Sue Townsend, Adrian Mole: The Prostrate Years (2009)

Ach, ach. Adrian Mole war mir schon in meiner späten Jugend ein Begriff, weil ich regelmäßig von A-Z die Penguin-Kataloge las, die ich gelegentlich in Buchhandlungen bekam, und die für Buchhändler gedacht waren, nicht für Endkunden.

Aber gelesen habe ich The Secret Diary of Adrian Mole, Aged 13 3/4 und The Growing Pains of Adrian Mole dann erst zu Anfang des Studiums. (Der Kurs Übersetzung 1 begann mit den ersten Seiten des ersten Buchs.) Die Bücher waren toll. Später las ich dann die mittleren zwei Bände der Reihe, an die ich wenig Erinnerung habe und die mich nicht sehr beeindruckten, und erst vor einem Jahr las ich auf Empfehlung meines Freundes Bernhard die nächsten Bände, die sehr gut waren.

Und heute las ich den letzten Band. Ach, ach. Townsend starb 2014, es gibt keinen weiteren Mole mehr. The Prostrate Years ist ein würdiger und frustrierender letzter Band. Wie so oft geht es Adrian am Anfang noch ganz gut und im Verlauf des Buches immer schlechter. Diesmal zieht es ihn besonders herunter – seine Frau verlässt ihn, sein Bruder ist pleite, Krebs, kein Job, und das bisschen Geld so falsch investiert, wie man es nur aus dem Rückblick erzählen kann, die Familie hat Probleme, und auch der Lichtblick am Ende ist nicht gar so hell wie in den letzten Bänden. Er weint viel in diesem Buch.

Natürlich ist das ein lustiges Buch. Aber wenn man als 23-3/4-Jähriger über die Eskapaden eines zehn Jahre Jüngeren lacht, fällt das leichter, als mit 51 über die Sorgen eines Mannes im mittleren Alter zu schmunzeln. Adrian ist Hypochonder und Pedant, sozial ungeschickt, naiv, ein Möchtegernschriftsteller, der seine Grenzen nicht kennt, eine treue Seele, macht sich Sorgen um alles und jedes und gibt sein letztes Hemd für Freunde, Fremde und Familie. Die perfekte Identifikationsfigur. Man wünscht sich so, es möge alles gut gehen, aber Adrian bleibt weitgehend glücklos.

Aber einen Lichtblick gibt es: Pandora, seine große Jugendliebe, unerreichbar schön und selbstständig, tritt wieder in sein Leben. Und es wird heftig symbolisch: Adrian findet den Schlüssel zu einem Koffer wieder, den er von Bert Baxter in einem früheren Band erhalten haben muss. Inzwischen steht der Koffer bei Pandora, auch sie findet diesen zufällig auf dem Speicher, hat aber keinen Schlüssel dazu. „Then we must get together soon and you can put your key in my box,“ sagt Pandora zu Adrian, als sie davon erzählt — eine deutliche sexuelle Anspielung. Am Ende des Buches tritt der noch immer kranke Adrian auf die Straße, Pandora entgegen, die ihm entgegenfährt. Ende.

Und der nächste, nicht vollendete, vielleicht kaum richtig begonnene Band, an dem Townsend zur Zeit ihres Todes 2014 arbeitete, trug den Arbeitstitel Pandora’s Box. Aaaaargh! Was ist in dem Koffer? Wann haben Adrian und Pandora ihn gekriegt? Werden die beiden je ein richtiges Paar? Das ist die Karotte, die Townsend jahrelang vor den Lesern baumeln ließ, und es wäre doch so schön.

4 Antworten auf „Sue Townsend, Adrian Mole: The Prostrate Years (2009)“

  1. Ich wollte es nicht schreiben aber in deiner Überschrift hatte eine heftigen Verleser: The Prostate Years.

    ‚tschuldigung.

  2. Tatsächlich ist das wohl beabsichtigt, wenn auch nicht von mir: Adrian hat Prostata-Krebs, Englisch „prostate“, stört sich daber daran, dass so viele in seinem Umfeld das falsch als „prostrate“ aussprechen (was „ausgestreckt, niedergestreckt“ heißt und auch passt).

  3. Das mit den Autoren, die vor Ende ihres Werkes von uns gehen (oder anderweitig nicht mehr fähig sind, weiterzuschreiben), ist eine meiner größten Nerd-Ängste.

    Ich habe das sowohl mit Terry Pratchett (2007 die Diagnose Alzheimer, dann 2015 leider gestorben) als auch mit Robert Jordan (2007 an Amyloidose gestorben) durchlebt.

    Zum Glück für mich haben beide Autoren es jeweils geschafft, die ihnen (und Fans) am Herzen liegenden Werke noch so vorzubereiten, dass sie posthum vervollständigt und veröffentlicht werden konnten (auch wenn im Falle von Pratchett wohl tatsächlich ein paar bei seinem Tod in der Entstehung befindliche Werke auf seinen Wunsch hin vernichtet wurden, der letzte Scheibenweltroman jedoch zum Glück nicht).
    Also nicht wirklich unvollständig.

    Aber es gibt ja ein paar bekannte Beispiele in der Literatur.
    Byron’s „Don Juan“ sollte eigentlich weitergehen,
    „Woyzeck“ war nicht ganz fertig, und von „The Mystery of Edwin Drood“ haben wir auch nur die Hälfte.
    „Der Proceß“ von Kafka ist ein Beispiel dafür, dass etwas interessantes herauskommen kann wenn sich jemand (in diesem Fall Max Brod) nicht an die Anweisungen des verstorbenen Autors hält. Aus meiner Sicht sehr tragisch wenn dieses Werk (und andere von Kafka, er war wohl nicht unbedingt der beste darin, etwas fertigzustellen, und eigentlich wollte er ja dass alles vernichtet wird) verloren gegangen wäre. Auch wenn wir uns natürlich auf Max Brods Aussage verlassen müssen, dem Roman fehle nichts. Bin gar nicht sicher ob die unvollständigen Kapitel einmal alle veröffentlicht worden sind.

    Gruß
    Aginor

  4. Aginor, willkommen zurück! Pratchett habe ich selber mitverfolgt, und Diskussionen zu Edwin Drood ebenso. (Robert Jordan kenne ich nur dem Namen nach.)

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