Laurie R. King, The Moor

Vielleicht ist das ja ein ganz gutes Buch, es ist ja immerhin ein Bestseller. Aber für mich war es wohl nichts. Gelesen habe ich es, weil ich mich gerade mit Arthur Conan Doyles The Hound of the Baskervilles beschäftige, und damit hat dieses Buch etwas zu tun.

The Moor (1998) ist der 4. Band der sehr erfolgreichen Krimi-Reihe um Mary Russell. Das Erscheinen des ersten Bands vor über zwanzig Jahren hatte ich mitgekriegt (inzwischen gibt es wohl 18 Bände), darin trifft die fünfzehnjährige Mary Russell auf den knapp vierzig Jahre älteren Sherlock Holmes und lässt sich von ihm zur Detektivin ausbilden. In den erzählten Geschichten, habe ich gelesen, geht es eher um Mary als um Holmes.

Mit diesen Erwartungen wurde ich von The Moor enttäuscht. Inzwischen sind Holmes und Russell (sie behält ihren Mädchennamen) verheiratet, auch wenn sie viel Zeit getrennt von einander verbringen. Der betagte Reverend Sabine Baring-Gould, ein versierter Heimatkundler und viel veröffentlichter Universalamateur, kennt Holmes von früher und bittet ihn, einen Todesfall und Gerüchte um sein geliebtes Dartmoor aufzuklären. So richtig klar wird mir der Anlass nicht, aber Holmes ist nun einmal da und schickt nach Russell. Die kommt auch, mit den verlangten Karten und einem Kompass, und leistet Holmes eheliche und andere Gesellschaft. — Erst ab der zweiten Hälfte gewinnt die Handlung an Fahrt. Da trennen sich Holmes und Russell auch mal für eine kleine Weile. Russell kommt dem Geheimnis auf die Spur, letztlich indem sie eine Stelle in einem Buch von Baring-Gould sie auf eine Idee bringt. Viel mehr detektivische Arbeit ist nicht nötig, auch wenn Russell viel Zeit im durchaus atmosphärisch geschilderten Moor verbringt. (Holmes kommt währenddessen zu den gleichen Erkenntnissen wie Russell. Das einzige, was Russell wirklich beisteuert, ist die Erkenntnis, dass die Vorbesitzerin von Baskerville Hall mit einem unerwarteten Verdächtigen verlobt ist. Aber was der sich überhaupt dabei gedacht hat, erfahren wir nie, es kann auch kein sinnvoller Bestandteil eines Plans gewesen sein.)

Ich hatte mir mehr erhofft. Russell ist eher noch weniger selbstständig als Watson. Verrirt erschrickt sie im dichten Nebel im Hochmoor („the sharp terror of a looming figure, which would turn out to be a standing stone“, S. 77), statt sich darüber zu freuen, einer Menschenseele zu begegnen. Die Atmosphäre von Dartmoor macht ihr zu schaffen (S. 76). Auch Holmes ist weit davon entfernt, der Übermensch zu sein, von dem Watson erzählt: Nur ein einziges Mal macht er einen angeberischen Schluss (S. 118). Das ist vielleicht realistischer, aber wenn ich Realismus möchte, lese ich doch keinen Holmes.

Auch sprachlich überzeugt mich das Buch nicht. Ich bin da pingelig. Baring-Gould erklärt den Namen seiner Familie: „My name combines two families: the Crusader John Gold, or Gould, […] and that of the Baring family.“ Diese Konstruktion geht im Schriftlichen, aber nicht mündlich. — Das Buch spielt 1923, die Sprache klingt aber modern. Russell hängt in der Vorratskammer an den Fingerspitzen am Regal „like a rock climber“ (S. 136); sie sagt: „I need to ask“ statt „I must“ oder „have to“ (S. 245) — für meine Ohren klingt das modern, und Google Ngrams stimmt mir da zu. Aber gut, vielleicht ist Russell ihrer Zeit voraus. Ohnehin ist das Manuskript ja unbestimmt jünger als 1923, denn wie bei den Flashman-Romanen fungiert King nur als Herausgeberin angeblich gefundener Manuskripte. Aber während mir bei Flashman und Watson klar ist, für welches Publikum und aus welchem Anlass sie schreiben, sehe ich das bei den Russell-Erzählungen nicht. Russell schreibt ihr Manuskript nicht aus einer erkennbaren historischen Distanz, also nicht auktorial-rückblickend-allwissend.

Ich fühle mich nörgelig. Aber ich hatte mir halt mehr erhofft. Wer weiß, vielleicht mildert die Zeit wieder mal mein Urteil.

Tagged: Tags

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.