James Branch Cabell, Ladies and Gentlemen („…und dazu die Menge Vieh“)

Cabells letztes Buch mit Briefen hat ihm wohl so viel Spaß gemacht, dass er gleich wieder eines schreiben wollte. Diesmal sind es zwanzig Briefe an historische Personen, ähnlich wie Christine Brückners historische und fiktionale Personen in Wenn du geredet hättest, Desdemona – aber anders als dort sind es Botschaften an diese Personen, und damit immer mit Cabell als Absender und Sprecher, und das ist dann schon etwas weniger reizvoll.

Trotzdem, für Cabell-Freunde ist das Buch interessant, und für andere – und für mich – will ich kurz einige Punkte zusammenfassen.

  • Von König Salomon stehen in der Bibel gar nicht so viele weise Taten; in arabischer Folklore gibt es da mehr Geschichten. Ähnlich wie beim Ring des Polykrates verliert er mal einen magischen Ring, den er später aber wieder – heruntergekommen zum Koch des Königs von Ammon – im Magen eines gefangenen Fisches findet, den er für den König zubereiten soll. Ähnliches Motiv auch kürzlich bei Thomas Mann, Der Erwählte gelesen, und damit ist es wohl auch in Manns Vorlage, Gregorius von Hartmann von Aue, und dessen altfranzösischer Quelle.
  • Der Brief an Jonas hat mich dazu gebracht, das Buch Jonas (in der Bibel) zu lesen. Das ist kurz, lesbar, und von Cabell schön und etwas polemisch zusammengefasst. Jonas soll den Untergang der Stadt Ninive prophezeien und will aber nicht. Es folgt die bekannte Geschichte mit dem Schiff und dem Fisch, und als die Aufforderung ein zweites Mal kommt, folgt Jonas ihr. Immer noch widerwillig, möchte man vermuten, aber was soll er schon machen? Also prophezeit er den Niniviten pflichtschuldig den Untergang, selbige büßen und bereuen, und der Herr erklärt kurzerhand, dass der Untergang der Stadt Ninive ausfällt. „Das verdroß Jonas gar sehr.“ Man versteht ihn. Der Herr antwortet mit einer Parabel und fragt zum Schluss:

    Und mir soll es nicht leid sein um Ninive, die große Stadt, in der über hundertzwanzigtausend Menschen leben, die zwischen rechts und links nicht unterscheiden können, und dazu die Menge Vieh?

    „Upon this abrubt, this oddly bucolic note, your story ends.“ (Cabell)

  • Dann spricht Cabell Julius Cäsar seine Anteilnahme dazu aus, dass von seinen geschriebenen Werken es gerade mal sieben Wörter waren, die aus nicht vorhersehbaren Gründen unsterblich geworden sind: „Ganz Gallien ist in drei Teile geteilt.“
  • Interessant der Brief an Hamlet: der wird gepriesen als entschlussfreudiger, tatkräftiger Held, der nicht lang debattiert, sondern Entscheidungen trifft und Fakten schafft und am Schluss die Tochter des Königs von England heiratet. Und die Königin von Schottland. Die Erklärung: das ist nicht der Hamlet Shakespeares, sondern der historische Hamlet. (Oder sagen wir, der Hamlet einer älteren Erzähltradition.)
  • Und dann ist da noch Richard Cabell of Buckkfastleigh, Devon, Armiger, Lord of the Manor of Brooke, ein Vorfahr Cabells, auf den er bei seinen ausgiebigen genealogischen Recherchen gestoßen war. Dieser Cabell, Landjunker und Friedensrichter, zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts, verkaufte seine Seele dem Teufel und dergleichen. Nach seinem Tod geschah Unheimliches:

    The night of his internment saw a phantom pack of hounds come baying across the moor to howl at his tomb. From that night onwards he could be found leading the phantom pack across the moor usually on the anniversary of his death.
    (http://www.legendarydartmoor.co.uk/buckfastleigh_church.htm)

    Diese Geschichte war eine der Quellen für Doyles Hound of the Baskervilles. (Wikipedia)

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