Prinzip meinen monumentalen zweiteiligen Blogeintrag „Zwischen den Zeilen Schreiben“.) Auf Wunsch und nach Beratung des Homer-Sohns fügt sie auch ein paar mehr Männer ein.

Möglicherweise ist der Roman nie auf Deutsch erschienen, ich habe jedenfalls keinerlei Hinweis auf eine Übersetzung gefunden. (In verschiedene romanische Sprachen, das ja.) Nachtrag: Doch, heißt Nausikaa und ihre Freier.

— Nicht mehr organisch untergebracht: Kannte Graves Eugen Herrigels Zen in der Kunst des Bogenschießens (1948)? Auf S. 167 lässt er jedenfalls einen Meisterschützen erklären, dass normale Schützen mit dem Verstand arbeiten, die Stärke von Bogen und Wind und Bewegung einberechnen, während der Adept nach Gefühl (durch die Inspiration Apollos) sein Ziel trifft, ohne zu denken.

Insgesamt: Ein sehr schönes Buch.

6 Antworten auf „Robert Graves, Homer’s Daughter (1955)“

  1. Ah, danke. Dann habe ich den Hinweis auf das Buch wohl überhaupt von dir damals, vielen Dank. Ich wusste noch, dass ich das irgendwo aus dem Web hatte, aber nicht mehr woher.

    Die deutsche Ausgabe scheint nach 1956 nicht mehr aufgelegt worden zu sein, ich habe antiquarisch jedenfalls nur welche aus diesem Jahr gefunden, und bei Goodreads taucht der deutsche Titel gar nicht auf.

  2. Jetzt habe ich gedacht, ich kenne die gängigen modernen Odyssee-Varianten… Ich-Claudius-Graves kenne ich natürlich und seine überholte Mythologie auch, diesen Roman aber eben nicht. Vielleicht ist er gerade entbehrlich?

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