Lev Grossman, The Magicians (und etwas zu Spoilern)

Ein Bestseller, vor zwei Jahren. Beim ersten Lesen fand ich ihn gut – nicht brillant, aber gut. Im Nachhinein wurde er aber immer besser. Und da jetzt eine Fortsetzung herausgekommen ist, habe ich dieses erste Buch noch einmal gelesen, um mir darüber klar zu werden, wie gut es mir jetzt gefällt.

Fazit: Ich bin mir immer noch nicht sicher. Ich glaube, es gefällt mir gut, einige Ideen darin sind tatsächlich brillant – aber es sind die Ideen, die mir gefallen, es ist die Handlung, nicht der Text. Also wäre mir vielleicht lieber, das Buch als Fernsehvierteiler zu sehen, statt es zu lesen.

Ich versuche, den Rest hier möglichst spoilerfrei zu halten. (Zu Spoilern allgemein: siehe unten.) Die Prämisse des Buches: Es gibt mindestens eine magische Schule, auf die man gehen kann, ähnlich wie Harry Potters Hogwarts. (Interessant auch der Wikipedia-Eintrag zu Einflüssen und Vorbildern von Hogwarts. Auf die Schule von Professor Xavier war ich selber schon gekommen.) Quentin geht auf diese Schule, nachdem er die Aufnahmeprüfung bestanden hat: Brakebills College, hier die Webseite.

Im Buch geht es darum, wie Quentin sich in der Schule zurechtfindet, älter wird, und was er nach der Schule macht. Das unterscheidet das Buch schon mal von vielen anderen Schulromanen: die hören mit der Schulzeit auf. Das ist hier anders, und das ist der eine Spoiler, auf den ich nicht verzichten mag. Aber es gibt auch noch andere Unterschiede. Sagen wir: zu jung sollten die Leser nicht sein, und meinen kleinen Bruder hat die Lektüre ziemlich heruntergezogen. So richtig fröhlich ist es nicht immer. Einige Buchbesprechungen im Web werfen dem Buch vor, dass es Sachen kaputt macht. Harumph.

Hier meine Aufteilung für den Fernsehvierteiler:

  • 1. Teil: Quentins Aufnahme in die Schule, der Alltag dort, erste Freunde. Überraschender Schluss: der Zwischenfall während der Unterrichtsstunde, der das erste Zeichen für Missstimmung sein sollte.
  • 2. Teil: Die Folgen des Zwischenfalls, das Welters-Turnier, die Aufnahmeprüfung für die fourth year students, die frohen Stunden in der Hütte der physical kids. Alices Bruder, die Beziehungen der Freunde untereinander. Überraschender Schluss: der Schulabschluss.
  • 3. Teil: Das Leben nach der Schule. Überraschender Schluss: sollte klar sein.
  • 4. Teil: Der Rest.

Ist das ganze zu teuer für einen Vierteiler? Viel Effekte braucht man nicht, Brakebills ist ein eher kleines, unspektakuläres College, mit viel weniger Schülern und Aufwand als Hogwarts.

Über Spoiler

Vor einigen Wochen machte eine Studie die Runde: Spoiler – also verratene unerwartete Wendungen einer Geschichte – erhöhten danach das Lesevergnügen (analog wohl auch für Filme), statt es zu mindern. Hier eine Quelle dazu.

Dass die Ergebnisse der Intuition widersprechen: kein Problem. Die irrt sich oft. Schauen wir uns den Versuchsaufbau an.

Es gab 12 Geschichten, eingeteilt in 3 Gruppen: ironic twist, mystery, literary. Jede Geschichte gab es in 3 Varianten: a) ungespoilertes Original; b) Original mit einem einleitenden (Spoiler enthaltenden) Absatz davor; c) Original mit einem (Spoiler enthaltenden) Absatz eingebaut in den Anfang des Textes.
Jede Fassung (12×3 also) wurde von mindestens 30 Studenten gelesen. Kannte einer den Text, wurde das Ergebnis nicht mitgezählt. Ich nehme mal an, dass jeder Teilnehmer nur eine Geschichte las und bewertete?

Leider habe ich nirgendwo gefunden, wie die Probanden die Geschichten danach bewerten mussten. Ich nehme an, sie mussten auf einer Skala angeben, wie gut ihnen die Geschichten gefielen.
Jedenfalls kam wohl heraus, dass gespoilerte Geschichten besser abschnitten, jedenfalls wenn die Spoiler klar als solche im einleitenden, nicht zum Text gerechneten Absatz standen.

Warum das so ist, das ist nicht Teil der Untersuchung, Gedanken dazu kann man aber in dem Link oben finden. An dem Ergebnis kann man auch nicht groß rütteln, man müsste sich höchstens die Auswahl und Anzahl der Probanden anschauen. (Sind sie repräsentativ? Gibt es Leute, denen Spoiler mehr ausmachen als anderen?)

Aber man kann sich fragen, wie sehr das Ergebnis übertragbar ist, und sei es nur auf andere Texte. Gilt das nur für Kurzgeschichte oder auch für Langformen wie den Roman? Und: „An Occurence at Owl Creek Bridge“? Na ja. Das ist eine berühmte Geschichte, eingeordnet in die Kategorie „Ironic Twist“. Aber bei der wäre mir der Spoiler auch egal gewesen, ich bin nie warm mit ihr geworden; eine Inhaltsangabe davor hätte mein Lesevergnügen (und hat es wohl auch) eher erhöht. Vielleicht ist es ohnehin mehr die kleine Inhaltsangabe, ohne die ein Spoiler nicht auskommt, die zu erhöhtem Lesevergnügen führt, und nicht der Spoiler an sich, auch wenn der nicht zu stören scheint. Insofern fehlt bei den Texten als Vergleichsgruppe eine Variante ohne Spoiler, aber mit vergleichbarem Inhaltsangabenabsatz zuvor.

Meine Meinung dazu

Bei vielen Filmen spielen Spoiler für mich keine Rolle. Bei Thrillern sowieso nicht. Ein Schlüsselerlebnis war für mich dabei Sliver: ein Film von Philip Noyce (1993) nach dem gleichnamigen Roman von Ira Levin (1991). Im Buch war er’s, im Film war er’s nicht. Und das war mir so etwas von egal, und es spielt für die Geschichte und das Vergnügen daran (oder dessen Abwesenheit) auch nicht die geringste Rolle.

Bei manchen Filmen bemühe ich mich sogar vorher um Spoiler. Das Vergnügen an Filmen wird dadurch oft nicht verringert – aber in manchen Fällen zumindest verändert. Momente der Erleuchtung fallen weg. Und diese Momente mag ich nicht missen. Die beste Filmsituation ist die meiner Kindheit, unwiderbringlich verloren: beim Umschalten auf ORF2 auf einen Film stoßen, kurz nachdem er angefangen hat. Man weiß nichts, nicht den Titel, nicht das Genre, nicht die Schauspieler. Oft war das egal. Manchmal war das aber toll.

Es gibt mindestens zwei Bücher und eine Kurzgeschichte, deren Titel ich hier nicht nennen möchte, die mir solche Epiphanien beschert haben. Hätten mir die Bücher auch so gefallen? Sicher. Besser? Vielleicht. Aber diese plötzlichen Erlebnisse: die waren schon toll.

Apropos verschiedene Enden

Bei John Fowles‘ The French Leutenant’s Woman (1969) war das noch ein kühner literarischer Kunstgriff: der Erzähler präsentiert drei verschiedene Enden für die Handlung.
Bei Filmen ist das inzwischen fast schon üblich. Blade Runner gibt es in mindestens sieben Fassungen mit zwei sehr unterschiedlichen Enden; für Clerks gibt es ein alternatives Ende; und bei Cracked.com gibt es 5 classic movies that almost had terrible endings (die schlechten Enden gibt es allenfalls als DVD-Bonus) und 5 awesome movies ruined by last minute changes (die besseren Enden gibt es allenfalls als DVD-Bonus).

Bei all diesen Filmen ist es mir egal, ob gespoilert wird oder nicht. Ein Ende gefällt mir meist deutlich besser als das andere, aber es ist nicht so, dass ich das Ende mit Neugier erwarte.

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6 Thoughts to “Lev Grossman, The Magicians (und etwas zu Spoilern)

  1. Den Nachfolger gelesen: The Magician King. Nett. Aber für mich trotz einiger guter Ideen uninteressant. Die Unendliche Geschichte ohne das Bücher-Element (aber mit Fuchur), ein bisschen Kampf gegen ein böses Imperium, viel urban fantasy (was noch das beste ist, aber das kann ich auch in anderen Büchern finden).

    Im ersten Buch wurden die Magier als hochbegabte Schüler vorgestellt. Von der Hochbegabung merkt man nicht mehr viel, die ist auch schwer zu schreiben. Die Allgemeinbildung der Helden ist eher mittel. Der eine weiß von Turnieren nur, dass sie irgendetwas waren, dass Könige trieben irgendwann zwischen der Geburt Christi und der Zeit Shakespeares. Die andere behauptet unwidersprochen, dass Cornish ebenso wie Walisisch eine Sprache der Ureinwohner Großbritanniens sei („indigenous“) und damit viel edler als das Gemisch der Angelsachsen und später Normannen. Dabei gehören alte Sprachen zum Grundwissen der Zauberei.

    Als Beweis für die Hochbegabung einer bestimmten Gruppe muss herhalten, dass sie Douglas Hofstadters Gödel, Escher, Bach gelesen haben. Bu-hu. Ein tolles Buch, aber a) Mitte der 1980er Jahre ein Bestseller und zeitlich nicht in der Lebenswelt der damit verbundenen Heldin und b) ein Buch, dass sogar ich verstanden habe. So stellen sich Nichtgeeks ein sagenhaft kompliziertes Buch vor.

    Das mit der Hochbegabung hätte am besten gar nicht hingehört. Wenn die Zauberschule einfach ein Geschenk für Leute wäre, die nichts dazu getan haben, es sich zu verdienen, würde die Brideshead-Revisited-Analogie des ersten Buchs ohnehin noch besser funktionieren.

    Der Held ist uninteressant, an seiner Welt nur oberflächlich interessiert; ist erkennbar Held einer Geschichte und lässt sich von dieser treiben, statt aktiv zu sein. Wäre in Ordnung, wenn er mir nicht als Held verkauft werden würde.

    Damit ein bisschen Spannung aufkommt, gibt es zwei abwechselnde Handlungsstränge. Mindestens einer davon wäre allein nämlich nicht interessant genug gewesen.

    Insgesamt: schon okay. Aber anders als beim ersten Buch nichts Überraschendes, Ungewöhnliches, keine neue Sicht auf traditionelle Elemente, sondern selber ein etwas erwachsenerer, aber traditioneller Narnia-Klon.

  2. The Magician King habe ich zu Anfang der Ferien auch gelesen und schon wieder völlig vergessen, worum es ging. Das Mittagessen, das ich beim Fertiglesen des Buches im Café Tushita in der Klenzestraße zu mir genommen hat, war hingegen sehr beeindruckend. Schade um den eigentlich vielversprechenden Autor, aber wenigstens weiß ich jetzt, wo man fein und schnell vegan essen kann, wenn einem danach ist.

  3. Auch sehr schön, ebenfalls vegan: das Max Pett in der Pettenkoferstraße. Vorteil: man kann gleich bei mir ums Eck vorbeischauen und Hallo sagen.

  4. Ein Film (auch Buch, aber das hab ich noch nicht gelesen), bei dem ein Spoiler vielleicht von Nachteil wäre, ist „Fight Club“. Klar ist der Film auch immer noch unterhaltsam, wenn man das Ende kennt – aber mit Überraschungseffekt finde ich ihn einfach doch noch einen Tick besser.

    Ähnliches gilt meiner Meinung nach für „The Sixth Sense“, oder? (Ich habe mir diesen Film jedenfalls nie ganz angesehen, weil mir jemand vorher die Wendung verraten hat, und dann fand ich’s irgendwie witzlos.)

  5. Ja, ich glaube, bei Filmen sind Spoiler wichtiger und störender als bei Büchern. Das mag an den unterschiedlichen Arten von Büchern und Filmen liege, die ich rezipiere, oder daran, dass Filme eine kleinere zeitliche und emotionale Investition sind und deshalb spektakulärer punkten müssen.

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