Thorne Smith, The Night Life of the Gods

Die frühen 1980er Jahre waren meine Jugendzeit. Nach Star Wars waren Science-Fiction-, nach Conan Fantasy-Filme populär, Romane nicht weniger. Ein gründlicher Blick in meine Bücherregale führt zu folgenden separaten Taschenbuchreihen:

  • Heyne: Science Fiction, Science Fiction Classics, Bibliothek der Science Fiction Literatur, Fantasy, Fantasy Classics
  • Bastei: Science Fiction Taschenbuch, Science Fiction Fantasy, Science Fiction Action, Science Fiction Special, Science Fiction Beststeller, Science Fiction Roman, Fantasy
  • Goldmann: Science Fiction, Fantasy
  • Ullstein: Ullstein 2000, Ullstein Science Fiction
  • Klett-Cotta: Hobbit-Presse
  • Fischer: Bibliothek der phantastischen Abenteuer

Man kriegte die Bücher im Bahnhofsbuchhandel, in Kaufhaus-Ramschtischen, in Buchhandlungen, auf Flohmärkten. Kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen, diese Menge. Die Hobbit-Presse bei Klett-Cotta (und deren Taschenbuchausgaben bei dtv) hatte den höchsten literarischen Anspruch: Tolkien, Peter S. Beagle, Lord Dunsany. Als Serie nicht so wichtig, aber am schönsten entworfen war die Bibliothek der phantastischen Abenteuer bei Fischer (ab 1986) – Papier in Eierschale, blaue Schriftfarbe, hier ein paar Titelbilder.

In dieser Reihe erschien auch Das Nachtleben der Götter von Thorne Smith. Ich kannte nur den Klappentext – Statuen griechischer Götter werden lebendig und machen New York in den 1930ern unsicher – und hatte erst dieses Jahr den Autor dazu herausgefunden, einen Autor, den ich schon kannte. Von Smith stammten die Topper-Romane, verfilmt unter anderem mit Cary Grant: das leichtsinnig-lebenslustige Ehepaar Constance Bennett/Cary Grant stirbt bei einem Autounfall und findet sich als Geister wieder. Als gute Tat wollen sie den Bankpräsidenten Cosmo Topper, mittleren Alters, brav, unter dem Pantoffel seiner Frau stehend, ein bisschen aufmischen.
Als Kind und Jugendlicher fand ich die Topper-Filme klasse. Schwarzweiß, albern, nicht ganz so sophisticated und nicht gar so gut wie die Dünner-Mann-Reihe mit Myrna Loy und William Powell, aber sehr lustig. Zwei Bücher von Smith hatte ich schon gelesen, nett, aber nicht weiter in Erinnerung geblieben. Aber New York und griechische Götter klang gut.

Also besorgte ich mir The Night Life of the Gods. Also erstmal: die Götterstatuen tauchen erst ab der Mitte des Buches auf. Davor geht es um Hunter Hawk, einen etwas verschrobenen Wissenschaftler (mit Explosionen im hausinternen Labor), dessen Schwester samt Mann, Schwiegervater, Sohn und Tochter sich bei ihm eingenistet hat. Die Tochter, seine Nichte, ist das einzige Familienmitglied, das er einigermaßen mag. Sie ist lebenslustig, etwas flatterhaft, leichtsinnig, oberflächlich, gutmütig, tolerant. Der Vater von Hunters Schwester ist ein missmutiger Griesgram, nicht unsympathisch, da er alles und jeden gleichermaßen verabscheut. Richtig anstrengend sind dagegen Schwester, deren Mann, der Sohn, alle sehr auf properes kleinbürgerliches Verhalten achtend. Als sie Hunter bei einer Explosion umgekommen wähnen, teilen sie schon das Erbe unter sich auf.
Aber Hunter hat endlich das gefunden, nach dem er geforscht hat: einen Strahl, mit dem er Lebewesen in Stein verwandeln (und das auch wieder rückgängig machen) kann. Er bastelt sich einen Ring, mit er das unbemerkt machen kann, und geht auf eine nächtliche Sauftour. Dort trifft er einen irischen Kobold, mit dem er weiter trinkt. Der lädt ihn in seine Höhle ein, wo dessen Tochter Megära (kurz Meg) auf ihn wartet. Sie trinken zu dritt weiter.
Irgendwann mal wieder zu Hause, will Hunter schlafen gehen. Aber Megära stiehlt sich in sein Bett und geschlafen wird nicht viel in dieser Nacht:

He was unable to finish his sentence. Megaera, her great eyes astir with the night from which she had emerged, was sitting on the ledge of one of the windows.
‚At its best getting into bed isn’t pretty,‘ she observed, ‚but you make it unnecessarily unpicturesque. People should have sunken beds like sunken tubs.‘
‚I’m not here to discuss the aesthetic side of bed-going with you,‘ replied Mr Hawk in a low voice.
‚Oh, no?‘ she replied. ‚You’re not, eh?‘
She stripped off her dress and stood before him in a ragged shift. Mr Hawk promptly closed his eyes and switched off the light.
[…]
‚Don’t get me mad,‘ a small voice gritted in his ear. ‚Move over now and be quick about it. I’m getting into this bed.‘
‚Then I’m getting right out. This bed would be too small for the both of us if it were as wide as the Sahara Desert.‘
‚No bed could be too small for us,‘ she whispered. ‚You and I could sleep on a straw.‘
‚There’ll be no sleep for me to-night, my dear young lady.‘
‚You’ve said it!‘
‚What do you mean?‘ Hawk’s voice was weak with alarm. ‚Out I go.‘
[…]
‚Easy there with that hand. A kind word doesn’t constitute an invitation to an orgy.‘
‚Nothing like a good old orgy occasionally.‘

Megära kann ebenfalls Lebewesen in Stein verwandeln und umgekehrt, allerdings auf Grundlage ihrer Magie und nicht der Wissenschaft wie bei Hunter. Zusammen trinken sie in der ersten Hälfte des Buches ständig Cocktails, fallen in Betten, ärgern sich gegenseitig und treiben mit ihren Versteinerungskünsten Schabernack auf Partys und in Nachtclubs. Polizei, Schießereien, permanente Versteinerung unbeteiligter Gäste sind dabei kein Thema. The Night Life of the Gods erschien 1931, ist klar ein Kind der wilden 1920er Jahre. Ständig wird getrunken, häufig gibt es double entendres:

‚God,‘ repeated the man, thoughtlessly touching the petrified woman with a long finger. This action elicited general merriment on the part of the low-minded spectators.
‚If she’s a real live lady she’d never let you do that,‘ someone remarked.
‚No,‘ agreed another voice. ‚Not even if you were married to her.‘

Hunter Hawk ist dabei nicht der brave Bürger, der vom irischen Kobold verführt wird. Nüchtern oder angetrunken, er genießt das Chaos, das er anrichtet. Er ist „an idealist in loose living“. Wer auf die Idee mit den Göttern gekommen ist, weiß ich nicht mehr, Meg und Hunter regen sich gegenseitig zu Dummheiten an. Jedenfalls beschließen sie ab der Mitte des Buches, die Statuen in einem New Yorker Museum zum Leben zu erwecken, und machen danach mit den wiederauferstandenen griechischen Göttern New York und dessen Nachtclubs unsicher. Die Götter sind dabei fast ebenso chaotisch wie Hunter und Meg, brauchen nur ein bisschen, bis sie sich an den Alkohol der Gegenwart gewöhnt haben. (Wir haben immer noch Prohibition, übrigens, bis 1933.) Ihre Basis ist eine Suite von Räumen in einem großen Hotel. Die gestohlene Kuh schmuggeln sie im privaten Aufzug in ihre Zimmer. Warum eine Kuh? Warum nicht. Die Götter brauchen die Kuh eigentlich nicht, aber sie ist nun mal da. Auch Thorne Smith braucht die Kuh nicht, es hängt keine Pointe dran und kein Plot, da ist halt einfach die Kuh im Zimmer.

Gegen Ende des Buches sammeln sich die Mächte von Recht und Ordnung gegen Hunter, Meg und die Götter. Das Finale hat mich an die Blues Brothers erinnert: die Helden (oder Antihelden) haben sich in eine ausweglose Lage manövriert, stehen einer Übermacht von Ordnungshütern gegenüber. Im Bewusstsein dieser Situation hat Hunter seine finanziellen Angelegenheiten in Ordnung gebracht:

‚I have a little business with my lawyer I’d like to put through before I make my last stand and leave the field to the train catchers and window watchers and mirth controllers, and all the rest of the filthy, criticizing, vice-coveting tribe that at present sets the standard of life.‘

Er hat eine Stiftung gegründet, das meiste Geld geht an seine Nichte und deren Freund. Aber auch an ihren Großvater ist gedacht: „She’ll buy you a lovely pornographic library and read to you every night.‘

Im Finale schlagen sich die Mächte der Anarchie ganz gut. Autos werden weniger zerstört als bei den Blues Brothers, aber die Polizisten fliegen nur so hin und her über die Mauern. Letztlich gewinnen unsere Helden die Schlacht sogar, aber sicher nicht den Krieg – das nächste Mal werden einfach noch mehr Ordnungshüter ihrer Anarchie gegenüberstehen. Außerdem werden die Götter ein bisschen müde, vertragen das moderne Leben, den vielen Alkohol und die Aufregung nicht so gut. Sie bitten darum, wieder zu Statuen gemacht zu werden. Und auch für Hunter und Meg ist diese Welt kein Heim mehr. Sie lassen sich mit versteinern, als Liebespaar.

Was für ein merkwürdiges Buch.

***

Beim Lesen kam mir der Stil des Buches vertraut vor. Und dann kam ich darauf, woran er mich erinnerte: an ein Produkt, dass ich in der 8. oder 9. Klasse produziert habe:

40 Seiten, 11.000 Wörter, mit Illustrationen, Vor- und Nachwort, und heute sicher unlesbar. Der Tonfall der Erzählerfigur ist vom Stan Lee der frühen Marvels abgeschaut, die Hauptpersonen sprechen oder sollen jedenfalls so sprechen wie die Figuren in dem Thorne-Smith-Roman. Wie kommt das? Hatte ich dabei die Verfilmung der Topper-Romane im Kopf, die ich da sicher schon gesehen hatte? Vage kann ich mich auch noch an Dean-Martin-Agentenkomödien erinnern, etwa: „Leise flüstern die Pistolen“ (1966). Das waren James-Bond-Parodien mit einem trinkenden und schäkernden Dean Martin, möglicherweise nicht besonders gut. Hat Dean Martin von Thorne Smith geerbt, gibt es gemeinsame Quellen, oder ist das ein Archetyp?

Über die Handlung meines jugendlichen Werks will ich nicht viel sagen. Handlung mäßig, Tonfall brrrrrr. Immerhin, die Produktion ist sauber: Blocksatz, Absätze eingerückt, durchweg korrekte Rechtschreibung und Zeichensetzung. Allerdings nirgendwo das Zeichen ß, stattdessen alles mit ss – ich nehme an, dass der Computer damit Schwierigkeiten hatte. Das war auf einem CMB 8032 geschrieben und formatiert, damals im Jahre 1982. Ich sag’s immer wieder: besser als Pubertät, diese Hobbys.

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