Ist das in Ordnung, dass mündliche Noten so viel besser sind als schriftliche?

In Bayern gibt es wie in allen Ländern verschiedene Möglichkeiten, Noten zu machen, aber vor allem gibt es mündliche Noten und schriftliche Noten. Schriftliche Noten sind meistens größere oder kleinere, angesagte oder überraschende Prüfungen, die sich auf einen kleineren oder größeren Zeitraum beziehen können. Mündliche Noten fallen dabei deutlich besser aus als schriftliche. (Weiß schon, Ausnahmen, ist aber dennoch so, da sind wir uns wohl einig.)

Die schriftlichen Noten zählen dabei mehr als die mündlichen. (Auch das kann man differenzieren; es gibt kleine und große Leistungserhebungen, und große zählen mehr, und meist sind die mündlichen klein und die schriftlichen groß – aber, kurz gesagt, schriftliche zählen in den wissenschaftlichen Fächern mehr.)

Als die ersten Schüler und Schülerinnen des plötzlich eingeführten achtjährigen Gymnasiums am Ende der 9. Klasse waren, wurden die Regelungen für die neue Oberstufe beschlossen, also für die 11. und 12. Klasse. Und die hießen unter anderem de facto: Die mündlichen Noten in der Oberstufe werden stärker gewichtet als bisher, stärker als in Unter- und Mittelstufe.

Beschlossen wird so etwas von der Exekutive, also dem Kultusministerium. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ernsthafte Didaktiker dafür ihren Namen hergegeben haben oder dass ein echter didaktischer Grund dafür bestand, die mündlichen Noten aufzuwerten, es sei denn mit dem Ziel, Noten irgendwann einmal ganz abzuschaffen. (Ein hehres Ziel, aber ich lebe in der Praxis.) Der tatsächliche Grund dürfte der gewesen sein, eine drastische Notenverschlechterung im G8 zu vermeiden, das ja politisch ein Erfolg werden musste.

Und so kam es auch. Weiterhin sind mündliche Noten besser als schriftliche, und das das trägt wesentlich dazu bei, dass die Abiturnoten nicht schlechter, sondern besser geworden sind. Das führt regelmäßig zu Problemen, wenn sich Schüler und Schülerinnen mit der mündlichen Note bis zum Abitur in Deutsch und Mathematik retten und dann in der rein schriftlichen Prüfung die gleichen schlechten Noten kriegen wie bisher – und dann erst einmal die Abiturprüfung nicht bestehen und sich vielleicht noch über eine nachträgliche Ergänzungsprüfung retten können.

Ausgangspunkt dieses Blogeintrags: Der Deutsche Philologenverband fordert aussagekräftigere, also wohl: schlechtere Noten am Gymnasium, Spiegel hier. Früher war 2,3 im Abitur eine gute Note, heute ist sie Durchschnitt. Die Noten von 2007 und 2017 zu vergleichen, macht allerdings insofern wenig Sinn, als Noten de facto nur etwas über relative Leistung aussagen: Jemand mit 1,3 im Abitur ist besser als jemand mit 2,3 (auch wenn die Forschung immer wieder Tendenzen auszumachen scheint, dass bei gleicher Leistung doch Geschlecht, Familienhaus, Name zu unterschiedlicher Benotung führen). Ob jemand mit 1,3 wirklich sehr gut ist, das lässt sich daraus nicht ableiten. Ob die Schüler und Schülerinnen bei gleicher Note heute mehr können oder anderes oder nicht, und ob das gut ist oder nicht – das sind andere, schwierigere Fragen, um die es mir hier gar nicht geht.

Mich treibt vielmehr die Frage um, warum mündliche Noten besser sind als schriftliche. Die tatsächliche Antwort dürfte sein: Erstens Mitgefühl, weil man leichter eine 5 aufs Blatt schreibt statt sie ins Gesicht zu sagen; zweitens Unsicherheit, weil mündliche Noten allgemein viel angreifbarer sind als schriftliche und man sich keinen Ärger holen will; drittens das Gefühl, dass ja genau das von oben und weiter oben gewünscht wird – deshalb ist ja auch die Neuregelung für die G8-Oberstufe eingeführt worden.

Aber vielleicht sehe ich das zu zynisch. Vielleicht gibt es legitime Begründungen dafür, warum es richtig ist, dass mündliche Noten besser sind als schriftliche.

Ein möglicher Grund, oben schon angedeutet: Noten an sich sind schlecht, und je weniger oder je bessere Noten man gibt, desto besser. Das ist grob verkürzt dargestellt, und sorgfältiger argumentiert ist das nicht so schlecht, wie es klingt. Ich vermute mal, aber das mag ein Vorurteil sein, bei der Didaktik an den Universitäten oder Pädagogischen Hochschulen sieht man das oft so. Diese Sicht kann ich mir als Lehrer aber nicht leisten, will auch heißen: bin zu stolz dafür. Ich werde fürs Notengeben bezahlt, auch wenn und gerade weil ich das ungern mache; davor mag ich mich nicht zu sehr drücken.

Ein Grund, könnte der sein, dass mündlichen Noten andere Kompetenzen zugrunde liegen als schriftliche. Und dass bei mündlichen Noten halt immer eher das geprüft wird, was die Schüler und Schülerinnen besser können. Allerdings leuchtet mir das ebenso wenig ein wie der Vorschlag, den ich auf Twitter bekam: Bei schriftlichen Noten arbeiteten die Schüler weniger angeleitet, selbstständiger, daher die schlechteren Noten. Allerdings verstehe ich nicht, was das eine mit dem anderen zu tun hat. Die Schulordnung kennt keine unterschiedlichen Kriterien für mündliche und schriftliche Noten, ein sehr gut ist immer eine Leistung, die den Anforderungen in besonderem Maße entspricht. Wie sieht die didaktische Rechtfertigung dafür aus, dass die Anforderungen bei mündlichen Noten niedriger sind?

Ich sage nicht, dass mündliche Noten zu gut sind. Vielleicht sind schriftliche auch zu schlecht. Muss es überhaupt 5er und 6er geben? Note 1-4 heißt ja: im Prinzip schon brauchbar, und Note 5-6 heißt: nein, das geht so nicht. Man übt in der Schule keinesfalls, bis alle den Stoff können, sondern halt eine Weile, bis dann endlich die Zeit für die Prüfung da ist. (Jan-Martin Klinge hat neulich überlegt, wie man etwas an diesem Prinzip ändern könnte.) Ist man bei mündlichen Noten da besser und prüft zu einem Zeitpunkt, zu dem die Schüler und Schülerinnen den Stoff gründlich verstanden haben?

(Das glaube ich nicht, nein. Aber es ist ein netter Gedanke.)

Weiß jemand, ob die universitäte Schuldidaktik sich irgendwie zu der Diskrepanz zwischen mündlichen und schriftlichen Noten positioniert? Findet sie die gut, ist sie ihr egal? Beklagenswert oder noch ein Segen?

Nachtrag: Ich verteidige ja gerne mal die Wissenschaft, wenn wieder etwas Offensichtliches festgestellt wurde. Denn auch das Offensichtliche muss erst einmal sauber nachgewiesen werden; am Ende hat’s dann ja vielleicht doch gar nicht gestimmt. In Abwesenheit solcher Untersuchungen zu mündlichen und schriftlichen Noten muss allerdings auch die universitäre Didaktik, wenn sie nicht ihrem schlechten Ruf unter den Praktikern entsprechen will, den Erfahrungen der Experten vertrauen, den Lehrkräften und Schülern und Schülerinnen.

16 Thoughts to “Ist das in Ordnung, dass mündliche Noten so viel besser sind als schriftliche?

  1. Seines Wissens gibt es keine Untersuchung zum Verhältnis mündlicher/schriftlicher Noten. Allerdings haben Sie mit den guten Abinoten ein Problem angesprochen, was H. schon lange auf den Nägeln brennt. Er erinnert sich, was er und die KlassenkameradInnen damals (Ende der 60er) in ihrer Oberstufe alles leisteten, wussten und was sie an neuen Impulsen in den Unterricht einbrachten, wie sie darüber hinaus den Schulalltag zu gestalten versuchten. Das wird auch von den heute noch lebenden LehrerInnen von damals bestätigt – ja, es gibt noch ein paar, die besucht werden.
    Damit verglichen ist das heutige Kompetenzstreben erbärmlich (Auch wenn der letzte Satz vielen nicht gefällt).

  2. Unsortierte Überlegungen dazu:
    Kinder und Jugendliche werden im Gegensatz zu früher von klein auf für jeden Mist beklatscht und niedergelobt. Das führt bei vielen zu einem ganz anderen Selbstbewusstsein als bei früheren Generationen, dessen Würdigung (nicht etwa die einer tatsächlichen Leistung) von Schülern und Eltern oft vehement eingefordert wird. Lehrer geben dem nach, gerade weil bei mündlichen Leistungen, zumeist in Anwesenheit anderer Schüler, sehr schnell der Vorwurf erhoben wird , da würde jemand „fertiggemacht“. Und dann gibt man eben nach. Man darf ja deswegen nicht einmal mehr öffentlich Noten bekannt geben, an denen sich die anderen Schüler orientieren könnten. Eine smarte Performanz ist halt fast alles. Und die kann viel eher mündlich zur Geltung gebracht werden, als schriftlich. Wenn das neue neunjährige Gymnasium wieder eingeführt, dann gehe ich jede Wette ein, dass die G8-Rettungsnoten (Summarische Gleichgewichtung von großen und kleinen Leistungsnachweisen) in der Oberstufe nicht wieder abgeschafft werden.

  3. Ganz pragmatisch: Man sollte in einem Fach das gewichtiger benoten können, auf das es im Fach oder auch bezogen auf das Thema ankommt.
    Aus der Berufsvorbereitung kann ich nur sagen, dass mündliche Kompetenzen oft genug unterschätzt werden. Im Beruf muss man nämlich häufig mehr reden, präsentieren, überzeugen, erklären,… als sein Wissen schriftlich darlegen.
    Hier sind mündliche Leistungen wichtiger, dort schriftliche. Das müsste man den Schülern beibringen und anschließend entsprechend benoten können.

  4. Aus der psychologischen Diagnostik weiß man, dass die Prüfungssituationen an sich im schriftlichen und mündlichen Bereich zwei unterschiedliche sind. Es sei denn, ein mündlicher Prüfer ignoriert alles Gesagte des Prüflings und liest seine Fragen einfach nur von einem Fragebogen ab.
    Andreas Frey hat in Kapitel 11 von „Testtheorie und Fragebogenkonstruktion“ (https://doi.org/10.1007/978-3-642-20072-4) die mündliche Prüfung mit adaptivem Testen verglichen. Basierend auf dem Gesagten des Prüflings passt der Prüfer seine Fragen an, Rückfragen sind erlaubt, zusätzliche Hilfestellungen manchmal ebenfalls. Die Annahme beim adaptiven Testen ist, dass dadurch das Leistungsniveau schneller und exakter bestimmt wird als mit einem schriftlichen Test, der ja meist in der Breite misst (siehe dazu Freys Artikel). Typischerweise gibt ein schriftlicher Test aber kein Feedback (sei es verbal, nonverbal, explizit oder implizit) wie gut eine gegebene Antwort war.

  5. Dass man je nach Fach und Inhalt mündliche und schriftliche Noten anders gewichten kann und sollte, verstehe ich völlig, @Tanja. Dass insgesamt mündliche Leistungen in den Fremdsprachen mehr zählen, dass Präsentieren und Diskutieren wichtig sind, und dass tatsächlich mündliche Leistungen noch gar nicht genug repräsentiert sind: Da stimme ich zu.

    Ich frage mich nur, und es ist eine echte Frage, ob es gute Gründe dafür gibt, dass mündliche Leistungen tendenziell immer ausreichend sind und schriftliche auch mal ungenügend, oder ob das ein (vermeidbares oder unvermeidbares) Artefakt ist, ein Nebenprodukt sozusagen.

    @Matthias, danke für den Hinweis. Man könnte also argumentieren, dass mündliche Noten das tatsächliche Vermögen der Geprüften besser abbilden, weil durch das Feedback die Möglichkeit zur Selbstverbesserung, zur Überprüfung besteht, die das tatsächlich Vermögen besser zum Vorschein bringt. Dann wäre es klar, dass es da bessere Noten gibt. Bei schriftlich geprüften Kompetenzen (die sich nur schriftlich prüfen lassen), gibt es dieses Korrektiv nicht. – Das überzeugt mich noch nicht ganz, ist aber ein Ansatz.

    (Wie mündliche Noten in der Realität entstehen, ist wieder ein anderes Thema.)

  6. Ich schätze, der Unterschied in der Bewertung hat auch mit der Aufmerksamkeit des Zuhörers bzw. des Lesers zu tun.
    Höre ich eine Lösung, dann muss ich sofort eine Bewertung vornehmen, das geht aber nur, indem ich die gesendeten Informationen reduziere auf bestimmte Schlüsselwörter. Der ein oder andere Fehler verschwindet dahinter.
    Bei geschriebenen Texten fallen aber diese Details deutlich auf. In Mathe sind das Rechenfehler (den Rechenweg erläutern ist ja das eine, die Rechnung eine andere), in Fremdsprachen Rechtschreibung und Grammatik. Auch Argumente, die im Großen und Ganzen stimmen, sind plötzlich im Detail lückenhaft oder sogar widersprüchlich, was erst beim zweiten oder dritten Lesen auffällt. Diese Fehler erhalten dann ein größeres Gewicht, die schriftliche Note fällt schlechter aus.
    Ich denke, dass sich der Unterschied nur dadurch auflösen lässt, wenn alle Unterrichtsgespräche aufgenommen und in der Nachbereitung bewertet werden, da erst dann noch eine Zweitbewertung des Gesprächs stattfinden kann. Ansonsten ist es einfach menschlich, dass wir nicht alles im Detail behalten können und damit manches überhört wird.

  7. @ixsi: Die Erklärung für das Zustandekommen der Noten ist überzeugend. Jetzt würde ich nur gerne wissen, ob die Didaktik sagt, dass das gut so ist, wie es ist, oder nicht. (Vermutlich interessiert sie sich aber nicht dafür.)

  8. @Herr Rau Ich schätze, dafür müsste „die Didaktik“ (wer auch immer das sein mag, vielleicht Hilbert Meyer) ein Bewusstsein auf Basis der Faktenlage entwickeln. Gibt es denn eine flächendeckende Untersuchung, die zeigt, dass das nicht nur einzelnen Akteuren so geht, sondern dass mündliche Noten tendenziell immer besser sind? Gefunden habe ich jetzt auf die Schnelle nichts.

  9. Die Didaktik heißt: irgendwer. Die Didaktiker, die ich kenne und lese, auf Twitter und ansonsten in der Informatik (und ich halte ja selber eine Didaktikvorlesung), interessieren sich nicht für Noten.

    Eine flächendeckende Untersuchung kenne ich nicht, habe auch nicht danach gesucht, sehe da aber auch jeden, der anderes behaupten, in der Bringschuld.

    Ich kann nur die Leistungskursergebnisse anbieten: Als es noch LKs gab, gab es 3 Semester mit Klausuren und 1 Semester ohne Klausuren. Bayernweit waren in allen Fächern bis auf Sport die Ergebnisse dieses Semesters stets deutlich besser. (Klar gibt’s dafür viele mögliche Erklärungen. Die SuS sind im letzten Semester einfach immer alle besser oder so.)

    Ähnlich auch bei den schriftlichen und mündlichen Abiturprüfungen, die sich aber aus verschiedenen Gründen nicht mit herkömmlichen mündlichen Noten vergleichen lassen.

  10. Die (zu) guten mündlichen Noten entstehen oft durch die „Motivations-Illusion“. Lehrer denkt sich: „Wenn ich ihnen gute Noten gebe, werden sie aktiver und inhaltlich gehaltvoller am Unterricht teilnehmen.“ Das funktioniert nur in den seltensten Fällen, denn die Schüler denken sich: „Wozu soll ich mehr (mit)arbeiten, wenn ich für (fast) nichts schon eine 4 oder 3 bekomme?“ Sehr beliebt ist hier das „Beantworten“ von rhetorischen Lehrer-Fragen wie „Könnte der Autor hier nicht vor allem xy meinen?“

    Ein anderes Problem ist, dass man im Referendariat nicht lernt (bzw. lernen kann), wie man angemessene Unterrichtsbeitragsnoten macht. Bei schriftlichen Arbeiten geht das problemlos. Man vergleicht eine sehr gute, mittlere und miserable Arbeit und entwickelt die entsprechenden Bewertungskriterien. Bei „Rechenschaftsablagen“ geht es auch noch halbwegs. Aber für UB-Noten müsste ein StRef über einen längeren Zeitraum (2-3 Wochen) in meinem Unterricht sitzen (oder ich in seinem/ihren), erst dann kann ich ihm/ihr nachvollziehbar erklären, warum der Thomas eine 1 und der Max eine 5 bekommt. Das ist in unserem System aber nicht vorgesehen.

  11. @Herr Rau Meine Vermutung ist, dass es die Didaktik deshalb nicht interessiert, weil es typischerweise nicht in den Ausbildungsbereich fällt. Ich kann hier jetzt erst mal nur für NRW sprechen, aber da gehört differenzierte, transparente und objektive Leistungsbewertung ins Referendariat (siehe https://www.schulministerium.nrw.de/docs/Recht/LAusbildung/Vorbereitungsdienst/Kerncurriculum.pdf).
    „Eine flächendeckende Untersuchung kenne ich nicht, habe auch nicht danach gesucht, sehe da aber auch jeden, der anderes behaupten, in der Bringschuld.“ Da würde ich jetzt im Sinne von Christopher Hitchens zitieren „That which can be asserted without evidence can be dismissed without evidence“. Die LK-Ergebnisse könnten ja in dem Sinne „evidence“ sein (wo kann man denn die bayernweiten Ergebnisse einsehen?), könnten aber wie bereits erwähnt vielen Ursachen entspringen (bspw. Vergleichbarkeit mit Anforderungen vorheriger Semester, Wiederholung vs. Vertiefung etc.). Vielleicht stellen viele Lehrkräfte auch (unbewusst) im letzten Semester leichtere mündliche Klausuren, aus welchen Gründen auch immer.

    Der Beitrag von Herrn Lüders hat mich kurz überlegen lassen: Reden wir über mündliche Mitarbeit oder eine mündliche Prüfung?

  12. 1. Desinteresse der Didaktik: Da hänge ich nicht dran, werde gerne eines Beeresn belehrt. Aber du meintest doch sicher: „weil es *in* den Ausbildungsbereich gehört“? So oder so, zur Bewertung von schriftlichen Arbeiten habe ich an der Uni jedenfalls eineinhalb Veranstaltungen besucht. Leistungsbewertung gehört auch laut LPO (Lehramtsprüfungsordnung) zumindest in Bayern an die Uni – „fachbezogenes Diagnostizieren und Beurteilen“, „Lernprozesse und ihre Ergebnisse beurteilen können“.

    2. Bringschuld: Entschuldigung, ist das an deiner Schule tatsächlich anders? Ich frag gerne mal im Lehrerforum nach, was die für Erfahrungen in NRW haben. Wenn dich meine Statistiken nicht überzeugen (mich überzeugten deine Einwände übrigens nicht), hast du andere?

    3. Abiturschnitte in Bayern: Ich müsste googeln, ob die öffentlich sind; die Schule kriegen jedenfalls immer detaillierte Aufstellungen.

    4. Wir reden über das, was in Bayern mündliche Noten heißt und in der Regel (nur) Teil von dem ist, was anderswo SoMi heißt. Das heißt Referate, Ausfragen, Unterrichtsbeobachtungen (zu einem konkreten Zeitraum). Auch da müssen die SuS gefragt und die Antwort bewertet werden. Wer sich nicht meldet, muss aufgerufen werden; die Anzahl der Meldungen, darf keine Rolle spielen für die Note. – Ich sag das nur, weil das anderswo wohl anders ist.

    5. Eine Konzession kann ich machen: Vielleicht sind es gar nicht die mündlichen Noten an sich, die besser sind, sondern die SoMi-Noten. SoMi (heißt bei uns nicht so) sind ja auch andere Prüfungen, nicht nur die mündlichen, wenn auch hauptsächlich die. Es gibt allerdings in den modernen Fremdsprachen (seltener: Deutsch) große mündliche Leistungserhebungen, also quasi echte mündliche Klausuren. Die müsste man vergleichen.

  13. Verzeihung, Matthias, ich hätte konzilianter sein können, war aber in Eile, nie gut. Also: Wenn du wirklich den Eindruck hast, dass das nach deiner Erfahrung nicht so ist, dann ist das interessant. Sind am Ende Bundesländer verschieden, oder Schularten, oder Ober-Mittel-Unterstufe? Bin’s nur ich, oder nicht mal ich, und meine Hypothese stimmt gar nicht? Kann alles sein, und das wüsste ich gerne. Wenn du aber nur einfach so „Beweis erst mal“ sagst, dann stachelt das meine Neugier weniger an, sozusagen.

  14. Zu 1.: Laut KMK gehört es natürlich in die universitäre Ausbildung („https://www.schulministerium.nrw.de/docs/Recht/LAusbildung/KMK-Beschluesse/Fachprofile.pdf“), da hast du völlig Recht und ich habe mich da falsch ausgedrückt. Das ist die normative Sicht. Die Praxis sieht dann mglw. wieder anders aus. Ich habe gerade mal das hauseigene Vorlesungsverzeichnis nach Schlagworten im Titel aller Veranstaltungen durchforstet, da du ja von eineinhalb spezifischen Veranstaltungen berichtet hast: „Bewertung“ 0 Treffer, „Benotung“ 0 Treffer, „Leistung“ 1 Treffer in der Chemiedidaktik, 1 Treffer in „Psychologie“. Das könnte bedeuten, dass Inhalte wie „fachbezogenes Diagnostizieren und Beurteilen“ oder „Lernprozesse und ihre Ergebnisse beurteilen können“ keine eigene Veranstaltung gewidmet und daher integrativ in den fachdidaktischen Veranstaltungen gelehrt werden, bleibt aber spekulativ. Und ist auch hier nur anecdotal evidence, muss also nicht repräsentativ sein. Vielleicht heißen die Veranstaltungen einfach nur anders. Ich jedoch hatte bspw. gar keine Veranstaltungen zur Leistungsbewertung mit der Begründung, dass solch praktische Aspekte Inhalte des Referendariats seien. Auch habe ich dort erst unterschiedliche Bewertungsstrategien bei mündlichen und schriftlichen Leistungen gelernt.

    Zu 2. bzw. dem letzten Kommentar: Das sind interessante Fragen. Hier sind sie auch als offene Fragen formuliert im Gegensatz zu „Mich treibt vielmehr die Frage um, warum mündliche Noten besser sind als schriftliche“. Das klingt, als wäre es definitiv so und wir müssten nur nach den Ursachen suchen. Vielleicht habe ich das auch falsch verstanden. Meiner Erfahrung nach trifft das auch zu, aber ich misstraue meiner Erfahrung immer als erstes (https://yourlogicalfallacyis.com/anecdotal). Der dismiss der vorherigen Behauptung kam eher von der Formulierung „Wer was anderes sagt kann mir ja das Gegenteil beweisen“(https://yourlogicalfallacyis.com/burden-of-proof). Das impliziert gar nicht, dass deine Behauptung falsch ist. Möglicherweise ist sie ja tatsächlich wahr. Möglicherweise sind sogar die Gründe wahr, die du zu Anfang vorgebracht hast. Mein Standpunkt ist dazu immer, dass wir das (noch) nicht wissen. Wir können das nur dadurch in Erfahrung bringen, dass wir uns Daten aus verschiedenen Quellen anschauen.

    Zu 3.: Das wäre zumindest schon mal ein guter Hinweis, aus dem man evtl. begrenzt etwas zu deiner Hypothese ableiten könnte (Grenzen hattest du ja vorher selbst genannt).

    Zu 4.: Dann haben wir vermutlich bereits von Anfang an über unterschiedliche Dinge geredet. Ich hatte bei „mündlichen Noten“ tatsächlich nur die Leistungen einer mündlichen Prüfung mit Prüfungsleitern und -beisitzern im Kopf.

    Zu 5.: Dazu müsste man jetzt tatsächlich Daten finden, sofern diese erhoben werden (und veröffentlicht werden dürfen). Eine(!) Untersuchung von Neumann et al. zur Vergleichbarkeit von Abiturleistungen ist mir bekannt (https://link.springer.com/article/10.1007/s11618-009-0099-6), darin werden Gesamtleistungen (schriftlich + mündlich) zwischen Hamburg und Baden-Württemberg verglichen. Dort heißt es, dass „die schriftlichen Prüfungsnoten mit den kombinierten (schriftlich +
    mündlich) Prüfungsnoten über alle Hamburger Schülerinnen und Schüler nahezu perfekt
    miteinander (r > 0,99)“ korrelierten, „sodass nicht mit bedeutsamen Verzerrungen zu rechnen ist“. Dadurch, dass in die Korrelation jedoch nur die Kovarianzen und Standardabweichungen einfließen, könnte eine systematische Verschiebung dadurch nicht entdeckt werden. Oder anders gesagt, wenn alle Lehrer alle mündlichen Leistungen IMMER nahezu gleich viel besser bewerten, würden die Daten trotzdem nahezu perfekt miteinander korrelieren. Die Frage ist nun, wie wahrscheinlich es ist, dass alle Lehrer bei mündlichen Leistungen immer um dieselbe Note nach oben abweichen.

  15. Dass mündliche Noten im Schnitt besser sind als schriftliche, ist kein Phänomen der Schule, sondern in gleicher Weise auch aus den juristischen (Staats-)Prüfungen bekannt: regelmäßig verbessern sich die Prüflinge in der mündlichen Prüfung im Vergleich zu den Ergebnissen der fünfstündigen Klausuren. Es gibt auch Ausnahmen, aber das sind eben Ausnahmen.

    Die Ursachen dürften mehrschichtig sein, wie sie hier in den Kommentaren auch schon genannt wurden:

    1) Es ist nicht einfach, einem Prüfling eine negative Bewertung zu eröffnen. Das ist bei schriftlichen Prüfungen nicht anders als bei mündlichen, aber bei schriftlichen Aufgaben ist der Akt des Bewertens von der Eröffnung der Bewertung zeitlich entkoppelt.

    2) Noten sind immer relativ, mag auch die Bewertungsskala scheinbar objektiv sein. Eine schriftliche Arbeit steht typischerweise im Vergleich zu zwei Dutzend anderen Arbeiten oder mehr; die mündliche Leistung steht für sich (oder innerhalb einer kleinen Vergleichsgruppe – bei mündlichen Prüfungen im Staatsexamen typischerweise drei weitere Kandidaten, die im übrigen möglichst homogen nach den schriftlichen Vornoten ausgewählt wurden). Das kann leicht dazu führen, dass die Notenskala nicht in alle Richtungen ausgenutzt wird.

    3) Ein wesentlicher Punkt ist, dass mündliche Prüfungen dynamisch verlaufen. Wer bei einer schriftlichen Prüfung einen Fehler macht oder einen Kernpunkt übersieht, oder wer genau diese Facetten des Themas nicht beherrscht, mag mangelhaft abschneiden. Die mündliche Prüfung bietet die Möglichkeit, noch andere Facetten anzuschneiden, die der Prüfling vielleicht besser oder gar grandios beherrscht, und sie ermöglicht es, das Niveau abzusenken – wer die 1er- oder 2er-Frage nicht beantworten kann, kann vielleicht die 3er-Frage gut beantworten. Das mag es ermöglichen, den wahren Leistungsstand besser abzuprüfen. Andererseits kommt es natürlich darauf an, wie die abgeprüften Leistungen realiter erbracht werden müssen; wer als Statiker (schriftliche) Pläne erstellen oder prüfen muss, dem hilft es wenig, wenn er daran scheitert, im Dialog aber ganz gut zurechtkäme. Auch mag es im mündlichen Austausch leichter sein, zu blenden, als das bei schriftlicher Kommunikation möglich wäre.

    4) Mündliche Prüfungen sind vergleichsweise kurz. In der juristischen Staatsprüfung kommen auf bis zu acht fünstündige Klausuren üblicherweise (pro Prüfling) 60-80 Minuten Prüfung (1/3 oder 1/4 einer vierstündigen Prüfung). In der Schule ist das nicht anders; Klausuren dauern 45-90 Minuten, die mündlichen Abfragen vermutlich eher fünf Minuten. Der abfragbare Leistungsumfang ist also deutlich geringer.

    5) Die vorgenannten Punkte wirken auch wechselseitig zusammen: es ist in der mündlichen Prüfungssituation schwieriger, einen (einheitlichen) Bewertungsmaßstab anzuwenden. Im Gegensatz zur schriftlichen Prüfung weiß man im Vorfeld nicht, wie die Prüfung verlaufen wird, kann also kein festes Schema (Fehlerzahl, …) anlegen. Insbesondere wenn man nacheinander, nicht parallel, prüft (was der schulischen Situation wohl eher entsprechen dürfte), bekommt man erst nachträglich einen Eindruck davon, wie gut die ersten Prüflinge wirklich waren. Hat man sie im Vergleich zu gut bewertet, wird man eher dazu tendieren, auch die wirklich guten noch besser zu bewerten, weil man die ersten Noten nicht mehr zurücknehmen kann. Und schließlich mag auch der dynamische Verlauf einer Prüfung zur Selbsttäuschung führen: ist der Prüfling im Thema „blank“, wechselt man auf ein anderes, sind die Fragen zu schwer, senkt man das Niveau ab. (Es wäre ja eine Quälerei, würde man wie in einer schriftlichen Prüfung weiterhin Fragen stellen, von denen man schon weiß, dass sie nicht beantwortet werden können.) Kommen jetzt flüssige und gute Antworten, wird man sich bewusst daran erinnern müssen, das der Anfang der Prüfung anders lief und der Prüfling zwar in einem Thema gut ist, im anderen aber auf Lücke gesetzt hat, oder nur Fragen geringerer Schwierigkeitsstufe erhalten hat. Sonst nimmt man den Eindruck eines flüssigen, angenehm verlaufenden Prüfungsgespräches mit und bewertet zu gut.

    Grundsätzlich sind mündliche Prüfungen besser geeignet, den tatsächlichen Leistungsstand zu erfassen, wenn sie einen vergleichbaren Umfang wie eine schriftliche Prüfung haben und man sich aktiv bemüht, einem möglichen Bias entgegenzuwirken.

    Eine Binsenweisheit ist schließlich, dass man nach Möglichkeit das prüfen sollte, was auch „im Ernstfall“ geleistet werden soll – in praktisch-handlungsorientierten Bereichen sollte der Schwerpunkt der Prüfung auf der Praxis liegen, und wer in einer Fremdsprache kommunizieren können soll, sollte schwerpunktmäßig daran gemessen werden. Das ist allerdings leider nicht immer (ja: selten) umsetzbar; sei es, weil das Erlernte gar nicht unmittelbar zu einer praktischen Umsetzung hinführen soll, sondern ein Lehrplan „abgearbeitet“ werden musss, oder weil sich die tatsächlich zu erwerbenden Kompetenzen nicht mit vertretbarem Aufwand messen lassen.

  16. Danke für den ausführlichen Kommentar. Ich sehe es auch so, dass mündliche Prüfungen grundsätzlich den tatsächlichen Leistungsstand besser abbilden könnten als schriftliche, das aber aus verschiedenen angesprochenen oder nicht angesprochenen Gründen aber nicht tun.
    In der Lehrerausbildung an der Uni zum 1. Staatsexamen sind zumindest in Bayern die mündlichen Prüfungen inzwischen weitgehend abgeschafft.

    Ich glaube, die Weisheit, dass zu prüfen, was im Ernstfall gekonnt werden soll, versagt in der Schule völlig. Denn die Schule bietet keine Ausbildung, sondern bereitet ja gerade auf eine unbekannte Zukunft vor. Und ja, das Wichtigste lässt sich oft nicht messen, auch nicht bei der Kompetenzorientierung. Ich bin insgesamt enorm dafür, Lehrpläne zu haben und abzuarbeiten. Ich traue den Lehrplänen mitunter mehr als den individuellen Entscheidungen mancher Kollegen und Kolleginnen. Abarbeiten im Sinn einer reinen Input-Orientierung (im Sinn von: wir haben über alle Themen mal geredet; ob die SuS das jetzt können, ist ihr Problem) ist Unfug, kommt aber vor. Tatsächlich sind Lehrpläne ohnehin oft zahnlose Papiertiger.

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