Ray Bradbury, Fahrenheit 451 (2018)

Vieles an dem Buch hat sich sehr gut gehalten, manches ist erstaunlich gut extrapoliert. Zugegeben: Die Männer gehen arbeiten und die Frauen bleiben zu Hause, und als der emotional mitgenommene Guy Montag sich im Wohnzimmer erbricht, ist es seine Frau Mildred, die sofort den Wischmopp zum Saubermachen holt.

Aber das betrifft kein zentrales Thema des Buchs. Anders ist es bei Folgendem: In der Welt von Fahrenheit 451 sind Bücher verboten. Das Medium Buch wird dabei keineswegs anderen Medien gegenüber als etwas prinzipiell Besseres dargestellt; Faber erklärt, dass die wichtigen Dinge, wegen derer Bücher nach und nach verboten wurden, sich genau so gut in Hörspielen oder Fernsehsendungen mitteilen lassen. Um die Inhalte geht es, nicht um die Form. Weiterhin sind zwar Bücher verboten, und es gibt einen autoritären, vielleicht totalitäten Staat, der über Medien die Gesellschaft belügt und ruhig hält – aber es war nicht der Staat, der die Bücher abgeschafft hat, sondern die Gesaellschaft selber. Die Gesellschaft hat beschlossen, nicht mehr Originale zu lesen, sondern nur Wikipedia-Fassungen davon; die Gesellschaft hat beschlossen, dass Gedanken, die Unwohlsein auslösen können, nicht mehr veröffentlicht werden. Bücher enthalten kritische und unliebsame Inhalte, das führt zu Unfrieden, deshalb verzichtet man auf sie.

So weit, so gut. Das sehen meine Schüler und Schülerinnen sofort ein. Zensur nicht gut – aber um Zensur, das habe ich betont, geht es ja gar nicht, allenfalls um Selbstzensur. Es ist ja eben nicht der Staat, der das eingreift. Sondern: Die Minderheiten. Je größer die Gesellschaft, desto mehr Minderheiten, so erklärt es im Buch der Feuerwehrmann Beatty, der allerdings zu den Bösen gehört. Niemandem darf man in solch einer großen Gesellschaft auf den Schlips treten – zu empfindlich sind „the dog-lovers, the cat-lovers, doctors, lawyers, merchants, chiefs, Mormons, Baptists, Unitarians, second-generation Chinese, Swedes, Italians, Germans, Texans, Brooklynites, Irishmen, people from Oregon or Mexico.“ Der Markt sorgt dafür, dass man niemanden verschreckt (diesen Effekte halte ich für realistisch). „Colored people don’t like Little Black Sambo. Burn it. White people don’t feel good about Uncle Tom’s Cabin. Burn it. Someone’s written a book on tobacco and cancer of the lungs? The cigarette people are weeping? Burn the book.“ Alles um des lieben Friedens willen.

Vor dem Hintergrund der Kommunistenhatz der frühen 1950er Jahre in den USA ist das verständlich. Und doch: Liest sich das nicht wie eine Verteidigung gegen die damals noch gar nicht so existierende political correctness? Können die Minderheiten nicht einfach zufrieden sein mit dem, was für die Mehrheit gut genug ist? Der Negerkönig von Takatukaland soll nicht mehr so heißen, ist das schon der erste Weg Richtung Fahrenheit 451? Mir fehlt ein wenig das Verständnis dafür, dass die Minderheiten vielleicht mit manchen Vorwürfen Recht haben könnten. Wie man dann mit diesen Problemen umgeht, ist eine andere Frage, aber man sollte die Vorwürfe als legitim anerkennen. Da macht es sich Bradbury zu leicht, finde ich.

Die Schüler und Schülerinnen konnte ich nicht überzeugen. Hier geht es um Verbrennung von alten Pipi-Langstrumpf-Ausgaben, da um eine Petition, ein Bild eines jungen Mädchens aus dem Museum zu nehmen – ein Bild, das übrigens für das Titelbild der Ausgabe von Nabokovs Lolita gewählt wurde, das sich im Hause Rau befindet. Würde man heute auch nicht mehr machen, und ist das auch schon ein Schritt Richtung Fahrenheit 451?

Vom Gendern halten die beiden Klassen, die ich heute dazu gefragt habe, übrigens auch nichts. Als Anrede für eine einzelne Frau ist die weibliche Form schon begrüßenswert (Bundeskanzlerin, Studiendirektorin, Schülerin), aber das generische Maskulinum ist voll akzeptiert.

Tagged: Tags

One thought to “Ray Bradbury, Fahrenheit 451 (2018)”

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.