KW 45

Aus der Schule nicht viel Neues. Aber Spaß macht es schon – ich habe drei Klassen in der Q11 dieses Jahr, Informatik und Deutsch. Am Elternsprechabend werden nicht viele Eltern bei mir auftauchen, vermute ich mal. Leider hatte ich dann keine Zeit, am Freitag eine Ex (in Bayern: unangekündigte schriftliche Prüfung) für Informatik vorzubereiten. Ich hatte in der Stunde zuvor nämlich den Eindruck, dass die Schüler den Stoff, ein sehr zentrales Kapitel, gut verstanden hatten. Das bildet man sich als Lehrer aber schnell ein, deswegen lohnt sich gerade dann eine Überprüfung. Aber, wie gesagt, keine Zeit.

Auch an der Uni läuft das Semster gut. Die zweite Runde Vorlesung Fachdidaktik macht schon sehr viel weniger Arbeit als beim ersten Mal. Man beginnt erst mal damit, das Datum auf der Masterfolie auszuwechseln… nein, ich stelle schon auch die Reihenfolge um, lass manches weg, ergänze neuen Kram, und habe mir vor allem mehr Zeits fürs Wiederholen vorgenommen. Vorlesung und Übung in einem, sozusagen. So einen richtigen Vortrag halte ich ohnehin nicht durch, dafür bin ich auch nicht gut genug.
Aber schon erstaunlich: In der Schule fange ich eigentlich jedes Jahr von vorne an, ohne zu wissen, was als Lektüre drankommen wird, ohne feste Reihenfolge. Bei Deutsch (bis zur Oberstufe) und auch Informatik (in der 10. Jahrgangsstufe) gibt es keine Reihenfolge, die durch den Stoff vorgegeben ist. Vielleicht sollte ich das in der Schule auch mehr durchorganisieren.

In der FAZ steht etwas zu Das Gymnasium – Ruine einer Utopie? Das meiste kann ich unterschreiben. Ob das allerdings schlecht ist, dass das Abitur immer leichter und immer besser benotet wird, das weiß ich nicht.

Bei Frau Streng ist der LehrplanPlus angekommen, aber sie schreibt vorerst nichts dazu. Klingt aber nicht enthusiasmiert. In einer Pressemitteilung zur „Weiterentwicklung des bayerischen Gymnasiums“ werden die „vier Säulen“ vorgestellt, auf denen es fußt:

  1. Es gibt „neue pädagogische Spielräume“ – man kann jetzt in Doppelstunden unterrichten, oder auch nur halbjahresweise (und dann halt doppelt so viel Stunden im Halbjahr). Doppelstunden gelten gerade als Allheilmittel, ich bin selber auch dafür, aber sowohl das mit den Doppelstunden als auch das mit dem Epochenunterricht ist seit vielen, vielen Jahren möglich.
  2. Der Lehrplan PLUS kommt. „Auf kleinteiliges, detailliertes Abfragewissen wird dabei verzichtet; Ziel ist vielmehr der Erwerb eines intelligenten, anschlussfähigen Wissens, das der Einzelne selbstständig erweitern kann.“ Auch das überzeugt mich sehr wenig. In meinen Fächern – Deutsch, Englisch, Informatik – ging es noch nie um kleinteiliges, detailliertes Abfragewissen. (Außer bei Vokabeln im Englischunterricht. Aber die will man uns doch nicht auch noch nehmen?) Es geht immer schon darum, dass Schüler Texte verstehen und erstellen können, und dass sie modellieren und programmieren und strukturieren können. Siehe FAZ oben: das Zauberwort von der „Entschlackung der Lehrpläne“ ist Unfug.
    Allerdings: so richtig zufrieden bin ich mit den Fähigkeiten zum Umganbg mit Texten nicht. Im letzten Kontaktbrief Deutsch (aus dem ISB, sozusagen dem pädagogischen Arm des Ministeriums; Link zur Zeit nicht möglich, da Server nicht läuft) steht auch, dass Schüler mehr schreiben sollen. Das sehe ich auch so, aber das muss dann halt auch jemand lesen.
  3. „Lehrerbildung.“ Keine Ahnung, was damit gemeint ist. Steht auch nicht wirklich was dazu in der Pressemitteilung. Gibt es da nicht irgendwelche Pressemappen, die an Lehrer- oder Bildungsblogger gehen?
  4. Mittelstufe Plus: Nachdem beim Flexijahr kaum Schüler mitmachen, sollen Schulen jetzt – parallel zu regulären Klassen – weitere Klassen einrichten können, in denen die Mittelstufe in 4 statt in 3 Jahren durchlaufen wird. Bedarf für ein zusätzliches Jahr haben laut Schulministerium „etwa ein Viertel der Schülerinnen und Schüler“, mögliche Gründe dafür sind: „z. B. auch wegen eines Auslandsaufenthalts, inner- oder außerschulischen Engagements, musischer oder künstlerischer Betätigung“. Andere Gründe werden keine genannt. Die Realität dürfte anders aussehen.

Ansonsten am Freitag erstes Treffen der Pilot-Medienscouts an unserer Schule.

Nachtrag: Frau Streng ergänzt, welche Unterschiede der neue Lehrplan PLUS für die bayerischen Grundschulen macht. (Spoiler: Wenig.)

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10 Thoughts to “KW 45

  1. Der Abgesang aufs Gymnasium, die 30.:
    Der Verfasser Klaus Ruß war Gymnasiallehrer und Gymnasiallehrerausbilder und somit Teil des Systems, das seiner Meinung nach immer schlechter wurde und das er kritisiert.
    Wenn er sagt:
    „Rund 50 Prozent der Großstadtkinder lernen gymnasial, während 30 Prozent der Ingenieurstudenten an mathematischen Elementaranforderungen scheitern. “
    dann übersieht er, dass dies auch schon vor 25 Jahren bei einem geringeren Abiturientenanteil so war, glaubt man den Erzählungen der Studienkollegen in diesen Fächern.

    Und parallel zum Genöle:
    „Die Abiturnoten werden immer besser, ungeachtet der Tatsache, dass ungezählte Schüler, teils mit offiziellen 450-Euro-Jobs, die Szenegastronomie und die Textilbranche am Laufen halten.“
    Urteilt der Guide Michelin: Die deutsche Küche wird immer besser
    http://www.spiegel.de/stil/guide-michelin-attestiert-deutscher-kueche-bemerkenswerte-entwicklung-a-1001843.html
    Selbst das Wirtschaftswachstum hat darunter nicht gelitten und die Arbeitslosigkeit der, in seinen Augen, akademischen Versager ist ebenfalls wesentlich geringer als die der restlichen Arbeitsfähigen.

    Klar ist bei seinem Lamento nicht, ob er diese Tatsache gut findet:
    „Man kam nicht auf den Gedanken, dass der Drei-Prozent-Fanatismus eine Unzahl junger Menschen um Bildungschancen brachte oder möglicherweise ungeeignet war, die tatsächlich Besten irrtumsfrei herauszufinden.“
    oder mehr der Aussage zuneigt:
    „1914 haben die Gymnasien ihre Schüler in den Weltkrieg gelockt, danach auf breiter Front der demokratischen Ordnung die Zustimmung verweigert und übereifrig dem „3. Reich“ gedient.“
    … und damit ebenso ratlos ist, wie die Gesellschaft, was Gymnasium, in der alten Form des 19. Jahrhunderts, heute noch leisten soll oder kann.

    Ich persönlich plädiere für weniger Latein, denn für dessen positiven Bildungserfolg wurde mir bisher kein schlüssiger Nachweis geliefert. Mehr Englisch und dieses in einer lebensnäheren, den SuS wirklich zugewandten, Weise vermittelt, entspräche mehr meiner Vorstellung einer zeitgemässen Bildungswirklichkeit, als dieses unausgegorene Gejammer des Kollegen Ruß auf den Untergang seines alten selektiven 3% Gymnasiums.

    Vielleicht sollten wir mehr tanzen, den Jochen schreibt dazu:
    „Tanzen ist viel älter, als es schriftliche Aufzeichnungen über menschliche Kulturen gibt. Es ist ein Nebenprodukt des aufrechten Gangs früher Hominiden und steckt in unseren Genen. Wahrscheinlich ist es in der Evolution so erfolgreich gewesen, weil es geholfen hat, die kognitiven Funktionen zu verbessern.
    Vielleicht hat sich die Menschheit nur durch den Tanz so weit entwickelt.“
    http://www.jochenenglish.de/?p=10078

  2. Noch eine Ergänzung zur Doppelstunde:
    Diese ist in der Tat keine Neuerung, sondern schon lange DIE Empfehlung des ISB.

    Wir haben einen durchgängigen Stundenplan, nur mit Doppelstunden, seit dem letzen Schuljahr probeweise eingeführt und die Mehrheit im Kollegium für eine Beibehaltung. Es ist eine spürbare Verbesserung.
    Diejenigen KollegInnen die noch immer Probleme damit haben, hatten auch zuvor schon mit der Einzelstunde Probleme.

  3. >sondern schon lange DIE Empfehlung des ISB.

    Man möchte schon sagen: DIE Empfehlung schlechthin, das derzeit aktuelle Wundermittel, das alle Probleme löst und nichts kostet…
    Wir werden erst noch evaluieren. Ich kann aus der Praxis nichts dazu sagen, da ich dieses Jahr nur Oberstufenkurse habe, die ohnehin in Doppelstunden unterrichtet werden. Ich stelle mir das für meine Fächer auch in den anderen Jahrgangsstufen als gut vor; andere Kollegen weisen allerdings bereits auf Nachteile hin. Die sehen auch die Kollegen, die mit Einzelstunden keine Probleme hatten.

  4. Dass mit der Doppelstunde ALLE Problem zu lösen sind, das wird kaum behauptet werden können. Trotz des einen oder andern Nachteils überwiegen aus meiner Sicht die Vorteile deutlich.

    Welche Nachteile sehen die Kollegen konkret?

    ………
    Kleine Ergänzung zum angeblichen Niedergang der Bildung:

    It goes doch:
    Die Deutschen sprechen laut einer Studie besser Englisch als noch vor einigen Jahren.
    In Bremen(!) und Hamburg ist das Englischniveau am höchsten.
    Wäre das Englisch aller Deutschen so gut wie das der 18- bis 24-Jährigen, wäre Deutschland in dem Ranking schon heute unter den Top Five.
    http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/englisch-deutsche-verbessern-fremdsprachen-kenntnisse-a-1002339.html

    (Da die Studie von einem Sprachferienveranstalter ist, müsste man sie vielleicht nochmals genauer ansehen.)

  5. >Und das, obwohl die Testergebnisse nicht repräsentativ sind. Sie beziehen nur Menschen ein, die den EF-Test abgelegt haben, also tendenziell Geschäftsleute und Angestellte internationaler Unternehmen.

    Damit ist die gesamte Untersuchung eine Pressemitteilung wert, aber mehr nicht.

    Nachteile von Doppelstunden: Da muss ich auf die Evaluierung warten. Anekdotisch scheint das Hauptproblem zu sein, dass man dann nur an zwei – oft: aufeinanderfolgenden – Tagen ein vierstündiges Fach hat. Fürs Vokabellernen ungünstig. Terminfindung für Schulaufgaben wird auch schwieriger. Scheint mir beides kein großes Problem zu sein, aber wie gesagt: abwarten.

  6. Eine Stunde, die aus disziplinarischen Gründen schlecht gelaufen ist, läuft jetzt doppelt so lang schlecht, z.B. in der Mittelstufe. Die Lücke, die sich aus freien Tagen oder Sonderveranstaltungen ergibt, ist jetzt doppelt so lang. Ein unterrichtlicher Zusammenhang besteht dann bei zweistündigen Fächern kaum noch. Die Doppelstunden erfordern auch bei Methodenwechsel etwa in der Mitte der Unterrichtszeit eine Pause. Die Schüler dann wieder zu versammeln, ist in manchen Fällen extrem anstrengend, anders als bei Einzelstunden. Nachmittagsunterricht ist bei der derzeitigen Stundentafel ab der Mittelstufe unvermeidlich. Zweistündige Vorrückungsfächer sollen aus meiner Sicht zwar eher für den Nachmittagsunterricht eingeteilt werden, sie erfahren damit anscheinend aber aus der Sicht der Schüler eine erhebliche Abwertung. War früher eine Nachmittagsstunde weniger wert als eine Vormittagssstunde im gleichen Fach, rückt jetzt eben das ganze Fach in die Nachmittagsecke. Manche Klassen stecken das gut weg, bei anderen ist der Doppelstunden-Unterricht schlicht doppelte Zeitverschwendung.
    Früher wurde bei der Stundenplanerstellung doch auch ein wenig darauf geachtet, dass es seltener zu Sechsstündern kommt. Der kompakte Stundenplan, ein wesentlicher Vorteil, wird eben auch damit bezahlt. Das mag eine Altersfrage sein, ist mir aber Wurscht: ich werde halt älter und werde mein Interesse gegebenenfalls durchzusetzen wissen… , meine Gesundheit ist mir wichtiger als die Jubelarien, aus welcher Ecke auch immer. Noch sind die Kollegen nicht dazu übergegangen, Abgabetermine für Hausaufgaben oder Schulaufgabentermine zu Zeitpunkten, an denen sie gar keinen Unterricht hätten, einzuführen. Ich glaube, das kommt noch. Bei entsprechenden Feiertagen, Fortbildungen und Schulfahrten an den stundenplanmäßigen Terminen wird eine schriftliche Prüfung ganz schnell mal einen Monat oder mehr nach hinten katapultiert. Good morning, Mr Darwin.

  7. Die „Mittelstufe“ ist aus meiner Sicht sowieso ein Sonderfall. Im Austausch mit vielen Kolleginnen stellten wir fest, dass die klassischen Frontalmethoden während dieser Zeit nur marginale Lerneffekte erzielten.
    Eine intelligent umgesetzter Stundenplan in Doppelstunden, bringt aus unserer Sicht mehr Vor- als Nachteile.
    Ist eine Klasse regelmässig durch den Wind und klassischer Unterricht dort Zeitverschwendung, würde ich die Ursache u.U. auch in den vorangegangenen Stunden suchen.
    Auf lange Sicht gleichen sich die Stundenausfälle meist gegenseitig aus. Wir haben vor der Umstellung bei Kolleginnen nachgefragt, die diese Umstellung schon hinter sich hatten. Unisono bekamen wir die Auskunft, dass die Vorteile überwiegen und keine der Schulen zurück zum alten 45 Minuten Modell will. Bei uns zeichnet sich ein ähnliches Stimmungsbild ab.
    Also nur mit frohem Mut und positivem Denken an die Sache gehen, dann bringt es eine wirkliche Entspannung in unseren schulischen Alltag..

  8. Leider sind wir noch nicht so weit, aber in diese Richtung unterwegs:

    http://www.kreidefressen.de/2014/11/23/3145/

    Lernen 2.0 in bayerischem Gymnasium

    Es gibt nur noch Doppelstunden. 45 Minuten seien oft zu wenig, dann wird der Rest in die Hausaufgaben verlagert. Dass erfordert in der nächsten Stunde die Kontrolle der Hausaufgaben. Damit geht wieder wertvolle Unterrichtzeit verloren. Schmalisch hat ausgerechnet, dass das 20 vergeudete Unterrichtstunden im Jahr in einer Klasse ausmacht. Hausaufgaben sind in Oettingen fast unnötig.
    http://khpape.wordpress.com/2013/11/20/lernen-2-0-in-bayerischem-gymnasium/

  9. Schreibst du noch mal ausführlich über deine Medienscouts? Oder habe ich es bisher überlesen?

  10. Dauert noch. Ist eine Zusammenarbeit mit der Stadt und einem Medienbildungsverein, wir hatten schon ein paar Treffen, aber noch nicht genug, um dazu zu schreiben.

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