Lovecraft und Wodehouse

Teil I: Lovecraft

Wir gratulieren zur Gemeinfreiheit im Jahr 2008: Edith Wharton, J.M. Barrie (der von Peter Pan) und H. P. Lovecraft.

Ah, Lovecraft! Meine LK-Facharbeit damals ging um „The Influence Of Edgar Allan Poe On Howard Phillips Lovecraft“. Immer noch stolz bin ich auf die Formulierung: „the Red Death crashing Prince Prospero’s party“. (Es ging um die Poe-Geschichte „The Masque of the Red Death“.) Einen sehr schönen Überblick zu Lovecraft gibt Wikipedia.

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Die Kurzfassung für diejenigen, die Lovecraft nicht kennen: Seine Horror-Kurzgeschichten aus den 1920er und 1930er Jahren sind stilprägendes Vorbild für Generationen von Autoren nach ihm. Ein typisches Beispiel für Lovecrafts Geschichten ist „The Call of Cthulhu“:

The most merciful thing in the world, I think, is the inability of the human mind to correlate all its contents. We live on a placid island of ignorance in the midst of black seas of infinity, and it was not meant that we should voyage far. The sciences, each straining in its own direction, have hitherto harmed us little; but some day the piecing together of dissociated knowledge will open up such terrifying vistas of reality, and of our frightful position therein, that we shall either go mad from the revelation or flee from the light into the peace and safety of a new dark age.

Bei Lovecraft ist die Welt ein ungemütlicher Ort, und wer die Zusammenhänge wirklich erkennt, wer um den großen Cthulhu weiß oder Nyarlathotep, oder Shub-Niggurath und Azathoth – wer um diese außerirdischen Wesen oder Monster weiß, aus anderen, nicht-euklidischen Dimensionen (Lovecrafts Worte, nicht meine), gewaltig, unförmig, so böse und so fremd, dass sie eher Naturgewalten gleichen als Individuen – wer um das alles weiß, kann fast nicht anders als wahnsinnig zu werden. Und wenn man nicht gerade die Hauptfigur der Geschichte ist, dann schließt man sich mit irr leuchtenden Augen dem einen oder anderen geheimnisvollen Kult an, der versucht, diese Wesen (wieder) auf die Erde zu lotsen. Wenn man die Hauptperson ist, wird man von diesen Kultisten umgebracht, stürzt sich aus dem Fenster, oder wird am nächsten Morgen von unirdischen Klauen zerrissen von der Polizei gefunden. Manchmal bleibt ein Manuspript zurück, dass dann dem nächsten Opfer den Weg in den Irrsinn weist.

Auf die Spur der unheimlichen Realität werden Lovecrafts Helden gebracht durch Manuskripte ihrer Vorgänger oder durch die Lektüre von unheimlichen, bösen, verdorbenen Büchern, allen voran das Necronomicon. (Eine Ausgabe ist, im tiefsten Tresor verschlossen, in der Bibliothek der Miskatonic University von Arkham zu finden. Universitäts-T-Shirts gibt’s zum Beispiel hier.) Oder man erbt vom Onkel einen Schuhkarton voller Briefe, Tagebucheinträge, einer kleinen Tonstatue, aus Zeitungen herausgerissenen, scheinbar ohne Zusammenhang stehenden Artikeln, setzt all das zusammen und wird am Schluss von Kultisten umgebracht, stürzt sich aus dem Fenster oder wird am nächsten Morgen etc. etc.

Lovecrafts Lieblingsadjektiv war „blasphemisch“, sein Stil nicht sehr subtil, aber wirkungsvoll. Ich habe noch immer eine Mappe voller Notizen zu einem Lovecraft’schen Schuhkarton, den Udo und ich vor mehr als zwanzig Jahren schreiben wollten. Tatsächlich wäre es kein Schuhkarton gewesen, sondern ein Umschlag voller Dokumente, den eine Journalistin schnell loswerden und in den nächsten besten Briefkasten gestopft haben sollte – Dokumente, die nach und nach eine gewaltige Verschwörung enthüllen sollten. „Stahl ist unvergänglich“ war der Arbeitstitel, nach einer ominösen Werbekampagne. Lange Geschichte.

Lovecrafts Geschichten bin ich schon früh begegnet, aber er spielte vor allem eine Rolle für uns durch das Rollenspiel Call of Cthulhu von Chaosium, mit dem wir viele, viele Abenteuer erlebt haben. Die Frage: „Was ist ein Rollenspiel?“ habe ich schon einmal beantwortet.

Call of Cthulhu spielt in den 1920er Jahren; die Helden sind Bibliothekare, Privatdetektive, Schauspieler, Ärchäologen, Schriftsteller, Piloten. Sie stoßen auf Ungereimtheiten in alten Büchern, auf Zeitungsartikel zu merkwürdigen Vorfällen in der Nachbarschaft, sie kaufen kleine Statuen im Trödelladen und finden nach und nach immer mehr heraus: Meistens sind wieder irgendwelche Kultisten dabei, das Kommen der Großen Alten herbeizuführen. Anders als bei vielen anderen Rollenspielen wird wenig gekämpft, und wenn, dann erst spät in der Kampagne und gegen einfache Unterlinge. Denn die wirklichen Schurken und Kreaturen sind einfach zu mächtig, als dass man sich mit ihnen anlegen könnte.
Besonders reizvoll an Call of Cthulhu ist ein Schicksal, schlimmer als der Tod: der Wahnsinn. Wann immer man etwas Grusliges oder Grausliches sieht, verliert man mehr oder weniger an Sanity Points; verliert man zuviel auf einmal, sucht sich der Spielleiter eine passende Störung aus, die nur die Zeit oder der Aufenthalt in einem Sanatorium heilen kann. Gerät die Gesamtzahl an Sanity Points auf Null, ist man unrettbar wahnsinnig. Und je mehr man über den Chtulhu-Mythos weiß, desto geringer ist die maximal mögliche Zahl an Sanity Points, die man überhaupt haben kann – und desto weniger leicht kann man weitere Schocks wegstecken. Je mehr man spielt und je mehr Folianten man liest, desto mehr Mythoswissen erlangt man. Am weitesten brachte es bei uns Roger „Ace“ Nightside, heldenhafter Stummfilm-Schauspieler, der mit einem Stand von aktuellen 25 Sanity-Punkten (auf einer Skala von 0-100) und einem Mythoswissen von 62% (=> maximal 38 Sanity-Punkte möglich) in den wohlverdienten Ruhestand ging.
Irgendwann richte ich mal eine Online-Ruhmeshalle für die Rollenspiel-Charaktere meiner Spielerrunden ein. Vor zehn Jahren habe ich mal einen Anfang gemacht, bin aber nie wirklich weit gekommen. Dabei habe ich noch eine große Zahl an Spielerbögen, manche arg zerknüllt und wütend in eine Ecke geworfen.

Dem Rollenspiel Call of Cthulhu geht es gut. Wem die 1920er Jahre nicht liegen, der kann im Wilden Westen Frontier Cthulhu spielen, oder viktorianisches Cthulhu by Gaslight oder natürlich auch in der Gegenwart. Und für die Regionalspieler gibt’s die Box Cthulhu in Deutschland – und natürlich noch jede Menge Material daneben.

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Wer möchte, kann sich bei Chaosium die englischsprachigen Regeln in einer Kurzfassung herunterladen. (pdf, 2,16 MB).

Allerletzte Fußnote: Von Lovecraft und dem Rollenspielen kam natürlich auch mein spezialisierter englischer Wortschatz in der Oberstufe. Elder, eldritch, blasphemous, tendril, shriek, to shamble, abyss, void.
Ach ja, die fröhlichen Spiele der Kindheit.


Teil II: Wodehouse

Viel, viel, viel heiterer ist P.G. Wodehouse (ausgesprochen [ˈwʊdhaʊs]). Geboren 1881 in England, verbrachte den Großteil seines Lebens in den USA, schrieb aber vor allem über liebenswerte Tölpel in einem immerwährenden edwardianischen England vor dem ersten Weltkrieg. Wodehouse verfasste über 90 Bücher und starb 1975, seine Werke sind in der Regel also noch nicht gemeinfrei. (Faustregel: Die meisten Länder rechnen 70 Jahre nach dem Tod des Autors.) Allerdings ist unabhängig davon in den USA – von wenigen Ausnahmen abgesehen – alles gemeinfrei, was vor 1923 in den USA veröffentlicht wurde. Also ist zum Beispiel beim Projekt Gutenberg auch viel Wodehouse zu finden. Meistens geht man davon aus, dass ein Werk, das in seinem Ursprungsland gemeinfrei ist, auch in anderen Ländern als gemeinfrei behandelt werden kann.

Wodehouse ist in Deutschland nur wenig bekannt, ist aber der Spitzenkandidat, wenn man nach dem größten englischen komischen Schriftsteller sucht. Dabei sind seine Geschichten durchaus formelhaft, aber man kann sie immer und immer wieder lesen. Die Romane um Blandings Castle sind meine Favoriten, aber am bekanntesten sind die auch vielmals verfilmten (zum letzten Mal mit Hugh Laurie und Stephen Fry) Geschichten um Jeeves und Wooster. Bertie Wooster ist ein Mitglied der upper class, liebenswert, ein bisschen dämlich, hat seine Zeit in Oxford abgesessen und verbringt seine Tage in Müßiggang, auf Flucht vor Tanten, die ihm irgendwelche Aufträge erteilen. Er ist fast komplett lebensuntüchtig und bringt sich immer wieder in Schwierigkeiten, aus denen ihn sein manservant Jeeves herausholt. Jeeves verlangt dafür meist nicht mehr, als dass Bertie seine jüngste modische Schrecklichkeit aufgibt – ein violettes Jackett oder eine karierte Krawatte.

Als Beispiel für Wodehouse‘ Stil ist hier der Anfang von Right Ho, Jeeves:

„Jeeves,“ I said, „may I speak frankly?“

„Certainly, sir.“

„What I have to say may wound you.“

„Not at all, sir.“

„Well, then–“

No-wait. Hold the line a minute. I’ve gone off the rails.

I don’t know if you have had the same experience, but the snag I always come up against when I’m telling a story is this dashed difficult problem of where to begin it. It’s a thing you don’t want to go wrong over, because one false step and you’re sunk. I mean, if you fool about too long at the start, trying to establish atmosphere, as they call it, and all that sort of rot, you fail to grip and the customers walk out on you.

Get off the mark, on the other hand, like a scalded cat, and your public is at a loss. It simply raises its eyebrows, and can’t make out what you’re talking about.

And in opening my report of the complex case of Gussie Fink-Nottle, Madeline Bassett, my Cousin Angela, my Aunt Dahlia, my Uncle Thomas, young Tuppy Glossop and the cook, Anatole, with the above spot of dialogue, I see that I have made the second of these two floaters.

I shall have to hark back a bit. And taking it for all in all and weighing this against that, I suppose the affair may be said to have had its inception, if inception is the word I want, with that visit of mine to Cannes. If I hadn’t gone to Cannes, I shouldn’t have met the Bassett or bought that white mess jacket, and Angela wouldn’t have met her shark, and Aunt Dahlia wouldn’t have played baccarat.

Teil III: Lovecraft und Wodehouse

Was läge nach all dem näher, als Lovecraft und Wodehouse zu verbinden?

Es gibt zwei Bände mit Lovecraft-Parodien von P.H. Cannon. Zum einen Pulptime. Being a Singular Adventure of Sherlock Holmes, H. P. Lovecraft, and the Kalem Club, As if Narrated by Frank Belknap Long, Jr. (New York: Weirdbook Press 1984).
Weitere Holmes-Lovecraft-Kombinationen gibt es zum Beispiel in der Anthologie Shadows Over Baker Street.

Noch interessanter ist der zweite Band, Scream For Jeeves (New York: Wodecraft Press 1994). Es ist genau das, was man sich vorstellt: Bertie Wooster und Jeeves stoßen auf cthulhoide Monster, und Jeeves löst wieder mal alle Probleme. Die Handlung beginnt mit einem Telegramm, das Bertie beim Frühstück überrascht.

„I say Bertie old man help. I am stuck here in this newly restored mediaeval monstrosity trying to buck up this gloomy old American bird progenitor of my late comrade at arms Alf Melmoth Delapore. Pop Delapore or de la Poer as he now styles himself you know how these Americans like to affect ancestral spellings Bertie has been having dreams of the queerest sort. All the cats have been acting rum as well. Come here at once and bring Jeeves. Jeeves is the only one who can get to the bottom of this mystery Bertie.“

„What do you make of it, Jeeves?“
„Most sinister, sir.“

Most sinister indeed.

Jetzt will ich aber aufhören, das ist eh schon viel länger geworden als geplant.

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6 Thoughts to “Lovecraft und Wodehouse

  1. Hast du Wodehouse on Wodehouse gelesen? Faszinierende Einblicke in das Leben der amerikanischen Musicals in den 20ern. Wodehouse hat eine Menge Songtexte und Librettos geschrieben und erzählt davon. Eingeschlossen sind auch die Erinnerungen eines seiner Kollaborateure. Allein die Beschreibungen von den Überfahrten mit den Ozeandampfern, etc. lassen die Zeiten (und Kriege) vor dem geistigen Auge auferstehen.
    http://www.amazon.de/Wodehouse-Bring-Girls-Performing-Seventy/dp/0140052453/

  2. Ernest Rutherford habe ich nicht erwähnt, weil mein Schwerpunkt auf Schriftstellern liegt. Aber ich freue mich auch für ihn.

    Estara, danke für den Tipp, jetzt habe ich mir das Buch endlich gekauft. Sehr empfehlenswert ist auch A Damsel in Distress von 1937, Drehbuch und Buchvorlage Wodehouse. Fred Astaire mit George Burns und Gracie Allen und einer tollen Tanznummer mit den dreien.

    Nachtrag zu Cthulhu in Deutschland: Ich habe mir gleich die Box oben bestellt und mich wunderbar amüsiert beim Spielen. Da steckt jede Menge wissenschaftliches Arbeiten dahinter – in den USA in den 1920ern spielen ist einfacher, da man nicht ständig so besorgt ist, historische Fehler zu machen. Und als Bildungsdeutscher will man ja nicht den Kapp-Putsch oder die Besetzung des Ruhrgebiets falsch einordnen.

    Die Abenteuer sind toll. Ich habe mir gleich noch den Band „In Ulm herum“ mit dem genial betitelten „Unsere liebe Frau aus den Wäldern“ bestellt. Jetzt träume ich noch von einem Abenteuer, bei dem sich die Spieler überraschend in einem Heimatfilmdrama wiederfinden und verzweifelt auf der Suche nach cthulhoiden Geheimnissen sind.

  3. Ich will schnell einen Nachtrag anbringen zu unserer Idee damals, eine Geschichte in Form eines Schuhkartons (oder eines großen Briefumschlags) mit gesammelten Briefen, Zeitungsausschnitten, Tagebüchern und dergleichen zu erzählen, die sich der Leser erst zusammenpuzzlen muss. Die Idee geht klar auf „Call of Cthulhu“ zurück, wie es oben schon steht. Und diese Geschichte gibt es jetzt auch tatsächlich als Schuhkarton – will heißen, als Metallbox mit allen Briefen und Tagebüchern aus der Geschichte, mit dem Flach-Relief, Zeitungsausschnitten, Ausweisen, Seekarten und vielen schönen Sachen mehr. Kostet 300 Dollar, ist also erst mal nichts für mich, sieht aber toll aus:

    The Angell Box (from Call of Cthulhu)

    Für den kleineren Geldbeutel gibt es zur selben Geschichte PDF-Dateien zum Selberbasteln.

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