John Updike, Gertrude and Claudius (or, hello James Branch Cabell)

Ich merke schon, wenn ich jetzt nichts aufschreibe, vergesse ich das meiste wieder. Also gut: In diesem Buch erzählt Updike die Vorgeschichte von Hamlet. Im ersten der drei Teile wird Gerutha (Getrude) von ihrem Vater an den plumpen Edelmann Horwendil verheiratet (den zukünftigen Vater Hamlets). Gerutha ist alles andere als begeistert, lässt die Hochzeit aber trotzdem geschehen. Am Ende des Abschnitts ist Gerutha Mitte dreißig, sie hat ihrem Mann einen Erben geboren, Amleth (Hamlet). Nur ihrem Kämmerer Corambus (Polonius) hat sie anvertraut, dass sie nicht wirklich glücklich ist mit ihrem Mann. Heimlich findet sie dessen Bruder Feng (Claudius) faszinierender, eine kühneren Kämpfer und tiefereren Denker, der sich aber meist auf Reisen befindet. Auch Feng liebt Gerutha, und hält deshalb so viel Abstand zum Hof.

Woher die komischen Namen? Updike benutzt für diesen Teil der Geschichte die Namen aus der ältesten Hamlet-Quelle, der Historia Danica von Saxo Grammaticus (spätes 12. Jahrhundert, Erstdruck 1514). Im zweiten Teil nimmt Updike die Namen aus einer Saxo-Adaption von 1576: Histoires tragiques von François de Belleforest, im dritten die von Shakespeare.

Im zweiten Teil sind alle Hauptpersonen schon mittleren Alters. Der Thronfolger Hamblet ist bald dreißig und treibt sich immer noch auf der Universität herum. Horvendile ist immer noch König, Geruthe ist immer noch unzufrieden und sucht eine Möglichkeit, sich ab und zu fern vom Hof und ihrem Mann aufzuhalten. Das Häuschen, das sich Kämmerer Corambis – der einzige am Hof, der noch den alten König und Geruthe als Kind kannte – für den Ruhestand zugelegt hat, kommt ihr da zugegen. Corambis kann ihr die Bitte nicht abschlagen, wird aber dadurch zum Mitwisser, denn das Häuschen entwickelt sich zum geheimen Treffpunkt von Geruthe und Fengon, dem Bruder des Königs. Die beiden werden ein grauhaariges Liebespaar, und als der schmierige König das durch Verrat erfährt, tötet Fengon ihn, ohne dass jemand davon erfährt.

Im dritten Teil haben Claudius (vormals Feng/Fengon) und Gertrude geheiratet. Ihr Verhältnis ist ein wenig gespannt, Hamlet macht Sorgen, Ophelia auch, der Mord lastet auf der Beziehung. Aber am Schluss des Abschnittes scheint alles geklärt: Hamlet reist nicht wieder nach Wittenberg, sondern bleibt am Hof, wird Ophelia heiraten und Kinder kriegen und in zehn Jahren oder so, wenn Claudius stirbt, den Thron übernehmen, Getrude wird in Friede und Ehren altern. „All would be well“ sind die letzten Wörter des Buches. Es hört da auf, wo Shakespeares Hamlet anfängt.

– Erwähnenswert ist das Buch, weil ich mich für solche Parallelgeschichten interessiere und dereinst einen langen, langen Blogeintrag dazu verfassen werde. Vor allem ist es aber für mich als Leser von James Branch Cabell interessant. Der hat mich in einem Buch mit dem Hamlet des Saxo Grammaticus bekannt gemacht. (Vermutlich habe ich an der Uni auch schon davon gehört, es aber wieder vergessen.) Dort ist Hamlet mutig, entschlussfreudig, heiratet die Königinnen von England und Schottland, nach jener unglücklichen Episode in Dänemark. Außerdem hat auch Cabell den ursprünglichen Stoff schon einmal in Hamlet Had An Uncle (1940) behandelt, mit Horvendile, Fengon, Geruth. Und schließlich ist Horvendile ein Name, der sich durch Cabells Hauptwerk, die vielbändige Biographie von Manuel, zieht. Er ist ein Gegenspieler Manuels und seiner Nachfahren, gleichzeitig ein Alter Ego des Autors, ein russischer Waldgeist (ein Léshy), oder Koschei (eine mehr oder weniger unfreundliche Schöpfergestalt) – lange Geschichte.

Wenn es nur das wäre, hätte ich vielleicht immer noch nichts geschrieben. Aber zwischen Updike und Cabell gibt es noch weitere Parallelen, auf die ich hinweisen möchte. Das beginnt mit Updikes Widmung, einem Zitat aus einem Lied des südfranzösischen Trobadors Jaufré Rudel (12. Jahrhundert):

De dezir mos cors no fina
Vas selha res qu’ieu pus am

(Mein Herz verlangt ohne Unterlass
nach dem Wesen, das ich am meisten liebe)

Oha, denkt sich da der Cabell-Freund. Provenzalische Lyrik des Mittelalters, das ganze Trobadorwesen, spielt bei Cabell eine große Rolle. Im kalten Dänemark vermutet man das sonst weniger. Dorothy la Desirée ist die große Liebe des jungen Jürgen in Jurgen. Poictesme, das erfundendene mittelalterliche Land, in dem Cabells Hauptwerke spielen, erinnert an Poictiers (heute Poitiers) und Angoulesme (heute Angoulême). In The Certain Hour (Dizain de Poëtes) sammelt Cabell Geschichten über Dichter, der Titel seines Domnei benutzt das provenzalische Wort der Trobadordichter, das ungefähr dem deutschen Minnekonzept entspricht; Cabell auch sonst oft die Trobadorlyrik, aber das müsste ich erst heraussuchen.
Auch Updike benutzt nicht nur in der Widmung altfranzösische Lyrik, er lässt Feng selbst Betran de Born wörtlich und altfranzösisch zitieren.

Cabells – von manchen vielleicht beklagte – Liebe zu zweideutigen Witzeleien findet sich ebenso bei Updike. Fengon hat Gertrude im Zuge seiner Werbung einen silbernen Kelch aus dem Süden geschenkt, juwelenbesetzt und mit Sagengestalten verziert. Getrude lässt ihre Finger über den Stiel des Gefäßes gleiten. „It reminded her, in its lumphy heft, of something she had often handled, with mixed emotions, distaste and dread yielding to amusement and wonder.“ Und schon im ersten Teil, beim Essen mit Fengon, gibt es unter anderem „those little dry spicy sausages for which the peasants have an obscene name.“

Das erinnert an die Anklageschrift gegen Jurgen:

Represents and is descriptive of scenes of lewdness and obscenity, and particularly upon pages 56, 57, 58, 59, 61, 63, 64, 67, 80, 84, 86, 89, 92, 93, 98, 99, 100, 103, 104, 105, 106, 107, 108, 114, 120, 124, 125, 127, 128, 134, 135, 142, 144, 148, 149, 150, 152, 153, 154, 155, 156, 157, 158, 161, 162, 163, 164, 165, 166, 167, 168, 170, 171, 174, 175, 176, 177, 186, 196, 197, 198, 199, 200, 203, 206, 207, 211, 228, 229, 236, 237, 238, 239, 241, 242, 271, 272, 275, 286, 321, 340, 342, 343

– wobei die Anspielungen auf diesen Seiten ebenso harmlos sind wie die bei Updike:

„The avenging sword of Jurgen, my charming Sylvia, is the terror of envious men, but it is the comfort of all pretty women.“
„It is undoubtedly a very large sword,“ said she: „oh, a magnificent sword, as I can perceive even in the dark. But Smoit, I repeat, is not here to measure weapons with you. […] But you upset me, with that big sword of yours, you make me nervous, and I cannot argue so long as you are flourishing it about. Come now, put up your sword! Oh, what is anybody to do with you! Here is the sheath for your sword,“ says she.

Eine weitere Parallele – aber ab jetzt mache ich es kurz – ist das Geschlechterbild. Für Cabell sind die Männer (Jürgen) die Träumer und die Frauen (Dame Lisa, Jürgens Frau) haben den gesunden Menschenverstand. Updike: „Not the least of the King’s [Claudius‘] reasons for loving her was that female realism which levelly saw through the agitations and hallucinations of men.“ Das Weltbild ist bei beiden Cabell und Updike gentlemenhaft distanziert: „war was becoming […] unfashionable“ – könnte auch bei Cabell stehen. Und die Figuren neigen zu anachronistischen philosophischen Diskussionen.

Wozu das alles? Weiß nicht, ist mir so aufgefallen. Wenn ich noch literaturwissenschaftliche Arbeiten schreiben würde, könnte ich nach weiteren Parallelen schauen und auf deren Basis irgendwelche klugen Schlüsse ziehen. Aber dazu weiß ich zu wenig über Updike. Ich weiß, dass er die Rabbit-Romane und dergleichen geschrieben hat; habe mal reingeschaut und mich gelangweilt. Aber er hat auch die Hexen von Eastwick geschrieben, das mir gefallen hat und mir nicht zu seinen anderen Büchern zu passen scheint. Und dann so etwas, Hamlet und altfranzösische Trobadore. Tse.

Ansonsten erinnert mich das Updike-Buch ein bisschen an die Star-Wars-Prequels. Dinge, von denen man zuerst in der Rückschau erfahren hat, erfährt man jetzt etwas detaillierter. Horwendils Sieg gegen Fortinbras den Älteren; Yorick lebt noch und ist schlechter Umgang für Hamlet. Wie bei den Star-Wars-Filmen wird die Geschichte der Vorgängergeneration der ursprünglichen Helden erzählt.

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