Richard Matheson, I Am Legend

Von Fredric Brown stammt diese berühmte Kürzestgeschichte:

The last man on Earth sat alone in a room. There was a knock on the door…

(Wikipedia hat mehr dazu, auch zu Browns Vorlage. Die Zeilen sind nur der Auftakt einer sich anschließenden Kurzgeschichte, die aber weit weniger bekannt ist als eben dieser Anfang. Hier eine Idee für den kreativen Umgang damit im Englischunterricht.)

Ich kann nicht anders, als diese Kürzestgeschichte als Stammvater von Richard Mathesons I Am Legend zu betrachten. Das Buch kenne ich als Horror- und SF-Klassiker, 1954 erschienen, mehrfach verfilmt, aber ich hatte es nie gelesen – ich glaube, als junger Teenager stellte ich es mir zu gruslig vor, vor allem die Charlton-Heston-Verfilmung. Die Postapokalypse ging uns in den 80ern noch richtig nahe.

Der Ausgangspunkt: Robert Neville ist – jedenfalls soweit er weiß – der letzte Mensch auf der Erde. Tagsüber pflegt er seinen Generator, organisiert Benzin und Lebensmittel, repariert sein zu einer kleinen Festung ausgebautes Haus und sucht seine Umgebung ab. Nachts kauert er verbarrikadiert im Haus und hört den Vampiren zu, die draußen auf ihn warten, an die Türen klopfen, ihn zum Herauskommen verleiten wollen, um das Blut des letzten Menschen auf der Erde zu trinken. Das ist der zweite Stammvater der Geschichte: Der Vampirgedanke zu Ende gedacht – was machen die Vampire, wenn sie alle Menschen gebissen haben und keiner mehr da ist?

Neville nennt die Wesen da draußen Vampire. Sie fürchten Knoblauch und Kruzifix, ruhen tagsüber bewegungslos im Dunkel und sterben im Licht, können durch normale Schusswaffen nicht aufgehalten werden und zerfallen nach einem Holzblock durch das Herz. Klassische Vampire in vieler Hinsicht.
Allerdings stellt Matheson eine naturwissenschaftliche, diesseitige Erklärung für den Vampirismus zur Verfügung. Ein Bakterium ist es, dass Menschen zu Vampiren werden lässt; wenige Jahre vor Beginn der Handlung hat diese Seuche nach und nach die ganze Welt ergriffen. Neville versucht das zu erforschen, nicht völlig systematisch, und ohne viel wissenschaftliches Vorwissen, aber er hat ja Zeit und Bibliotheken. Das mit dem Kruzifix, schließt er, ist Aberglaube – christliche Vampire bilden sich nur ein, dass Ihnen das etwas ausmacht. Das mit dem Schlaf und dem Licht und der teilweisen Unverwundbarkeit liegt an den Folgen des Bakteriums, dass sich Vampire im Spiegel nicht sehen an hystersicher (eingebildeter) Blindheit. Für den Knoblauch findet Neville, wenn ich mich richtig erinnere, keine Erklärung; synthetisches Knoblauchöl hat jedenfalls keine Wirkung. Einige der Erklärungen sind überzeugender als andere, aber Neville ist ja auch kein Spezialist, und Matheson hütet sich, ein erzählerisches Machtwort zu sprechen und mehr zu erklären, als sich Neville zusammenreimt.

Ich fand das Buch ausgezeichnet. Es ist kurz, die Situation klaustrophobisch und bedrückend, man leidet unter der Ungewissheit ebenso wie die Hauptperson. Revolutionär, möchte ich sagen, ist der konsequent naturwissenschaftliche Erklärungsansatz – und revolutionär auch das, was letztlich daraus wurde: Die Vampire aus I Am Legend sind der Grundstein für die modernen Zombies. Es ist schon fast alles da, was später Geschichten dann weiter entwickeln: Intelligente Zombies; schlurfende, geistlose Zombies; die epidemische Verbreitung mit einem mikroskopischen biologischen Erreger; die Apokalypse; das Gegenüberstehen einer kleinen Gruppe von Menschen gegen eine größere Armee von Untoten; überraschende Wendungen.
Zombie-Geschichten gab es vorher auch schon, etwa die Filme White Zombie (1932) und I Walked with a Zombie (1943). Aber da waren Zombies noch einzelne, aus dem Grab auferstandene Tote, gesteuert durch Voodoo-Magie in der Karibik, die weder menschliche Opfer suchen (wie Vampire) noch ansteckend sind (wie Vampire). Den modernen Zombie gibt es erst nach Matheson, behaupte ich mal; die Liste der Zombie-Filme bei Wikipedia ist umfangreich, aber der moderne Zombie-Film beginnt erst Ende der 1960er Jahre – ob tatsächlich erst mit “Night of the Living Dead”, das müsste mal ein Schüler im W‑Seminar untersuchen.

(Besonders gut am Buch: Einige Punkte, die ich hier ausgelassen habe. Weniger gut am Buch: Mathesons Angewohnheit, Neville ständig irgendwelchen Whisky veschütten zu lassen. Ein- oder zweimal reichen. Auch Nevilles sexuelle Frustration hätte sich nach einigen Jahren des Zölibats langsam legen können.)

Der Guardian brachte vor zwei Wochen eine Liste der Top 10 vampire books, viele der üblichen Verdächtigen sind dabei, aber I Am Legend fehlt. Das gehört aber unbedingt auf eine solche Liste.

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